03.01.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE„Ich oder ihr“

Warum eine Unternehmerin in den USA sich selbst entließ
Lola Gonzalez hatte sich vorgenommen, die schlechte Nachricht am Montag öffentlich zu machen, während der Wochenkonferenz. Es gab keinen Grund mehr, die Entscheidung zu verschweigen, im Gegenteil, sie war überfällig, wenn Lola Gonzalez ihre Firma retten wollte.
Die Firma heißt Accurate Background Check, abgekürzt ABC, sie ist zu finden in Ocala, in Florida, und sie bietet anderen Firmen eine Dienstleistung an. ABC überprüft Bewerber, die sich auf Stellenanzeigen melden. Gonzalez' Firma kontrolliert Lebensläufe, fahndet nach verschwiegenen Vorstrafen, befragt frühere Arbeitgeber. Die Website von ABC zeigt eine Frau hinter einer ausdruckslosen Maske, daneben steht: Wissen Sie, wen Sie einstellen?
Die Probleme von Lola Gonzalez, 51, begannen vor mehr als einem Jahr, sie waren, so sagt sie es, eine Folge der Finanzkrise. Als die US-Wirtschaft abstürzte, nahm die Zahl ihrer Kunden, die ihre Rechnungen nicht beglichen, zu, andere Kunden kündigten die Geschäftsbeziehung ganz. Die Chefin schrieb Mahnungen an säumige Zahler, sie verordnete ihren Mitarbeitern Kurzarbeit, verschob die Anschaffung neuer Geräte. "Wir versuchten alles Mögliche, aber die Situation blieb, wie sie war."
Die Situation war nicht akzeptabel, und sie wusste das. Sie musste mehr sparen, sie musste jemanden entlassen, ihr Mann riet ihr schon seit Wochen dazu.
Aber Lola Gonzalez wollte das nicht. Bevor sie die Firma vor gut zehn Jahren gründete, war sie Sozialarbeiterin, sie kümmerte sich vor allem um kubanische Flüchtlinge, wollte ihnen Perspektiven bieten.
Mit ähnlichen Worten beschreibt sie heute ihre Rolle als Unternehmerin, sie sagt, sie wolle Möglichkeiten schaffen für ihre Mitarbeiter, ihre Kunden. Sie sagt, sie wolle Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems. Lola Gonzalez hatte vor, Arbeitsplätze zu schaffen, nicht Arbeitslose. Das war einer der Gründe, die sie am Unternehmerleben reizten.
Aber die Umstände erlaubten es ihr nicht mehr, Teil der Lösung zu sein. Sie musste jemanden entlassen, wenn die Firma überleben sollte. Nur wen?
Sie ging die Liste ihrer Angestellten immer wieder durch, die Firma beschäftigt acht Männer und Frauen, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen, einen ihrer Mitarbeiter zu entlassen. Mal war es die persönliche Situation eines Angestellten, die es ihr unmöglich machte, ihn rauszuschmeißen; mal war es das Wissen, auf das sie glaubte angewiesen zu sein. So blieb ihr nur ein Ausweg.
Sie meldete sich als Letzte während der Montagskonferenz, sie sprach über die Situation der Firma, sagte, dass ein Opfer nötig sei, jemand müsse gehen.
Lola Gonzalez erinnert sich, dass die Männer und Frauen vor ihr immer stiller wurden, immer kleiner: Die Arbeitslosenquote in Ocala liegt bei 14 Prozent. "Sie saßen da wie Karnickel im Scheinwerferlicht eines Autos." Dann sagte sie, wer gehen werde: "Ich."
Es blieb still. Niemand sagte etwas. Alle starrten nur auf die Frau da vorn, erwarteten, dass sie sich korrigiere. Aber stattdessen sagte sie: "Das ist die beste Lösung." Sie verdiene am meisten, rund 100 000 Dollar, also entlaste ihre Kündigung die Firma am stärksten. Außerdem sei sie wahrscheinlich am ehesten in der Lage, einen neuen Job zu finden, denn, so erklärte sie es, "ich bin Unternehmerin, ich bin es gewohnt, kreativ zu sein, Risiken auf mich zu nehmen". Das klang ein wenig überheblich, aber niemand beschwerte sich.
Um ihr Risiko zu minimieren, verkaufte sie zunächst ihren Mercedes und stieg um in einen kleinen BMW, sechs Jahre alt mit undichtem Sonnendach. Außerdem machte sie sich auf die Suche nach einem Job.
Lola Gonzalez kümmert sich ehrenamtlich noch immer um Hilfsbedürftige, sie hat viele Kontakte, sie ließ ihre Bekannten wissen, dass sie sich selbst entlassen hatte und nun auf der Suche nach Arbeit war. "Du hast was?", diese Frage hörte sie oft in den ersten Tagen ihrer selbstgewählten Arbeitslosigkeit.
Nach ungefähr drei Wochen traf sie den Regionalleiter einer Hilfsorganisation, sie heißt Devereux Kids, es war ein Zufall, er hörte ihre Geschichte, war erstaunt, beeindruckt, sagte: "Ich habe da vielleicht was für Sie."
Heute arbeitet Lola Gonzalez wieder als Sozialarbeiterin, sie verdient ungefähr die Hälfte dessen, was sie in ihrer Firma bekam. Die Firma gehört ihr nach wie vor, sie wird jetzt von ihren Mitarbeitern geführt, die Eigentümerin schaut mehrmals in der Woche nach dem Rechten.
Sie hofft, dass die Wirtschaft in den USA bald wieder anspringt, dann will sie sich wieder einstellen. Lola Gonzalez sagt, dass sie ihren Entschluss nicht bereue. Es sei eine sehr sinnvolle, naheliegende Entscheidung gewesen.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 1/2011
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