20.12.2010

KARRIERENEchte Krieger

Die Brüder Klitschko bezeichnen sich als Botschafter der Demokratie. Die Nähe der Boxer zu Tschetscheniens Herrscher Kadyrow passt nicht dazu.
In der Welt des Boxsports sind die Klitschkos ohne Zweifel Ausnahmeerscheinungen. Die Brüder Wladimir, 34, und Vitali, 39, sammelten Titel und Trophäen en masse - mehrere Weltmeisterschaften inklusive. Im Ring teilten sie kräftig aus, ohne außerhalb je als Schläger zu gelten. Zum schillernden Boxmilieu hielten sie erfolgreich Distanz.
Zwei sympathische Herren, so kennt das Publikum die beiden Ukrainer, gepflegtes Äußeres, dazu wohlformulierte Sätze. Sie wurden Unesco-Botschafter, mit Bambi und Goldener Kamera ausgezeichnet, der frühere Bundespräsident Johannes Rau ernannte die Brüder einst zu Botschaftern für Integration.
Selbst auf dem politischen Parkett bewegten sie sich tadellos - so schien es bislang jedenfalls. Während der orange Revolution 2004 in der Ukraine unterstützten die Boxstars die Demokratiebewegung. Vitali Klitschko gründete sogar eine Partei und kandidierte fürs Bürgermeisteramt in Kiew. "Wenn die Welt zuschaut", so Vitali damals, "denken eben auch brutale Machtmenschen intensiv darüber nach, ob sie eine friedliche Bewegung niederschlagen können."
Niemand zweifelte bislang an derart pathetischen Sätzen. Doch nun drängt sich der Eindruck auf, ihre Liebe zur Demokratie halte sich in überschaubaren Grenzen.
So auch am 15. August 2009. An jenem Sommerabend traf Saubermann Wladimir auf einen Politiker, der im Ruf steht, mehr als nur ein Schläger zu sein. In Deutschland bislang kaum registrierte Fotos zeigen den jüngeren Klitschko Seit an Seit mit Ramsan Kadyrow, 34, dem berüchtigten Herrscher Tschetscheniens. Kadyrow ist der Sohn des 2004 ermordeten Tschetschenen-Führers Achmed Kadyrow, er war einst Chef der Leib-garde seines Vaters. Heute ist er Provinzfürst von Wladimir Putins Gnaden - und wird von ausländischen Staatschefs gemieden.
Die Gründe dafür wiegen schwer: Menschenrechtsorganisationen werfen Kadyrow vor, persönlich gefoltert zu haben und seine Gegner unbarmherzig zu verfolgen. Österreichische Ermittler verdächtigen ihn gar, die Ermordung eines Exilanten in Auftrag gegeben zu haben. "Das Vernichten gelingt uns ganz gut", rühmt sich der Tschetschene, des-sen Markenzeichen eine vergoldete Pistole ist.
An jenem Augusttag bekam Kadyrow endlich die Anerkennung, nach der er so dürstet, durch einen echten Weltstar und bekennenden Demokraten - Wladimir Klitschko. Dessen Agentur K2 East hatte in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny eine Boxgala auf die Beine gestellt. Am Ende soll es von Klitschko Lob für den Despoten gegeben haben: "Ich will Ramsan Kadyrow, Präsident Tschetscheniens, danken." So steht es jedenfalls auf ukrainischen Internetseiten. Dieses Boxfest werde nicht das letzte in
der Tschetschenischen Republik gewesen sein. Jugendliche könnten dabei ihren Charakter festigen - als "echte Krieger".
Ein Ausrutscher? Keinesfalls. Anfang Dezember saß Vitali Klitschko neben Kadyrow am Boxring, in der ukrainischen Stadt Browary. Bilder von der Veranstaltung zeigen ab und an Sportler, zumeist aber Kadyrow: im oder am Ring, fast immer in Siegerpose, mal mit Boxer im Arm, mal trägt er ihn auf seinen Schultern. Wenige Tage zuvor hatte der Sonderberichterstatter des Europarats, Dick Marty, Tschetscheniens Herrscher im Mordprozess von Wien als Psychopathen beschrieben: "Er lebt in einem Palast, wo schon beim Eingang goldene Löwen stehen. Er hat einen Privatzoo mit einem Tiger, der auf der Roten Liste des WWF steht." Und dies soll den Klitschkos alles entgangen sein?
Veranstalter der Polit-Box-Show war erneut eine Klitschko-Agentur. Sie verbreitet auch ein Foto der beiden Hauptdarsteller des Abends in Grosny: von Kadyrow und Wladimir Klitschko. Auf der offiziellen Homepage der Stars findet sich allerdings kein Hinweis auf die Boxspektakel mit tschetschenischer Beteiligung. Nur wer sich weiter durchs Forum klickt, stößt auf Bemerkungen zur Begegnung zwischen den Klitschkos und dem Despoten - und auf viele kritische Stimmen.
Vorhaltungen weist Bernd Bönte, Geschäftsführer der Klitschko Management Group, zurück. Tschetscheniens Boxstar Saurbek Baisangurow sei bei einer Klitschko-Agentur unter Vertrag, ein Zusammentreffen mit Kadyrow deshalb kaum vermeidbar. Keiner der beiden Klitschkos habe sich jemals positiv über Kadyrow geäußert. Zitate in ukrainischen Medien seien frei erfunden, ansonsten gebe es von keinem der beiden Klitschko-Brüder zu Kadyrow eine Stellungnahme. Nein, die Weltstars selbst seien nicht zu sprechen, wimmelt der Manager ab.
Vielleicht gilt für die Klitschko-Brüder ja ein Hinweis, den Wladimir einmal im Radio gab: "Mit der Demokratie ist es wie mit dem Sport: Wenn man nicht regelmäßig was tut, ist die Form schnell dahin."
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 51/2010
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