27.12.2010

FILMDschihad der Dilettanten

„Four Lions“ ist die erste Satire über islamistische Selbstmordattentäter, aber der Film wird nur vereinzelt in Kinos gezeigt. Wahrscheinlich ist er zu lustig.
Der junge Mann blickt genauso entschlossen in die Videokamera wie all die anderen Fanatiker, die glauben, in den "Heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen ziehen zu müssen. Er trägt den üblichen olivgrünen Kampfanzug, ein Stirnband mit arabischen Schriftzeichen, sein dunkler Backenbart ist sorgfältig gestutzt. Doch irgendetwas stimmt nicht an der Inszenierung: In den Händen hält der Mann ein kleines Spielzeuggewehr aus Plastik.
Und auch die Körperhaltung ist irritierend: "Setz dich so hin, als ob du es ernst meinst!", befiehlt Omar seinem Freund Waj, dem Mann vor der Kamera. Die beiden sind Terroristen in spe, sie wollen ein Bekennervideo drehen, aber keiner weiß genau, wie das geht. Es eilt, bald gibt die Batterie in der Kamera den Geist auf.
Der Dschihad, er wird geführt von Dilettanten - diesen Eindruck erweckt zumindest die Eingangsszene von "Four Lions", dem Spielfilmdebüt des britischen Regisseurs Christopher Morris. "Four Lions" ist der erste Film, der islamistische Selbstmordattentäter zu Helden einer Satire macht.
Mit diesem provokanten Ansatz ist Morris weltweite Aufmerksamkeit sicher, was nicht unbedingt bedeutet, dass sich sein Film auch weltweit vermarkten lässt. "Four Lions" wurde Anfang des Jahres beim Filmfestival von Sundance in Utah uraufgeführt, er lief noch auf einigen Festivals, startete im Mai in Großbritannien und vor ein paar Wochen auch in ausgewählten US-Kinos. In vielen anderen Ländern, auch in Deutschland, traute sich bislang kein Verleih, das Werk herauszubringen. Fans von sehr schwarzem Humor können jetzt immerhin die britische DVD kaufen (Optimum Releasing).
Ob "Four Lions" der passende Film ist für ein Publikum, das gerade wieder hysterisch diskutiert über den Islam? Regisseur Morris, 45, hat keine Scheu vor heiklen Stoffen. Jahrelang verspottete er in der Satiresendung "Brass Eye" im britischen Channel 4 seine Landsleute; nach einer Episode über den Umgang der Medien mit Pädophilie wurde die Reihe abgesetzt. Für "Four Lions", sagt Morris, habe er drei Jahre recherchiert, er habe mit Imamen gesprochen, mit ganz normalen Muslimen in England, mit Terrorismusexperten und Polizisten. Sein Film macht sich lustig über islamistische Terroristen, aber nicht über den Islam, eine schwierige Gratwanderung, doch sie gelingt, meistens jedenfalls. "Man kann keinen Film drehen, der hundertprozentig Fatwa-sicher ist", sagt Morris.
Fünf Jahre nach den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn mit 52 Toten inszeniert der Regisseur die Tragödie als Farce. Im Stil einer Dokumentation zeigt er fünf junge Muslime in Sheffield, South Yorkshire, radikalisiert durch die Botschaften von al-Qaida, aber handwerklich noch weit entfernt von ihren Vorbildern.
Anstatt sich unauffällig zu verhalten, backt einer einen Kuchen in Form des World Trade Center. Ein anderer kauft literweise Dünger zur Sprengstoffherstellung, immer im gleichen Geschäft. Zur Tarnung verstellt er manchmal seine Stimme und imitiert einen Belfaster Akzent, damit er klingt "wie einer von der IRA", der nordirischen Terrorgruppe. Neben potentiellen Anschlagszielen (McDonald's? Eine Drogerie? Eine Moschee?) diskutieren Omar und seine Leute die Frage, ob die Polizei ihre Handys auch dann orten kann, wenn sie ihre Sim-Karten aufessen. Versuchen kann man's ja mal.
Es liegt also noch viel Arbeit vor ihnen, und deshalb reisen zwei der Jungs aus Sheffield, Omar (Riz Ahmed) und Waj (Kayvan Novak), in ein Terrortrainingscamp nach Pakistan. Dort streiten sie sich mit ihren Ausbildern, in welcher Himmelsrichtung Mekka liegt. Völlig zum Desaster gerät der Einsatz einer Panzerfaust: Statt eine amerikanische Aufklärungsdrohne abzuschießen, feuert Omar ins eigene Lager. Woher soll er auch wissen, wo bei seiner Waffe vorn und hinten ist?
Zurück in England, steigert sich das Chaos weiter. Im Umgang mit Sprengstoff stellen sich Omars Freunde nämlich ähnlich geschickt an wie Stan Laurel und Oliver Hardy beim Transport eines Klaviers. Einer der Möchtegern-Märtyrer stolpert, schwer beladen, auf einer Wiese über ein Schaf. Was nach der Explosion von Mensch und Tier übrig bleibt, passt in einen Plastiksack.
Viele Zuschauer dürften diese Art Humor zynisch finden. Tatsächlich bricht "Four Lions" jedoch nur mit der Tradition der vergangenen Jahre, real existierende Terroristen im Kino zu coolen Desperados zu stilisieren wie etwa im RAF-Western "Der Baader Meinhof Komplex" oder auch in "Carlos - Der Schakal". Statt Popstars, die leider zufällig auch Mörder waren, zeigt Regisseur Morris unterbelichtete Fanatiker, die ihrer Ideologie folgen, im Zweifel bis in den Tod.
Welche Charakterisierung der Wahrheit am Ende näher kommt, wissen nicht einmal die Täter selbst. Die größere Verstörung beim Publikum dürfte in jedem Fall Morris' Film auslösen: mit der bösen Pointe, dass auch vermeintliche Deppen eine Katastrophe anrichten können.
Omar und seine Freunde planen schließlich einen Anschlag auf den London-Marathon. Den Sprengstoff tragen sie am Körper, versteckt unter viel Plüsch. In Tierkostümen. Verkleidet als Vogel Strauß oder Kampfschildkröte, wollen sie sich unter die Läufer mischen.
Sie sehen ziemlich lächerlich aus in diesen Kostümen. Bis zuletzt.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 52/2010
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