03.01.2011

PARTEIENDer deutsche Geert

René Stadtkewitz, ehemaliger CDU-Abgeordneter in Berlin, sammelt die Geister, die von Thilo Sarrazin entzückt und von den Parteien enttäuscht sind, in einer neuen Partei rechts von der CDU. „Die Freiheit“ will mit der Angst vor dem Islam Politik machen. Von Jochen-Martin Gutsch
Die 52 Männer und Frauen wollten ungestört bleiben, sie trafen sich in einem Saal des Hotel Maritim in Berlin-Tiergarten. Ort und Uhrzeit kannten nur die 52. Sie wollten keine Demonstranten und auch keine Journalisten. Einzig Daniel Pipes war anwesend, ein amerikanischer Autor, der zufällig in der Stadt war, ein Islam-Kritiker und Ex-Berater von Rudolph Giuliani, dem früheren Bürgermeister von New York.
Das Hotel Maritim liegt in der Stauffenbergstraße, in Nähe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, was die 52 als historischen Hinweis und Ermutigung empfanden. Schließlich wollen sie, wie einst Stauffenberg, Deutschland vor dem Schlimmsten bewahren. Sie beschlossen eine Satzung und berieten über ein 77 Seiten starkes Parteiprogramm, in dem es unter anderem heißt: "Wir setzen uns mit aller Macht gegen eine Islamisierung unseres Landes ein."
Sie gaben der neuen Partei einen großen Namen. Einen, für den es sich zu kämpfen lohnt: "Die Freiheit".
Zum Parteivorsitzenden wählten die Männer und Frauen einen unscheinbaren Mann mit Bürstenhaarschnitt und melancholischen Augen, den 45-jährigen Geschäftsführer einer Firma für Alarmanlagen und Sicherheitstechnik, René Stadtkewitz.
Einige Wochen später sitzt Stadtkewitz am Steuer seines 5er BMW. Es ist ein kalter November-Morgen, Berlin verschwindet langsam im Rückspiegel, und das Erste, was einem an René Stadtkewitz auffällt, ist seine schöne Stimme. Stadtkewitz hat einen warmen, satten Bass, so wie ihn die Leute beim Klassikradio haben oder Moderatoren von Wunschmusiksendungen. Man sitzt neben ihm im Auto und spürt, wie die seltsamen Sätze ihre Wucht verlieren.
Stadtkewitz sagt: "Wenn wir es demografisch nicht hinkriegen, ist Algerien irgendwann auch in Berlin. Der Islam war immer auch eine Eroberungsreligion." Stadtkewitz' Bass brummt gemütlich, und man glaubt die Zigaretten zu hören, den Rauch, den Stadtkewitz im Zweistundentakt durch seine Lungen schießt. Rund 550 Kilometer sind es bis nach Wetzlar in Hessen, aber in der Nacht will Stadtkewitz auch schon wieder zurück sein in Berlin. Über tausend Kilometer Autofahrt also, dazwischen politische Gespräche und eine Pressekonferenz.
Stadtkewitz jagt über die Autobahn.
"Es gibt doch eine Pressekonferenz, oder, Marc?", fragt Stadtkewitz.
Die Frage richtet sich an den Mann, der hinten sitzt, auf der Rückbank. Er heißt Marc Doll, ist 33 Jahre alt, seit 15 Jahren Vegetarier und von Beruf Lehrer. Doll trägt einen glatten Seitenscheitel, hat ein braves Gesicht und ist der stellvertretende Parteivorsitzende.
"Soweit ich weiß, ja, René", sagt Doll.
Stadtkewitz nickt zufrieden. Die Sache in Wetzlar klingt vielversprechend. Einige Leute aus der dortigen FDP wollen sich der "Freiheit" anschließen. Stadtkewitz kennt die Leute nicht, es gab nur E-Mails und Telefonate, aber wenn die FDP-Leute jetzt wirklich überlaufen, dann wäre das ein Coup, der "in Hessen für einigen Wirbel sorgt. Auch in den Medien", sagt Stadtkewitz.
Wirbel ist sicherlich nicht schlecht für eine neue, fast unbekannte Partei. Zumal ja auch Stadtkewitz, der Parteichef, fast unbekannt ist: ein ehemaliger CDU-Politiker aus Berlin, der nie groß auffiel, der keinen großen Posten besetzte, der wenig Schlagzeilen produzierte. Der klassische Mann aus der zweiten Reihe. Es gibt ein paar Geschichten über ihn in Berliner Zeitungen, in denen Stadtkewitz meist als Rechtspopulist beschrieben wird.
Aber was heißt das?
"Tja, was soll das eigentlich sein, ein Rechtspopulist?", fragt Stadtkewitz und kratzt sich am Kopf.
Jemand wie der Niederländer Geert Wilders?
"Das ist Quatsch. Rechtspopulist. Geert Wilders ist ein großer Demokrat und Liberaler. Ich kenne ihn ja gut."
Aber Wilders sagt, dass man den Koran verbieten müsste. So wie man Hitlers "Mein Kampf" verboten hat.
"Ach, manchmal übertreibt Wilders", sagt Stadtkewitz. "Aber man muss die Dinge auch zuspitzen dürfen. Die innere Ablehnung des Islam ist doch längst eine Mehrheitsmeinung in Deutschland. Das sieht man an der Sarrazin-Debatte."
Die Sarrazin-Debatte, dieser Ausbruch deutscher Ängste, verlief für Stadtkewitz so: Zuerst las er das Sarrazin-Buch, gleich nach dem Erscheinen. Stadtkewitz gefiel, was er las, er fühlte sich bestätigt und bestärkt.
Als er das Buch am Ende wieder zuschlug, tobte in Deutschland längst eine Buchdebatte und anschließend eine Integrationsdebatte. Was Stadtkewitz "in der Heftigkeit" erst mal überraschend fand.
Das Buch ist dick und zahlengetränkt, kein klassischer Bestseller-Stoff. Aber es scheint ein verstecktes deutsches Gefühl offenzulegen: ein Gefühl von Bedrohung und Verlust.
In den vergangenen Jahren gab es ähnliche Debatten - die deutsche Integrationsdebatte ist ein Ritual, man kann darauf warten wie auf einen Herpes-Ausbruch. Nur gab es diesmal ein klares Feindbild: die Muslime.
Geführt wurde sie nicht in erster Linie von Politikern, sondern von den Buchkäufern. Allein das Buch zu kaufen glich einem Bekenntnis. Man sagte an der Kasse: Sarrazin hat recht.
Und diese Hunderttausende Käufer ließen in René Stadtkewitz das Gefühl wachsen, dass seine gerade in Gründung befindliche Partei ein Erfolg werden könnte. Es gab eine Stimmung im Land, und er, Stadtkewitz, müsste sie nur zu einer politischen Bewegung formen.
Rund 6000 Mitgliedschaftsanfragen gingen innerhalb weniger Wochen nach der Parteigründung bei der "Freiheit" ein. Stadtkewitz und seine Leute schafften es kaum, alle Anfragen zu beantworten. Sie versanken in der Welle.
In einer Umfrage im Auftrag der "Berliner Zeitung" gaben 24 Prozent der Berliner an, sie könnten sich vorstellen, eine "gegen den Islam gerichtete Partei" zu wählen. Das Meinungsforschungsinstitut Emnid ermittelte, dass 18 Prozent der Deutschen eine Sarrazin-Partei wählen würden.
Eine Sarrazin-Partei gibt es aber nicht.
Es gibt René Stadtkewitz, einen Kleinunternehmer aus Berlin-Karow.
Stadtkewitz ist überrascht, wie schnell sich das Projekt entwickelt. Die Partei zum Buch sozusagen. Es haben ja nicht nur die FDP-Leute aus Wetzlar angefragt, sondern auch CDU- und SPD-Mitglieder, dazu all die parteilosen Bürger, die Enttäuschten, Wütenden und Verängstigten. Stadtkewitz muss sie nur einsammeln.
"Man hat mich immer unterschätzt", sagt Stadtkewitz und trommelt mit den Fingern auf dem Lenkrad seines BMW. "In der CDU haben sie gedacht: Ach, das macht der nie. So war es bei meinem Parteiaustritt, bei der Wilders-Veranstaltung und auch jetzt, bei der Parteigründung."
Michael Braun, der stellvertretende CDU-Fraktionschef in Berlin, sagt, dass Stadtkewitz irgendwann nicht mehr zu erreichen gewesen sei. "Beim Thema Islam hat er zugemacht. Da gab es so eine innere Radikalisierung", sagt Braun.
Kurt Wansner, der integrationspolitische Sprecher der Berliner CDU, sagt: "René hat sich beim Thema Integration am Ende nur noch mit den negativen Dingen auseinandergesetzt. Aber man tut ihm absolut Unrecht, wenn man ihn jetzt in die rechte Ecke stellt."
Stadtkewitz sagt, alles sei ein langsamer Prozess gewesen, über Jahre. Er habe nach Antworten gesucht, "auf Fragen, die mir keiner beantworten konnte oder wollte".
René Stadtkewitz wuchs in Ost-Berlin auf, einer islamfreien Gegend. Er macht Abitur, später baut er Industrieroboter in einem Ost-Berliner Betrieb. Im September 1989 verlässt Stadtkewitz die DDR. Mit seiner Frau und dem zweijährigen Sohn flieht er über Ungarn in den Westen. Nach der Wende kommt er zurück nach Berlin und tritt 1995 in die CDU ein, in erster Linie wegen Helmut Kohl und aus Dankbarkeit für die deutsche Einheit. Stadtkewitz wird Kreisvorsitzender in Pankow, später Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Er gilt als zurückhaltender, fleißiger Politiker. Stadtkewitz kümmert sich um die Bereiche Bauen und Stadtentwicklung, als 2005 plötzlich der Islam vor der Tür steht.
In Pankow, Stadtkewitz' Bezirk, soll eine Moschee gebaut werden, die erste im Ostteil der Stadt. Die Bürger in Pankow wehren sich gegen den Moschee-Bau. Es gibt Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und Lichterketten. Am Rande von Berlin, so sieht es aus, kämpft die freiheitlich-demokratische Grundordnung gegen die Islamisierung. René Stadtkewitz stellt sich an die Spitze der Protestbewegung.
Aber warum eigentlich?
Der Moschee-Bau, sagt er, sei für ihn der Auslöser gewesen. Die Bruchstelle, die sein Leben teilt. So wie es eine Zeit gibt vor und nach dem Mauerfall.
Stadtkewitz vergräbt sich in Büchern. Er liest den Koran, wobei er feststellt, dass dort "über 200-mal zum Mord an Andersgläubigen aufgerufen wird". Er liest die islamkritischen Bücher von Necla Kelek, Ayaan Hirsi Ali, Udo Ulfkottes "Der Krieg in unseren Städten" und viele mehr. Gut 50 Bücher sind es bis heute. Je tiefer Stadtkewitz in den Stoff eindringt, desto größer werden auch seine Befürchtungen.
Ein paar Mal fährt Stadtkewitz in die Migrantenviertel der Stadt, nach Neukölln und Wedding, wo er sich in Teestuben mit den Worten vorstellt: "Guten Tag, mein Name ist René Stadtkewitz, ich bin Landtagsabgeordneter der CDU."
Was wollte er dort?
"Das Bild aus den Büchern mit der Realität vergleichen", sagt Stadtkewitz. "Vor Ort mit den Betroffenen über den Islam und Integration diskutieren."
Es muss eine hübsche Situation gewesen sein. Die Muslime und der Islam-Kritiker, Highnoon in der Parallelgesellschaft. "Die meisten waren nicht sehr gesprächsbereit", sagt Stadtkewitz. "Es war so, als ob ich ein fremdes Revier betrete."
Was hatte er erwartet?
Stadtkewitz zieht die Schultern hoch. "Antworten."
In der CDU sind sie bald genervt von seinen Islam-Thesen, Stadtkewitz wiederum fühlt sich unverstanden, ausgegrenzt, er beklagt den Linkstrend der Partei unter Angela Merkel, und als 2009 eine islamkritische Veranstaltung, die Stadtkewitz organisiert, von der CDU abgesagt wird, tritt Stadtkewitz aus der Partei aus. In der Berliner Fraktion bleibt er. Aber dann trifft Stadtkewitz in Den Haag den Niederländer Geert Wilders, und Stadtkewitz ist begeistert von dessen Weg, der politischen Haltung und der Einschätzung des Islam als gefährlicher Ideologie. Stadtkewitz fühlt sich endlich verstanden. Er fragt Wilders, ob er zu einer Veranstaltung nach Berlin kommen würde. Wilders sagt zu. In Berlin stellt der CDU-Landeschef Stadtkewitz dann vor die Wahl: Wilders wieder ausladen - oder Ausschluss aus der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Seitdem ist René Stadtkewitz fraktionsloser Abgeordneter.
"Ich habe nichts gegen Muslime. Ich trenne zwischen Muslimen, der Religion Islam und der Ideologie Islam. Die Ideologie ist gefährlich", sagt René Stadtkewitz.
Auf seiner Fahrt nach Wetzlar hält er an einer Raststätte, noch auf dem Parkplatz klopft er sich eine Zigarette aus einem roten Pall-Mall-Päckchen. Stadtkewitz hatte vor einiger Zeit einen Schlaganfall, aber er kommt von den Zigaretten nicht los.
Drinnen trinkt er noch einen Automatenkaffee, während Marc Doll, der Partei-Vize, in ein Käsebrötchen beißt und unzufrieden wirkt. Doll kommt aus Heidelberg, wohnt seit ein paar Jahren in Berlin, war bis vor kurzem ebenfalls CDU-Mitglied und ist nicht nur Nichtraucher und Vegetarier, sondern Rohköstler. Für das Parteiprogramm schrieb er das Kapitel zur inneren Sicherheit und das kurze Kapitel über Gesundheitspolitik. Vermutlich, weil er sich als Einziger dafür interessiert.
"Ich habe jetzt einen Arzt an der Hand, der bei uns mitmachen würde", sagt Doll mit Käsebrötchen im Mund.
"Was für einen Arzt?", fragt Stadtkewitz.
"Na, ein ganz normaler Arzt. Ein Schulmediziner", sagt Doll. "Aber er macht manchmal auch so Events."
"Events?", fragt Stadtkewitz.
"Na ja, einen Barfußlauf zum Beispiel. Da geht es dann um Fußgesundheit. Schuhe machen ja die Füße kaputt, René."
"Barfußlauf, Marc?", sagt Stadtkewitz nur und starrt in seinen Kaffee.
Dann fahren sie weiter, durch Thüringen und Hessen, der Raucher und der Rohköstler. Mittags erreichen sie Wetzlar, und in einem Raum mit türkisfarbenen Wänden des Hotel Blankenfeld warten auch schon Sabine Merkelbach und Jörg Bader.
Merkelbach ist eine kleine burschikose Frau, Bader ein Mann mit schwarzen Haaren, die aussehen, als wären sie gefärbt. Merkelbach war FDP-Ortsvorsitzende und Bundestagskandidatin, Bader stellvertretender Kreisvorsitzender. Jetzt sitzen beide auf der einen Seite des Konferenztischs. Stadtkewitz und Doll sitzen auf der anderen. Die Situation erinnert an ein Casting: Merkelbach und Bader wollen es in die neue Partei schaffen, in Stadtkewitz' Band.
"Wir sind frustriert", beginnt Merkelbach. "Sehr frustriert", bestätigt Bader.
Beide erzählen, weshalb sie aus der FDP austraten. Es ist eine lange Liste an Gründen: die Mehrwertsteuererleichterung für Hoteliers, die fatale Bundespräsidentenwahl, Guido Westerwelle, die Griechenland-Hilfe, vor allem aber der Verrat "aller liberalen Grundsätze", die ganze Liste politischer Enttäuschungen.
Stadtkewitz nickt bedächtig, so, als habe er das alles längst geahnt.
"Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland allgemein nicht mehr stimmt", sagt Merkelbach. "Wir doktern nur noch an maroden Systemen herum", bestätigt Bader. "Es gärt überall. Wir müssen wieder wissen: Was sind unsere Werte?", sagt Merkelbach. "Wir müssen wieder zuerst an uns denken", ergänzt Bader.
Merkelbach und Bader scheinen in den Abgrund zu schauen, in den sie bald stürzen könnten. Und mit ihnen das ganze Land. Also das deutsche Lebensgefühl im 21. Jahrhundert: Die Zukunft ist ungewiss, führt aber gefühlt nach unten.
"Es gibt so eine gewisse Sehnsucht in der Bevölkerung", sagt Bader.
Eine gewisse Sehnsucht.
Aber wonach?
"Wir müssen jetzt gegensteuern", sagt Stadtkewitz, springt schnell in die Lücke und stellt die Eckpunkte seines Parteiprogramms vor: Einführung einer direkten Demokratie nach "Schweizer Vorbild", ein bundeseinheitliches Schulsystem, gemeinnützige Arbeiten statt Hartz IV, weniger Steuern, eine neue Integrationspolitik und einen Zuwanderungsstopp.
Jörg Bader findet das alles "sehr, sehr gut", Sabine Merkelbach stellt jubelnd "95 Prozent Übereinstimmung" fest, und René Stadtkewitz scheint plötzlich zu wachsen, hier in dem kleinen Hotelraum mit den türkisfarbenen Wänden.
Merkelbach und Bader schauen Stadtkewitz an wie einen Hoffnungsträger. Er ist der Cowboy, der nach Berlin reitet und dem undurchsichtigen Politik-Klein-Klein, der Bürgerferne, den Winkelzügen der Parteien ein Ende macht. Vor allem aber kann Stadtkewitz, ähnlich wie der weißhaarige Thilo Sarrazin, der Furcht vor dem Fremden einen bürgerlichen Anstrich geben.
Stadtkewitz ist ein Lokalpolitiker, was hilfreich sein dürfte. Denn jeder gute Populist, ob rechts oder links, sieht sich als Repräsentant des kleinen Mannes. Der einfache Bürger wendet sich gegen Eliten und Politiker, die ihm Rechte, Wohlstand, Werte und Identitäten rauben.
"Über den Zuwanderungsstopp, den Sie vorschlagen, haben wir gesprochen. Aber was machen wir mit den Migranten, die schon da sind?", fragt Merkelbach vorsichtig.
"Die Russlanddeutschen sind bei uns ein Problem", präzisiert Jörg Bader. "Wir haben in Wetzlar fast eine Ghettobildung."
Stadtkewitz schaut überrascht. Er ist Islam-Spezialist. Mit den Russlanddeutschen und den Ghettos von Wetzlar hat er nicht gerechnet.
"Was ich mir vorstellen könnte: Wir verlängern die Aufenthaltsgenehmigung nicht, wenn keine Integration vorliegt", sagt Stadtkewitz schließlich.
"Aber manche werden wir nicht los, weil sie den deutschen Pass haben", sagt Merkelbach leise. "Die Kasachen oder so."
Die Kasachen-Frage kann Stadtkewitz vorerst noch nicht lösen, aber sie diskutieren über den EU-Beitritt der Türkei, den man verhindern muss, und über erneuerbare Energien, die unabhängig machen vom arabischen Öl, und dann hat Stadtkewitz Hunger, und sie fahren alle los und essen bei Burger King. Stadtkewitz den Whopper, Marc Doll einen fleischlosen Burger.
Am Nachmittag schieben Bader und Merkelbach im Hotel die Tische zu einem Podium zusammen, für die Pressekonferenz.
Es kommt nur der Reporter einer Agentur, "die den Gießener Raum abdeckt". Stadtkewitz verkündet feierlich, dass Merkelbach und Bader jetzt mit an Bord seien bei der "Freiheit" und sie mit der Gründung eines Landesverbandes in Hessen beauftragt würden.
"Wofür steht Ihre Partei eigentlich?", fragt der Reporter.
"Wir wollen das gesamte nichtextreme Spektrum abdecken", sagt Marc Doll.
"Wir wollen die großen Fragen unserer Zeit angehen", sagt Stadtkewitz.
Spricht man mit Stadtkewitz über das Parteiprogramm, kommt man zu dem Schluss: Stadtkewitz will eine Art Schweiz. Nur mit weniger Bergen. Aber ansonsten: strenge Zuwanderungsregeln, schnelle Abschiebung, Minarett-Verbot, direkte Demokratie durch Volksentscheide, EU-kritisch, christlich-abendländisch, weitgehend muslimfrei, patriotisch, staatsfern, sicher und reich. Zumachen das Land, denn von außen kommt selten etwas Gutes. Nur europäische Bürokratie, Globalisierung, Islamisten und fremdländische Sozialbetrüger.
Es ist dunkel, als der BMW wieder Richtung Berlin rollt, 550 Kilometer. Stadtkewitz sagt, er habe lange überlegt, ob er sich das antun sollte: eine Parteigründung. Bei der Schill-Partei sah es eine Zeitlang ganz gut aus, bevor das Projekt scheiterte. Experten und Politologen sagen jetzt, dass populistische Parteien in Deutschland nur Erfolg haben können, wenn eine charismatische Persönlichkeit sie führt.
Stadtkewitz verfügt nicht über die kalte Persönlichkeit von Ronald Schill. Aber auch nicht über das Irrlichternde. Stadtkewitz ist ruhig, abwägend und kein Nazi. Das könnte schon reichen. Auch für Wähler aus der Mitte, die sich ungern die Hände schmutzig machen am rechten Rand.
Am liebsten würde Stadtkewitz zurückgezogen im Hintergrund arbeiten, die Partei aus der zweiten Reihe führen. So war es auch eigentlich mal geplant.
"Ich wollte die Partei zusammen mit Kirsten Heisig aufbauen. Sie sollte das Gesicht werden, ich der Organisator. Als ich aus der CDU austrat, lernten wir uns kennen, und sie sagte: ,Wenn du was Eigenes aufbaust, René, dann sage ich nicht nein.' Wir trieben die Sache voran, trafen uns, planten", sagt Stadtkewitz. "Aber dann passierte dieses tragische Unglück." Anfang Juli fand man die Leiche der Berliner Jugendrichterin im Tegeler Forst, an einem Baum aufgehängt. Ein Selbstmord. Ihr Buch "Das Ende der Geduld", das nach ihrem Tod erschien, wurde zum Bestseller.
"Jemanden wie Kirsten Heisig findet man nicht wieder", sagt Stadtkewitz.
Er hat versucht, mit Thilo Sarrazin ins Gespräch zu kommen. Erst sah es wohl gut aus, aber jetzt sieht es wieder schlecht aus. "Sarrazin will kein Gespräch, erst mal", sagt Stadtkewitz.
Bleiben noch Marc Doll, der auf der Rückbank döst, und einige Getreue in Berlin.
Die Partei ist noch klein. Aber sie wächst, vor allem in Nordrhein-Westfalen und Berlin. Im Dezember hat sie ihr 1000. Mitglied begrüßt. In den kommenden Monaten sollen sich deutschlandweit Landesverbände bilden, eine Parteigeschäftsstelle ist im Aufbau. Stadtkewitz würde gern im Zentrum der Stadt sitzen, im politischen Berlin, aber zurzeit treffen sie sich in Reinickendorf.
In Berlin, bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus, wird sich im nächsten Jahr die Zukunft entscheiden. "Das wird der Knackpunkt. Wenn wir es nicht schaffen, ins Parlament zu kommen, ist die Partei praktisch tot", sagt Stadtkewitz. Aber er sagt auch, dass er mit "deutlich über fünf Prozent der Stimmen" rechne.
Für den Wahlkampf hätte er gern ein Zugpferd. Ein prominentes Gesicht. Aber wahrscheinlich muss er es doch selbst machen. Stadtkewitz will sich einen Coach nehmen, der ihm zeigt, wie man Statements formuliert, die es in die Nachrichten schaffen, und wie man als Talkshow-Gast punkten kann. "Ich muss noch härter werden, klarer, pointierter. Ich muss auch provozieren. So wie Wilders."
Geert Wilders, der Held der europäischen Anti-Islam-Bewegung, ist das Vorbild, auch wenn Stadtkewitz das nie so sagen würde. Aber er profitiert bereits von Wilders' Kontakten. Stadtkewitz ist jetzt Teil einer europäischen Bewegung, und so fliegt er im Dezember nach Is-rael, zusammen mit dem Vorsitzenden der FPÖ, Heinz-Christian Strache, dem Belgier Filip Dewinter vom ähnlich ausgerichteten Vlaams Belang und Kent Ekeroth von den patriotisch-antiislamischen Schwedendemokraten. Sie fahren zu jüdischen Siedlern im Westjordanland, in die Stadt Ashkelon am Gaza-Streifen, sie beraten über "Strategien gegen den islamischen Terror", und sie besuchen die Knesset, das israelische Parlament. Betreut wird die Delegation von Ariel Shomer, dem Kabinettschef des ehemaligen Staatspräsidenten Ezer Weizman.
Es ist nicht ganz klar, was die konservativen Israelis sich von Stadtkewitz und den anderen Parteiführern versprechen, vielleicht ist es aber auch ganz einfach: Sie haben eine Angst, die sie verbindet. Die Angst vor dem Islam.
Während der Reise verabschiedet die Delegation die "Jerusalemer Erklärung", eine Art Manifest. "Nachdem die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts überwunden wurden", heißt es darin, "sieht sich die Menschheit gegenwärtig einer neuen weltweiten totalitären Bedrohung ausgesetzt: dem fundamentalistischen Islam. Wir betrachten uns als Teil des weltweiten Kampfes der Verteidiger von Demokratie und Menschenrechten gegenüber allen totalitären Systemen und deren Helfershelfern."
Nicht nur in Israel, auch im fernen Amerika scheinen sie jetzt auf Stadtkewitz aufmerksam zu werden. Sarah Palin, die ehemalige US-Vizepräsidentschaftskandidatin, schickte Grüße an René Stadtkewitz und seine Delegation nach Israel, und womöglich schafft er es sogar bald nach New York, ins Herz der Welt. Noch sei nichts sicher, sagt Stadtkewitz, aber im vergangenen Jahr sprach dort Geert Wilders zum neunten Jahrestag des 11. September auf Einladung der Organisation "Stoppt die Islamisierung Amerikas". In diesem Jahr, zum zehnten Jahrestag, überlegen sie nun, René Stadtkewitz einzuladen.
Den deutschen Geert.
Stadtkewitz arbeitet an seiner Wilders-Werdung, und so sieht man ihn an einem klaren, eisigen Morgen auf dem Außendeck eines Fährschiffs stehen, das sich langsam von Rostock nach Dänemark bewegt. Stadtkewitz ist auf dem Weg nach Kopenhagen, wo er an der internationalen Tagung der islamkritischen "Free Press Society" teilnimmt.
Im dänischen Fährhafen Gedser geht Stadtkewitz von Bord. Der BMW kämpft sich über die verschneite Autobahn nach Kopenhagen, Stadtkewitz erreicht mit Verspätung das dänische Parlament, und als er schließlich den schönen alten Saal im ersten Stock erreicht, hat die Tagung bereits begonnen.
Stadtkewitz setzt sich in eine der hinteren Reihen. Er spricht schlecht Englisch, aber Marc Doll übersetzt für ihn, und plötzlich fällt Stadtkewitz' Name: "Hello Mister Stadtkewitz from Germany!", begrüßt ihn der Tagungsleiter.
Stadtkewitz steht auf und winkt kurz wie ein Staatsgast, umtost vom Beifall der rund 200 Leute. Er ist hier ein Kampfgenosse. Ihr Mann aus Germany.
Vorn am Podium steht Peter Skaarup von der Dänischen Volkspartei. "Der neue Totalitarismus des 21. Jahrhunderts wird ohne Zweifel der politische Islam sein", sagt Skaarup. Die dänische Volkspartei ist die drittstärkste Partei in Dänemark.
Später spricht Jimmie Akesson von den Schwedendemokraten, die gerade ins schwedische Parlament eingezogen sind. "Der Islam versteckt sich nur hinter der Religion. Er ist eine politische Ideologie", sagt Akesson. Er spricht vom Schweinefleisch, das in manchen schwedischen Schulen nicht mehr auf dem Speiseplan steht. Er spricht von der demografischen Entwicklung. "Im Jahr 2060 werden in England die echten, die ethnischen Engländer in der Minderheit sein."
Eine Frau aus dem Publikum schlägt vor, dass alle Muslime in Schweden nur noch zwei Kinder bekommen dürfen, per Gesetz.
So geht es immer weiter. All die Leute im Saal, die Redner, die Parteien, Stadtkewitz - sie sitzen in ihrem Weltbild wie in einer Parallelgesellschaft der Abwehr, der Angst. Aber sie glauben, sie kämpften für das Gute: die Freiheit, die Moderne, die Werte des Westens. Sie sehen sich als Kämpfer gegen die dunkle Gefahr aus dem Morgenland. Das macht ihre Islamophobie für viele Ängstliche wählbar.
Stadtkewitz steht am Fenster und schaut hinaus auf Kopenhagen, Schnee fällt. Dann tippt ihm ein kleiner Mann in einem schwarzen Anzug auf die Schulter. Das ist Chaim Muehlstein aus Israel.
"Sie sind ein Hoffnungsträger für uns, hier in Europa", sagt Muehlstein. "Sie und die anderen Parteien."
Stadtkewitz lächelt beseelt.
"In Dänemark, Schweden oder Holland ist man politisch schon weiter als in Deutschland, eine parlamentarische Kraft", stellt Stadtkewitz etwas zerknirscht fest, als die Tagung zu Ende ist. Er muss jetzt aufholen. Er muss ganz einfach Berlin erobern. ◆
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 1/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 1/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PARTEIEN:
Der deutsche Geert

Video 01:13

Heftiger Seegang beim "Volvo Ocean Race" Skipper vom Deck gespült

  • Video "Mikrotechnologie: Die kleinste Weihnachtskarte der Welt" Video 00:39
    Mikrotechnologie: Die kleinste Weihnachtskarte der Welt
  • Video "Tosendes Gewitter: Per Drohne und Timelapse durch den Sturm" Video 02:13
    Tosendes Gewitter: Per Drohne und Timelapse durch den Sturm
  • Video "Breitscheidplatz, 1 Jahr danach: Die schreiende Frage: warum?" Video 04:29
    Breitscheidplatz, 1 Jahr danach: "Die schreiende Frage: warum?"
  • Video "Web-Phänomen Murmel-Olympiade: Unterwasserrennen und Verletzungspech" Video 03:09
    Web-Phänomen Murmel-Olympiade: Unterwasserrennen und Verletzungspech
  • Video "Totaler Stromausfall: Chaos am Großflughafen in Atlanta" Video 00:49
    Totaler Stromausfall: Chaos am Großflughafen in Atlanta
  • Video "E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker" Video 02:14
    E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker
  • Video "Torkeln am Bahnsteig: Bahn warnt Festtagstrinker mit Unfall-Videos" Video 01:10
    Torkeln am Bahnsteig: Bahn warnt Festtagstrinker mit Unfall-Videos
  • Video "Pentagon-Video (2004): US-Jet beobachtet unbekanntes Flugobjekt" Video 00:37
    Pentagon-Video (2004): US-Jet beobachtet unbekanntes Flugobjekt
  • Video "Nächster Sieg für City: Sané und Gündogan glänzen gegen Tottenham" Video 03:03
    Nächster Sieg für City: Sané und Gündogan glänzen gegen Tottenham
  • Video "Webvideos der Woche: Ihr Gepäck finden Sie am Lost & Found-Schalter..." Video 02:55
    Webvideos der Woche: Ihr Gepäck finden Sie am Lost & Found-Schalter...
  • Video "Videoanalyse zum Parteitag: Die CSU ist in einem desolaten Zustand" Video 03:39
    Videoanalyse zum Parteitag: "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"
  • Video "Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär" Video 02:37
    Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär
  • Video "E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker" Video 02:14
    E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker
  • Video "CSU-Parteitag: Zum Streiten machen wir die Haustüre zu" Video 02:25
    CSU-Parteitag: "Zum Streiten machen wir die Haustüre zu"
  • Video "Heftiger Seegang beim Volvo Ocean Race: Skipper vom Deck gespült" Video 01:13
    Heftiger Seegang beim "Volvo Ocean Race": Skipper vom Deck gespült