Von Müller, Martin U.
Wenige Stunden vor dem Zugriff der Polizei kabbelte sich MDR-Intendant Udo Reiter noch mit den Rundfunkräten wegen der ARD-Programmreform. Er habe geschafft ausgesehen an diesem Montag, sagt ein Teilnehmer. Die bevorstehende Verhaftung des zweiten Mannes an der Spitze des Kinderkanals (Kika) am nächsten Morgen war kein Thema, sie wurde beim MDR wie ein Staatsgeheimnis behandelt.
"Schweren Herzens" habe er gegenüber den Räten geschwiegen, sagt Reiter heute. Manche sind deshalb sauer auf ihn.
Für Reiter ist die Sache ohnehin höchst unangenehm. Die Kika-Affäre rund um Marco K., den Herstellungsleiter des Senders, dürfte der größte Betrugsfall in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein. Reiters MDR steckt mittendrin im möglichen Betrugssumpf, denn die Leipziger Anstalt lenkt die Geschäfte des von ARD und ZDF betriebenen Kindersenders.
Marco K. hatte den Kanal maßgeblich mit aufgebaut. Er wird als klug, kompetent und umgänglich beschrieben. Und er war, was in der Führungsriege des MDR in den Neunzigern selten war, kein Westimport. "Natürlich waren wir froh um jeden Ostdeutschen", sagt der Bayer Reiter. K. vertrat den Senderchef, wenn der nicht da war, und vielleicht hätte er es eines Tages sogar selbst an die Spitze geschafft.
Seit vorvergangener Woche sitzt Marco K. in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, Aufträge an einen filmtechnischen Dienstleister, die Berliner Firma Koppfilm, erteilt zu haben, die nicht oder nur teilweise erbracht worden sind. Der Kika zahlte dafür, die Gelder soll K. gemeinsam mit dem Geschäftsführer von Koppfilm in die eigene Tasche gesteckt haben. Mehr als vier Millionen Euro beträgt der mutmaßliche Schaden laut Staatsanwaltschaft.
Die mögliche Betrugssumme könnte erheblich größer sein. Denn die Ermittler konzentrieren sich auf Fälle, die noch nicht verjährt sind. Vieles deutet aber darauf hin, dass Marco K. das Spiel mit gezinkten Rechnungen schon länger betrieben haben könnte. Mehr noch: Er wurde offenbar zum Ende hin vorsichtiger, wechselte wohl häufiger die Spielregeln seiner mutmaßlichen Masche. Denn nach der Affäre um den Sportchef Wilfried Mohren hatte der MDR strengere Richtlinien eingeführt. Mohren hatte 2005 Sendezeiten des MDR verkauft.
Allzu streng waren die Richtlinien aber auch danach nicht. Das ZDF warnte 2008 eindringlich vor den Zuständen beim Kika. In einem Revisionsbericht hieß es, dass Bestellungen und Abrechnungen personell nicht immer ausreichend getrennt seien. "Wir haben denen gesagt, dass sie mühelos zu betrügen sind", sagt ein ZDF-Mann.
Nach dem Fall Mohren hatte der MDR zudem die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC mit der Analyse von Abläufen beauftragt. Das Team der Abteilung "Forensic Services" unter Leitung eines Kriminalrats a. D. empfahl unter anderem, der Sender solle Programmverantwortliche von den Mitarbeitern trennen, die für den Einkauf zuständig sind. Der Vorschlag sei nicht praktikabel, entschieden die Verantwortlichen beim MDR - und setzten ihn nicht um. "Vielleicht hätten wir das doch machen sollen", sagt Reiter heute.
Offenbar wollte der MDR allen Warnungen und Vorschriften zum Trotz Marco K. einfach vertrauen. Auf jeden Fall räumte er ihm den ungewöhnlich hohen Verfügungsrahmen von 500 000 Euro ein, eine solche Sonderregelung sieht keine Vorschrift vor. Laut Reiter hatte beim Kika oder beim MDR außer K. niemand, der nicht Direktor oder Hauptabteilungsleiter ist, solche Vollmachten.
Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Sender und K. wurde auch nicht nachhaltig getrübt, als anonyme Hinweise über dessen Lebenswandel auftauchten. Er besitze ein Ferienhaus in Italien, hieß es. Der MDR forschte nach: Es war angemietet. Er lasse sich von einem Fahrer durch die Gegend kutschieren. Laut MDR nicht zu beanstanden. Es gab Gerüchte, K. sei außergewöhnlich oft im Spielcasino in Erfurt zugegen. War er spielsüchtig? Geschichten von einer möglichen Erbschaft machten die Runde. Der Rechtsanwalt von Marco K. wollte keine Stellung nehmen.
Auf jeden Fall war K. eine Lokal-Ikone, die Leser der "Thüringer Allgemeinen" wählten ihn vor einem Jahr unter die 100 wichtigsten Thüringer, in einem Atemzug mit der Sängerin Yvonne Catterfeld oder dem Schauspieler Thomas Thieme.
Auch beim Kika war K. "nicht irgendwer", wie Reiter sagt. "Er kannte jeden Winkel, jeden Strang der Befehlshierarchie und das hat er rücksichtslos ausgenutzt." Der MDR prüft nun auch, ob der Beschuldigte möglicherweise mit weiteren Firmen ähnliche betrügerische Modelle unterhielt.
Zwar gilt beim Kika wie beim MDR das Vieraugenprinzip, Aufträge mussten also von einem weiteren Mitarbeiter abgezeichnet werden. Möglicherweise waren die aber nicht sachkompetent genug, um die inhaltlichen Details mancher Aufträge alle richtig zu verstehen. Denn die wohl fingierten Bestellungen bei Koppfilm betrafen meist spezielle technische Dienstleistungen. Auch sei die Personaldecke so dünn, heißt es beim MDR, dass es automatisch Abhängigkeitsverhältnisse gebe: Untergebene müssten ihre Chefs kontrollieren.
Doch nun denkt auch der MDR darüber nach, wie eine vergleichbare Affäre in Zukunft verhindert werden kann. Möglicherweise müsse man eine eigene Abteilung einrichten, die Aufträge auch auf ihre inhaltliche Plausibilität prüft, meint Reiter - bleibt aber skeptisch: "Wenn einer betrügen will, der intelligent ist und den Laden kennt, braucht man einen Kontrollapparat, der größer ist, als der Sender selbst."
DER SPIEGEL 51/2010
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