13.12.2010

LANDWIRTSCHAFTDie gelbe Plage

Mais für Biogasanlagen verdrängt Feldfrüchte wie Kartoffeln und Gerste. Pommes und Bier sollen deshalb teurer werden. Jetzt fordern mehrere Bundesländer einen Umbau der Subventionen.
Erst wälzte sich die Lawine aus Erde und Steinen über die Straße, dann drückte sie das Einfahrtstor auf und schob sich auf Höhe der Fensterbänke am Haus vorbei in den Garten. Schließlich erreichte sie den Ententeich und zerstörte ihn.
Das war im Sommer nach einem stärkeren Regenguss. Der Acker von gegenüber, auf einer leichten Anhöhe gelegen, hatte überraschend Position und Gestalt gewechselt, nun versperren rund 3000 Kubikmeter Erde und Geröll den Garten von Barbara Bock, die im Herbst zum Äpfelpflücken keine Leiter brauchte.
Einen Schaden von mindestens 50 000 Euro hat ihr ein Gutachter bescheinigt, und noch etwas stellte er fest: Der Erdrutsch sei durch den Anbau von Mais befördert worden.
Kartoffeln und Rüben sind in der Uckermark gut bekannt, früher auch Tabak, Mais jedoch lange nicht. Bis vor einiger Zeit bei den Bocks in Pinnow eine Biogasanlage den Betrieb aufnahm. Seither wiegen zur Erntezeit mannshohe Maispflanzen im Wind, manchmal bis zum Horizont.
Der Biogasboom hat in der deutschen Landwirtschaft einiges ins Rutschen gebracht. Er sollte für saubere Energie aus nachwachsenden Rohstoffen sorgen. Aber er hat schleichend auch eine hochsubventionierte Landplage entfacht. Naturschützer, Lebensmittelproduzenten und Umweltminister warnen vor der gelben Plage. Maismonokulturen, sagen sie, verunstalteten große Landstriche mit ökonomisch und ökologisch fragwürdigen Folgen.
Binnen eines Jahres wuchs die Anbaufläche für sogenannte Energiepflanzen wie Mais zur Erzeugung von Biogas noch einmal von 530 000 auf 650 000 Hektar, eine Fläche, zweieinhalbmal so groß wie das Saarland. Jetzt regt sich erstmals Widerstand in den Bundesländern. An diesem Freitag will Niedersachsen mit einem Entschließungsantrag im Bundesrat die bisherige Förderpolitik reformieren. Finanzielle Anreize sollen künftig anders gesetzt werden, damit nicht mehr fast ausschließlich Mais in den Tanks der Biogasanlagen blubbert.
In einigen Regionen seien "die Grenzen des Wachstums bereits heute erreicht", heißt es in der Vorlage. Der Vorstoß hat besonderes Gewicht, weil das unionsgeführte Niedersachsen Spitzenreiter bei der Stromerzeugung durch Biogas ist. Auch Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt schließen sich der Kritik an.
Biogasanlagen funktionieren ähnlich wie die Verdauung einer Kuh. Methanhaltiges Gas wird freigesetzt, wenn organische Stoffe mit Hilfe spezieller Bakterien in luftdichten Tanks vergären. Mit dem Gas können Strom und Wärme erzeugt werden. Knapp 6000 solcher Anlagen gibt es mittlerweile deutschlandweit. Sie können Nahrungsreste, Gülle, Stallmist und Fette verwerten, was besonders umweltfreundlich ist.
Aber dafür werden sie wenig genutzt. Rund 90 Prozent der Anlagen laufen hauptsächlich mit Mais. Die Tanks schlucken solche nachwachsenden Rohstoffe - in der Branche als NaWaRo bekannt - auch deshalb so gern, weil das Gesetz für Erneuerbare Energien (EEG) mit Bonuszahlungen entsprechende Anreize setzt. Die Erträge aus Mais sind besonders hoch, die Pflanze hat sich als die Produktivste herausgestellt.
Biogas ist so zu einem Investment fast ohne finanzielles Risiko geworden. Für jede Kilowattstunde Strom erhält ein Betreiber sieben Cent NaWaRo-Bonus, die Abnahmegarantie läuft 20 Jahre. Obendrein gibt es zum Teil noch Zuschüsse für den Bau der Anlagen. Die Betreiber pochen auf den Schutz ihrer Investition. Möglich wäre aber eine Neugestaltung des komplizierten Subventionsgeflechts, damit sich der Einsatz von Gülle oder anderer Stoffe stärker rentiert.
Bisher erweist sich der Mais als Ackergold nicht nur für Bauern, die sich so von den Preisschwankungen etwa bei Milch und Fleisch unabhängiger machen. Auch börsennotierte Investoren lockt das Geschäft.
So sucht die Deutsche Biogas AG seit vorvergangener Woche Anleger am Kapitalmarkt, mit 30 Millionen Euro will sie in den nächsten eineinhalb Jahren über 50 neue Anlagen bauen. Schon jetzt ist sie an 32 Betrieben mit einer installierten Gesamtleistung von 16 Megawatt beteiligt. Die Gewinne explodieren, in der ersten Hälfte des Geschäftsjahrs 2010/11 schaffte das Unternehmen eine Umsatzrendite von 45 Prozent.
Und ein Ende des Förderbooms ist nicht abzusehen. Bis 2020 will die Europäische Union ein Fünftel des Primärenergieverbrauchs aus Biogas und anderen erneuerbaren Quellen decken.
Gerade in Niedersachsen sind die Folgen zu besichtigen. Die Region ist mit mehr als tausend Anlagen zugestellt, zusammen erzeugen sie über 500 Megawatt Strom; das entspricht der Leistung eines mittelgroßen Kohlekraftwerks. 220 000 Hektar werden schon für den Anbau von Biogas-Energiepflanzen genutzt, elf Prozent der gesamten Ackerfläche. Allein bis Ende kommenden Jahres sollen noch 400 weitere Anlagen ans Netz gehen.
Die niedersächsische Landesregierung hatte die Goldgräberstimmung in der Branche lange angefeuert. Die Felder gehören im Westen Deutschlands meist mittelständigen Bauern, die dringend nach Einnahmequellen neben der Landwirtschaft suchen. Biogas, so die Hoffnung, könnte für Arbeitsplätze und Einkommen in lange vernachlässigten Dörfern sorgen. Inzwischen aber hat Hannover auch die Nachteile erkannt: Viele Biogasbetriebe sind in Wirklichkeit Energieverschwender. Bei mehr als der Hälfte der Anlagen im Land verpuffe nämlich die Abwärme der Stromproduktion einfach. Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) sorgt sich um Artenvielfalt, Boden- und Gewässerschutz. Vor allem aber stört ihn, dass die Biogasanlagen einen "erheblichen wirtschaftlichen Vorteil" gegenüber nahrungsmittelerzeugenden Betrieben hätten.
So werden in Niedersachsen schon die Kartoffeln knapp, wie die Unternehmensgruppe Wernsing aus dem Oldenburger Münsterland zu berichten weiß. Der Lebensmittelhersteller mit 2600 Mitarbeitern verarbeitet jedes Jahr 550 000 Tonnen Kartoffeln zu Pommes frites und anderen Produkten. Die Maisplage führe "zu extremen Preissteigerungen der Rohware". So haben es die Wernsing-Manager kürzlich in einem Brandbrief an Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) geschrieben.
Pro Hektar Mais komme es zu einer "Subvention von ungefähr 1000 Euro". Und weiter: "Durch diese Überförderung ist es den Biogasbetreibern möglich, den Anbauern von Mais ungefähr 200 Euro pro Hektar mehr Erlöse zu bieten, als zum Beispiel für Weizen oder Roggen zu erzielen ist."
Andere Nahrungsmittelhersteller wie Schne-frost, Agrarfrost und Emsland Group schließen sich dem Protest an, sie wollen den "ungebremsten Bau von Biogasanlagen" nicht länger hinnehmen, er habe teilweise schon zu einem Maisanteil von 40 Prozent der Ackerflächen geführt. Sie fordern von der Bundesregierung, den NaWaRo-Bonus zu stoppen. "Der Verbraucher zahlt doppelt: einmal bei der Stromrechnung über die EEG-Abgabe und zweitens über höhere Lebensmittelpreise", klagen sie - bisher ungehört.
Doch vielleicht erreicht das Problem das Verbraucherbewusstsein, wenn im kommenden Jahr die Preise für Bier steigen. In Bayern setzen ebenfalls immer mehr Landwirte auf Mais. Schon heute kann der Bedarf an Braugerste darum nicht mehr gedeckt werden. Mehr als die Hälfte der benötigten Menge muss bereits importiert werden.
Spätestens wenn im ersten Halbjahr 2011 langfristige Abnahmeverträge auslaufen, werde die Kiste Bier um durchschnittlich 30 bis 50 Cent teurer, warnt Gerhard Ilgenfritz, Präsident des Verbands der bayerischen Privatbrauereien.
Für Experten ist deshalb absehbar, dass Bundesländer mit einer nennenswerten Agrarwirtschaft sich den Befürwortern eines Subventionsumbaus anschließen werden. Schon jetzt sieht es Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Bündnis 90/Die Grünen) als ein Gebot der Stunde, den Bau neuer Anlagen und die Ausweitung der Maisplantagen zu bremsen. Auch sein Kollege aus Sachsen-Anhalt, Hermann Onko Aeikens (CDU), hält die weitere Förderung "für nicht vertretbar" - und zwar "weder aus Umweltsicht, noch im Hinblick auf die Wettbewerbssituation gegenüber der Nahrungsmittelproduktion".
Umweltexperten bezweifeln zudem die grünen Effekte der Biogasproduktion. Maisanbauflächen emittieren durch die intensive Nutzung von Stickstoffdünger auch Lachgas, und das ist 300fach stärker treibhausaktiv als CO². Zudem gilt der Intensivanbau als verantwortlich für Boden- und Gewässerbelastung sowie den Rückgang der Artenvielfalt.
Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einem Erfahrungsbericht zur Bioenergie, der Anfang kommenden Jahres vorliegen soll. Es solle eine "sehr kritische Bestandsaufnahme" werden, heißt es.
Fürs Erste hoffen Länder wie Niedersachsen auf Einsicht bei den Bauern. Sie sollten für die Biogasanlagen wenigstens zur Abwechslung auch mal Elefantengras oder Sonnenblumen anpflanzen. Auch Zuckerrüben eigneten sich hervorragend. Doch in der NaWaRo-Branche, die mit 109 000 Beschäftigten die Windkraft als Jobmotor unter den erneuerbaren Energien abgelöst hat, kommen solche Vorschläge nicht gut an. Quer durch die Republik werden 800 neue Anlagen geplant. Im brandenburgischen Gerswalde zum Beispiel stehen bereits zwei Anlagen, für weitere acht laufen gerade Genehmigungsverfahren.
Jährlich bis zu 10 000 Tonnen Biomasse pro Anlage müssten dann mit Schwertransportern herangekarrt werden. Gigantische Maislager rund um die Gemeinde sind bereits gebaut. Gerhard Ihler wehrt sich nun mit einer lokalen Bürgerbewegung gegen den "Subventionswahnsinn mit fragwürdigem Ergebnis". Der Gestank, der Lärm der Lkw und Traktoren sowie die Maismonokulturen drohten die unberührte Natur und den Wachstumsmarkt Tourismus zu zerstören, sagt er. Eine gute Idee sei völlig aus dem Ruder gelaufen: "Stoppt diesen Wahnsinn!"
Der Umweltverband BUND klagt gegen die geplanten Biofabriken, unter anderem, weil sie ausgerechnet zwischen zwei Schutzgebieten gebaut werden sollen.
So entsteht eine paradoxe Situation mit globalen Auswirkungen. Anbauflächen und Nahrung für Mensch und Vieh werden in Deutschland knapper, weil die Ernte in der Biogasanlage landet. Tierfutter muss importiert werden. Um es anzubauen, wird wieder mehr Regenwald abgeholzt. So jedenfalls sieht es der BUND. Die Vorsilbe "Bio" für die umstrittene Energieproduktion hat der Verband gestrichen. Das sei völlig irreführend.
Von Deggerich, Markus, Fröhlingsdorf, Michael

DER SPIEGEL 50/2010
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