06.12.2010

CHINA

Öffentliche Anklage

Während Premier Wen Jiabao zum Welt-Aids-Tag gerade erst medienwirksam ein Waisenkind umarmte, prangert ein ehemaliger Spitzenbeamter jetzt öffentlich die Verwicklung von Politbüro-Mitgliedern in Chinas größten Aids-Skandal an. Chen Bingzhong, 78, der frühere Chef des Instituts für Gesundheitserziehung, hat einen offenen Brief an Präsident Hu Jintao ins Internet gestellt. Darin verweist er auf die Ereignisse in der Provinz Henan, wo arme Bauern in den neunziger Jahren ihr Blut verkauft hatten. Chen zufolge infizierten sich dabei an die 100 000 Menschen durch verunreinigte Nadeln und verseuchte Blutkonserven, 10 000 seien bis heute an Aids gestorben. Die Behörden vertuschten den Skandal. Zwar nennt Chen die seiner Meinung nach Mitverantwortlichen nicht beim Namen, doch er bezieht sich in seinem Brief eindeutig auf Vizepremier Li Keqiang, der 2012 zum neuen Premier aufsteigen könnte, und den Spitzenpolitiker Li Changchun. Beide hatten früher hohe Ämter in Henan inne. "Sie sollen sich zumindest entschuldigen", erklärte Chen gegenüber dem SPIEGEL. "Ich bin sehr enttäuscht, wie die Regierung mit dem Fall umgeht." Er fordert die Einsetzung einer Untersuchungsgruppe und finanzielle Entschädigung für die Angehörigen. Chens Brief stand auf der Webpage des Aizhixing-Instituts, das sich für Aids-Kranke engagiert und selbst immer wieder Opfer von Repressalien ist. Chen schreibt: "Wahrscheinlich werde ich nun von den Behörden verfolgt." Doch als Krebskranker im Endstadium würde er lieber im Kampf um Gerechtigkeit sterben als an einer Krankheit.


DER SPIEGEL 49/2010
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