06.12.2010

HausmitteilungBetr.: Botschaftsdepeschen

Was dürfen Journalisten, was soll ihr Maßstab sein, und wo liegen ihre Grenzen? Spektakuläre Veröffentlichungen lösen immer solche grundsätzlichen Betrachtungen aus. So war es in der SPIEGEL-Affäre 1962, im Fall Watergate 1972, und so ist es jetzt wieder, seit der SPIEGEL, die "New York Times" und der "Guardian", dazu "Le Monde" und "El País" über den Schriftverkehr zwischen der Weltmacht USA und ihren Botschaften berichten.
Fundamentale Kritik übte Hillary Clinton, kein Wunder. Sie nannte die Veröffentlichung "eine äußerst unverantwortliche, gedankenlose Tat, die das Leben unschuldiger Menschen auf der ganzen Welt gefährdet".
Tatsächlich hat der SPIEGEL monatelang die riesige Materialmenge - 251 287 Dokumente - gesichtet, ausgewertet und in den Kontext gestellt. Zudem erhielt die Regierung in Washington Gelegenheit, Einwände und Bedenken gegen einzelne der ausgewählten Dokumente zu erheben, was sie auch tat - eben damit Menschenleben nicht gefährdet werden. Auf diese Weise soll dafür gesorgt sein, dass beides geht: brisantes Material zu veröffentlichen und verantwortlich zu handeln.
Ein Journalist, hat SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein gesagt, dürfe es sich nicht leichtmachen - und erst recht nicht jenen, über die er schreibt. Und natürlich hat die Welt ein Recht zu erfahren, was hochrangige Vertreter der Vereinigten Staaten von anderen Staatenlenkern halten.
Ein anderer Vorwurf lautet, der SPIEGEL mache sich zum Büttel der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Tatsächlich hat der SPIEGEL in den Gesprächen mit WikiLeaks von Anfang an darauf hingewiesen, dass er Julian Assanges radikale Ansichten - totale Transparenz - beileibe nicht teilt. WikiLeaks hat in der vorigen Woche, anders als früher, keine unbearbeiteten Dokumente ins Netz gestellt, sondern sich an den Veröffentlichungen in den fünf Blättern und deren Online-Diensten orientiert.
Der SPIEGEL verhielt sich nicht anders als in ähnlichen Fällen. Immer liegen Informationen und Dokumente vor, deren Herkunft recherchiert und bewertet werden muss. Dafür sind Zeit und Aufwand nötig. Deshalb ist die Veröffentlichung der US-Depeschen ein Beispiel dafür, wie sich der klassische Journalismus im Zeitalter des Internets bestens behaupten kann.
In dieser Ausgabe setzt der SPIEGEL diese Berichterstattung fort: US-Diplomaten beschweren sich über die Schweiz, die Sanktionen gegen Iran in die Quere kommt; Anstoß erregt Österreich durch dubiose Geschäfte mit der Ukraine. Dazu kommen Berichte über das Vorgehen Amerikas gegen WikiLeaks und Assange, den Schweden wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung per Haftbefehl sucht. Die Debatte über journalistische Maßstäbe und Grenzen führen der britische Historiker Timothy Garton Ash und der deutsche Politologe Herfried Münkler fort.

DER SPIEGEL 49/2010
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