21.09.1998

GESTORBENKurt Hager

86. Er verkörperte den Weg vieler deutscher Kommunisten: Aus aktiven Kämpfern gegen die Nazis wurden verkalkte Partei- und Politbürokraten der SED. Kurt Hager war der letzte Intellektuelle im Politbüro des Parteichefs Erich Honecker. Geboren 1912 als Sohn eines Dieners im schwäbischen Bietigheim, schloß sich Hager schon als Schüler den Kommunisten an. Mit einem Beil kappte er 1933, wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis, ein Kabel und sabotierte damit die Rundfunkübertragung einer Hitler-Rede. Seinen Kampf gegen die NSDAP büßte er bitter: Mehrere Monate steckten sie ihn ins Konzentrationslager. 1936 floh Hager nach Frankreich und nahm als Rundfunkpropagandist bis 1939 am Spanischen Bürgerkrieg teil. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er im Exil in London. Seit 1949 war Hager in der Führung der SED für die Ideologie zuständig und brachte es bereits 1954 zum Mitglied des Zentralkomitees der Partei. Seit 1963 saß er im Politbüro, dem mächtigsten Gremium im SED-Staat. Nach einer kurzen Phase reformkommunistischer Anwandlungen Mitte der fünfziger Jahre avancierte Hager unter Ulbricht und Honecker zum strengen Exegeten des Marxismus-Leninismus und zugleich zum obersten Wächter der Wissenschaft und Künste im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Zu trauriger Berühmtheit brachte er es mit einem Interview im "Stern". Darin wandte sich der Chefideologe 1987 gegen die Übernahme der sowjetischen Umgestaltung ("Perestroika") durch die DDR mit dem Satz: "Würden Sie, wenn der Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" Das Interview brachte ihm in der DDR den Spitznamen "Tapeten-Kurt" ein. Im November 1989 schied er auf Druck der Bevölkerung aus der SED-Führung. Die SED/PDS entfernte ihn per Parteiausschluß im Januar 1990 aus ihren Reihen. Nach dem Zusammenbruch der DDR rang sich Hager in seiner Autobiographie "Erinnerungen" und in Interviews einige selbstkritische Bemerkungen ab: In der SED-Kulturpolitik habe "ein kleinlicher Geist, eine sture Bevormundung und Borniertheit" geherrscht. Die Berliner Justiz, die gegen Hager wegen Totschlags an den Maueropfern Anklage erhoben hatte, sah mit Rücksicht auf seinen schlechten Gesundheitszustand von einer Strafverfolgung ab. Nach einigen Jahren parteilosen Daseins schloß sich Hager Mitte der neunziger Jahre der einstigen SED-Bruderpartei DKP an. Kurt Hager starb am vergangenen Freitag in Berlin.

DER SPIEGEL 39/1998
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