06.12.2010

MISSBRAUCHSystem des Grauens

Der „Runde Tisch Heimerziehung“ schließt seine Arbeit ab. Anders als in Irland sollen Opfer von Gewalt und schwarzer Pädagogik nicht generell entschädigt werden.
Grausam und rücksichtslos ging es in den Häusern zu, die jungen Bewohner wurden oft zur Arbeit gezwungen, viele waren sexueller Gewalt ausgesetzt: Bundesdeutsche Kinderheime waren in den fünfziger und sechziger Jahren Orte des Schreckens.
800 000 Menschen wuchsen damals in diesen Einrichtungen auf, viele ohne angemessene Schulbildung und ohne medizinische Versorgung.
Wolfgang Focke ist einer von ihnen. Er ist heute 64 Jahre alt, und er möchte, dass sich Staat und Kirche endlich dazu bekennen, "dass sie bei mir und meinesgleichen großen Mist gemacht haben, sie sollen uns unsere Würde zurückgeben". Mit seinen Leidensgenossen fordert er "Entschädigung für die Zwangsarbeit und für die ständigen Demütigungen, den systematischen Entzug von Menschenrechten, das Einsperren ohne Grund".
Seit zwei Jahren hat sich der "Runde Tisch Heimerziehung" beim Bundestag mit diesen Vorwürfen befasst. Die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) moderierte die Treffen mit bis zu 30 Teilnehmern. Es wurden Experten angehört, wissenschaftliche Gutachten eingeholt, staatliche Aufsichtsbehörden und Heimbetreiber von einst befragt. Kommende Woche soll das Ergebnis mit Empfehlungen an Parlamente und Regierungen von Bund und Ländern gehen.
Bereits jetzt ist klar: Focke und anderen Opfern wird zwar Anerkennung und Verständnis zuteil. "Den Unrechtserfahrungen ehemaliger Heimkinder wird geglaubt", soll es einleitend im Endbericht des Runden Tisches heißen. Doch in der zentralen Frage der Entschädigung gibt es vorerst kaum Fortschritt: Kirchen, Bundesländer und zuständige Bundesministerien wie die für Arbeit, Familie oder Justiz haben seit Wochen hinter den Kulissen gefeilscht. Argumente für eine unbürokratische, schnelle Entschädigung wurden mit jeder Fassung des Abschlussberichts getilgt.
Stattdessen wird ein kompliziertes Geflecht vorgeschlagen. So soll es eine bundesweite Stiftung geben, einen Beirat, Renten- und Traumatisiertenfonds sowie regionale Anlauf- und Beratungsstellen. Es kann Jahre dauern, bis diese Struktur durch Ausschüsse, Bundes- und Länderparlamente gegangen und per Gesetz verabschiedet ist. Und selbst dann werden finanzielle Hilfen schwer zu bekommen sein: Die Opfer müssen individuell nachweisen, dass sie sich "in schwierigen Lebenssituationen" befinden.
Staat und Kirchen als Betreiber der damaligen Schreckensheime stellen sich nach Jahrzehnten zwar allmählich ihrer moralischen Verantwortung, aber sie drücken sich vor den finanziellen Folgen. Einigung haben sie bislang nur darüber erzielt, dass Bund, Länder und Kirchen jeweils ein Drittel des Stiftungsvermögens bereitstellen sollen. Offen ist aber, wie viel eingezahlt wird.
"Keiner nennt Zahlen", sagt Stefan Beuerle, "niemand macht konkrete Vorschläge." Der 70-Jährige war als eines der wenigen ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch dabei. Ihn ärgert das Spiel auf Zeit: Etliche Opfer, die die Aufarbeitung einst in Gang brachten, sind bereits verstorben.
Um eine kollektive Entschädigung zu verhindern, wurde in den Endberichts-entwürfen alles gestrichen, was die Heimerziehung als Unrechtssystem darstellen könnte. Eine "pauschale Entschädigung" oder "pauschale Opferrente" lehnen die Interessenvertreter von Staat und Kirchen als "nicht realisierbar" rundheraus ab.
Dabei hatten Wissenschaftler wiederholt Forschungsergebnisse vorgetragen, die ein systematisches Unrecht an Kindern und Jugendlichen belegen. Sie schätzen, dass allein durch die erzwungene Kinderarbeit auf Feldern, in Wäschereien oder Werkstätten die Jugendhilfe-Etats der Länder und Kommunen zwischen 1949 und 1975 um zweistellige Milliardenbeträge entlastet worden sind. Eine Expertise darüber gab der Runde Tisch aber erst gar nicht in Auftrag.
Ihre "Zwangsarbeit" habe gegen das Grundgesetz verstoßen, argumentieren die Betroffenen, die oft viele Jahre ohne Lohn und ohne Sozial- und Rentenversicherung schuften mussten. Vertreter der Heimkinder fordern deswegen eine Opferrente von 300 Euro monatlich oder eine Einmalzahlung von 54 000 Euro. Dies lehnen vor allem die Vertreter der unionsregierten Bundesländer ab, etwa Hessen, Baden-Württemberg und Bayern.
Der Berliner Erziehungswissenschaftler Manfred Kappeler, 70, wurde beim Runden Tisch als Experte angehört. Wie viele seiner Kollegen kritisiert er die Ignoranz von Kirchenleuten und Politikern angesichts der wissenschaftlichen Befunde. Kappeler hat in seinem neuesten Buch "Anvertraut und ausgeliefert" die Gemeinsamkeit katholischer, evangelischer und reformpädagogischer Heime und Internate analysiert: "Alle wissen, es geht überhaupt nicht um bedauerliche Handlungen von Einzeltätern, es war ein grausames System mit Normen und Regeln, das die Betreiber der Heime zu verantworten hatten. Ein System, in dem Gewalt Methode hatte."
Völlig versäumt hat der Runde Tisch unter Vollmers Leitung außerdem, sexuelle Gewalt in den einst 3000 Heimen zu untersuchen. Darum kümmere sich, sagt Vollmer, der andere Runde Tisch über sexuellen Missbrauch, den Familienministerin Kristina Schröder begründet hat.
Dort allerdings wird bislang hauptsächlich über Prävention und Verjährungsfristen geredet. Entschädigungsfragen sind ein untergeordnetes Thema. Die Aufarbeitung der Vergangenheit spielt keine große Rolle. Opfer kirchlicher und weltlicher Einrichtungen - ehemalige Regensburger Domspatzen, Ex-Schüler der Jesuiten-Kollegs oder der Odenwaldschule (siehe Kasten) - sind deshalb frustriert. Auch sie hatten nach der Aufdeckung der Skandale seit Anfang des Jahres auf späte Gerechtigkeit gehofft.
Wolfgang Focke hatte als ehemaliges Heimkind mit einer Petition an den Bundestag vor knapp fünf Jahren die Diskussion mit angeschoben, die zur Bildung des Runden Tisches führte. Jetzt ist er tief enttäuscht. Er verweist auf Irland, das, trotz niedrigeren Wohlstands, 14 768 Heimkinder im Schnitt mit 76 500 Euro entschädigt hat.
"Dass uns Staat und Kirche um unsere Lebenschancen beraubt haben, soll im reichen Deutschland nicht annähernd so viel wert sein?", fragt er. "Die gestohlenen Jahre unserer Kindheit sind für immer verloren, ja, aber warme Worte allein mindern nicht den Alptraum, der uns bis heute verfolgt."
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 49/2010
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