03.01.2011

RECHTSEXTREMEAllein unter Nazis

In Mecklenburg beherrschen Neonazis ein komplettes Dorf. Politik und Behörden resignieren. Nur ein Künstler-Ehepaar leistet den Rechten Widerstand.
Seit sechs Jahren bauen Horst und Birgit Lohmeyer an ihrem Lebenstraum. Sie renovieren ein Forsthaus auf dem Land, in Jamel, einem Weiler kurz vor Wismar. Birgit Lohmeyer schreibt Krimis, ihr Mann macht Musik, sie tun so, als wäre alles ganz normal, hier in Jamel.
Es war nicht einfach, das Haus zu finden. Mehrere Monate lang fuhren sie jedes Wochenende von Hamburg aufs Land, in den Osten, aber die meisten Häuser waren zu teuer. Den Hof in Jamel gab es recht günstig - ein Anwesen aus rotem Backstein, leicht heruntergekommen, aber nicht weit von der Ostsee, inmitten von Linden und Ahornbäumen, gegenüber einem See.
Die Lohmeyers wussten, dass in der Nachbarschaft ein berüchtigter Neonazi wohnt. Der Abrissunternehmer und NPD-Kader Sven Krüger. Was sie nicht wussten: Nachbarn fühlten sich von Krüger terrorisiert. Er und seine Kameraden bemühten sich, das ganze Dorf aufzukaufen.
Im Örtchen Jamel konzentrieren sich geradezu beispielhaft all die Probleme, die Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren mit den Rechten plagen. Das Land leidet schon lange unter seinem schlechten Ruf. In Schwerin sitzt die NPD seit 2006 im Landtag, Straftaten von Neonazis gehören zum Alltag. Seit einigen Monaten nun erschüttert eine Serie von Übergriffen auf Politiker aller demokratischen Parteien das Land. Zeitweise verging kaum eine Woche, ohne dass ein Wahlkreisbüro angegriffen wurde: Farbbeutel, rechte Schmierereien, zerbrochene Fenster.
Norbert Nieszery, SPD-Fraktionschef im Landtag, spricht von einer "Frühform des Terrors". Ihm selbst wurden innerhalb kürzester Zeit zweimal die Büroscheiben eingeworfen. Innenminister Lorenz Caffier (CDU) beobachtet eine "neue Qualität" rechtsextremer Gewalt. Er vermutet, die NPD wolle sich durch aggressives Auftreten vor der Landtagswahl im September profilieren. Ein Gemeindebürgermeister hat Polizeischutz beantragt, nachdem Rechte ihn immer wieder bedrohten. Der Verfassungsschutz warnt vor dem wachsenden Einfluss der NPD in den Kommunen. Die Neonazis versuchen, sich im Alltag festzusetzen.
Nirgendwo ist das den Rechtsauslegern so sehr gelungen wie in Jamel. Würde man die Rechten wegschicken, wäre das Dorf leer. Jamel ist längst nicht mehr nur ein Problem der Region oder des Bundeslandes, mit der verheerenden Situation beschäftigt sich inzwischen auch Berlin.
Vor einigen Monaten besuchte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse das Dorf. Der SPD-Mann saß eine halbe Stunde bei den Lohmeyers im Wohnzimmer und versprach, sie im Kampf gegen die Neonazis zu unterstützen. Geschehen ist bis heute nichts. Jamel ist zum Symbol dafür geworden, dass es Orte in Deutschland gibt, an denen die Rechten nahezu alles tun können, was sie wollen.
Die Lohmeyers zogen 2004 nach Mecklenburg. Sie begannen, den Forsthof herzurichten, und suchten Kontakt zu den Nachbarn. Nicht zu Neonazi Krüger, sie waren sich sicher, dass es nicht nur Rechte in Jamel geben würde.
Nur langsam wurde ihnen klar, wo sie gelandet waren. Von den Wänden vieler Häuser bröckelte der Putz, ein Dachstuhl war eingestürzt. Hinter der Bushaltestelle lagen Bierflaschen, Autoreifen, Benzinkanister. Grundstücke waren mit Stahlgittern gesichert, im Vorgarten zerrten Kampfhunde an ihrer Kette. Niemand entfernte die Hakenkreuz-Schmierereien vom Ortsschild.
Kahlrasierte Jugendliche in Armeehosen liefen durchs Dorf. Nazi-Rock dröhnte am Wochenende über die Felder. Aus dem Wald knallten Schüsse, die Kameraden hatten zum Wehrsport geblasen, die Polizei fand später Patronenhülsen in Schützengräben. Wenn die Lohmeyers durch den Weiler gingen, hoben Kinder die Hand zum Hitler-Gruß.
Krüger hat Jamel umgekrempelt. Er ist im Dorf aufgewachsen, schon sein Vater galt als rechtsradikal, er ließ den Sohn morgens im Schnee salutieren. In der Schule war Krüger ein Außenseiter, erinnert sich eine Bekannte. Freunde fand er erst in der Skinhead-Szene. Als junger Mann hat er rechte Schläger zum Überfall auf ein Zeltlager angestiftet. Wegen Einbruchs saß er in Untersuchungshaft. Lange Zeit waren die Krügers die einzigen Neonazis im Dorf.
"Heute sehen sie Jamel als ,national befreite Zone' an", sagt Lohmeyer. Die Rechten haben das Dorf innerhalb weniger Jahre übernommen. Inzwischen besitzen sie sieben der zehn Häuser. Wer sich nicht mit ihnen arrangieren wollte, wurde vertrieben. Sie schlugen Türen und Fensterscheiben ein, zerstachen Autoreifen, hissten die Reichskriegsflagge, feierten Hitlers Geburtstag; einer Familie steckten sie schon in den Neunzigern tote Hühner auf den Gartenzaun und drohten: "Wir räuchern euch aus."
Das Dorf leerte sich. Krüger ermunterte seine rechten Freunde, die freien Häuser zu kaufen. Selten verirrten sich noch andere Menschen nach Jamel. Ein Paar, das dorthin ziehen wollte, begrüßten die Neonazis mit "Verpisst euch", kurz vor dem Einzug brannte ihr Haus. Ein Neu-Eigentümer wagte sich nur in Begleitung von Polizisten in das Dorf.
Die Lohmeyers haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, sich nicht aus Jamel vertreiben zu lassen. Einmal im Jahr laden sie auf einer Wiese hinter dem Hof zu einem Festival ("Jamel rockt den Förster"). Bands treten auf, Rock, Pop, Metal. Seit 2009 ist der Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns, Erwin Sellering (SPD), Schirmherr. Die Polizei zäunt das Gelände ein und bewacht den Eingang - in den vergangenen Jahren blieb es weitgehend ruhig.
Im Sommer aber sprangen Neonazis über den Zaun, pöbelten und griffen die Gäste an. Die Polizei ging dazwischen und stoppte die Randalierer. Doch die Beamten können die Lohmeyers nicht immer schützen. Bis zur nächsten Polizeistation sind es zwölf Kilometer.
Lohmeyer sitzt in der Küche über eine Landkarte gebeugt und fährt die Straße mit dem Finger ab: Gressow, Neu Degtow, Grevesmühlen - eine Viertelstunde ist man unterwegs zur nächsten Wache. Als Krüger im Sommer heiratete, reisten mehrere hundert Rechte aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz an, darunter viele hochrangige NPD-Politiker wie der Landesvorsitzende Stefan Köster.
Jamel ist Pilgerstätte der Neonazis; aus ganz Europa kommen sie zu Besuch, um sich das Dorf anzusehen, in dem die Rechten das Sagen haben. Auf Krügers Hochzeit feierten sie bis spät in die Nacht mit völkischer Rockmusik. Sie entzündeten ein Feuerwerk. Die Lohmeyers lagen schlaflos in ihrem Bett, starr vor Angst.
Ortsbürgermeister Uwe Wandel steht den rechten Umtrieben in seiner Gemeinde hilflos gegenüber. Wenn er über Jamel spricht, klingt er bitter. "Die Polizei, die Behörden, niemand traut sich einzugreifen. Die Nazis lachen uns aus." Immer wieder, sagt Wandel, habe er die Landesregierung in Schwerin um Hilfe gebeten. Der Innenminister und eine Delegation des Landtags kamen zu Besuch. "Sie blieben 20 Minuten, zeigten sich betroffen - und dann fuhren sie wieder."
Jamel sei ein rechtsfreier Raum, die Behörden würden nicht entschieden genug gegen die Rechten vorgehen, klagt Wandel. Krüger könne ungestraft Bauschutt im Dorf abladen und Müll verbrennen. Der Leiter des Ordnungsamts in Grevesmühlen sagt, der Landkreis müsse sich des Problems annehmen. Im Landratsamt heißt es, für Jamel seien die Behörden vor Ort zuständig.
Krüger hat längst größere Pläne. Seit 2009 sitzt er für die NPD im Kreisrat. In Grevesmühlen hat er Teile eines Betonwerks gekauft. Er nutzt es als NPD-Bürgerbüro und für sein Abrissunter-nehmen. Auf dem Firmenlogo werden die Konturen eines Davidsterns zerschlagen. Der Slogan: "Wir sind die Jungs fürs Grobe". Das Betriebsgelände ist mit Stacheldraht geschützt, Hunde bellen. "Lieber tot als Sklave" steht über dem Eingang. Zu den Vorwürfen gegen ihn will Krüger nichts sagen. Nur so viel: "Alles, was über mich geschrieben wird, ist falsch. Gegen das System habe ich keine Chance."
Krüger hat in den vergangenen Monaten neue Mitarbeiter eingestellt. Er erhält Aufträge aus der rechten Szene, aber auch von Unternehmen aus der Region. Bürgermeister Wandel sagt, er sei entsetzt, wie weit die rechten Strukturen in Mecklenburg inzwischen reichten. "Ich habe Angst vor einem zweiten, dritten, vierten Jamel."
An den Ortseingang haben die Neonazis einen Stein gerollt, auf dem eine Tafel befestigt ist: "Dorfgemeinschaft Jamel - frei, sozial, national". Daneben weisen Schilder den Weg zu Hitlers Geburtsort: "Braunau a. Inn 855 km", nach Breslau und nach Königsberg. Niemand räumt den Stein weg. Bürger und Politiker haben resigniert: "Wir haben Jamel aufgegeben", sagt Wandel.
Nur die Lohmeyers sind geblieben.
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 1/2011
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