03.01.2011

ENERGIEWindige Spekulation

Die Millionengeschäfte eines ostfriesischen Geschäftsmanns zeigen, welche Goldgräberstimmung in der jungen Branche herrscht.
Auf 54 Grad nördlicher Breite, 6 Grad östlicher Länge begann für Günter Eisenhauer der Traum vom großen Energiegeschäft. Dort in der Nordsee, 93 Kilometer nördlich der Insel Juist, sind auf einer Fläche von 4100 Hektar 80 gigantische Windräder geplant. Eine Million Menschen soll der Windpark Global Tech I einmal mit Strom versorgen.
Eisenhauer, gelernter Krankenpfleger und Selfmade-Unternehmer, bringt das Projekt möglicherweise Millionen ein. Es hat allerdings auch zu einem Kleinkrieg in seiner Familie geführt und könnte ihn obendrein bald vor Gericht bringen.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 48-Jährigen, mehrere frühere Geschäftspartner haben Strafanzeige erstattet. Sie fühlen sich um fast 150 Millionen Euro gebracht. Unter den mutmaßlich Geprellten sind Eisenhauers Bruder und sein Cousin. Der Fall zeigt, welche Goldgräbermentalität die junge Branche ergriffen hat.
Hat den Ostfriesen die Habgier übermannt angesichts des Investitions-Booms, den die Idee von Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee auslöste? Oder ist Eisenhauer, wie er selbst sagt, das Opfer einer Intrige? Es sei wie in einer "Lotto-Tippgemeinschaft", bei der einige zu früh ausgestiegen sind und nun einen entgangenen Gewinn einklagen wollten.
Die Offshore-Industrie ist ein ebenso verlockendes wie unberechenbares Geschäft. Vor der deutschen Küste liefern sich Stadtwerke und Großkonzerne einen hitzigen Wettkampf um die Vorherrschaft. 26 Parks sind bereits genehmigt, erst einer steht.
Eisenhauer hatte mit seinem Bruder und seinem Cousin schon Anfang der neunziger Jahre Windparks auf dem platten Land geplant. Das Trio schreckte auch vor Pionierprojekten nicht zurück. So gehörten die Ostfriesen aus Westerholt zu einer Gruppe von Unternehmern, die es aufs Meer zog und dafür 2003 mehr als zwei Millionen Euro in eine neue Firma steckten: die Nordsee Windpower GmbH & Co. KG. Eisenhauer, dessen Rhetorik-Talent alle bewunderten, wurde einer der Geschäftsführer.
Es war eine Risikoinvestition. Die Nordsee Windpower wollte nur die Genehmigung für Global Tech I bekommen und dann weiterverkaufen. Doch das Genehmigungsverfahren ist kompliziert. Der Schiffsverkehr muss berücksichtigt, Flora und Fauna müssen erfasst werden. Die Studien kosten Millionen. Wird der Park abgelehnt, ist das Geld weg.
Immerhin: Global Tech I wurde 2006 genehmigt, doch Geschäftsführer Eisenhauer dämpfte die Hoffnungen seiner Mitinvestoren auf einen schnellen, lukrativen Weiterverkauf.
Fast alle potentiellen Käufer für die Lizenz seien "auf einer Art Warteposition", hieß es bei einer Gesellschafterversammlung im März 2007. Die technischen Unwägbarkeiten des Projekts seien groß.
Tatsächlich waren wichtige Fragen nicht geklärt: Können ausreichend Windräder mit der geplanten Leistung geliefert werden? Wie kann man sie in 40 Meter Tiefe sicher installieren? Die Energiebranche scheint an Global Tech I dennoch interessiert gewesen zu sein. Eine Firma aus Emden schlug 20 Millionen Euro als Kaufpreis vor - für nichts als die Genehmigung. Einer französischen Firma schien die gesamte Projektgesellschaft sogar 130 Millionen Euro wert zu sein, wie ein Memorandum of Understanding zeigt.
Eisenhauer erklärt heute, die Offerten seien "vollkommen unverbindlich" gewesen und die Konditionen inakzeptabel. Die Emdener Firma habe unter anderem Planungsverbote für weitere Parks in der Umgebung gefordert, für die er auch noch persönlich garantieren sollte.
Der Ostfriese will nach eigener Aussage zu diesem Zeitpunkt nur einen ernsthaften Interessenten für den gewünschten Verkauf gesehen haben: ein Unternehmen in Dubai, das sämtliche Gesellschaftsanteile mitsamt der Lizenz schließlich für 4,9 Millionen Euro kaufte.
Seine Ex-Partner gehen inzwischen davon aus, dass die Anteile tatsächlich sogar 150 Millionen Euro wert waren. Und dass hinter der Käuferfirma in Dubai Strohmänner Eisenhauers steckten, was der wiederum bestreitet.
Fest steht: Die Global-Tech-Genehmigung blieb nur kurze Zeit im Emirat und landete nach dem Umweg über Dubai bei der Firma Wetfeet in Süddeutschland. Die Hälfte des Unternehmens mit dem schrägen Namen gehörte zu diesem Zeitpunkt Eisenhauer selbst.
Später kauften unter anderem die Stadtwerke München Anteile. "So lässt sich der Wert der Global-Tech-Lizenz hochrechnen", sagt Rechtsanwalt Stefan Dierkes, der nun Eisenhauers Ex-Partner vertritt.
Die Staatsanwaltschaft Oldenburg scheint hin und her gerissen. Erste Ermittlungen wurden eingestellt. Schon die atemraubenden Preisunterschiede in den verschiedenen Offerten zeigten "den spekulativen Charakter" solcher Projekte, hieß es unter anderem zur Begründung. Später wurden jedoch neue Untersuchungen aufgenommen. Diesmal geht es obendrein um den Verdacht der Steuerhinterziehung. Denn sollten die Vorwürfe gegen Eisenhauer zutreffen, könnte es bei dem Deal eine verdeckte Gewinnausschüttung gegeben haben.
Eisenhauer widerspricht. Der angenommene Preis von 150 Millionen Euro sei "weit nach unten zu korrigieren". Der Grund: Klauseln in den Verkaufsverträgen, die nachträgliche Anpassungen vorsähen - etwa wegen gestiegener Baukosten bei Global Tech I. Er werde mit dem Verkauf der Genehmigung am Ende vielleicht zehn Millionen Euro verdienen.
Von Anne Seith

DER SPIEGEL 1/2011
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