29.11.2010

JUBILÄENBetreutes Singen

Am Sonntag will Johannes Heesters seinen 107. Geburtstag feiern. Der Entertainer hat es inzwischen zu einer zweifelhaften Karriere gebracht - als Maskottchen der Boulevardpresse. Und er gehört zu einer Gruppe großer Greise, die hierzulande längst Narrenfreiheit genießen. Von Alexander Kühn
Vor zwei Wochen sah es so aus, als ginge es mit Johannes Heesters zu Ende; zumindest auf dem Titel des Oma-Heftchens "Das Neue Blatt". Neben einem Foto des greisen Showstars und seiner Frau Simone Rethel machte sich Wehmut breit: "Der schwere Abschied - Jetzt liegt alles in Gottes Hand!"
Dazu muss man wissen, dass "Das Neue Blatt" dem alten Mann mindestens einmal im Jahr die Letzte Ölung gönnt.
Im Mai 2006 hieß es: "Der schwere Abschied - Wie soll seine Frau nur ohne ihn weiterleben?"
Juni 2007: "Das unwürdige Ende des großen Stars".
Februar 2008: "Das unwürdige Ende eines großen Stars".
November 2009: "Der schwere Abschied - Ich würde meine Frau so gerne noch mal lächeln sehen".
Drama, Jopie! Je heftiger das Bangen, desto größer die Hoffnung auf Käufer am Kiosk. Zugleich setzt "Das Neue Blatt" offenbar auf die altersbedingte Vergesslichkeit seiner eigenen Leser, die sich bis zum nächsten Heesters-Heft womöglich nicht mehr daran erinnern, dass die auf dem Titel versprochene Dramatik im Text gar nicht eingelöst wurde.
So ging es in der jüngsten Ballade vom schweren Abschied lediglich darum, dass Frau Rethel, mittlerweile auch schon 61, irgendwo geäußert hatte: Sie könne sich vorstellen, "eines Tages, wenn ich alleine bin, mit Freunden in einem Mehrgenerationenhaus zu leben". Was dem "Neuen Blatt" so ungeheuerlich erschienen sein muss, dass es mit brennender Sorge fragte: "Wie steht es wirklich um den großartigen Johannes Heesters?"
Dies herauszufinden, hätte nur eines Anrufs bei der "Neuen Post" bedurft, die ebenfalls im Hamburger Verlag Heinrich Bauer erscheint. Deren Titel schmückte Heesters in derselben Woche; er gab das "große Liebes-Interview", indem er bekundete, wie sehr er sich auf seinen 107. Geburtstag am 5. Dezember freue und auf "das silberne Liebesjubiläum" im kommenden Jahr.
Kinder und Tiere gehen immer, lautet eine alte Showregel, die für den Zirkus genauso gilt wie für den Boulevardjournalismus. In Zeiten fortgeschrittener medizinischer Möglichkeiten tritt eine weitere Gruppe verlässlicher Herzenswärmer hinzu: der Streichelzoo der rebellischen Alten, die nach Überschreiten ihres Zenits noch mal enorm an Glaub- und Liebenswürdigkeit zugelegt haben.
Helmut Schmidt, 91, Überkanzler, Abkanzler, Missachter jeglicher Rauchverbote. Marcel Reich-Ranicki, 90, der auf Knopfdruck motzt und mosert, über Bücher von Berufs wegen, gern auch übers Fernsehen, obwohl er angeblich kaum fernsieht.
Peter Scholl-Latour ist erst 86, Hans-Dietrich Genscher 83, Friedrich Nowottny 81 - sie alle aber sind längst heiliggesprochen. Siegfried Lenz schreibt mit 84 immer noch Novellen und Romane, und es scheint, als würden die umso hymnischer gefeiert, je älter der Schriftsteller wird.
Vielleicht ist es dem demografischen Wandel geschuldet, jedenfalls sind alte Männer nicht mehr nur alte Männer: Sie dürfen hemmungslos verehrt werden oder haben wenigstens Narrenfreiheit.
Mit 95 begann Heesters, mit einem hartnäckigen Liedchen seinen 100. Geburtstag herbeizusingen. Zugleich hörte er für die bunten Blätter auf, Johannes Heesters zu sein; bald nannten sie ihn alle bei seinem Kinderkosenamen: Jopie.
Jopie wie Opi. Der Film-Verführer von einst war putzig geworden. Weil er vielseitig verwendbar ist, erkoren die Klatschpostillen den verwitternden Grandseigneur zu ihrem Maskottchen. Als Synonym für ein unvorstellbares Lebensalter löste er Methusalem ab.
Heesters verknüpft die Verheißung, Menschen könnten bald serienmäßig hundert oder älter werden, mit der Frage: Ist das wünschenswert? Man schwankt zwischen Bewunderung und Mitleid.
Wer mit Heesters spricht, muss das laut tun und deutlich. Und sich mit Namen vorstellen, damit er einen erkennt. Höflich ist es auch, sich wieder abzumelden, weil er sonst denkt, man sei noch im Raum. Er kann nichts mehr sehen. Trägt ein Hörgerät. Für Auftritte wird er bei geschlossenem Vorhang auf die Bühne geführt und an den Flügel gelehnt; der gibt Halt, musikalisch und körperlich.
Betreutes Singen.
Geht der Vorhang auf, erblüht Heesters wie ein im Zeitraffer gefilmter Kaktus. Er scherzt mit dem Publikum, das er nicht sieht. Singt nach Kräften, dass er ins Maxim gehe, wo er alle Damen duze. Nach dem Auftritt fragt er seine Frau, ob er gut war. Vor Dieter Bohlen fände er kaum Gnade. Muss er auch nicht. Er hat sie ja schon hinter sich, seine Zeit als Popstar.
Die Haare schwarz und lockig, die Augen glühend, tänzelte er durchs Kriegs- und Nachkriegskino, trank Champagner, sang den Mädchen frivole Dinge ins Ohr. Lang, lang ist's her.
Für den deutschen Kulturbetrieb ist es nicht entscheidend, ob Heesters noch auftritt. Für ihn selbst schon. Fragt man ihn, ob es nicht allmählich genug sei, bringt er routiniert den Gag: "Jetzt ist es auch zu spät, um aufzuhören." Oder er deklamiert, als müsse er auch die billigsten Ränge eines Schauspielhauses erreichen: "Wenn ich nicht mehr singe - dann: aus!"
Es ist wie mit Oma, die man bittet, in der Küche mitzuhelfen: Fixer ginge es, würde man den Salat selbst putzen, aber Oma tut es gut, gebraucht zu werden.
Nur das Fernsehen, das ist schon länger nicht mehr seins. Zu schnell. Zu laut. Bei Proben zu einer Kerner-Show vor drei Jahren trug Heesters ein Knalltrauma davon. Irgendwer hatte seinen Ohrknopf falsch eingestellt.
In der ARD-Show "Winterfest der Volksmusik" stimmte er 2006 ein nicht enden wollendes holländisches Lied von einer alten Mühle an. Zu seinem Pech saß er auf einer Drehbühne. Weil die Verantwortlichen ihre Sendezeit davonrennen sahen, schoben sie ihn einfach aus dem Bild. Sein Zorn war fürchterlich.
Die "Bild"-Zeitung indes hat es sich angewöhnt, Heesters zu bestaunen wie eine Fantasy-Figur. Bisweilen legt sie das Naturwunder sogar auf den Seziertisch. Einmal druckte "Bild" ein Foto von Heesters' Hand und begann zu fabulieren: Die Lebenslinie sage, er habe sein Leben "in vollen Zügen genossen"; der Venusring lasse erkennen, "dass Charme, Flirt und spielerische Sexualität für Heesters immer wichtig waren".
Was man in den Redaktionen wirklich über ihn denkt, trat selten so offen zutage wie im September, als "Bild" die wohl älteste Hündin Deutschlands porträtierte, 21, schreckhaft und taub: "Seit Jahren kriegt Mogli in jede Mahlzeit feine Haferflocken untergerührt (übrigens: Auch Jopie Heesters, 106, (fr)isst jeden Morgen Haferschleim)."
Verlässlich freundlich geriert sich allein die "Bunte". Weil Burdas Bussi-Bussi-Magazin weiß, was es an Heesters hat, bekommt er seit 2007 jedes Jahr einen Bam-bi. Automatisch, lebenslang. Fürs pure Durchhalten.
Reh Nummer neun wird der "Bunte"-Reporter Paul Sahner nächste Woche in den Kaisersaal zu Erfurt tragen, wo Freunde und Kollegen für Heesters nachträglich ein Fest zu seinem 107. geben. Ohne "Bunte" wäre es nur ein Geburtstag.
Sahner ist mit seinen 66 Jahren selbst schon so etwas wie ein großer alter Mann - der Patriarch des deutschen Buddy-Journalismus. Er legt gern Latte-macchiato-Schmelz in seine Stimme, duzt ohne Vorwarnung und versteht es, Prominenten das Gefühl zu geben, er sei ihr Freund. Als Sahner vor drei Jahren noch einmal heiratete, sang Heesters im weißen Anzug für das junge Glück "Ich knüpfte manche zarte Bande". Niemand schob ihn nach draußen.
"Jopie ist nicht nur ein Künstler, er ist ein Kunstwerk. Ich begleite ihn mit Respekt", sagt Sahner. "Ich möchte fast sagen: mit Liebe." Liebe und Respekt sehen in der Praxis so aus, dass "Bunte" vor Franz Münteferings Hochzeit mit seiner Michelle anfragte, ob Heesters nicht Ehe-Tipps geben könnte. Wäre doch lustig, alter Mann, junge Frau, hi, hi. Nachdem man ihm erklärt hatte, wer dieser Müntefering ist, ließ Heesters sich zitieren: "Herr Müntefering muss natürlich die Liebe pflegen und auf seine junge Frau eingehen."
Vergangenes Jahr durfte der Super-Senior zum Muttertag seiner längst verschiedenen Mama in "Bunte" dafür danken, dass sie ihn 1903 zur Welt gebracht hat. Zum Valentinstag druckte das Blatt ein Gedicht - von Jopie für Simone. Da reimte sich "erfülltes Leben" auf "ein Gläschen heben". Und Sahner erklärt mit heiligem Ernst, das habe Heesters selbst ersonnen.
Simone Rethel, die Angedichtete, ist derweil nicht nur Gattin, sondern auch Souffleuse, Krankenschwester, Chauffeurin, Pressebeauftragte, Beschützerin. Einmal hat sie nicht gut aufgepasst. Da ließ sie vorgebliche Journalisten aus Heesters' Heimat, den Niederlanden, ins Haus. Blöd war, dass die Jungs in Wahrheit für eine Satire-Show arbeiteten. Sie kamen mit einem Strauß Tulpen und einer Kamera und lockten Heesters in die Nazi-Falle, indem sie ihn fragten, ob Hitler ein netter Bursche gewesen sei.
Ja, sagte Heesters, er sei "ein guter Kerl" gewesen. War er ja auch. Zumindest ihm gegenüber. Hatte Hitler nicht gesagt, kein anderer spiele den Danilo aus der "Lustigen Witwe" so gut wie er? Frau Rethel hat sehr geschimpft mit ihrem Mann, und das Hitler-Lob kam gar nicht gut an. In den Niederlanden schon zweimal nicht, wo man Heesters nie verzieh, dass er einst in Nazi-Deutschland Karriere machte. Wie er sich dann in "Wetten, dass …?" entschuldigte für seinen dämlichen Satz, ein Mann von 105, da tat er einem wieder von Herzen leid.
Inzwischen gilt auch die Regel, dass Heesters nicht mehr persönlich ans Telefon geht. Kann ja sein, dass ein Journalist anruft und sich nach seinem Befinden erkundigt. Zumal Heesters im Telefonbuch steht. Falls er dann sagt, ach, nicht so gut heute, Simone sei übrigens gerade unterwegs, steht womöglich wieder etwas in der Zeitung wie: "Krank und hilflos - Warum lässt seine Frau ihn allein?"
Über Heesters und seine junge Frau haben sich ohnehin viele den Kopf zerbrochen und noch mehr Leute das Maul zerrissen. Nüchtern betrachtet ist diese wundersame Paarung nichts anderes als die Erfüllung eines Kindertraums.
Rethel war elf, als sie Heesters zum ersten Mal im Fernsehen sah, seine Schläfen ergrauten bereits. Ihre Freundinnen standen auf die Beatles, sie hängte sich Heesters-Fotos ins Zimmer. Später, als sie selbst eine bekannte Schauspielerin war, suchte sie immer wieder seine Nähe. Nachdem er mit 82 seine erste Frau verloren hatte, tröstete Rethel ihn. 1992 wurde sie Frau Jopie.
Anfang des Jahres erschien ihr Buch "Sag nie, du bist zu alt". Darin fordert sie, ältere Menschen nicht aus dem Beruf zu drängen, denn dann verkümmerten sie. Sie schrieb auch von einer Qualle, die sich gleichsam ständig selbst erneuert und somit unsterblich ist, einem betagten Schreiner, der noch in der Werkstatt steht, und neuesten Erkenntnissen der Alternsforschung.
Ein Mutmacher soll das Buch sein, sagt sie selbst. Man kann es auch lesen als Rechtfertigungsschrift.
Und bevor jemand einen Jopie-Witz macht, erzählt Frau Rethel manchmal selbst einen. Wie es an der Tür klopft, ihr Mann öffnet, draußen steht der Tod, und Heesters ruft: "Simone, für dich!"
"Das Neue Blatt" hat selbst dafür schon eine Schlagzeilenvariante geliefert. Im September dichtete es: "Was muss er noch erleiden? Jopie Heesters (106): Er hat Angst, dass er seine Frau verliert."
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 48/2010
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