10.01.2011

Der liebe Muslim

Ortstermin: In Freiburg will ein Verleger Deutschlands Integrationsprobleme mit Kinderbüchern lindern.
Ahmad Milad Karimi singt, er steht in seinem Büro in Freiburg, mit geschlossenen Augen, seine linke Hand springt vor seinem Oberkörper auf und ab, er singt "la-la-la-na, la-la-la-na" im Rhythmus des Koran, im Rhythmus einer Sure, "klingt fast wie HipHop, oder?", fragt Karimi.
Er hat die Augen wieder geöffnet. HipHop ist ein Wort, das nicht zu Karimi passt. Karimi trägt Anzughose, eine Weste über dem Hemd, Sakko und Krawattenschal, alles sitzt exakt. Auf seinem Schreibtisch: 20 weiße Bücher, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, die Theorie-Werkausgabe von Suhrkamp.
An der Wand stehen Kisten mit anderen, mit bunten Büchern, sie heißen "Der kleine Hassan" oder "Arabisch lernen mit Simsim". Karimi gibt Kinderbücher heraus. Die Bücher sind die ersten Titel des Salam-Verlags, Salam wie Frieden, den Karimi gegründet hat. Die Bücher erklären Kindern den Islam in deutscher Sprache oder das arabische Alphabet.
Karimi ist 31, er kam als Flüchtlingskind aus Afghanistan. Jetzt arbeitet er an seiner Promotion, er hat den Koran in poetisches Deutsch übersetzt, und er schreibt Gedichte.
Im Herbst war Karimi auf der Buchmesse in Frankfurt, um seinen Verlag vorzustellen, auf der Messe sah er Thilo Sarrazin, dessen Buch gerade erschienen war. Wie Sarrazin hatte auch Karimi seit einiger Zeit das Gefühl, dass es um die Integration der Muslime in Deutschland nicht zum Besten steht, wie Sarrazin interessiert sich auch Karimi vor allem für die Kinder der Muslime.
Für Sarrazin sind diese Kinder ein Problem. Für Karimi sind sie ein Schatz. Sarrazin möchte, dass nicht mehr so viele muslimische Kinder in Deutschland geboren werden. Karimi möchte, dass die Kinder ihre Religion verstehen, den Islam, und ihre Sprache, Deutsch. Er glaubt, dass sie dann keine Probleme machen. Karimi wünscht sich auch Imame, die Rilke und Hegel gelesen haben, aber er ahnt, dass das noch dauern wird.
Er stapelt die bunten Bücher auf dem Besprechungstisch. "Der kleine Hassan" komme bei den Eltern besonders gut an. Auf dem Cover schaut ein Junge in einem hochgeknöpftem Hemd unter einem Regenbogen hervor, im Buch fragt Hassan den Mond, warum seine Eltern nach Mekka reisen. Es ist ein braves Buch, Hassans Mutter backt, der Vater geht in die Moschee, Hassan spielt mit Peter.
Eine Deutsche, die zum Islam übergetreten ist, habe das Buch geschrieben, sagt Karimi. Andere Salam-Bücher seien wilder. Demnächst soll es Bücher für Mädchen geben. Karimi verteidigt sich, bevor man ihn angreifen kann. Bevor er das erste Buch produzierte, berief er einen Verlagsbeirat: Rafik Schami ist dabei, deutscher Schriftsteller aus Syrien, "ein Christ, wie Sie wissen", ein Islamwissenschaftler, ein Menschenrechtler aus Wien und eine Deutsch-Marokkanerin, die ein multikulturelles Frauenmagazin herausgibt. Es wirkt ein wenig, als wolle er sich absichern gegen Vorwürfe.
Karimi las das Buch von Sarrazin, das ganze Buch, für eine Podiumsdiskussion, er wollte ein gründlicher Kritiker sein. Sein Bauch krampfte beim Lesen, sagt er, er legt seine Hände auf seine Weste, in Magenhöhe.
Mich gibt es ja gar nicht in diesem Buch, sagt er.
In Kabul leitete sein Vater die deutsch-afghanische Schule, seine Mutter war Zahnärztin, besonders religiös war die Familie nicht. Nicht religiös genug für die Mudschahidin. Milad Karimi war 13, als die Familie floh, über Indien, Moskau, Kasachstan, er war 15, als sie in Deutschland ankam. Asylbewerber waren sie jetzt, zogen von Heim zu Heim. Milad ging auf die Hauptschule, die Berufsfachschule, die Realschule, machte Abitur und bekam ein Stipendium von der Studienstiftung des deutschen Volkes. Er studierte Mathematik und Philosophie, zog nach Freiburg, "wegen Heidegger".
Mit dem Islam hatte er nicht viel zu tun, auf der Flucht war sein Glaube schwach geworden. Am 11. September 2001 fand er zum Glauben zurück. Karimi war auf einer Tagung der Studienstiftung, es ging um die Ästhetik des Koran. Die Anschläge in New York verstand er so wenig wie die anderen Studenten, aber er sollte ihnen erklären, was er fühlte, als die Türme einstürzten.
Lesen, lernen, so lief Karimis Integration, manchmal wundert er sich darüber, dass alles so glatt-ging, es klingt, als könne das jedes Kind schaffen. Es klingt ziemlich deutsch. "Das Kind muss zum Buch!", ruft Karimi quer durch sein Büro.
Dann läuft er aus dem Verlag, Freiburg liegt dunkel und still, von Bergen umgeben, wie Kabul, sagt Karimi. Am Bahnhof zeigt eine Tafel die Belastung der Luft mit Schadstoffen, fast alle Werte stehen auf null. Karimi lebt in einem deutschen Idyll, grün regiert.
Die Frage ist, wie seine Bücher zu den Kindern kommen, die sie brauchen, nach Berlin-Neukölln, nach Hamburg-Wilhelmsburg, zu den türkischen Eltern, die kaum lesen, schon gar nicht auf Deutsch.
Er plant, eine Tour zu machen, um für die Bücher zu werben, von Dönerbude zu Dönerbude.
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 2/2011
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