29.11.2010

KIRCHEFingerfertige Ministranten

Im Fall eines mutmaßlichen Kinderschänders belegen neue Dokumente die Versäumnisse des früheren Erzbischofs Ratzinger und seines Nachfolgers Marx.
Mit seinem Bewerbungsschreiben hatte sich Kaplan H. richtig Mühe gegeben. An einem Sommernachmittag im Jahr 1980 kopierte er Fotos und Artikel aus Lokal- und Pfarrblättern, schilderte umfassend seine Bemühungen um die Jugend in der Münchner Kirchengemeinde St. Johannes Evangelist und empfahl sich so für höhere Ämter.
Das Ersuchen ging ohne Umweg an seinen damaligen obersten Dienstherrn. "Seine Eminenz Kardinal Joseph Ratzinger persönlich" stand auf dem Umschlag, der am 31. Juli 1980 vormittags direkt beim Empfänger abgegeben wurde - so erinnert man sich in der Gemeinde. Als Kaplan, meinte H. zu Mitarbeitern in der Pfarrei, sei er mit 32 Jahren langsam zu alt; er wolle nun Pfarrer werden.
Seine Eminenz hat sich mit dem Brief offenbar befasst. Zumindest teilte Kaplan H. in seiner Gemeinde etwas später enttäuscht mit, Kardinal Ratzinger sei der Meinung, er solle den Posten in St. Johannes Evangelist nicht so schnell verlassen, da doch der alte Pfarrer häufig krank sei und er bei der Jugend in dem Viertel so gut ankomme.
Der Vorgang ist 30 Jahre her. Doch jetzt werfen Zeugen, die die Auslieferung des Briefs bestätigen, und bislang unbekannte Dokumente neues Licht auf den Fall des Missbrauchspfarrers H., der im vorigen März publik wurde. Und auf die Rolle des heutigen Papstes.
Ratzinger wird vorgeworfen, dass er sich in München damals nicht ausreichend um die Verwendung des mutmaßlichen Kinderschänders H. gekümmert habe. Das von ihm geführte Erzbistum ließ es zu, dass der Kaplan trotz massiver Missbrauchsvorwürfe weiter in der Kinder- und Jugendseelsorge tätig sein konnte.
Schon seit Monaten kommt die Aufklärung kaum voran: Auch weil der heutige Münchner Erzbischof Reinhard Marx, vom Papst gerade zum Kardinal befördert, den Fall kurzerhand für erledigt erklärte.
H. war im Januar 1980 nach München versetzt worden, nachdem er in seinem Heimatbistum Essen offenbar mehrere Jungen sexuell missbraucht hatte. Das Münchner Erzbistum hatte unter Leitung Ratzingers am 15. Januar 1980 H.s Aufnahme ausdrücklich genehmigt. Der Geistliche sollte eine Therapie machen.
Über die Vorgeschichte des Kaplans konnte es in München, wie neue Aktenfunde belegen, keine Zweifel geben. Der Essener Personalchef hatte Ratzingers Personalchef telefonisch und schriftlich darauf hingewiesen, dass bei H. "eine Gefährdung vorliegt, die uns veranlasst, ihn sofort aus der Gemeinde herauszunehmen". Außerdem gebe es "eine Anzeige aus der Gemeinde".
Doch eine echte Aufklärung erwarten dessen Opfer bisher vergebens. Wilfried Fesselmann etwa, der sagt, 1979 von H. missbraucht worden zu sein, hatte im Mai an Benedikt XVI. geschrieben. Die Kongregation für die Glaubenslehre antwortete ihm: "Ihre Eingabe ist in Bearbeitung." Seitdem hat er nichts mehr gehört. Auch das Münchner Erzbistum hält sich im Fall H. zurück. Dabei hatte Marx versprochen: "Wir wollen alles tun, um aufzuklären, wir werden nicht wegschauen, verharmlosen oder auf andere zeigen."
"Dass Erzbischof Marx nun zum Kardinal ernannt wurde", sagt Fesselmann, "wirkt wie eine Belohnung dafür, dass er dem Papst geholfen hat." Tatsächlich ist Marx, 57, der momentan jüngste deutsche Kleriker, der Kardinalspurpur anlegen darf.
Im Frühjahr hatte es Wirbel um die Münchner Affäre gegeben, der Missbrauchsskandal um H. schien erstmals Ratzinger persönlich zu erreichen. Denn der von ihm in München aufgenommene Pädophile konnte dort drei Jahrzehnte lang als Seelsorger weiterarbeiten und neue Opfer finden; obwohl er 1986 wegen Missbrauchs von Schülern sogar zu einer Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt worden war.
Marx und sein Pressebüro bemühten sich umgehend um Schadensbegrenzung: Kardinal Ratzinger habe lediglich den Beschluss mitgefasst, H. in München zu Therapiezwecken aufzunehmen, und ansonsten keine Kenntnisse über dessen weitere Arbeit gehabt. Der frühere Generalvikar Gerhard Gruber habe eigenmächtig gehandelt und übernehme die alleinige Verantwortung.
Aber wie wahrscheinlich ist es, dass Ratzinger von seinen engsten Mitarbeitern - Generalvikar und Personalchef - über den Fall H. im Unklaren gelassen wurde?
Nur zwei Wochen nachdem Ratzinger H.s Aufnahme zur Therapie in München zugestimmt hatte, war H. schon wieder in der Seelsorge tätig. In einem in den Akten des Erzbistums befindlichen Lebenslauf schreibt H., dass er bereits "am 1. Februar 1980 zur Seelsorgemithilfe" in der Gemeinde St. Johannes Evangelist aufgefordert worden sei.
Um Ratzinger für seine Beförderung zum Pfarrer zu gewinnen, legte der Kaplan seiner Bewerbung auch die Kopie eines Pfarrbriefs seiner Gemeinde bei. Stolz beschreibt er darin seine Leistungen in der Kinder- und Jugendarbeit: So habe er am 4. April 1980 - also weniger als drei Monate nach seiner Strafversetzung - eine von ihm organisierte Fußwallfahrt mit "20 oder 25 Mädchen und Buben" unternommen.
Im Juni hätten "150 Ministranten aus allen Pfarrgemeinden unseres Dekanats" ihr zentrales Münchner Treffen in seiner Gemeinde abgehalten. Begeistert lobte H. in seinem Artikel insbesondere die "Fingerfertigkeit", "Phantasie" und das "sportliche Können" der Jugendlichen beim Spiel um den "Ministrantenpokal".
In einer späteren Pfarrbrief-Ausgabe heißt es über den Kaplan, insbesondere seine "intensive Kinderseelsorge" habe der Kirche genützt, "die Zahl der Messdiener verdreifachte er in zwei Jahren". Im Religionsunterricht habe er "vor allem auch Jugendlichen" einen "neuen Zugang zur Frohen Botschaft der Kirche" gebracht, zudem habe er "die Tradition des Kindergottesdienstes bereichert".
Sieht so die Therapie eines Pädophilen unter der Oberverantwortung Ratzingers 1980 im Erzbistum München aus? Das fragen sich heute nicht nur die Opfer.
Marx ließ über seine Pressestelle vorige Woche ausrichten, dass es keine neuen Erkenntnisse aus den Kirchenverfahren gegen H. gebe. Ratzinger habe nichts gewusst. "Wir haben auch keinen Brief von H. an Ratzinger in den Akten gefunden."
Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Marx und seine Leute finden Nachfragen wenig hilfreich; sie halten bis heute an der Erklärung des treuen Generalvikars fest.
Der Fall H. ist für sie wohl ohnehin nur einer unter anderen: "Wir lassen durch eine externe Rechtsanwaltskanzlei noch 8000 weitere Personalakten prüfen", sagt ein Sprecher.
Von Conny Neumann und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 48/2010
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