03.01.2011

PSYCHOLOGIEElend im Orchestergraben

Viele Musiker erleiden auf der Bühne Panikattacken. Eine Ambulanz an der Uni-Klinik Bonn soll nun Abhilfe schaffen.
Für Schüchternheit ist die exzentrische Pop-Sängerin Lady Gaga gewiss nicht bekannt. Dennoch musste die Künstlerin unlängst vor einem Gala-Auftritt regelrecht aus ihrer Garderobe gezerrt werden. Der Grund: eine heftige Attacke von Bühnenangst.
Trotz anhaltenden Erfolgs erklärte die Musikerin Annette Humpe, die weibliche Hälfte des Duos Ich+Ich, vor wenigen Jahren das Ende ihrer Tourneekarriere. Versagensängste machten der Entertainerin trotz 30-jähriger Bühnenerfahrung weitere Auftritte unmöglich.
Auch der jüngst verstorbene Startenor Peter Hofmann stand im Ruf, regelmäßig nervöse Blackouts auf der Bühne zu erleiden. Er tarnte sie als erkältungsbedingte Unpässlichkeiten.
Cortisol kann ein übler Feind der Kunst sein. Wenn das Stresshormon den Körper flutet, wird das Bewusstsein in einen bemerkenswerten Modus versetzt: "Flüchten oder Kämpfen" nennen Verhaltensforscher diesen Ausnahmezustand. Eine derartige Gefühlslage ist hilfreich angesichts eines Säbelzahntigers, auf der Bühne hingegen äußerst lästig.
Genaue Zahlen sind rar, doch gehen Experten von einer erheblichen Verbreitung von Angststörungen unter Profimusikern aus. "Dieses Feld ist noch weitgehend unerforscht", konzediert die Neurologin Déirdre Mahkorn, 39, von der Universitätsklinik Bonn. Die Wahrheit über das grassierende Elend im Orchestergraben sprächen die Betroffenen meist nur im Geheimen aus.
Gemeinsam mit dem Psychologen Martin Landsberg, 32, hat Mahkorn jetzt eine Ambulanz für Musiker gegründet, die vom Lampenfieber gequält werden. Einer ihrer ersten Wege führte Mahkorn zum Bonner Beethoven Orchester. Nach einer Probe stellte die Wissenschaftlerin den Musikern ihr Projekt vor. Im Anschluss meldete sich gleich ein ganzer Trupp aus dem Klangkörper zur Therapie.
Jedes Ensemblemitglied ist auf andere Weise betroffen: Flötisten fürchten die sogenannte Flatterlippe, die auch für wenig geschulte Ohren vernehmbare Dissonanzen verursacht. Die Streicher plagt hingegen die Angst vor dem "Toblerone-Strich": Statt gleichmäßig an der Saite entlangzufahren, schlägt der Bogen dabei - geführt von zittriger Hand - im Zickzack auf die Saite, als hätte diese die Form des Schweizer Schoko-Riegels.
Selbst Dirigenten werden vor Publikum mitunter von der Panik ereilt. Bezeugt ist etwa die Angewohnheit eines Ensembleleiters, der sich den Taktstock aufgrund drohender Flattrigkeit mit einem Haushaltsgummi am Handgelenk befestigte.
Mit der Zucht eines Geheimordens unterdrücken die meisten Orchester jedes Bekenntnis zu derlei Schwäche. "Darüber redet man nicht", hörte Thomas Plümacher, Bratschist im Bonner Beethoven Orchester, von seinem Vater.
Alkohol ist ein verbreitetes Mittel, die Anspannung vor der Aufführung in Schach zu halten. Der Flötist Michael von Bühler vom Beethoven Orchester zum Beispiel trank zeitweilig gern Bier vor Konzertbeginn. "Ich war erstaunt, wie sehr mich das beruhigt hat", berichtet Bühler. Allmählich wurde daraus eine feste Gewohnheit. "Dann habe ich an einem Sonntagmorgen eine Matinee gespielt, und es hat mich echt geekelt", erinnert sich der Musiker. Ein anderes Mittel gegen die Angst musste her.
Entspannungsübungen linderten die Qual. Doch erst in Kombination mit Selbsthypnose gelang es Bühler, sich allmählich aus dem Klammergriff der Bühnenangst zu befreien. "Die Aufregung ist immer noch da", sagt er, "aber heute kann ich dieses Gefühl nutzen, um etwas Gutes daraus zu machen."
Mancherorts gelten in Orchesterkreisen Betablocker als Lösung des Problems. Tatsächlich lassen diese Medikamente das Herzrasen vor dem Auftritt umgehend verschwinden. "Wenn es mal ganz übel lief, habe auch ich welche genommen", bekennt Bühlers Kollege, der Bratschist Christian Fischer.
Mediziner jedoch warnen, die Blutdrucksenker dämpften allenfalls einige Symptome, das Grundübel aber bleibe erhalten. Ambulanz-Chefin Mahkorn will denn auch das Leiden an der Wurzel bekämpfen. "Weißt du, an was für ein Tabu du da rührst?", warnte sie ein Freund aus der Musikerszene.
Umso überraschter war die Therapeutin, als sie auf eine Musikergeneration traf, die nicht länger bereit ist, über eines der wesentlichen Probleme ihres Berufs zu schweigen.
Denn der Leidensdruck ist beträchtlich. Viele talentierte Musiker patzen wegen ihres ungezähmten Nervenflatterns schon beim Vorspiel und verpassen dadurch die Eintrittskarte zu einem Orchester. "Ich bin sicher, ich habe ganz viele Jobs nicht gekriegt, weil ich während des Vorspielens so aufgeregt war", sagt etwa Kontrabassistin Maren Rabien, auch sie Mitglied des Bonner Orchesters.
Mahkorn und ihr Partner Landsberg verfahren bei der Therapie zweigleisig: Bei einigen der Klienten helfen Entspannungsübungen, die unter Stress wieder abgerufen werden sollen.
Mancher Bühnenphobiker in Mahkorns Praxis ist nach längerem Leidensweg jedoch so zerrüttet, dass er mit kleinen Rollenspielen sorgsam auf die Situation unter Scheinwerfern vorbereitet werden muss. Die Ärzte zerlegen die Ängste ihrer Patienten dazu in Einzelteile: Was durchlebt der Betroffene während des Gangs auf die Bühne, beim Hinsetzen oder wenn er sein Instrument in die Hand nimmt?
Zuvor erforschen Mahkorn und Landsberg jedoch den Grund für die notorische Bühnenfurcht, wie etwa eine permanente Überforderung durch das Elternhaus. Mitunter kann bereits der Spott nach einer vergeigten Schulaufführung genügen, um ein sensibles Gemüt für lange Zeit aus der Spur zu werfen.
Derart traumatisiert, schleppen diese Menschen ein wenig schmeichelhaftes Bild ihrer selbst durchs Leben. Mit einer Gesprächstherapie will Mahkorn die Verunsicherten wieder mit dem Blick versöhnen, den andere auf sie haben. "Selbstwertregulierung" nennen Psychologen das.
"Es ist erstaunlich, dass Lampenfieber das Leben so vieler Musiker so stark beeinflusst und dabei doch vergleichsweise gut zu therapieren ist", sagt Mahkorn.
In der Bonner Ambulanz haben sich inzwischen Hilfesuchende aus der ganzen Republik gemeldet, aber auch aus der Ferne, etwa aus London und Amsterdam.
Chefin Mahkorn stößt dabei zunehmend auf Probleme bei der Logistik: "Ich muss die Termine stets so legen, dass sich auf keinen Fall jemals zwei Musiker auf dem Flur begegnen."
Von Frank Thadeuz

DER SPIEGEL 1/2011
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