03.01.2011

FORENSIKJetzt mal ehrlich

Lügner sind kaum zu entlarven. Weder stottern sie alle, noch rast der Puls, es irrt auch nicht der Blick - seit Jahrzehnten finden Psychologen kein Körpersignal, das verlässlich die Unwahrheit verrät. Nun testen Forscher eine neue Methode: Sie stellen den Lügnern eine Falle.
Schimpansenmännchen halten, wenn sie in Gegenwart eines ranghöheren Kumpels um die Gunst eines Weibchens betteln, die Hand vor ihren erigierten Penis - so, dass er dem Boss verborgen bleibt, das Weibchen ihn aber sehen kann. Ist das schon eine Lüge?
Können Affen überhaupt lügen?
Der Gorilla Michael, auf Gebärdensprache trainiert, zerriss einmal die Jacke seiner Lehrerin Ellen. Sie fragte ihn: "Wer war das?" Michael gestikulierte: "Koko" - das war seine Käfiggenossin. Ellen fragte nach. Michael probierte es mit noch einem anderen Namen (diesmal ein menschlicher Betreuer); aber am Ende, als Ellen nicht nachließ, beichtete er dann doch: "Mike."
Das ist eine bewusste Täuschung. Auch jenseits solcher Anekdoten in kontrollierten Experimenten zeigt sich, dass jedenfalls die allernächsten Verwandten des Homo sapiens die Finessen des Vertuschens beherrschen.
Demnach sitzt das Talent zur Lüge dem Homo sapiens seit Urzeiten in den Genen. Die Sprache hat geholfen, es zu perfektionieren. Zwar gibt der Mensch zumindest vor, die Wahrheit zu lieben, aber er mag sich nicht immer daran halten, diese Neigung wohnt ihm inne, er kann nicht anders.
Jeder lügt. Politiker geben falsche Ehrenworte, Schriftsteller verkaufen Plagiate als ihr Werk, Manager beschönigen Bilanzen. Frauen geben bevorzugt falsches Zeugnis über ihre Lust im Bett, Männer über die Tiefe ihrer Gefühle für die Frau in ihrem Bett.
Im Schnitt zweimal täglich, so heißt es, verdrehe jeder Mensch die Wahrheit oder auch in zwei von drei Gesprächen, die mindestens zehn Minuten dauern. Irgendwie fand sogar die knallige Zahl von 200 Lügen pro Tag und Erdenbürger Eingang in die populäre Literatur - inzwischen so oft zitiert und nachgeplappert, bis kaum noch jemandem auffiel, dass es hierfür keinen einzigen Beleg gibt.
Klar ist jedenfalls: Alle lügen, aber niemand will belogen werden. Schon gar nicht die Kommissarin, die einen Raubmord untersucht, oder der Richter, der, wie jetzt im Fall Jörg Kachelmann, entscheiden muss, ob ein Beschuldigter tatsächlich seine Freundin vergewaltigt hat. Deswegen suchen Sicherheitsexperten und Psychologen seit Jahrzehnten nach Methoden, unehrliche Täter zu entlarven. Weit sind sie nicht gekommen.
In jüngerer Zeit erst sind die Forscher, hauptsächlich Teams in England und Schweden, der Wahrheit über die Lüge ein Stückchen näher gerückt. Mit einer völlig neuen Methode: Sie führen die potentiellen Täter aufs Glatteis - und diese geraten tatsächlich ins Taumeln.
Auf dem Weg zu diesen ersten Erfolgen haben die Psychologen eine Menge herausgefunden über den Lügner als solchen, seine Motive und die verblüffende Tatsache, dass er fast immer durchkommt mit seinem Heucheln, Irreführen und Beschönigen.
Es zeigt sich: Der Mensch ist tatsächlich zum Lügen geboren.
Eher selten hat er dabei Teuflisches im Sinn, nicht allzu oft erfindet er Geschichten, um Gegner zu vernichten, oder blufft, um Leute zu betrügen, zu bestehlen, zu erniedrigen.
Die meisten Menschen hingegen tricksen sich, durchaus salonfähig, mit vielen kleinen Täuschungen durchs Leben; meist steckt die Angst vor Strafe oder Gesichtsverlust dahinter.
Scham kann ein Motiv sein ("Nein, ich hab gestern Abend nichts getrunken, keine Ahnung, wie die Beule ins Auto gekommen ist"), wir werden aber auch erfinderisch, wenn wir Kritik fürchten ("Natürlich habe ich den Kunden rechtzeitig gewarnt"), und dosieren die Wahrheit, wenn es darum geht, die Ehe zu erhalten ("Tom ist wirklich nur ein guter Freund") oder die Freundschaft ("Was für ein süßes Baby!"). Auch die Höflichkeit verlangt nach Ausflüchten ("Wirklich, das Labskaus war köstlich").
Die Schönfärbereien, Mehrdeutigkeiten und Ausweichmanöver dienen der Psychohygiene, sie sind Weichzeichner der Wirklichkeit. Jedenfalls gilt das für die sogenannten prosozialen Lügen, die der Amerikaner "white lies" nennt. "Sie sind lebenswichtig", sagt Aldert Vrij, Lügenforscher an der University of Portsmouth, "das Leben wäre rau und grausam, wenn die Leute immerzu die Wahrheit sagten."
Der Lügner, schrieb Oscar Wilde, sei "das eigentliche Fundament der zivilisierten Gesellschaft". Nietzsche war klar, dass die Unaufrichtigkeit eine Conditio humana ist, so wenig wegzudenken vom Menschen wie sein Frontalhirn.
Dazu passt, dass all die Schwindler nicht einmal Schuldbewusstsein plagt, auch nicht die Angst, erwischt zu werden - die meisten Lügen gehen ihnen so leicht über die Lippen wie die Bestellung eines Latte macchiato. Er weiß, sie weiß: Wenn ich's drauf anlege, komme ich mit der Lüge davon.
Denn das Frappierende am Meisterlügner Mensch: Er ist ungeheuer schlecht im Enttarnen der Täuschung.
Einigen Untersuchungen zufolge gehen bis zur Hälfte aller Männer und 40 Prozent der Frauen fremd - und doch erkennt kaum einer, dass seine Frau die Wahrheit frisiert, wenn sie den Kontakt zu diesem netten Vater im Schulelternrat herunterspielt. Kaum eine Gattin merkt, dass es nicht das Projektgruppenmeeting war, das ihren Mann bis spätabends aufgehalten hat. Sogar Kindern gehen Erwachsene meist auf den Leim.
Zugleich aber, ebenso überraschend, überschätzen fast alle Menschen grandios ihre detektivische Kunst, sie halten sich für scharfsinnige Lügendetektoren - der Gipfel der Selbsttäuschung.
"Wir haben im Laufe der Jahre ungefähr 15 000 Personen getestet", sagt Paul Ekman, einer der führenden amerikanischen Lügenforscher, inzwischen emeritierter Professor aus San Francisco. "Die glauben alle, dass sie gut im Enttarnen sind."
Aber egal wie die Experimente aufgebaut sind, ganz gleich, ob Deutsche, Amerikaner oder Franzosen getestet werden - die Ergebnisse sind kaum besser, als würfen die Probanden eine Münze.
Der Selbstbetrug lässt sich leicht erklären. "Wir erinnern uns an die wenigen plumpen Lügen, die wir durchschaut haben", sagt der forensische Psychologe Günter Köhnken von der Uni Kiel. "Von all den anderen Täuschungen, auf die wir reingefallen sind, wissen wir ja nichts."
Aber warum versagen fast alle Menschen als Lügendetektoren? Für Ekman lautet die stärkste Erklärung: "Wir wollen die Wahrheit gar nicht wissen." Die Furcht vor der freimütigen Antwort kann auch robuste Charaktere befallen, sagt die Frankfurter Sozialpsychologin und Lügenexpertin Jeanette Schmid: "Wenn Sie eine lebensbedrohliche Krankheit mit ungünstiger Prognose hätten, würden Sie das wissen wollen? Oder: Können Sie wirklich mit ehrlicher Kritik umgehen?"
In den siebziger Jahren begannen Wissenschaftler, nach verräterischen Signalen zu suchen, nach einem Abdruck der Täuschungsabsicht im Gesicht, in der Gestik oder der Sprache. Sie begaben sich auf die Spur der Lüge.
Wer die Zeichen der Täuschung erkennt und dechiffrieren kann, das war klar, hätte eine Art Weltformel entdeckt. Lügen würde zwecklos.
Günter Köhnken gehörte zu jenen ersten Lügenfahndern. "Die These war", erklärt er, "dass, wer sich eine Geschichte ausdenkt, sein Gehirn mehr anstrengt als einer, der Erlebtes erzählt. Wir dachten, der Lügner verrate sich durch mehr Ähs und Mmms, vielleicht auch durch mehr Pausen, durch Stottern oder durch eine verarmte Sprache", sagt der forensische Psychologe. "Aber wir fanden - nichts."
Zwar stottere mal der eine, der andere zucke nervös mit den Beinen, aber die handfeste Offenbarung gebe es nicht. Ein allgemeingültiges Lügensignal, das sie alle entlarvt, ließ sich nicht finden.
Gerade erst kam heraus, dass sich zumindest amerikanische Manager in ein bestimmtes Vokabular zu flüchten scheinen, wenn sie etwas zu verbergen haben. Dafür hat ein Ökonomen-Duo der kalifornischen Stanford University Zehntausende Telefonkonferenzen analysiert. Verdacht schöpfen sollten Analysten und Aktieninhaber demnach, wenn die Konzernchefs besonders beflissen über jüngste Unternehmenserfolge berichten.
So geschehen etwa, als Erin Callan, damals frischgebackener Finanzvorstand bei Lehman Brothers, die jüngsten Ergebnisse der Investmentbank präsentierte - wenige Monate vor dem Zusammenbruch. Unverhältnismäßig oft fand Callan irgendetwas "großartig" (14-mal), "stark" (24-mal) oder "unglaublich" (8-mal) - dabei waren die Zahlen ganz und gar nicht erfreulich. Auch wenn die Manager häufig "wir" statt "ich" sagten, sei Vorsicht geboten, ebenso bei Phrasen wie "jeder von uns weiß".
Allerdings taugen auch solche Ergebnisse, ohnehin nur auf eine spezielle Branche und Sprache anwendbar, nicht als verlässlicher Lügendetektor. Sagt der Geschäftsführer tatsächlich die Unwahrheit, wenn er einmal mehr als im Durchschnitt "großartig" sagt? Oder ist er einfach nur ein bisschen unkonzentriert?
Günter Köhnken schwenkte irgendwann um auf die Suche nach nichtsprachlichen Lügensignalen. Wenn sich das schlechte Gewissen schon nicht in der Sprache verrät, so die Idee, dann fährt die böse Absicht dem Betrüger vielleicht in die Hände und bringt sie zum Zittern. Oder in die Augen, so dass die Pupillen sich verengen. Und so suchten Dutzende Psychologen in aller Welt nach verräterischem Verhalten: Vermeidet der Lügner den Blick? Fasst er sich öfter an die Nase? Wird er rot?
Bis heute haben die Psychologen sie nicht gefunden: das Wispern des Unbewussten, das den Fälscher der Wahrheit verrät, die lange Nase des Pinocchio, das schwarze Mal auf der Stirn. "Gibt es sie?", fragt Köhnken, und er klingt, als sei er immer noch genervt wegen der langen, weitgehend erfolglosen Forschungsodyssee. "Auf den Punkt gebracht: nein!"
Es ist wie mit dem Lügendetektor, der Maschine. Sie kann messen, wenn jemand aufgeregt ist. Aber einem zu Unrecht Beschuldigten kann der Puls ebenso rasen wie einem Betrüger. Studien ergaben, dass der Polygraf in 47 Prozent der Fälle Unschuldige als Täter brandmarkt.
Dennoch glauben Menschen in 75 Ländern daran, dass Lügner sich unbewusst offenbaren; das ergab eine großangelegte Studie. Gefragt nach dem deutlichsten Lügensignal, antworten Kolumbianer ebenso wie Tschechen, Israelis wie Nepalesen, dass das Abwenden des Blicks den Betrüger verrate. Eine gewaltige Selbsttäuschung der ansonsten so gewieften Internationale der Lügner.
Aber die Erkenntnisse der Wissenschaft finden nur schwer den Weg ins wirkliche Leben. So wenig umstritten sie unter den Forschern selbst sind, haben sie sich doch kaum herumgesprochen unter denen, auf die es ankommt: den Kriminalisten.
Deren Job besteht darin, Lügner zu enttarnen, und deswegen forschen die forensischen Psychologen vor allem für sie; die Verbrechensbekämpfung ist sogar Ziel und Daseinsberechtigung dieses Wissenszweigs. Aber die Ermittler, klagt Aldert Vrij, "finden oft, dass Laborexperimente wenig zu tun haben mit Szenarien aus dem wirklichen Leben".
Tatsächlich glauben selbst Profis, ein Lügner verrate sich: "Erfahrene Vernehmungsbeamte lernen, bestimmte Signale als Hinweise zu nehmen", sagt der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer und nennt auch Beispiele: "rot werden, unsicherer Blick, leichter Schweißausbruch". Matthias Jahn wiederum, Strafrechtler an der Universität Erlangen und nebenamtlicher Richter, zählt "Verlegenheit und Zurückhaltung des Aussagenden bis hin zu Verweigerungs- oder Fluchttendenzen" zu den "klassischen Lügensignalen", übrigens "auch in der Körpersprache".
Susanna Niehaus hält das für "Unsinn". Sie ist eine zierliche Person mit opulentem Lockenschopf und forensische Psychologin an der Hochschule Luzern. Sie muss sich am Riemen reißen, um gelassen zu bleiben, wenn sie hört, dass Kriminalisten immer noch ans Schwitzen und Füßewackeln glauben.
"Wir wissen jetzt", sagt Niehaus, "dass es eben der Glaube an die Existenz solcher Lügensignale ist, der den Tätern aus der Patsche hilft." Wenn Polizisten bei der Vernehmung auf unstete Blicke reagierten oder auf zitternde Hände, erklärt sie, muss der Betrüger dem Ermittler nur in die Augen schauen und Nervosität vermeiden. Der Polizist wird ihm glauben. Es gibt Untersuchungen dazu unter Jugendlichen. Sie vermeiden genau die bekannten Signale, wenn sie lügen.
Niehaus findet es deswegen skandalös, dass in wichtigen Handbüchern für Vernehmungstechniken immer noch die altbekannten Lügensignale vermittelt werden. "Damit kann man viel kaputtmachen", sagt Niehaus. So komme es nicht selten zum Othello-Fehler: "Weil jemand nervös ist, verdächtigt ihn der Ermittler der Lüge. Das macht den Zeugen nur noch nervöser, obwohl er unschuldig ist. Aber genau wegen seiner Fahrigkeit macht er sich nur noch verdächtiger."
Wie der eifersüchtige Othello, der seine Frau Desdemona der Untreue bezichtigt. Verzweifelt beteuert sie ihre Unschuld - und macht ihren Gatten damit nur umso misstrauischer. Überzeugt, dass nur eine Lügnerin so angstvoll reagieren könne, erdrosselt er sie im Ehebett.
Wie stark Stereotype den Ermittlungsalltag bestimmen, hat Niehaus gemerkt, als sie einmal Polizisten im Rollenspiel trainierte: Sie posierte als Zeugin und berichtete von einem Kinobesuch, bei dem sie, damals noch Studentin, ziemlich aggressiv auf eine Gruppe jugendlicher Krawallbrüder reagiert hatte. Ihr damaliger Freund hielt sich zurück, er unternahm nichts gegen die Provokateure. Am Ende beleidigte die junge Susanna die besoffenen Jungs; einer zückte ein Messer.
Die Polizisten sollten nun ihre Trainerin vernehmen und beurteilen, ob sie lügt. "Die Teilnehmer haben mir die Geschichte nicht geglaubt", berichtet Niehaus. "Dabei stimmt sie."
Aber die Polizisten, glaubt Niehaus, glichen das Geschehen mit ihrer eigenen Wirklichkeit ab. Mit einer Welt, in der es eher nicht vorkommt, dass eine junge, zierliche Akademikerin von gepflegter Erscheinung es wagt, Raufbolde zu beleidigen. In der es sich auch nicht gehört, dass ein Mann seiner Freundin nicht beispringt.
Also glaubte man ihr nicht. "Der eine haute auf den Tisch und sagte solche Dinge wie: ,Nu komm, Mädel, jetzt mal Butter bei die Fische, erzähl mal, wie's wirklich war!'" Niehaus sagt, sie habe sich unter diesem Druck tatsächlich zunehmend nervös verhalten - was wiederum die Polizisten bestärkte, ihr nicht zu glauben. Der Othello-Fehler.
Durch solche Verhörpannen kommt es dazu, dass oft schon die wichtige Erstaussage eines Zeugen "kontaminiert" ist, wie Niehaus das nennt. Der Zeuge hat sein Verhalten und seine Geschichte bereits den Fragen und Reaktionen der Ermittler angepasst, um glaubhaft zu wirken.
Das macht auch forensischen Psychologen die Arbeit schwer, die oft hinzugezogen werden, wenn Aussage gegen Aussage steht und es keine Zeugen gibt außer dem angeblichen Täter und seinem Opfer. Diese Experten verwenden eine komplizierte, vom Bundesgerichtshof abgesegnete Methodik, um sich an den Wahrheitsgehalt einer Zeugenaussage heranzupirschen. Sie heißt, etwas sperrig, "Glaubhaftigkeitsbegutachtung".
Dabei fragen die Aussagepsychologen: Ist das Alibi eines Verdächtigen wirklich plausibel? In welchen Einzelheiten schildert ein Zeuge den Tathergang? Ist es möglich, dass sich ein Vergewaltigungsopfer seine Aussage ausgedacht hat? Wer sich nämlich vor allem seiner Phantasie bedient, den verraten mitunter bestimmte Merkmale seiner Angaben. "Ein Mensch, der eine Geschichte erfindet, ist wie ein Farbenblinder, der über Farben spricht", erklärt Günter Köhnken.
So fehlen bei der Schilderung ausgedachter Erlebnisse oft die Details. Rutschte dem Täter das Handy aus der Tasche, als er seine Hose runterließ? Ist der Einbrecher über das Kabel des Radioweckers gestolpert? Vor allem ungewöhnliche Einzelheiten verleihen der Aussage Glaubwürdigkeit, sagt Köhnken.
Menschen hingegen, die noch nie eine Vergewaltigung oder einen Einbruch erlebt haben, können den Tathergang nur aus Filmen, Büchern und der Phantasie konstruieren. Ihre Aussage mit vielen Details zu schmücken ist für sie sogar gefährlich. Schließlich müssen sie sich alles Beiwerk ihrer Erzählung merken und bei anschließenden Befragungen korrekt wiedergeben können.
Trotz aller Indizien können auch die Psychologen am Ende nicht zweifelsfrei sagen, ob ein Zeuge gelogen hat. Mit Hilfe der Glaubhaftigkeitsbegutachtung lässt sich bestenfalls einschätzen, ob jemand gelogen haben könnte.
Immerhin zeigen solche Gutachten, wie komplex es sein kann, einen schlichten Tathergang zu beschreiben - und wie leicht sich Zeugen verheddern können. "Wer eine Lüge sagt", so der Dichter Alexander Pope im 18. Jahrhundert, "merkt nicht, welch große Aufgabe er übernimmt; denn er wird gezwungen sein, 20 weitere zu finden, um diese aufrechtzuerhalten." Susanna Niehaus bestätigt: "Lügen ist kognitive Schwerstarbeit."
Genau das machen sich jetzt Forscher aus England und Schweden mit einer neuen Methode zunutze. Was wäre, fragte sich Aldert Vrij von der University of Portsmouth, wenn man den Lügnern das ohnehin schon anstrengende Lügen zusätzlich erschwerte?
Zum Beispiel, indem Ermittler den Verdächtigen bitten, den Tathergang in umgekehrter Reihenfolge zu schildern. Das Gehirn, so Vrijs Idee, ohnehin schon intensiv mit der Lügenkonstruktion beschäftigt, müsste noch schneller funken und könnte nicht mehr genug Rechenleistung auf die Wahrheitsverfälschung verwenden. Über kurz oder lang würde sich der Lügner verraten.
Den Täter unter Druck setzen - die Idee hört sich für gewiefte "CSI"- oder "Tatort"-Fans geradezu altbacken an. Wie oft schon haben sie Ermittler gesehen, die den Zeugen bedrängen, ihn unter Stress setzen, bis er - das Gute siegt! - schließlich gesteht?
Es mag auch sein, dass sich im wirklichen Leben einzelne Polizisten oder Geheimdienstler intuitiv durchaus der richtigen Methoden bedienen. Aber den forensischen Psychologen geht es um mehr: Sie wollen ein universales Prinzip finden, Lügner auszutricksen, einen Weg zur Wahrheit pflastern, den jeder Ermittler mit Erfolg immer wieder einschlagen kann. Noch stehen sie am Anfang, aber was sie sehen, ist vielversprechend.
In einem Experiment teilte Vrij Studenten in zwei Gruppen: die Wahrheitssager und die Lügner. Die Ehrlichen spielten jeweils eine Runde "Vier gewinnt" in einem Aufenthaltsraum, wo ihr Gegner schon auf sie wartete, ein gewisser Sam. Im Verlauf der Partie gab es dann ein paar kleine Störungen. Sams Handy klingelte, eine Person betrat das Zimmer, sagte etwas und wischte die Tafel sauber. Zum Schluss kam ein angeblicher Student herein, der behauptete, ihm sei Geld aus seinem Portemonnaie gestohlen worden, das zuvor auf dem Tisch gelegen hatte.
Die Studenten mussten dann einem Interviewer erklären, dass sie es nicht gewesen waren.
Die Lügner dagegen nahmen nicht an dem "Vier gewinnt"-Spiel teil. Stattdessen wurden sie angewiesen, tatsächlich Geld aus dem Portemonnaie zu nehmen, während es noch auf dem Tisch lag; und wenn sie später dazu befragt würden, sollten sie sich herausreden: Sie hätten mit einem gewissen Sam "Vier gewinnt" gespielt. Schriftlich wurden den Probanden Details ihres fabrizierten Alibis mitgeteilt - die Ereignisse glichen denen, die die Wahrheitssager erlebt hatten.
Die Teilnehmer wussten, dass sie 15 Pfund bekämen, sollte es ihnen gelingen, den Interviewer von ihrer Unschuld zu überzeugen. Ein wichtiges Element in der Betrugsforschung: Motivierte Lügner lügen besser.
Nun mussten die Hälfte der Wahrheitssager und die Hälfte der Lügner die Vorfälle im Aufenthaltsraum in umkehrter Reihenfolge erzählen. Und Aldert Vrijs Kalkül ging auf: 55 Polizisten, denen sein Team die Videoaufnahmen von den Interviews vorspielte, gelang es mit hoher Trefferquote, jene Lügner zu enttarnen, die ihre Geschichte verkehrt herum erzählen mussten - sie hatten weniger Details genannt und sich öfter verhaspelt.
Zusammen mit Pär Anders Granhag von der Universität Göteborg hat Vrij dann ein weiteres Experiment erdacht, um die Trickser auszutricksen: Die Psychologen konfrontierten ihre Verdächtigen - es waren wieder studentische Probanden - mit überraschenden Fragen.
Normalerweise sprechen sich Verbrecher ab, die eine Tat gemeinsam begangen haben, damit sie bei einer getrennten Vernehmung dieselbe Story erzählen. Aber das, so die Idee, geht schief, wenn sich die Ermittler nach Nebensächlichkeiten erkundigen. Beispielsweise: Exakt wo im Café stand der Tisch, an dem Sie zur Tatzeit angeblich saßen? Und in welcher Reihenfolge haben Sie die Themen abgehandelt, über die Sie beim Essen angeblich geredet hatten?
Wieder waren die Versuchspersonen in zwei Gruppen getrennt, wieder hatten die Wahrheitssager tatsächlich eine Szene erlebt, diesmal 45 Minuten zu zweit in einem Restaurant - während die Lügner Geld an sich genommen und sich den Restaurantbesuch nur ausgedacht hatten.
Anschließend, in den getrennten "Vernehmungen", konfrontierten die Forscher die Paare mit unerwarteten Fragen. Der böseste Angriff aufs Lügnergemüt: Die Versuchsteilnehmer sollten den Grundriss des Restaurants skizzieren.
Tatsächlich verrieten sich bis zu 80 Prozent der Lügenpärchen durch ihre Skizzen, aber auch durch Antworten auf Fragen nach räumlichen Details und Abläufen. Begeistert stellte das Psychologenteam um Granhag und Vrij danach fest: "Zeichnungen als Werkzeug zur Lügendetektion zu benutzen, das eröffnet ganz neue Wege in der Forschung."
Schlechte Zeiten für Lügner, Heuchler und Betrüger sind allerdings noch lange nicht angebrochen.
Denn die besten und tätigsten unter ihnen lassen sich schlecht verhören. Es sind - die Chefs.
"Geschäftsführer, Portfolio-Manager, Politiker, Top-Athleten scheinen physiologisch besser aufs Lügen vorbereitet zu sein", sagt Dana Carney, Sozialpsychologin an der Columbia University, die 2009 eine Studie dazu veröffentlicht hat, "was dazu führen könnte, dass sie öfter lügen."
Das tun sie in der Tat, wie ein europäischer Forscherverbund um Aldert Vrij in der Übersichtsstudie "Gute Lügner" feststellt: "Für Menschen, die weit oben in der machiavellistischen Rangordnung stehen, ist Lügen ein normaler und akzeptabler Weg, ihre Ziele zu erreichen."
Es gebe "keinen Zweifel", sagt Dana Carney, "der Typ an der Stirnseite des Tisches, der Ihre Konferenz leitet, sich zurücklehnt, Arme hinterm Kopf, wird Risiken eingehen. Er wird sich nicht schlecht fühlen, wenn er Sie belügt - und Sie werden es schwer haben, ihn dabei zu ertappen."
Von Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 1/2011
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