03.01.2011

BILDUNGAbschied vom Schleifen-s

Lernforscher und Lehrer fordern die Abschaffung des Schreibschriftunterrichts. Geht der jahrzehntelange Streit ums Schreibenlernen zu Ende?
Jedes Schuljahr aufs Neue mühte sich Lothar Bode, Grundschulrektor im Örtchen Veen am unteren Niederrhein, seinen Schülern eine schöne Handschrift beizubringen. Rund 200 Unterrichtsstunden lang quälte sich Klasse für Klasse durch den sogenannten Schreibschriftlehrgang - mit ziemlich erbärmlichem Ergebnis. "Wir konnten die Schrift der Kinder einfach nicht lesen", gesteht Bode. Auch die Kollegen der weiterführenden Schulen klagten über das kryptische Gekrakel.
"Am Ende haben wir beschlossen, den Quatsch zu lassen", erinnert sich Bode. Ihre ersten Schreibversuche machen Grundschulkinder in Deutschland ohnehin längst in Druckbuchstaben. Erst in Klasse zwei kommt eine von drei normierten "Ausgangsschriften" dazu, je nach Bundesland, Schule oder Geschmack des Lehrers mit mehr oder weniger Schnörkeln, Bögen, Auf- und Abstrichen. "Nach einem Jahr Druckschrift haben die meisten Kinder gerade Spaß am Schreiben", sagt Lehrer Bode, "warum sollen wir dann diesen Formalkram drüberstülpen?"
Immer mehr Pädagogen folgen inzwischen dem Beispiel der Niederrheiner, die seit 2003 nur noch Druckbuchstaben lehren. Auch für die meisten Forscher sind vorgeschriebene Schwünge und Bögen ein überholter Umweg zur eigenen Handschrift. "Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass ein solcher Zwischenschritt sinnvoll ist", sagt Erika Brinkmann von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, die das Schreibenlernen seit 30 Jahren untersucht. "All die festgelegten Schnörkel sind anachronistisch", assistiert Ulrich Hecker vom Grundschulverband, "sie waren nie eine Lösung für die Probleme beim Schriftspracherwerb."
Dabei wurde die bewegte Entwicklung des Schul-Abc stets von pädagogischer Fürsorge vorangetrieben: Die Lateinische Ausgangsschrift (LA) sollte später, anders als das steife Sütterlin, das die Nazis 1941 verboten hatten, mehr individuelle Freiheiten erlauben. In den siebziger Jahren schien dann auch die LA mit ihren vielen Richtungswechseln, Auf- und Deckstrichen zu schwierig für ungeübte Kinderhände.
Der Pädagoge Heinrich Grünewald entwickelte daraufhin die "Vereinfachte Ausgangsschrift" (VA) mit "Köpfchen-e", "gespreiztem t" und "Schleifen-s". Der Clou: Sämtliche VA-Buchstaben haben gleichsam eine natürliche Andockstelle für anschließende Lettern, und die Zeichen sind weitgehend der Druckschrift nachempfunden - jenen Buchstaben also, die die Kinder im Alltag umgeben, ob in Büchern, Zeitungen, im Supermarkt oder auf dem PC.
Ohne Studium der Grundschulpädagogik indes sind manche VA-Buchstaben kaum als solche zu erkennen, das s etwa oder das t. "Was hat man sich nicht alles einfallen lassen, um das kleine s in die Schreibspur einzufädeln", klagt der Hildesheimer Schulforscher Wolfgang Menzel, "man sollte ihm das Recht auf seine Urform belassen, statt es in jedes Wort kunstvoll einzuhäkeln."
Menzel, inzwischen Emeritus, wähnt sein Lebenswerk kurz vor der Vollendung: "Die Schreibschrift hat mich mein ganzes Hochschullehrerleben lang beschäftigt." Der Forscher lieferte das wissenschaftliche Fundament für die vielleicht letzte Reform der Schulschreibschrift: deren vollständige Abschaffung. Ihr Scheitern beruhe auf dem Grundirrtum, Schreiben sei in erster Linie "ein Vorgang der Verbindung von Buchstaben".
Tatsächlich ist die durchgehend verbundene Schrift in anderen Ländern wenig verbreitet. Englische und spanische Abc-Schützen etwa lernen eine Art Druckschrift, in der Schweiz verdrängen Druckbuchstaben gegenwärtig die traditionelle "Schnürlischrift".
Bundesweit rund hundert Schulen hat der Grundschulverband für sein Projekt "Grundschrift" gewonnen. Die Lehranstalten verzichten auf Bögen und Aufstriche, die Kinder sollen aus den Druckbuchstaben nach und nach eine eigene Handschrift entwickeln - mit Verbindungen nur dort, wo es dem persönlichen Schreibfluss nutzt. Im April 2011 werden auf einer wissenschaftlichen Tagung die Ergebnisse des Probelaufs diskutiert.
Bei Rektor Bode jedenfalls hat sich seit der Veener Reform niemand mehr über die Klaue der Kinder beschwert. "Den Schülern fehlt nichts", resümiert der Pädagoge, "aber wir haben viel Zeit gewonnen, die wir sinnvoller nutzen können."
Viele Praktiker lassen die Schreibschrift längst aus reiner Not weg: An Brennpunktschulen sind die Lehrer oft froh, wenn die Kinder überhaupt halbwegs Lesbares zu Papier bringen. Und genügt das nicht auch in Zeiten von SMS und World Wide Web, wo Handgeschriebenes ohnehin fast nur noch in Formularen eine Rolle spielt?
"Die Argumente für die Schreibschrift sind fast immer ästhetischer Natur", erklärt der Siegener Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann: "Wer in Zukunft Schönschrift lernen will, kann das im Kunstunterricht tun."
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 1/2011
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