26.10.1998

„Hoffnung auf Gerechtigkeit“

Isabel Allende über die Verhaftung von Augusto Pinochet
Die Soziologin Allende, 53, ist Abgeordnete der Sozialistischen Partei Chiles und Tochter von Staatspräsident Salvador Allende, der sich während des Militärputsches 1973 das Leben nahm.
SPIEGEL: Wie haben Sie auf die Festnahme Augusto Pinochets reagiert?
Allende: Ich bin sehr zufrieden. Nach 25 Jahren gibt es endlich Hoffnung auf Gerechtigkeit. Ich sage das auch als Tochter von Salvador Allende.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß Pinochet nach Spanien ausgeliefert wird?
Allende: Wenn der Richter die Auslieferung beantragt, wird der spanischen Regierung wohl nichts anderes übrig- bleiben, als ein entsprechendes Gesuch zu stellen. Der Prozeß, der Pinochet in Spanien erwartet, wird langwierig und kompliziert.
SPIEGEL: Wäre es nicht besser, Pinochet würde in Chile vor Gericht gestellt?
Allende: Natürlich, aber das ist nicht möglich. Er genießt totale Straffreiheit. Die Amnestie für die Verbrechen der Militärdiktatur war eine der Garantien für den Übergang zur Demokratie.
SPIEGEL: Argentiniens Ex-Präsident Raúl Alfonsín befürchtet, daß die Verhaftung Pinochets den Demokratisierungsprozeß in Lateinamerika gefährden könnte.
Allende: Nein. Es geht hier strikt um Rechtsfragen. Die werden allein in England und Spanien entschieden.
SPIEGEL: Die chilenischen Streitkräfte sind bestimmt nicht begeistert.
Allende: Natürlich haben einige Generäle die Verhaftung kritisiert. Aber was können sie machen? Pinochets Freunde waren schlecht beraten, als sie ihn nach Europa reisen ließen, obwohl in Spanien zwei Ermittlungsverfahren gegen ihn laufen. Es ist jedenfalls ein wichtiges Signal für alle Diktatoren, daß sie nicht ungestraft durch die Welt reisen können, nur weil sie in ihrer Heimat Immunität genießen. Völkermord, Staatsterrorismus und das Verschwindenlassen von Menschen müssen dort bestraft werden, wo es möglich ist.
SPIEGEL: Auch Präsident Frei, der von Ihrer Sozialisten-Partei unterstützt wird, kritisiert die Festnahme.
Allende: Ich verstehe, daß die Regierung das Prinzip der Immunität verteidigt. Schließlich hat sie Pinochet den Diplomatenpaß ausgestellt. Aber in diesem Fall wiegen andere Argumente schwerer: Pinochet hat die Angehörigen seiner Opfer immer mit Verachtung und Ironie gestraft, nie ist ihm auch nur ein Wort des Verständnisses für ihr Leiden über die Lippen gekommen.
SPIEGEL: Anhänger von Pinochet gehen derzeit ebenso auf die Straße wie seine Gegner. Hat die Verhaftung die Spaltung des Landes vertieft?
Allende: Für die einen wird Pinochet immer ein brutaler Diktator sein, die anderen feiern ihn als Retter des Vaterlands. Es wird hundert Jahre dauern, bis wir Chilenen uns über seine Rolle einig werden. Solange es keine Gerechtigkeit gibt, wird es nicht zu einer echten Versöhnung kommen.

DER SPIEGEL 44/1998
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