06.12.2010

DEBATTEVom Nutzen des Geheimnisses

Von Herfried Münkler
Im privaten Leben gründet sich Vertrauen darauf, dass man keine Geheimnisse voreinander hat - jedenfalls keine in wesentlichen Fragen des Zusammenlebens. Dass die Wahrung kleinerer Geheimnisse zur persönlichen Identität gehört, wird akzeptiert. Ein Vertrauen unter Liebenden, unter Freunden, das sich darauf gründet, alles wissen zu müssen, ist von indiskreter Zudringlichkeit. Es ist bloß generalisiertes Misstrauen, das sich als Voraussetzung für Vertrauen ausgibt. Hier liegt der Verdacht nahe, dass es nicht um Vertrauen, sondern um Beherrschung geht. Instinktiv bleibt man auf Distanz: Dann lieber das Geheimnis wahren, als ein vermeintlich totales Vertrauen herstellen.
Soziale Beziehungen größerer Gruppen sind durch das Wechselspiel zwischen dem Verzicht auf Geheimnisse und dem Respekt vor ihnen geprägt. Soziale Nähe wie Distanz sind immer auch ein Resultat des Umgangs mit persönlichen Geheimnissen. Vertrauen schafft soziale Ordnung, aber ebenso tut dies auch die Wahrung von Geheimnissen. Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse hat ihre Ordnung verloren. Wo jeder über jeden gleich viel weiß, ist auch Vertrauen überflüssig geworden. In der sozialen Welt ist Vertrauen an die Möglichkeit des Geheimnisses gebunden.
Die Euphoriker der Transparenz freilich verbuchen das Verschwinden des Geheimnisses nicht als Ordnungsverlust, sondern als einen großen Schritt in Richtung sozialer Egalität. Sie stellen die Machtbeziehungen heraus, die aus der systematischen Pflege von Geheimnissen erwachsen. Und sie betonen nicht die gegenseitige Gleichgültigkeit, sondern die gleiche Wertigkeit der Menschen als Folge von Geheimnisverlust. Die Skeptiker der Transparenz dagegen verweisen darauf, dass Menschen, denen alles Geheimnisvolle abgeht, als uninteressant und unattraktiv gelten, dass es der Schleier des Mysteriösen ist, der uns anzieht. Wo alles nach außen gekehrt sei, da gebe es auch kein Inneres und Innerliches mehr.
Würde man das Volk befragen, würde es sich wohl mit großer Mehrheit auf die Seite der Skeptiker schlagen. Man schätzt es, wenn ein Geheimnis, an dem man lange gerätselt hat, endlich gelüftet wird, zumal, wenn es sich um Prominente oder Bekannte handelt. Aber man will deswegen noch lange nicht, dass es hinfort keine Geheimnisse mehr geben soll. Im Gegenteil: Gerade das Rätselraten und die Anstrengung des Dahinterkommens ist der soziale Mehrwert des Geheimnisses. Ohne Verrätselung gibt es kein Enträtseln. Das Geheimnis und das Spiel mit ihm haben Unterhaltungswert. Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse würde sich an sich selbst zu Tode langweilen.
Was aber hat die Wertschätzung des sozialen Geheimnisses um der gesellschaftlichen Ordnung und der Praxis des Enträtselns willen mit der Veröffentlichung geheimer beziehungsweise vertraulicher Akten der US-Administration durch die Internetplattform WikiLeaks zu tun? Ist sie nicht gerade ein Beispiel für den beschriebenen Reiz, den wir beim Spiel mit Geheimnissen empfinden? Sicherlich auch. Es hat einen gewissen Unterhaltungswert zu erfahren, was die Amerikaner über deutsche Spitzenpolitiker denken, und die Schadenfreude, die manche bei den Enthüllungen empfunden haben, hat deren Unterhaltungswert mit Sicherheit gesteigert. Wirklich Überraschendes hat man bezüglich der deutschen Politiker zwar nicht erfahren, aber das Vergnügen des politischen Voyeurs, das man ein paar Tage bei der Lektüre von Zeitungen und Magazinen wie dem SPIEGEL verspürt hat, sollte man nicht zu gering veranschlagen. Es waren freilich auch keine strategischen Geheimnisse, die Deutschland betrafen.
Eine solche Einschätzung entspricht freilich weder dem offiziellen Selbstverständnis von WikiLeaks noch den donnernden Kommentaren, mit denen die Veröffentlichung der US-Akten begleitet wurde. Von einer Revolution der Diplomatie war da die Rede oder von einer politischen Welt, in der es keine Geheimnisse mehr geben werde. WikiLeaks hat dagegen von der grundsätzlichen Bedeutung gesprochen, die mit der Veröffentlichung einer Viertelmillion vertraulicher bis geheimer Akten verbunden sei. Wenn zukünftig vielleicht nicht jedes Geheimnis gelüftet werde, aber jede Form von Geheimhaltung Gefahr laufe, öffentlich gemacht zu werden, dann sei damit eine neue Ära der Politik angebrochen. Im Übrigen auch eine neue Ära der Wirtschaft, wie die angekündigte Veröffentlichung von Geschäftsunterlagen einer amerikanischen Großbank zeigt. Die Zeiten von Machtsteigerung durch Geheimnisbildungen, so die Botschaft, seien definitiv vorbei.
Das kann man freilich bezweifeln: Bei Lichte besehen, war es eine geradezu idiotische Leichtfertigkeit, mit der die amerikanische Administration ihre Dokumente nicht nur zwischen den Ministerien zirkulieren ließ, sondern auch zuließ, dass selbst Mannschaftsdienstgrade der in den Irak entsandten Streitkräfte darauf Zugriff hatten und sie auf UMTS-Sticks herunterladen konnten. Bradley Manning, der im Verdacht steht, nicht nur für die Weitergabe der Afghanistan- und Irak-Berichte, sondern auch für den jüngsten Datenklau verantwortlich zu sein, ist eine Variante des von US-General Charles Krulak so bezeichneten "strategischen Gefreiten". Damit wollte Krulak darauf aufmerksam machen, dass im modernen Krieg Entscheidungen von strategischer Reichweite nicht mehr nur von Generälen, sondern auch von Mannschaftsdienstgraden getroffen werden. Manning ist, wenn sich der Verdacht gegen ihn bestätigen sollte, noch eine Stufe höher geklettert: Aus dem "strategischen" ist der "politische Gefreite" geworden, einer, der nicht nur mit den Generälen, sondern mit der Regierung um die maßgeblichen Entscheidungen konkurriert. Aber er ist es geworden, weil ihm von der US-Administration leichtfertig die Möglichkeit dazu eröffnet worden ist.
Dass sich das wieder ändern wird, ist leicht vorauszusehen. Die Zugangscodes werden beschränkt, und die Anzahl der im Internet zugänglichen Unterlagen wird begrenzt werden. Einmal mehr sind die Amerikaner in die Falle ihrer Technikgläubigkeit gegangen: Wie der vorgebliche Quantensprung der Network Centric Warfare durch die Methoden partisanischer Kriegführung relativiert worden ist, so haben nun interne Partisanen die Grenzen von Network Centric Policy sichtbar gemacht. So wird man in Washington und andernorts wieder zu herkömmlichen Formen des bürokratischen Betriebs zurückkehren. Und bei aller Aufregung, die WikiLeaks verursacht hat, darf eines nicht übersehen werden: "streng geheime" Dokumente waren bei den Veröffentlichungen nicht dabei. Der Vorstoß ins Innere des politischen Geheimnisses hat die letzten Türen nicht zu öffnen vermocht. Und das ist auch gut so, denn die Möglichkeiten, an vertrauliche bis geheime Dokumente von Regierungen heranzukommen, sind nicht nur aufgrund der amerikanischen Nachlässigkeiten ungleich verteilt.
Im Ergebnis stellen die WikiLeaks-Veröffentlichungen eine Bestätigung für die auf strikte Geheimhaltung ausgerichtete Politik etwa Chinas und ähnlicher Staaten dar. Regime, die eine radikal intransparente Struktur aufweisen und bei denen die wichtigen politischen Entscheidungen ohne parlamentarische Kontrolle hinter fest verschlossenen Türen fallen, sind durch die jüngsten Veröffentlichungen auf der Internetplattform prämiert worden. WikiLeaks und seine Partner in den Medien haben nicht die Diplomatie revolutioniert, sondern diejenigen mit internationalem Vertrauensverlust bestraft, die im internationalen Vergleich noch die transparentesten Strukturen haben. Insofern ist nicht Geheimdiplomatie enttarnt, sondern relative Transparenz in Verbindung mit Leichtfertigkeit abgestraft worden. Die Praxis von WikiLeaks hat ihre eigenen Ansprüche konterkariert.
Aber können wir wollen, dass nicht mehr der Staat, sondern andere Akteure die Herrn und Hüter des Geheimnisses sind? Tatsächlich ist das Geheimnis mit seiner Aufdeckung durch WikiLeaks nicht verschwunden, sondern die Verfügung darüber hat gewechselt. Ist wirklich alles, was WikiLeaks an Informationen zugespielt wurde, veröffentlicht worden, oder haben Julian Assange und seine Leute bestimmte Informationen zurückgehalten? Und selbst wenn sie nichts zurückgehalten haben, weder das Unwichtigste noch das Wichtigste, so sind sie doch zum Herrn und Hüter des Geheimnisses geworden, gerade dadurch, dass sie es brechen und aufdecken, beziehungsweise indem sie die Veröffentlichung aus Gründen der Aufmerksamkeitsökonomie portionieren und immer neue Informationen nachschieben. Sie machen selbst Politik mit dem Geheimnis.
Wer aber kontrolliert die selbsternannten Kontrolleure? Sind es die beteiligten Redaktionen von SPIEGEL, "New York Times", "Guardian", "Le Monde" und "El País", die aber die Portionierung steuern und damit Herr werden über die Aufmerksamkeitsökonomie?
Dass die Kontrolle der Kontrolleure erforderlich ist, zeigt sich schon daran, dass von Transparenz geredet, aber faktisch mit dem Geheimnis Politik gemacht wird. Das WikiLeaks-Gerede von Transparenz ist nur eine durchsichtige Tarnkappe dafür, dass die Verfügung über das Geheimnis gewechselt hat, und das vor allem dort, wo am ehesten von einer demokratischen Kontrolle der Geheimnisse des Staates gesprochen werden kann. Die politische Frage, um die es seit den Veröffentlichungen zum Afghanistan- und Irak-Krieg geht, ist also nicht das Verschwinden des Geheimnisses oder eine Revolution der Diplomatie, sondern es geht um die Entscheidung, wo wir das Geheimnis am besten aufgehoben wissen. Beim Staat? Bei welchem Staat? Bei selbsternannten Transparenzwächtern? Oder bei Akteuren, die nach dem Verschwinden des Staatsgeheimnisses mit neuerlichen Geheimnissen hantieren, um die sich Anhängerschaften scharen und bei denen sich durch die Einweihung ins Geheimnis oder die Fernhaltung davon neue Machtstrukturen bilden. Wie das aussehen kann, lässt sich an den historischen Auseinandersetzungen zwischen Religion und Staat um das politisch relevante Geheimnis studieren.
Der moderne Staat wurde zum Monopolisten des Politischen, als es ihm gelang, zum Herrn über das zentrale Geheimnis zu werden und dabei die religiösen Konkurrenten aus dieser Position zu verdrängen. Die Verfügung über heilsgeschichtlich relevante Wunder wurde in den Bereich des Privaten verwiesen und damit entpolitisiert. Die Erfolgsgeschichte des Staates ist ganz entscheidend an die erfolgreiche Monopolisierung des politischen Geheimnisses gebunden. Zu dieser Erfolgsgeschichte gehört schließlich auch die Verwandlung des Machtstaats in den Rechtsstaat, und das heißt nicht zuletzt: die Sicherstellung eines verantwortlichen, rechtlich geregelten und gerichtlich überprüfbaren Umgangs mit Geheimnissen, ihrer Offenlegung wie Bewahrung. Und der Schutz einer Presse, die darüber wacht, dass sich der Staat an die selbst gegebenen Regeln hält. Wer dem Staat, zumal dem demokratischen Rechtsstaat, die Verfügung über das Geheimnis entreißen will, sollte angeben können, bei wem es besser aufgehoben ist. Stattdessen vom Verschwinden des Geheimnisses und der Entstehung einer Welt politischer Transparenz zu reden ist intellektuelle Drückebergerei: Man stellt große Ansprüche auf, um konkrete Antworten zu vermeiden. ◆
Von Münkler, Herfried

DER SPIEGEL 49/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 49/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DEBATTE:
Vom Nutzen des Geheimnisses