10.01.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH „Kinder sind die Falle“

Die Schriftstellerin Silvia Bovenschen über das unendliche Projekt Emanzipation, den Undank junger Frauen und den fehlenden Feminismus der Familienministerin
SPIEGEL: Frau Bovenschen, Sie haben die Frauenbewegung mitbegründet. Damals kämpften Sie gegen männliche Machtstrukturen. Heute gibt es eine Quote bei der CSU, und Angela Merkel ist seit fünf Jahren Bundeskanzlerin. Hat der Feminismus gewonnen?
Bovenschen: Aus der Perspektive der Bundeskanzlerin und der Familienministerin mag das so sein. Man kann es aber auch anders sehen. Wenn man vergleicht, wie viele Frauen in der Wirtschaft Spitzenpositionen innehaben, liegt Deutschland ganz weit hinten - zusammen mit Indien, einem Land, das ein Kastensystem hat.
SPIEGEL: Ärgert es Sie, wenn junge Frauen sich freuen, nicht als Feministin bezeichnet zu werden?
Bovenschen: Nein, es geht ja um deren Zukunft. Feminismus ist für sie ein Schmud-
delwort, Karrieregift, und anscheinend ist es ihnen wichtig, das bisschen Karriere lieber auf dem eigenen Konto zu verbuchen als auf dem einer modrigen Bewegung, die es mal gegeben haben mag.
SPIEGEL: Wovor fürchten sich die jungen Frauen?
Bovenschen: Sie wissen es nicht besser. Darf ich ein bisschen ausholen? Den Kampf der Geschlechter hat es immer gegeben. 411 vor Christi Geburt hat Aristophanes das Theaterstück "Lysistrata" geschrieben, das Frauen zeigt, die entschlossen sind, ihren Männern Sex zu verweigern, solange diese nicht von ihrem kriegerischen Gemetzel ablassen. In der Französischen Revolution ist die Schriftstellerin Olympe de Gouges einen Kopf kürzer gemacht worden, weil sie Menschenrechte auch für Frauen einklagen wollte. Und die Suffragetten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts haben sich den Polizeipferden entgegengeworfen, weil sie das Wahlrecht haben wollten. Wir wussten von alldem nichts, als wir 1968 an der Uni begannen, uns mit dem Phänomen zu beschäftigen, dass immer nur die Männer die großen Reden hielten und die Frauen die Flugblätter tippten. Suffragette war in meiner Kindheit ein Schimpfwort. Wenn man das zu einer Frau sagte, war sie erotisch erledigt.
SPIEGEL: Ein Wort, so schlimm wie heute Feministin?
Bovenschen: Ja, deshalb erzähle ich das. Suffragetten galten als lustfeindliche Weiber, die gegen alles waren, was Freude macht. Sie waren damals der Lächerlichkeit preisgegeben.
SPIEGEL: Dass Frauen, die für ihre Rechte kämpfen, die Attraktivität abgesprochen wird, kommt auch heute vor.
Bovenschen: Ja, im Bannstrahl der Verhässlichung. Das ist wie ein großer historischer Schluckauf.
SPIEGEL: Was kommt da wieder hoch?
Bovenschen: Alles. Die Schmähungen, die Nöte, die Argumente. Die Unzufriedenheit der Frauen, die immer wieder an die alten Grenzen kommen. Die Rede von der Doppelbelastung. Gehen wir von einer günstigen Version aus: Die Frau hat einen guten Beruf, sie hat einen netten Mann, und sie möchte Kinder haben. Da merkt sie vielleicht schon, es wird schwieriger. Das Problem sind nicht die neun Monate Schwangerschaft. Die Probleme fangen danach an. Die meisten Frauen fühlen sich stärker verpflichtet als die Männer. Frauen wollen Kinder haben, das ist ihr gutes Recht. Aber Kinder sind die Falle.
SPIEGEL: Manche junge Mutter verzichtet für ihre Kinder gern auf ihren Beruf, dafür wird dann das Kind zu ihrem ehrgeizigen Projekt. Gefällt Ihnen das?
Bovenschen: Dieses Projekt wird spätestens dann zum Problem, wenn das Kind keins mehr ist, wenn die Frau nach Jahren der finanziellen Abhängigkeit von ihrem Mann merkt, dass kein Weg zurück ins Berufsleben führt. Das haben viele Frauen vor Augen, wenn sie auf Kinder verzichten. Ich finde es wirklich empörend, dass nicht einmal der Geburtenrückgang den konservativen Widerstand gegen bessere öffentliche Kinderbetreuung zu schwächen vermag. Es gibt immer wieder kleine Empörungen unter Frauen über diese Ungerechtigkeit, aber keine richtige Wut. Eine Bewegung braucht Wut.
SPIEGEL: Vielleicht ist sie nicht mehr nötig. Was war in den Sechzigern anders?
Bovenschen: Damals war alles getragen von der Dynamik eines weitreichenden Erneuerungswillens. Die Unaufhaltsamkeit der Ereignisse damals hat mich beeindruckt. Zu dieser Zeit habe ich mich mit einigen Frauen zusammengetan, weil wir von der politischen Bevormundung durch die männlichen Kommilitonen genug hatten. Sofort war die Empörung unter den Männern groß, sie versuchten, uns lächerlich zu machen. Deshalb haben wir sie unter Androhung körperlicher Gewalt hinausgeworfen. So kam es zur Gründung des ersten Weiberrats. Jede Bewegung muss schrill sein und übertreiben, um öffentlich zu wirken.
SPIEGEL: Sind junge Frauen undankbar, wenn sie selbstverständlich hinnehmen, was Ihre Generation erreicht hat?
Bovenschen: Ich habe mich sicherlich nicht im Hinblick auf kommende Generationen engagiert, ich habe das für mich und meinesgleichen getan. Ich sehe es mit Erheiterung, wenn meine Altersgenossinnen Dankbarkeit einfordern.
SPIEGEL: Wie konnte aus dem Feminismus in Deutschland eine Alice-Schwarzer-Bewegung werden?
Bovenschen: Da darf man nicht schimpfen.
SPIEGEL: Wieso nicht?
Bovenschen: Weil sich keine andere mit dieser Verve ins Kampfgetümmel der Öffentlichkeit geworfen hat wie Alice Schwarzer. Das hat sie bestimmt nicht nur aus hehren Gründen getan, aber politisch und publizistisch sehr geschickt. Wie sie über die Jahre beschimpft worden ist, das hätte ich nicht auf mich genommen. Gemessen an der Vielfalt der Meinungen und Strömungen, die diese Bewegung ausgemacht hat, gibt der Alleinvertretungsanspruch von Alice Schwarzer natürlich ein verzerrtes Bild. Aber solche Verzerrungen sind normal. Die Geschichte schreiben die Sieger. Und Alice Schwarzer hat es eben geschafft, sich da ganz groß einzutragen. Ich bin einen anderen Weg gegangen. Aber wissenschaftliche Abhandlungen und Essays finden eben nur eine kleinere Resonanz. Ich beklage mich nicht. Um Politik zu machen, darf man nicht kompliziert sein.
SPIEGEL: Hinter vorgehaltener Hand beklagen sich viele Frauen Ihrer Generation über Alice Schwarzer, offen wagt es niemand. Warum?
Bovenschen: Das ist keine Frage mangelnden Muts. Sie ist geschützt durch die Angst vor dem Beifall von der falschen Seite. Und wo sie recht hat, muss man ihr auch zustimmen. Es ist lächerlich, wenn Familienministerin Kristina Schröder sich hauptsächlich um die Jungs sorgt, die angeblich zu viele Frauen im Kindergarten um sich haben. Die Frage muss doch sein: Warum machen die Männer diese Jobs nicht? Weil diese Arbeit nicht gut bezahlt wird und sie keine Anerkennung dafür bekommen. Wenn Frau Schröder die Frauenbewegung darauf reduziert, dass angeblich ein paar Spinnerinnen die Forderung erhoben hätten, dass alle Frauen lesbisch werden sollten, so ist das natürlich grober Unfug in jeder Richtung.
SPIEGEL: Sollte Frau Schröder als Familienministerin eine Feministin sein?
Bovenschen: Wenn sie eine wäre, wäre sie nicht Ministerin. Jenseits dieser Utopie wäre mit ein wenig Klugheit und etwas mehr Wissen schon viel gewonnen.
SPIEGEL: Waren Sie mit Ursula von der Leyen zufriedener?
Bovenschen: Sie war viel geschickter.
SPIEGEL: Von der Leyen hat Mittelschichtspolitik gemacht. Das Elterngeld wurde vor allem eingeführt, weil Akademikerinnen mehr Kinder bekommen sollten.
Bovenschen: Natürlich. Für die mittellosen Frauen machen sich nur wenige stark.
SPIEGEL: Ist Feminismus ein Mittelklassephänomen?
Bovenschen: Ein bisschen. Schon 68 war es zunächst eine studentische Angelegenheit. Was wir damals an der Frankfurter Uni gemacht haben, war akademisch und in diesem Sinne elitär.
SPIEGEL: Alice Schwarzer hält es für eine feministische Errungenschaft, dass Deutschland von einer Frau regiert wird.
Bovenschen: Aber ist dadurch wirklich etwas gewonnen?
SPIEGEL: Nicht?
Bovenschen: Natürlich nicht. Nur weil jemand mit einem weiblichen Körper Regierungschef ist? Das hieße ja auch, Frauen sind naturgewollt besser als Männer. Feministischer Sarrazinismus. Ich könnte eine lange Liste von Schreckensherrscherinnen in der Geschichte erstellen, von deren Händen das Blut tropfte. Sehr viele Frauen, die sich an die Spitze der Polit-Hierarchien boxen, haben sich die Denkformen und Handlungsstrategien der Machtgewinnung viel kompromissloser zu eigen gemacht als die Männer. Und der Erfolg beweist das ja. Wen hat Angela Merkel nicht alles weggehackt?
SPIEGEL: Mehr Frauen in Führungspositionen ist eine nicht per se richtige Forderung?
Bovenschen: Ihre Formulierung trifft es: "nicht per se". War Margaret Thatcher eine Heilsfigur der Geschichte? Ich bitte Sie.
SPIEGEL: Ministerin Schröder hält die Quote für eine "Kapitulation der Politik" und erwartet von Frauen, dass jede für sich kämpft, für die eigene Gehaltserhöhung. Frauen müssten "tougher werden".
Bovenschen: Das ist das amerikanische Modell: Wie und warum auch immer ich in der Scheiße sitze, es ist jedenfalls selbstverschuldet.
SPIEGEL: Fehlt deshalb die Wut?
Bovenschen: Ja. Wenn ich glaube, dass ich für alles selbst verantwortlich bin, kann ich keine Wut mehr haben. Immer wenn ein Politiker von Eigenverantwortung spricht, muss man auf der Hut sein. Das ist die Verordnung eines strukturell unpolitischen Denkens seitens der Politik.
SPIEGEL: Soll das heißen, Eigenverantwortung und Feminismus passen nicht zusammen?
Bovenschen: Eigenverantwortung, was soll das überhaupt heißen? Wir können vereinzelt nicht überleben. Man muss sich zusammentun. Eigenverantwortung ist eine Metapher der gesellschaftlichen Grausamkeit. Ich übernehme gern die Verantwortung für die meisten Bereiche meines Lebens, ich will auch gar nicht, dass mir das abgenommen wird. Aber viele Miseren, in die Menschen kommen, haben sie nicht verschuldet. Wenn ich arbeitslos bin, weil mein Betrieb wegen Missmanagements Pleite macht, dann habe ich das nicht verschuldet. Zuweilen gibt es auch keine Schuldigen. Ich kann darüber reden, ich bin eine mehrfach kranke Frau. Ich habe unter anderem Multiple Sklerose. Mir wäre es auch lieber, wenn Hitler oder Stalin für meine Krankheiten verantwortlich wären. Sind sie aber nicht. Krankheiten können kommen im Leben, bei jedem, in jedem Moment. Deshalb muss es Solidarität geben. Sonst haben wir die Barbarei.
SPIEGEL: Die Solidarität unter den 30-jährigen Frauen beschränkt sich auf pragmatische Ziele: bessere Aufstiegschancen, bessere Kinderbetreuung. Ist das zu wenig?
Bovenschen: Das werden sie dann schon sehen. Wenn man Ende 20 ist und am Anfang einer Berufslaufbahn steht, denkt man sich: Das mit dem Kind, das schaffe ich schon, es gibt ja auch noch die Großeltern, das kriege ich hin. Dann wird man 40, und es ist schon härter. Dann ist der Mann vielleicht gar nicht mehr da. In dem Alter kommen die Frauen oft ins Grübeln und werden nervös, da kann durchaus noch Kampfeswille entstehen.
SPIEGEL: Vorausgesetzt, sie sind nicht zu erschöpft.
Bovenschen: Ja, erschöpfte Menschen machen keine Revolution.
SPIEGEL: Frauen wollen und sollen heute viele Rollenbilder erfüllen. Das Ideal ist die attraktive Karrieremutter mit großem Bekanntenkreis. Hat die Frauenbewegung den Frauen nicht auch eine Überforderung beschert?
Bovenschen: Das Argument ist ja richtig klasse. Das sollten Sie mal auf dem nächsten CSU-Parteitag vortragen. Dass Sie die Überforderungsthese nur in Bezug auf die Mütter formulieren, zeigt schon, dass das Problem in unseren Köpfen zu suchen ist.
SPIEGEL: Hat der Feminismus eine Zukunft?
Bovenschen: Man kann, was die Interessen von Frauen angeht, nie von gesicherten Positionen ausgehen. Alles Erreichte kann etwa unter dem Druck einer wirtschaftlichen Krise wieder in Frage gestellt werden. Im Laufe der Geschichte sind ganze Zivilisationen versunken. Das Kolosseum im antiken Rom hatte einen Aufzug. Er verschwand, und es dauerte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, dass wieder Häuser mit Fahrstühlen gebaut wurden. Es gibt nichts, was gesichert ist.
SPIEGEL: Frau Bovenschen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Silvia Bovenschen

studierte Ende der sechziger Jahre in Frankfurt am Main Literaturwissenschaften, Soziologie und Philosophie. Sie gehörte zu den Gründerinnen des ersten Weiberrats. Aus Gremien wie diesem entwickelte sich die feministische Bewegung der späten Sechziger. Bovenschen, 64, promovierte 1977 mit einer Arbeit über "Die imaginierte Weiblichkeit" und machte sich einen Namen als Essayistin und Buchautorin. Ihr autobiografischer Bericht "Älter werden" (2006) wurde ein Bestseller. Heute schreibt Bovenschen vor allem Belletristik. Im Februar erscheint im S. Fischer Verlag ihr neuer Roman "Wie geht es Georg Laub?".

Das Gespräch führten die Redakteure Tobias Rapp und Claudia Voigt.
Von Rapp, Tobias, Voigt, Claudia

DER SPIEGEL 2/2011
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