29.11.2010

SCHULD„Gehemmte Nachkommen“

Die Psychologin und Historikerin Tanja Hetzer, 44, über die Erforschung schwieriger Familiengeschichten
SPIEGEL: Frau Hetzer, Sie geben Seminare für Nachkommen von NS-Tätern. Wie kann ich herausfinden, ob Opa ein Nazi war?
Hetzer: Wir informieren über Archivstellen oder geben Tipps für Gespräche mit Verwandten. Manchmal geht das nicht, weil der Kontakt zur Familie abgebrochen ist. Und manche Betroffenen sind sogar schon enterbt worden, weil sie zu viel nachgefragt haben.
SPIEGEL: Sind nicht eher die Nachkommen von Opfern auf Unterstützung angewiesen?
Hetzer: Natürlich, unbedingt. Aber ob nun die Ahnen litten oder gewalttätig waren - ihre Geschichte bedroht spätere Generationen, solange sie verschwiegen wird.
SPIEGEL: Was blockiert das Reden so lange?
Hetzer: Schamgefühle, Schuldgefühle. Wegen der Verbrechen ihres Großvaters als Wehrmachtsoffizier verbot sich eine Frau das Reden über die Fluchtgeschichte ihrer Großmutter aus Ostpreußen. "Unsere Familie hat so viel Leid des 'Dritten Reiches' verursacht", sagte sie, "wieso sollte ich über unser Leid reden?" Und die Nachkommen sind oft gehemmt. Solange ihre Oma noch lebte, hätte die Enkelin eines hohen SS-Offiziers unser Seminar nie besucht. Sie war erleichtert, als sie endlich über ihre Angst reden konnte.
SPIEGEL: Welche Angst?
Hetzer: Da war die quälende Frage: "Steckt in mir das gleiche Täterpotential, das der Opa hatte?" Ein Gedanke, der zum Nazi-Glauben an das Bluterbe passt. Aber die NS-Geschichte der Familie wird ja nicht durch die Gene weitergegeben, sondern durch Gefühlszustände. Eine Teilnehmerin fand heraus, dass ihre Mutter KZ-Wärterin war. So konnte sie deren Brutalität besser einordnen. Eine andere, von einem hochrangigen SS-Offizier erzogene Frau erfuhr erst in unserem Seminar, wie stark sein Denken sie bis heute prägt. Das war ihr Ansporn, weiter an sich zu arbeiten.
SPIEGEL: Wäre Wiedergutmachung nicht angebrachter als Selbsterfahrung?
Hetzer: Viele Teilnehmer sind schon beruflich im Einsatz für die jüdische Opferseite, zum Teil bis zum Burnout. Oft erlauben sie es sich nicht, ihr eigenes Leiden wahrzunehmen. Aber das ist nicht gut. Nur wer positive Gefühle für sich selbst hat, kann auch Empathie für andere entwickeln. Das braucht man unbedingt als Vorbeugung gegen NS-Gedankengut - und als stabile Basis für politisches Engagement.

DER SPIEGEL 48/2010
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