29.11.2010

POLEN

Eine bizarre Tat

Von Puhl, Jan

Vor einem Jahr raubten Kriminelle den Schriftzug "Arbeit macht frei" aus dem KZ Auschwitz. In Krakau kommen nun ein schwedischer Ex-Nazi und ein polnischer Bauunternehmer vor Gericht.

Zehntausende sind unter diesem zynischen Schriftzug hindurch in den Tod gegangen - und jetzt streift sich Aleksandra Papis, die Chefkonservatorin im Museum Auschwitz, OP-Handschuhe über, bevor sie die Lettern aus Blech berührt. Behutsamkeit ist bei ihr das oberste Gebot.

Papis und ein Kollege heben das erste Fragment aus einer Holzkiste: "ARBEIT". Es ist angekratzt. Das zweite Bruchstück - "MACHT" - ist schwer verbogen, beim "FREI" ist das I abgebrochen.

Papis überwacht die Reparatur des Schriftzugs. Ausgerechnet zwei Gasrohre hatte der polnische Häftling Jan Liwacz 1940 zurechtgebogen und dazwischen die 15 aus Blech gestanzten Buchstaben geschweißt. Das B brachte er falsch herum an, ein winziger Akt des Widerstands.

70 Jahre später haben Diebe sein Werk zerstört: Vier Kleinkriminelle brachen vor fast einem Jahr nachts in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz ein, rissen den Torbogen aus der Fassung über dem Haupteingang, zersägten ihn und schafften ihn davon. Eine bizarre Aktion. Drei der Täter sitzen bereits verurteilt im Gefängnis.

Nun geht es um die Drahtzieher. Ein Bauunternehmer aus der Nähe von Toruń und ein Schwede haben gestanden, die Organisatoren des Diebstahls zu sein. Die Staatsanwaltschaft in Krakau teilte vergangenen Donnerstag mit, sie habe Anklage erhoben.

Was treibt Menschen an, solch eine Tat zu begehen? Sind es Neonazis, Sammler von NS-Devotionalien oder Geschäftemacher? Und steckt tatsächlich ein Millionär aus der rechtsradikalen Szene Schwedens hinter allem?

Aleksandra Papis erinnert sich noch genau an den Morgen des 19. Dezember vor einem Jahr. Es war kalt, Schnee lag im Eingang zum Stammlager Auschwitz I, eine Trittleiter stand herum. Die Bande, es waren vier Männer aus der Umgebung von Czernikowo bei Toruń, hatte leich-tes Spiel gehabt. Nachts ist es stockdunkel zwischen den ehemaligen Lagergebäuden.

Zwei Schrauben mit Sechskant-Muttern hielten den Torbogen in der Fassung, er ist leicht abzumontieren: Das Eingangstor ist bis heute die einzige Zufahrt für die Feuerwehr. Nur gelegentlich patrouillierten Wachleute. Bis zu jener Dezembernacht schien es absurd, dass jemand hier einbrechen würde - in diese Anlage mit dem allgegenwärtigen Stacheldraht, den Wachtürmen, der Erschießungswand bei Block 11, dem Galgen gleich am Eingang rechts und der Gaskammer neben dem Hauptgebäude.

Als Papis den Tatort erreichte, war die Spurensicherung schon da: "Das ist kein Diebstahl, das ist eine Entweihung", sagte ein Museumssprecher.

Papis ist eine schlanke Frau von 32 Jahren, sie hat in Krakau Restaurierung studiert. "Auschwitz ist eine besondere Herausforderung", sagt sie: "Wir haben gelernt, Kunstwerke zu erhalten. Hier müssen wir alte Schuhe, Koffer oder Zahnbürsten konservieren."

Ein großer Teil des Stammlagers waren zunächst Kasernen, später wurden viele Gebäude von halbverhungerten Zwangsarbeitern und Häftlingen errichtet. Die Ziegel und Dachpfannen sind Billigprodukte aus jener Zeit.

Den Torbogen mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei" hatten die Diebe über den Boden geschleift, rund 50 Kilogramm ist er schwer und gut fünf Meter breit. Sie knickten ihn, bis er brach, und bugsierten ihn dann durch eine Lücke in der Betonmauer, hinter der heute die Schnellstraße nach Krakau verläuft.

Papis hat sich an verschiedene Technische Universitäten gewandt, um Hilfe bei der Restaurierung zu bekommen. Das Metall zu schweißen und wieder in die alte Form zurückzubiegen ist nicht einfach, es ist im Lauf der Zeit bröcklig geworden. Die Krakauer Bergbau-Akademie fertigte eine Röntgenanalyse an, um die Zusammensetzung des Stahls zu bestimmen.

Die Täter konnte ein mobiles Einsatzkommando 70 Stunden nach dem Einbruch in Czernikowo festnehmen: die Brüder Lukasz und Radoslaw M. sowie Andrzej S., der wegen seiner dicken Brille den Spitznamen "Linse" trägt, und einen Mann, den seine Kumpane "Lerche" rufen.

Alle vier waren in Czernikowo als Trinker und Einbrecher bekannt. Der kleine Ort ist überschaubar. Ein Dorfplatz mit einem Denkmal, das an die 750-Jahr-Feier erinnert, ein künstlicher Weiher, ein Restaurant, auf Hochzeiten spezialisiert. Gleich daneben liegt ein Waldstück, Trampelpfade durchziehen das Gehölz. Hier hatten die Diebe die Beute versteckt. Ihre Schuld war so eindeutig, dass die Verteidigung einen Prozess vermied und das Strafmaß akzeptierte: zwischen 18 und 30 Monaten. Nur gegen Linse wird noch verhandelt.

Wer aber waren die Auftraggeber? Einer von ihnen wohnte nicht weit vom Wäldchen entfernt, in seinem dreistöckigen, weiß verputzten Haus: Marcin A. Dessen Vater hütet jetzt das Anwesen, auch um die Enkeltochter kümmert er sich, während sein Sohn in Krakau im Gefängnis sitzt.

"Marcin war immer ein guter Junge", sagt der Alte. Und überhaupt: "Was ist eigentlich passiert? Die haben doch nur Altmetall gestohlen."

Die Idee war wohl in Schweden gereift. Dort hatte A. Arbeit gesucht. Ins Ausland gehen viele aus Dörfern wie Czernikowo. Von 5000 Einwohnern jobben 1200 fern der Heimat, schätzt der Pfarrer.

A. kam mit einer Geschäftsidee aus Skandinavien zurück: Er kaufte in Polen billig Beton, Bauholz und Fliesen und exportierte das Material nach Schweden. Außerdem stellte er Arbeitsbrigaden zusammen, die er von Swinemünde oder Danzig aus nach Stockholm verschiffte. Die Firma hatte 25 Angestellte, sogar die Eltern bezogen vom Sohn Gehalt. Seine Ehefrau ist die Tochter des pensionierten Polizei-Kommandanten von Czernikowo, seine Schwiegermutter leitete früher das örtliche Postamt. Eine polnische Provinzkarriere mit standesgemäßem Familienhintergrund.

Als zweiter mutmaßlicher Drahtzieher sitzt der Schwede Anders Högström in einem Krakauer Gefängnis. Er galt einst als einer der führenden Männer in Schwedens rechter Szene, schien später aber bekehrt. Richtig gelöst von den Nazis hat er sich wohl nie. Polen ließ ihn im Februar von der schwedischen Polizei verhaften und später per Hubschrauber nach Krakau bringen.

Kennengelernt hatten sich A. und Högström vor etwa zwei Jahren in Schweden, und irgendwann haben die beiden gemeinsam Auschwitz besucht. "Für wie viel kann man das wohl verkaufen?", soll A. den Schweden gefragt und auf den Schriftzug über dem Lagereingang gezeigt haben. Geld brauchten beide: der junge, ehrgeizige polnische Unternehmer und sein schwedischer Freund, der angeblich geläuterte Nazi.

Högströms Lebensweg beginnt in Karlskrona, Südschweden, einer malerischen Festungsstadt. Sie war vor mehr als zehn Jahren eine Hochburg der Neonazis. Auf dem Markt marschierten junge Männer in Bomberjacken auf, unter ihnen Anders Högström, damals ein 18-Jähriger mit Hitler-Scheitel. Er besaß keinen Schulabschluss, war aber Mitbegründer der "Nationalsocialistisk Front" und schwedischer Jugendmeister im Gewichtheben. 1998 führte ihn das Stockholmer "Aftonbladet" als einen der vier gefährlichsten Neonazis des Landes.

Doch Anders Högström stieg aus, heiratete, wurde Vater. Aber die Ehe zerbrach. Einer neuen Liebe wegen zog er nach Stockholm. Die Freundin, die Högström vor fünf Jahren in einer Kneipe kennengelernt hatte und die ihn in die Hauptstadt führte, heißt Sofie Lindgren. Sie stammt aus Sri Lanka, wurde von schwedischen Pflegeeltern adoptiert und ist heute eine zierliche Schönheit von 26 Jahren. Sie hat Psychologie studiert und ist Jobvermittlerin im Arbeitsamt.

In Stockholm suchte Högström Kontakt zu einem alten Bekannten: dem Millionär Lars-Göran Wahlström. Der ist in Nazi-Kreisen Schwedens eine Autorität. Wahlström stellte dem Paar eine Wohnung im schicken Stadtteil Kungsholmen zur Verfügung.

Högström und Freundin waren oft in Wahlströms gelber Villa auf der Schäre Vaxholm zu Gast, in Schwedens teuerster Wohngegend. Die Fassade strahlt Idylle aus, doch drinnen soll der Besitzer Nazi-Nippes, Dolche und Uniformen horten.

Über den Millionär lernte Högström auch Marcin A. kennen, der für Wahlström Wohnungen renovierte. "Anders und er mochten sich", sagt die Freundin. Wahlström war bei Behördengängen behilflich - dem Polen etwa, wenn er eine Arbeitserlaubnis brauchte.

Högström hat ausgesagt, dass er und A. im Auftrag Wahlströms den Diebstahl eingefädelt haben. War Wahlström also der eigentliche Planer des Diebstahls von Auschwitz, wollte er den Schriftzug "Arbeit macht frei" für seine Sammlung haben? Hat er die beiden sogar zu der Tat getrieben?

Schwedische Medien haben viel darüber spekuliert, der Krakauer Staatsanwalt hat Wahlström von der Stockholmer Sicherheitspolizei verhören lassen. Haftbefehl wurde bisher aber nicht erlassen.

Wahlström weist alle Vorwürfe zurück. Er meidet die Öffentlichkeit, ab und an schreibt er eigenartige E-Mails: Sein Anwesen werde von "KZ-Häftlingen in gestreiften Uniformen" belagert, heißt es da. Und: "Der Terror hört nie auf."

Und Högström? In Stockholm hofft Sofie Lindgren seit neun Monaten auf die Rückkehr ihres Freundes. Sie glaubt noch immer nicht wirklich an seine Schuld. "Es gibt keine harten Beweise", sagt sie: "Er wurde enorm unter Druck gesetzt."

Vermutlich suchen beide Angeklagte einen Deal mit der Staatsanwaltschaft, um den Prozess noch zu vermeiden.

Nach dem Urteil wird Högström wieder in ein schwedisches Gefängnis verlegt - und Sofie Lindgren will weiter auf ihn warten. Das allerdings könnte dauern: Für die Tat drohen bis zu zehn Jahre Haft.


DER SPIEGEL 48/2010
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