13.12.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Man ist ganz allein“

ZDF-Entertainer Thomas Gottschalk, 60, über den dramatischen Unfall eines Kandidaten bei „Wetten, dass..?“, persönliche Verantwortung und die Folgen des wachsenden Quotendrucks
SPIEGEL: Herr Gottschalk, der 23-jährige "Wetten, dass..?"-Kandidat Samuel Koch verunglückte am vorvergangenen Samstag schwer bei dem Versuch, auf Sprungfedern über ein Auto zu springen. Hätten Sie Ihren eigenen beiden Söhnen so eine waghalsige Aktion erlaubt?
Gottschalk: Ich hätte wohl alles versucht, es zu verhindern, weiß aber auch, wie schwierig es ist, jungen Leuten zwischen 20 und 30 etwas auszureden, was die sich in den Kopf gesetzt haben.
SPIEGEL: Haben Sie sich mit Samuels Vater vor der Show über derlei Erziehungserfahrungen ausgetauscht?
Gottschalk: Wir waren uns einig: Lieber unterstützen wir auch die absurden Ideen unserer Kinder und begleiten sie dabei, als uns über solche Diskussionen mit ihnen zu zerstreiten. Sonst würden die ja allein losziehen. Aus dem gleichen Grund fahren auch viele Väter an den Wochenenden die Motocross-Maschinen ihrer Kinder durchs Land. Das ist keine pure Sportversessenheit, die wollen auf ihre Söhne aufpassen.
SPIEGEL: Das ging bei Samuel schrecklich schief …
Gottschalk: … und wenn sein Unfall überhaupt etwas Positives bewirken kann, dann hoffentlich dies: Er wird noch für viele Diskussionen zwischen den Generationen sorgen, wenn es um riskante Hobbys geht - und den einen oder anderen Sohn vielleicht dazu bringen, etwas weniger zu riskieren.
SPIEGEL: Es gab nach der Show schnell Gerüchte, das ZDF hätte die Wette vorher noch eigens angeschärft.
Gottschalk: Es war eher so, dass wir Samuels Enthusiasmus für seine Wette eingebremst haben, denn eigentlich wollte er in kürzerer Zeit über mehr Autos springen als die fünf, auf die wir uns dann geeinigt haben. Im Nachhinein wünschte ich mir natürlich, dass wir ihm die ganze Wette ausgeredet hätten. Aber zumindest bisher war es eine der Grundideen der Show, dass Leute Dinge tun, auf die das Gros der Zuschauer eher verzichten würde. Wenn ich gedanklich alle "Wetten, dass..?"-Sendungen durchgehe, die ich in 23 Jahren moderiert habe, bestand womöglich in mehr Fällen Lebensgefahr, als es mir aus heutiger Sicht lieb sein kann.
SPIEGEL: Das klingt, als kämen Ihnen manche frühere Wetten heute selbst wie ein Ritt über den Bodensee vor.
Gottschalk: Moment! Jedes Ski- oder Formel-1-Rennen halte ich für tausendmal
gefährlicher als das, was bislang bei uns zu sehen war. Bei den Olympischen Winterspielen im Februar zum Beispiel starb ein georgischer Rennrodler beim Abschlusstraining. Hätte man den Wettbewerb absagen sollen? Für mich ist jeder Snowboard-Sprung ein potentieller Suizidversuch.
SPIEGEL: Wie haben Sie Samuel während der Proben erlebt?
Gottschalk: Bei aller jugendlicher Begeisterung, die er für seine Wette zeigte, kam er mir immer auch sehr besonnen und intelligent vor. Wenn ich je den Eindruck gehabt hätte, hier ist jemand, der nicht weiß, was er tut, und nicht kann, was er will, dann hätte ich eingegriffen. Aber die gesamte Truppe einschließlich seines Vaters war bestens vorbereitet. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist der Vorwurf, wir hätten etwas erkennen müssen, was nicht zu erkennen war. Wir hatten auch schon einen Kandidaten, der mit Saugnäpfen an einer Hausfassade hochgeklettert ist. Das ist für mich letztlich genauso wenig nachvollziehbar wie jemand, der über Autos springen will. Ähnlich geht es mir übrigens auch bei einem Weltklasse-Turner wie Fabian Hambüchen: Ich kann diese Top-Leistungen nur bedingt begreifen oder nachvollziehen. Trotzdem hatte ich nie die Absicht, sie zu verhindern. Und wie viele ehemalige Turner sitzen heute im Rollstuhl?
SPIEGEL: Manchmal muss man Leute vor ihrem eigenen Ehrgeiz schützen.
Gottschalk: Und das kommt bei uns laufend vor. Unsere Sicherheitsingenieure bremsen immer wieder mal den übertriebenen Einsatzwillen unserer Kandidaten.
SPIEGEL: Der "Badischen Zeitung" soll Samuel von mehreren schweren Stürzen bei den Proben berichtet haben.
Gottschalk: Zweimal ist er vor meinen Augen bei der Vorbereitung ein bisschen ge-strauchelt, aber das war nie besorgniser-
regend. Und es ist doch klar, dass Samuels Vorbereitung genauso wie unsere Präsentation des Risikos letztlich Teil des Showkonzepts sind.
SPIEGEL: Ausgerechnet im ZDF-Magazin "Hallo Deutschland" hat Ihre Co-Moderatorin Michelle Hunziker noch erklärt, wie spektakulär die Wette sei.
Gottschalk: Noch mal: Wenn wir eine echte Gefahr erkannt hätten, wäre die Wette gestoppt worden. Zwei Stunden später hätte in der gleichen Show ein junger Mann auf einer Leiter im Handstand Glühbirnen eingeschraubt. Da war unser Gesichtsausdruck bei den Proben der gleiche. Und mit einem ähnlichen Schauder stand ich kürzlich bei meinem Sohn in San Diego auf dem Balkon und sah den tollkühnen Fliegern der Red Bull Airshow zu.
SPIEGEL: Was hat Sie daran fasziniert?
Gottschalk: Nicht die Eleganz der Flugbewegungen, sondern - wie die meisten Zuschauer - die Angst, dass einer abstürzt. Das gehört zu dieser Art inszenierter Risiken dazu.
SPIEGEL: Empfinden Sie nun so etwas wie persönliche Schuld?
Gottschalk: Ich empfinde Verantwortung, weil der Unfall in einer Show passiert ist, für die ich seit Jahrzehnten stehe. "Wetten, dass..?" ist meine Sendung, und ich spreche von meinen Kandidaten. Also geschieht alles auch unter meiner Verantwortung, obwohl ich mich natürlich auf die Redaktion und unsere technischen Fachleute verlassen muss.
SPIEGEL: Sie sind der Zirkusdirektor.
Gottschalk: Ich bin vor allem der Kellner, der serviert, was hinten gekocht wurde. Und sich dann natürlich auch die Beschwerden anhören muss.
SPIEGEL: Blieb Samuel schon während des Sprungs am Autodach hängen?
Gottschalk: Er fiel mir quasi vor die Füße, aber ich habe den Moment selbst nicht gesehen. Und glauben Sie mir: Ich werde mir diese Bilder auch nie wieder anschauen.
SPIEGEL: Ihr Millionenpublikum war Zeuge, wie Sie ihn vor dem Start der Wette noch gebeten haben, sofort aufzuhören, wenn er merkt, dass es nicht klappt …
Gottschalk: … und er sagte: Kommt gar nicht in Frage. Er war einfach hochmotiviert. Aber auch vernünftig genug, bei den Proben und dann auch in der Sendung vor dem heranrollenden Auto abzustoppen, wenn er merkte, dass etwas nicht passte.
SPIEGEL: Wer suchte die Autos aus, über die Samuel sprang?
Gottschalk: Er hatte lange vor der Show eine Liste vieler Fabrikate, aus der er sich die raussuchen konnte, die er wollte.
SPIEGEL: Dann war es ein dummer Zufall, dass ihm ausgerechnet ein A8 vom großen "Wetten, dass..?"-Sponsor Audi zum Verhängnis wurde?
Gottschalk: Weder uns noch dem Sponsorpartner kann das angenehm sein, aber das Auto kann ja nun wirklich nichts dafür.
SPIEGEL: Die Limousine war sehr lang …
Gottschalk: … was für die Limousinen anderer Marken auch gegolten hätte.
SPIEGEL: Können Sie sich künftig noch Autowetten vorstellen, bei denen mehr passiert, als dass jemand Luft aus den Reifen lässt?
Gottschalk: Ich bin nicht mal im Ansatz bereit, meine berufliche Zukunft oder die der Sendung zu diskutieren, bevor das Schicksal von Samuel endgültig klar ist. Natürlich wird es Konsequenzen geben. Aber wir können keine vorschnellen Entscheidungen treffen, die wir in einigen Wochen vielleicht wieder revidieren müssten. Da bitte ich um Geduld.
SPIEGEL: Gespräche mit Intendant Markus Schächter und Programmchef Thomas Bellut wird es jedenfalls geben, oder?
Gottschalk: Selbstverständlich werden wir alle gemeinsam die Zukunft von "Wetten, dass..?" diskutieren, sobald wir eine belastbare Diagnose für Samuels Genesungschancen haben. Meine Hoffnung ist noch immer, dass er keine bleibenden Schäden hat und irgendwann wieder gehen kann.
SPIEGEL: Nach dem Unglück fragten Sie zunächst: "Weh getan?" Wann wurde Ihnen die wahre Tragweite klar?
Gottschalk: Ich habe zwar schnell gesehen, dass das kein Bagatellunfall war. Andererseits funktioniert man in so einer Live-Situation wie eine Lokomotive. Man muss sich da erst mal selbst abbremsen. Für ein paar Sekunden gab es bei mir noch die Hoffnung: Der Junge ist durchtrainiert, er ist Stuntman, er wird bestimmt gleich wieder hochkommen. Dann ging alles sehr schnell und sehr professionell - von den eintreffenden Medizinern bis zum Abtransport in die Klinik.
SPIEGEL: Erstmals wurde die Show abgebrochen. Wer entschied das?
Gottschalk: Der ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner und ich waren uns schnell einig, dass wir nicht einfach weitermachen können. Davon hat sich auch die Senderleitung in Mainz schnell überzeugen lassen.
SPIEGEL: Gab's vor Ort Paparazzi?
Gottschalk: Die Ärzte brauchten Licht, deshalb fuhr eine der Studiokameras mit ihrem Scheinwerfer an den Verletzten heran. Prompt riefen manche im Publikum: "Kamera weg!" Ich dachte nur: Denken die etwa, wir sind im ZDF schon so weit, da auch noch draufzuhalten? Unglaublich!
SPIEGEL: Fühlt man sich in diesen Momenten nicht trotz Tausender Menschen um einen herum sehr einsam?
Gottschalk: Sicher, man ist da ganz allein. Aber ich habe nun wirklich keine Veranlassung, mich zum Opfer zu stilisieren. Mein Job ist es, in jeder Situation so professionell wie möglich zu funktionieren. Vor einer Kamera kann mir nichts passieren, habe ich früher gern gesagt: außer Not und Tod. Und plötzlich war ich in so einer Situation.
SPIEGEL: Eine ähnliche hatten Sie wohl vorher noch nie?
Gottschalk: Nein, Gott sei Dank. Auf so etwas kann man sich ja auch nicht vorbereiten. Als Entertainer bin ich von jeher auf die guten Nachrichten abonniert: dass hinter der Bühne Take That stehen, Justin Bieber, Cameron Diaz und Cher - das ist meine Welt. Die Show war ja blendend besetzt, aber mir wurde schlagartig klar: Das ist jetzt alles nicht mehr wichtig.
SPIEGEL: Sie hatten vorher niemals den Alptraum, dass Ihre Show mal so enden könnte?
Gottschalk: Nein. So was träume ich nicht.
SPIEGEL: Waren solche Action-Wetten überhaupt gut für die Quote?
Gottschalk: Stunts sind längst zu einem Show-Element geworden, auf das vor allem das umworbene Zielpublikum der "Werberelevanten" nicht mehr verzichten will. Solange wir denen hinterherlaufen müssen, kommen wir da auch nicht drum rum. Aber gegen Formate wie "Jackass" auf MTV sind wir wirklich ein Kindergeburtstag.
SPIEGEL: Auch der Quotendruck auf Sie und "Wetten, dass..?" wuchs stetig.
Gottschalk: Wir standen nie unter Quoten-, sondern allenfalls unter Leistungsdruck. Wie oft musste ich mir in den Medien den Vorwurf gefallen lassen: lahme Wetten, dumme Sprüche. Für die Sprüche bin und bleibe ich verantwortlich. Aber dieselben Kritiker, die uns bislang für unfähig hielten, den Ansprüchen einer modernen Unterhaltungssendung zu genügen, werfen uns nun vor, zu weit gegangen zu sein. Diesen Druck habe ich in der Vergangenheit durchaus gespürt.
SPIEGEL: Sie selbst sollen nach dem Drama noch nachts im Studio vor Ihrem Team den Quotendruck thematisiert haben, unter dem auch "Wetten, dass..?" steht. Immerhin mussten Sie in letzter Zeit gegen das RTL-Erfolgsformat "Supertalent" antreten.
Gottschalk: Ich habe darüber gesprochen, dass wir und unsere Quote unter verschärfter Beobachtung stehen, was im Fernsehgeschäft etwas ganz Normales ist. Dass wir aber unter diesem Druck an der Gefährlichkeit der Wetten geschraubt haben sollen, ist Unsinn. Solche Stunts gab es schon, als ich am Samstagabend noch konkurrenzlos war.
SPIEGEL: Machen Samuels Eltern Ihnen irgendwelche Vorwürfe?
Gottschalk: Nein, und es gibt auch keinerlei Grund für irgendwelche Schuldzuweisungen, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Ich habe mich mit den Eltern am Morgen nach dem Unfall zusammengesetzt, und wir haben darüber geredet, wie wir Samuel jetzt beistehen können. Für uns war wichtig, dass sie sich in dieser Situation nicht alleingelassen fühlen. Es ist mir geradezu peinlich, dass nun auch mir von allen Seiten eine gewisse Fürsorge zuteil wird, für die ich mich in aller Form bedanke. Aber das Opfer ist Samuel - nicht ich.
SPIEGEL: Haben Sie ihn schon besucht?
Gottschalk: Das ist das Letzte, was er jetzt braucht. Und es würde mir zurecht als Selbstinszenierung ausgelegt werden. Ich werde laufend über seinen Zustand informiert und bin mit seinen Eltern in ständiger Verbindung.
SPIEGEL: Kann man das Verletzungsrisiko bei dieser Art von Wetten überhaupt ausschalten?
Gottschalk: Nein, das wird man nie schaffen. Das Leben ist auch ohne "Wetten, dass..?" gefährlich.
SPIEGEL: Der Nervenkitzel, dass etwas passieren könnte, gehört doch längst zu vielen Sportveranstaltungen.
Gottschalk: Die Formel 1 lebt meiner Ansicht nach von nichts anderem. Die Leute schauen doch nicht deshalb zu, weil die Fahrer so hübsch sind. Es ist der Thrill zu wissen, dass da ein paar hochbezahlte Profis in einer Geschwindigkeit unterwegs sind, die für sie nicht gesund ist. Der Rennsport hat wahrscheinlich schon mehr Todesopfer gefordert als das gesamte TV-Unterhaltungsprogramm der Welt. Dennoch erfreut er sich ungebrochener Beliebtheit.
SPIEGEL: Sehen Sie manche Katastrophen jetzt mit anderen Augen? Zum Beispiel den tödlichen Ski-Unfall, den der frühere thüringische Ministerpräsident Althaus verschuldet hat?
Gottschalk: Ja. Denn ich sehe, wie einem innerhalb von Sekunden eine Verantwortung zuwachsen kann, derer man sich vorher nie bewusst war.
SPIEGEL: Was bedeutet der Unfall für Ihre eigene Lebensplanung?
Gottschalk: Die Konsequenzen für mich und die Show werde ich zu gegebener Zeit mit den Verantwortlichen des ZDF besprechen. Was immer dabei herauskommt: Es trifft mich zu einem Zeitpunkt meiner Entertainer-Karriere, an dem ich es mit Fassung tragen kann.
SPIEGEL: Sie sollen die Begabung haben, sich unangenehme Dinge vom Leib zu halten …
Gottschalk: … aber wenn sie mich treffen, versuche ich, damit umzugehen und dabei den nötigen Ernst zu zeigen.
SPIEGEL: Herr Gottschalk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Thomas Tuma.
Von Thomas Tuma

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