29.11.2010

ARCHÄOLOGIE

Der Dackel des Pharaos

Von Schulz, Matthias

Wie entwickelte sich der Wolf zu Pinscher, Mops und Dobermann? Ägyptologen erkunden in einem riesigen Tierheiligtum das Rätsel der Hunderassen.

Erst schürfte er in Ostindien nach Gold, dann stöberte er in Stonehenge und entdeckte bei seinen Raubzügen durch den Orient die älteste Gesetzesschrift der Menschheit.

Schließlich stand der Abenteurer Jacques de Morgan in einem Verlies in Ägypten - knietief versackt in Hundeknochen. Es knirschte und knackte bei jedem Schritt. Der Franzose hatte den größten Caniden-Friedhof der Welt entdeckt.

Das war 1897. Doch die Fachwelt vergaß die Pioniertat.

Nun wird das Hunde-Mausoleum wiederentdeckt. Wissenschaftler von der Cardiff University in Wales sind vor Ort. In den Nischen der Höhle seien einst "Tausende von mumifizierten Hunden" abgelegt worden, erklärt der Missionsleiter Paul Nicholson.

Die Kadaver stammen vornehmlich aus der Zeit nach 748 vor Christus, als schwarze Pharaonen am Nil regierten und die Tierkulte bizarre Formen annahmen. 13o Friedhöfe für Stiere, Schlangen, Paviane, Fische oder Mäuse wurden bereits aufgespürt. Im Massengrab von Istabl Antar lagen mehr als 180 000 Katzen.

Für die Hunde gab es in Sakkara gleich zwei Ritualplätze. Die jetzt untersuchte Stätte liegt direkt unter dem Tempel des Anubis. Über eine Treppe gelangten die Priester in den Felsenkeller hinab, wo sie dem schakalköpfigen Gott des Totenreichs Opfer darbrachten. Der Nachschub kam aus einem Hundezwinger im Tempelbezirk.

Aber auch Privatpersonen ließen ihre verstorbenen Hunde in Sakkara balsamieren. Starb Herrchen zuerst, folgte ihm sein Liebling oft zwangsweise ins Jenseits. Er wurde stranguliert oder mit Kopfschlägen getötet.

Unzählige Rippen, Speichen und Fußknöchel liegen in den Seitengängen der Kaverne. Jetzt versuchen die Forscher, Rasse, Alter und Geschlecht der geopferten Tiere zu ermitteln.

Womöglich lässt sich auf diese Weise der rätselhafte Stammbaum des Hundes aufklären. Dass er ursprünglich vom Wolf abstammt, ist mittlerweile genetisch gesichert. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz irrte, als er eine Beteiligung des Goldschakals vermutete.

Wohl schon vor 30 000 Jahren begann die Annäherung Isegrimms an die Menschen der Steinzeit. Ein jüngst in der Schweiz entdeckter Hundekiefer, datiert auf ein Alter von 14 000 Jahren, weist bereits deutliche Domestikationsmerkmale auf. Das Tier hatte kleinere Reißzähne und eine verkürzte Schnauze.

Wann aber bildeten sich die verschiedenen Typen heraus?

Kein anderes Säugetier hat sich im Laufe der Zeit so verbiegen lassen wie Canis lupus, der es bis zum asthmatischen Mops brachte. Die Zahl der offiziellanerkannten Rassen liegt heute bei rund 4oo.

Dass die alten Ägypter an dieser Auffächerung kräftig mitwirkten, beweisen Reliefs, Grabbilder und Statuen. Schon vor fast 5000 Jahren tauchen auf Felsbildern vom Nil die ersten Hundedarstellungen auf. Bald danach gingen die Pharaonen mit schlanken Windhunden auf die Jagd. Auf einem Sarkophag aus der 6. Dynastie wird ein schwarzweiß geflecktes Tier an der Leine geführt - eine Art Dalmatiner.

Um 1500 vor Christus trippelten dann bereits kleine krummbeinige Tiere und Schoßhündchen durch die Paläste der Könige. Man züchtete bullige Sanitätshunde fürs Schlachtfeld und kreuzte - aus Assyrien eingeführte - Mastiffs mit den heimischen Rassen. Eine Bronzefigur aus dem Grab Tutanchamuns erinnert an einen Dackel.

Sogenannte Pariahunde, die gleichsam im Schatten der Pyramiden halbwild nahe der Siedlungen lebten, fraßen Abfälle und verzogen sich immer wieder in die Wüste, wo sie sich aufs Geratewohl vermehrten.

Was dabei für urige Vierbeiner entstanden und wie viele verschiedene Rassen die Ägypter bereits besaßen, könnte nun der unterirdische Kultraum von Sakkara enthüllen. Halden an bräunlichen Gebeinen türmen sich vor den Forschern auf. Computertomografen stehen bereit, um die Hundemumien zoologisch zu untersuchen.

Erste Analysen zeigen bereits, dass in der Höhle offenbar auch Reste von Schakalen, Füchsen und Hyänen liegen.

Und immer wieder wird klar, wie blutig die Zeremonien im Tempel des Anubis einst abliefen: Viele Knochen dort stammen von gewaltsam getöteten Welpen.

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DER SPIEGEL 48/2010
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