13.12.2010

„Warten auf Scheich Mohammed“

Der Frankfurter Architekt Albert Speer, 76, über seine Pläne für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar
SPIEGEL: Herr Speer, Ihre Firma hat die Stadionpläne für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar entworfen. In einem Land, das nur halb so groß ist wie Hessen, sollen zwölf Stadien, davon neun neue Fußballarenen, errichtet werden. Was ist an diesem Projekt nicht wahnwitzig?
Speer: Einiges. Eine WM in einem kleinen Land auszurichten ist geradezu ideal: Besucher und Mannschaften müssen nicht mehr wie in Südafrika fliegen, um zu den Spielstätten zu kommen. Die Besucher können einfach die U-Bahn nehmen. Das ist umweltfreundlich und wesentlich günstiger.
SPIEGEL: Anfang des Jahres haben Sie die Bau-Mentalität in Dubai kritisiert. Dort entstünden die "Slums des 21. Jahrhunderts", weil dort nur für kurze Zeiträume gebaut werde. Nun wollen Sie ein Stadion nach der WM wieder abbauen, andere verkleinern. Passt das zusammen?
Speer: Wir planen - anders als in Dubai - ja gerade weitsichtig. In Katar bleibt nur das übrig, was in Katar gebraucht wird.
SPIEGEL: Ihre Entwürfe sehen vor, dass bei Außentemperaturen um 40 Grad der Rasen und die Sitze mit Hilfe von Kühlschlangen auf 25 Grad heruntergekühlt werden. Der Energieaufwand dafür ist enorm.
Speer: Der Vorwurf der Energieverschwendung ist bigott. Man muss nur einmal ausrechnen, wie hoch der Energieaufwand allein in Deutschlands Ligen ist, um all die Fußballfelder im Winter zu beheizen. Die Sitze abzukühlen ist derselbe Energieaufwand, wie die Sitze aufzuwärmen.
SPIEGEL: In Stadien in Deutschland werden nicht einmal im Winter Sitze beheizt.
Speer: In den Niederlanden schon. Die Energie für die Umwandlung der Hitze in Kälte in Katar werden wir komplett aus Solarzellen gewinnen. Uns geht es darum, in einem Land mit extremen Klimabedingungen nachhaltig und mit regenerativen Energien zu arbeiten.
SPIEGEL: Fachleute kritisieren, dass es viele der Materialien, die Ihre Pläne für den Bau vorsehen, noch gar nicht in geeigneter Form gibt. Droht eine Blamage?
Speer: Es ist richtig, dass es manche Materialien tatsächlich noch nicht gibt - spezielle Solarfolien zum Beispiel. Das ist aber völlig normal. Das Material der Außenfassade der Allianz Arena in München gab es in der Entwurfphase auch noch nicht. Wir gehen davon aus, dass sich die Umwelttechnologie, die Effizienz der Solartechnologie bis zum Baubeginn noch verbessern und neue Materialien entwickelt werden. Wir haben aber der Fifa-Bewertungskommission mit einem kleinen Beispielstadion in Doha mit 500 Plätzen bereits bewiesen, dass unser Konzept auch auf dem jetzigen Stand funktioniert.
SPIEGEL: Katar investiert 50 Milliarden Dollar in den Ausbau der Infrastruktur, 4 Milliarden in die Stadien. Wie sind die Katarer auf Sie gekommen?
Speer: Wir haben in den vergangenen 15 Jahren einige Mega-Events betreut, darunter die Expo in Hannover, die Bewerbung Leipzigs für die Olympischen Spiele und die diesjährige Expo in Shanghai. Unser Kontakt zu den Katarern kam 2008 auf einer Sportmesse in Denver zustande, im Juni 2009 haben wir den Auftrag bekommen, das Bewerbungskonzept für Katar zu erstellen. Dafür wurde die Planungsgruppe mit einem niedrigen einstelligen Millionenbetrag entlohnt.
SPIEGEL: Haben Sie von den Katarern schon den Bauauftrag für die WM erhalten?
Speer: Nein. Unser Auftrag, das Bewerbungskonzept für Katar zu erstellen, ist vollendet. Wir haben acht der zwölf Stadien entworfen. Natürlich gehen wir davon aus, dass wir die Stadien bauen dürfen. Momentan warten wir darauf, dass sich Scheich Mohammed bei uns meldet. Im nächsten halben Jahr wird sich klären, wie viele Stadien wir bauen dürfen.
SPIEGEL: Neben Ihrem Büro kommen zahlreiche andere deutsche Unternehmen bei Projekten der WM in Katar zum Zuge. Stimmt der alte Satz des früheren englischen Nationalspielers Gary Lineker doch, dass Fußball ein Spiel ist, bei dem am Ende immer Deutschland gewinnt?
Speer: Deutsche Ingenieurskunst ist ein absoluter Exportschlager. Die WM 2006 in Deutschland und die 2010 in Südafrika - wo auch viele deutsche Firmen am Bau der Stadien beteiligt waren - haben gezeigt, dass die Deutschen momentan weltweit die besten Sportarenen bauen. Das spricht sich herum. Nach der Bekanntgabe, dass Katar die WM ausrichten darf, rief mich Scheich Mohammed an und sagte: "I love my Germans!"
Von Nora Reinhardt

DER SPIEGEL 50/2010
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