17.01.2011

Auge um Auge, Mord um Mord

Von Bergman, Ronen; Schult, Christoph; Smoltczyk, Alexander; Stark, Holger; Zand, Bernhard

Im Frühjahr 1989 bringt ein palästinensischer Terrorist einen israelischen Soldaten um. 20 Jahre später schickt der israelische Geheimdienst Mossad ein Agenten-Team nach Dubai, um die Tat zu rächen. Die Operation gelingt - und endet doch in einer Blamage. Eine Rekonstruktion.

Er wusste, dass er ein toter Mann war. Von dem Moment an, als er dem israelischen Soldaten hinter sich, auf dem Autositz, ins Gesicht schoss, wusste er, sie würden ihn bekommen. Früher oder später.

Für Mahmud al-Mabhuh dauerte es zwei Jahrzehnte bis zum Später. Am Mittag des 20. Januar 2010 öffneten Angestellte des Flughafenhotels Bustan Rotana in Dubai die Tür des Zimmers 230 und fanden die Leiche eines Mannes im Bett. "Gehirnblutung" schrieb der Arzt in den Totenschein.

Da wusste noch niemand, um wen es sich bei diesem Toten handelte. Mahmud al-Mabhuh galt als Chef-Waffenhändler der palästinensischen Hamas. Der Verbindungsmann nach Teheran. Der Logistiker hinter den Raketenangriffen aus dem Gaza-Streifen auf Israel.

So jemand stirbt nicht an Gehirnblutung. So jemand ist schon lange vorher tot.

Montag, 18. Januar 2010

Auf dem Internationalen Flughafen von Dubai landen täglich mehr als 100 000 Passagiere. Das Emirat ist einer der beliebtesten Fluchtorte vor dem Winter der nördlichen Hemisphäre geworden. Die Temperaturen sind sommerlich, die Hotels erstklassig, legendär die Shopping-Malls. Doch jene 27 Fluggäste, die in den nächsten Stunden in Dubai eintreffen, mit Maschinen aus diversen europäischen Städten, sind nicht zum Shoppen gekommen und auch nicht zur Winterfrische. Sie haben einen Auftrag.

Zwölf von ihnen haben britische Pässe, sechs haben irische, jeweils vier haben französische und australische, und einer hat einen deutschen Pass, ausgestellt vom Einwohnermeldeamt Köln auf den Namen Michael Bodenheimer.

Die meisten der 27 sind Mitglieder einer Eliteeinheit des israelischen Geheimdienstes Mossad, zuständig für die riskantesten Einsätze, für Sabotagen, SpionageOperationen und für Mordanschläge. Diese Eliteeinheit heißt "Caesarea", benannt nach der antiken Stadt in Palästina, wo einige Führer des zweiten jüdischen Aufstands gegen Rom zu Tode gemartert wurden.

Die 27 warten auf einen anderen Mann, von dem sie wissen, dass er ein toter Mann ist.

Einige der Caesarea-Leute waren schon vorher, im Februar, März und Juni 2009, nach Dubai geflogen. Sie hatten "Plasma Screen" beobachtet. Das war der Code-Name für Mabhuh. Sie wollten sichergehen, dass sie den richtigen Mann im Auge hatten. Und sie hatten sich mit den Türschlössern einiger Hotels vertraut gemacht.

Im Juli 1973 hatte ein Mossad-Kommando in der norwegischen Stadt Lillehammer einen marokkanischen Kellner ermordet, in der irrigen Annahme, der sei ein PLO-Terrorist. Mehrere Agenten kamen ins Gefängnis, Israel zahlte den Hinterbliebenen eine Entschädigung. Der Nimbus des Mossad litt. So etwas durfte nicht noch einmal passieren.

Vielleicht ist auch die Wahl des Code-Namens ein Fehler. Denn bald schon flimmern Bilder der Operation "Plasma Screen" auf Abertausenden Flachbildschirmen um die Welt. Viele Fragen aber bleiben zunächst offen, viele Details ungeklärt. Ein Jahr später, nach Recherchen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), in Israel, den USA und Europa, nach Gesprächen mit zufällig Beteiligten, mit Polizisten und Nachrichtendienstlern kann der SPIEGEL nun die zentralen Handlungsstränge nachzeichnen, die zwischen dem 18. und dem 20. Januar 2010 in Dubai zusammenlaufen.

Einer dieser Handlungsstränge ist der deutsche: Auch Michael Bodenheimer, der am 19. Januar um 0.14 Uhr gelandet ist, hat seine Ankunft lange vorher geplant. Die Geschichte seines Passes lässt sich genau rekonstruieren. Sie ist wichtig. Denn sie ist ein Beleg dafür, dass tatsächlich Israels Geheimdienst hinter dem steckt, was in den nächsten Stunden passiert.

Am Sonntag, dem 29. März 2009, waren mit der Lufthansa-Maschine aus Tel Aviv zwei Männer nach Köln gekommen, die jeden Kontakt zueinander zu vermeiden suchten. Sie saßen in getrennten Reihen und stellten sich bei der Passkontrolle in unterschiedlichen Schlangen an. Einer der Männer hieß seinen Papieren zufolge Alexander Varin, der zweite Michael Bodenheimer.

Am nächsten Morgen hatten Varin und Bodenheimer einen Termin bei einem Kölner Anwalt. Alexander Varin, der sich "Krisenberater" nannte, kannte ihn bereits, er hatte Ende 2008 für Michaels Vater Hans Bodenheimer, angeblich ein Opfer des Nazi-Regimes, die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Nazi-Verfolgte und deren Kinder und Enkel können laut Grundgesetz einen Antrag auf Wiedereinbürgerung stellen.

Als Bodenheimers Geburtsdatum nannten die Israelis dem deutschen Anwalt den 15. Juli 1967, als Geburtsort das israelische Dorf Liman an der Grenze zum Libanon. Offenbar eine falsche Angabe: In Liman kennt niemand einen Mann namens Bodenheimer. Als letzten Wohnort vor seinem Umzug nach Deutschland gab Bodenheimer eine Adresse in der israelischen Stadt Herzlija an. Das Gebäude in der Jad-Haruzim-Straße 7 hat vier Stockwerke, im Erdgeschoss ist ein Geschäft für Nobelküchen.

Auch diese Adresse erweist sich als falsch: In der Eingangshalle hängt eine blaue Tafel mit 19 Namen, darunter auch der von "Michael Budenheimer". Ganz oben auf der Tafel steht der Name "Top Office".

Im Internet bietet "Top Office" unter anderem "virtuelle Büros" an: "Lassen Sie Ihren Firmennamen auf dem Türschild anbringen!" Als der SPIEGEL bei Top Office anruft, meldet sich eine Frau, die sich als "Iris" vorstellt. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Als der Name Bodenheimer fällt, beendet sie das Gespräch. Zwei Tage später sind die Namen "Michael Budenheimer" und "Top Office" auf der Tafel im Foyer des Bürogebäudes von Herzlija weggeschrubbt.

In Köln reichte der deutsche Anwalt im März 2009 die Papiere ein. Als Bodenheimer und Varin drei Monate später zurückkehrten, checkten sie in einem Kölner Hotel ein. Dabei geschieht der nächste Fehler: Alexander Varin gibt in dem Hotel einen anderen Namen an, er heißt jetzt "Uri Brodsky". Beim Anwalt bleibt er dagegen bei seinem alten Namen Alexander Varin. Diese Vermischung zweier Identitäten ist ein unverzeihlicher Fehler, denn die Ermittler vom deutschen Bundeskriminalamt (BKA) werden später schnell herausfinden, dass es sich um ein und denselben Mann handelt.

Am 17. Juni 2009 mietete Michael Bodenheimer, um seine deutsche Legende abzurunden, eine kleine Wohnung im heruntergekommenen Kölner Bahnhofsviertel, Eigelstein 85. Dem Vermieter erzählte Bodenheimer, er sei Trainer einer Triathlonmannschaft. Die Miete zahlte er bar.

Am 18. Juni 2009 holte er seinen neuen deutschen Reisepass ab. Er war nun Bürger einer der glaubwürdigsten Nationen der Welt.

Sieben Monate später, am 19. Januar 2010, steht Bodenheimer am Flughafen in Dubai. Er und seine Kollegen wissen seit einer Woche, dass ihr Opfer morgen in Dubai eintreffen wird. Sie wissen noch nicht, in welchem Hotel der Mann absteigt. Sie wissen nur, dass er nicht mehr auschecken wird.

Alles ist bereit. Nun muss nur das Opfer noch kommen.

Dienstag, 19. Januar 2010, am frühen Morgen

Mahmud al-Mabhuh macht sich auf den Weg zum Internationalen Flughafen von Damaskus. Als VIP lässt er sich von hinten an den Terminal fahren und wartet in der Lounge, bis das Gepäck aufgegeben, der Pass gestempelt ist. Mabhuh reist diesmal allein.

Im vergangenen Frühjahr hat er dem Fernsehsender al-Dschasira ein Interview gegeben. Es ging um die Ermordung zweier israelischer Soldaten im Jahr 1989. Mabhuhs Gesicht war vom Sender unkenntlich gemacht worden, aber Israels Geheimdienst konnte die Stimme schnell zuordnen.

Der Hamas-Mann schilderte in allen Einzelheiten, wie er und ein Komplize sich als orthodoxe Juden verkleidet hatten, wie sie im Frühjahr 1989 die beiden Soldaten Avi Sasportas und Ilan Saadon entführt, getötet und verscharrt hatten. Sie hatten auf den Leichen herumgetrampelt und sich fotografiert. Gefragt, ob er die Tat bereue, antwortete Mabhuh, er bedauere nur eines: nicht auch dem zweiten Israeli ins Gesicht geschossen zu haben. Doch habe er leider am Steuer gesessen.

"Red Page" ist der Code für einen Mordauftrag an den israelischen Geheimdienst Mossad. Jeder dieser Befehle wird vom israelischen Premierminister und dem Verteidigungsminister gemeinsam autorisiert. "Red Pages" müssen aber nicht sofort ausgeführt werden: Rote Seiten haben kein Ablaufdatum - sie bleiben unbegrenzt gültig, so lange, bis sie ausdrücklich aufgehoben werden.

Mabhuh hatte seine Rote Seite gleich 1989 bekommen. Die Israelis sind empfindlich, wenn einer ihrer Soldaten in Uniform entführt oder ermordet wird.

Mabhuh wurde 1960 im Flüchtlingslager Dschabalija im Gaza-Streifen geboren. Sein Name bedeutet "der Heisere". Als junger Mann schloss er sich der Muslimbruderschaft an. Er war dabei, als der islamistische Mob begann, palästinensische Kaffeehäuser zu verwüsten, in denen Glücksspiel betrieben wurde.

Ende der achtziger Jahre wurde er von den israelischen Besatzungstruppen mit einer Kalaschnikow im Gepäck festgenommen und zu einem Jahr Haft verurteilt. Er sei im Gefängnis gefoltert worden, erzählte er.

Nach seiner Entlassung ging Mabhuh zum militärischen Flügel der gerade gegründeten islamistischen Bewegung Hamas. Es war die Zeit der ersten Intifada. Die meisten Palästinenser kämpften mit Steinschleudern und Molotowcocktails gegen die Besatzer. Mabhuh plante Morde.

1988 bekam er das Kommando über die "Einheit 101" der Hamas. Die Entführung und Ermordung der beiden israelischen Soldaten in der Negev-Wüste war der Beweis, dass er der richtige Mann für diesen Posten war.

Die ersten Monate nach der Tat versteckte er sich im Gaza-Streifen, dann floh er nach Ägypten. Die Regierung in Kairo erwog zunächst, ihn vor Gericht zu stellen oder an Israel auszuliefern, fürchtete aber einen Aufstand der Muslimbruderschaft und deportierte den Hamas-Mann nach Libyen.

Später zog Mabhuh weiter nach Jordanien, wo er einen Hamas-Stützpunkt aufbaute. Von dort schmuggelte er Waffen ins palästinensische Westjordanland und plante Anschläge gegen israelische Touristen. 1995 wurde er, wie später die gesamte Hamas-Führung, des Landes verwiesen und ließ sich in Damaskus nieder. Dort knüpfte er Kontakt zu den iranischen Revolutionswächtern.

Mabhuh besorgte Geld und Raketen in Iran und sammelte Spenden in den Golfstaaten, um die Terroranschläge der zweiten Intifada zu finanzieren. Hatte die Hamas ihren Krieg gegen Israel bislang mit unlenkbaren Kurzstreckenraketen geführt, gelangten unter der Führung Mabhuhs Geschosse größerer Reichweite in den Gaza-Streifen.

Im Februar 2009 überlebte Mabhuh im Sudan nur knapp einen israelischen Drohnenangriff auf einen der Konvois. Die Laster waren vermutlich mit iranischen "Fadschr"-Raketen beladen.

Die Hamas und Iran - kaum jemand verkörperte die beiden Todfeinde Israels so sehr wie Mahmud al-Mabhuh. Es wurde Zeit, die Rote Seite umzublättern.

Mabhuh bewegte sich ständig zwischen China, Iran, Syrien, Sudan und den VAE. Dubai schien dem Mossad der beste Ort für ein Attentat. Die Stadt ist offen für Touristen und Geschäftsleute, die Einreise mit einem westlichen Pass ist unproblematisch.

Im November 2009 scheiterte ein erster Mordversuch. Ein Caesarea-Kommando hatte versucht, Mabhuh zu töten, möglicherweise mit Gift, das man auf Lichtschalter und Armaturen in seinem Hotelzimmer schmierte. Das Opfer wurde krank, aber überlebte.

Beim nächsten Mal, so schworen sich die Agenten, würden sie so lange in Dubai bleiben, bis sie Mabhuhs Tod eigenhändig feststellen könnten.

Am frühen Morgen des 19. Januar 2010 um 1.10 Uhr landen die beiden letzten Caesarea-Agenten in Dubai, sie kommen aus Paris: Gail Folliard und Kevin Daveron. Zusammen mit dem aus Zürich eingeflogenen Peter Elvinger bilden sie das operative Kommando.

Dienstagvormittag, 19. Januar 2010

Im Unterschied zu anderen Diensten kann der Mossad seinen Agenten keine echten Pässe mit falscher Identität ausstellen. Die wichtigsten seiner Einsatzländer haben keine diplomatischen Beziehungen zu Israel. Auch noch so harmlose Touristen würden bei der Einreise festgehalten werden, wenn sie einen israelischen Pass dabeihätten. Deswegen verwendet Israels Geheimdienst in der Regel die Pässe von Israelis mit doppelter Staatsbürgerschaft oder auch gefälschte Pässe anderer Nationen.

Peter Elvinger und seine Leute sind in verschiedenen Hotels abgestiegen. Ihre Pässe sind, mit Ausnahme des deutschen, gefälscht. Sie operieren wie Avatare unter einer gestohlenen Identität. Die tatsächlichen Personen desselben Namens werden später aussagen, von dem Einsatz keine Ahnung gehabt zu haben.

Der erste Teil der Operation ist geglückt. Das Caesarea-Kommando ist sicher und unbemerkt in Stellung gegangen.

Elvinger und seine Leute bezahlen im Hotel entweder bar oder mit Prepaid-Geldkarten der US-Firma Payoneer. Das wird sich als einer der Fehler der Operation "Plasma Screen" herausstellen.

Denn weil die meisten der 27 Mitglieder des Kommandos mit der in Dubai relativ seltenen Payoneer-Karte zahlen, werden die Ermittler relativ schnell den Kreis der Verdächtigen einengen können. Und der Vorstandschef von Payoneer, Yuval Tal, ist ein ehemaliger Elitekämpfer der israelischen Armee.

Das Kommando erlaubt sich noch einen zweiten Fehler. Es kommuniziert untereinander über eine Vermittlungsstelle in Österreich. Die Agenten rufen Nummern in Wien an und werden dann zum Handy eines anderen weitergeleitet.

Das dient der Tarnung, hat jedoch einen Nachteil. Sobald Ermittler die Anrufliste eines Verdächtigen haben, können sie leicht feststellen, wer sich noch dieser Nummern in Österreich bedient.

Beides, der Gebrauch der Prepaid-Karten und des Telefonservers, sind keine Fehler, die das ganze Unternehmen gefährden. Aber sie werden das Verwischen der Spuren erschweren. Und das ist fatal. Denn die VAE zählen nicht zu den "base countries", wo Mossad-Agenten sich im Notfall in eine israelische Botschaft flüchten oder die Hilfe befreundeter Dienste in Anspruch nehmen können.

Die Emirate sind im Jargon der Dienste ein "target country", Feindesland. Wenn ein Agent hier auffliegt, drohen ihm Folter und Todesstrafe. Weshalb also sind die Caesarea-Leute nicht vorsichtiger?

Sie unterschätzen Dubai. Sie unterschätzen einen Mann, der seinen Schreibtisch knapp 3000 Meter Luftlinie vom Zimmer 230 des Bustan stehen hat, im sechsten Stock des Hauptquartiers der Dubai Police.

Generalleutnant Dahi Chalfan Tamim ist kein Mann, dem Diplomatie irgendetwas bedeutet. Er ist ein Bulle. Ruppig, von beißendem Witz und so selbstbewusst, wie es sich nur Beamte leisten können, die das volle Vertrauen ihres Chefs haben. Tamim hat nur einen Vorgesetzten, und das ist der Herrscher von Dubai, Scheich Mohammed Bin Raschid Al Maktum.

Tamim hat schon mit 19 Jahren die Königliche Polizeiakademie in Amman absolviert, die angesehenste Polizeischule der arabischen Welt. Zehn Jahre später war er Polizeichef von Dubai. Das war im Jahr 1980. Seither ist das Emirat explodiert wie kaum eine andere Weltgegend. Und Generalleutnant Tamim hat dafür gesorgt, dass der Dubai-Boom ohne größere polizeitechnische Pannen vonstattenging.

Im Minutentakt landen und heben vor Tamims Panoramafenster die Maschinen ab. Dubai liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Iran, Irak, dem Jemen und Afghanistan. Hier leben mehr Iraner und Pakistaner als Einheimische, Hunderttausende Migranten aus den geopolitisch heißesten Zonen kommen nach Dubai. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, es gibt Geld in Mengen, und das islamische Bankensystem ist ein Alptraum für jeden Polizisten. Generalleutnant Tamim weiß, dass Dubai alles hat, um zur polit-kriminellen Drehscheibe der Region zu werden. Und er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu verhindern.

In den USA hat er sich die beste Soft- und Hardware besorgt, die sich kaufen lässt. Für Überwachungssysteme gibt es in den VAE unbegrenzte Haushaltsmittel und, besser noch: Niemand fragt nach Datenschutz.

"Wir wissen", sagt er, "dass viele Israelis mit nichtisraelischen Pässen kommen, und wir behandeln sie wie alle anderen Menschen auch. Wir beschützen ihr Leben wie das jedes anderen auch, wir schauen nicht auf ihre Religion. Aber wir wollen auch nicht, dass unser Land zum Drittland wird, in dem Israelis Palästinenser töten."

Tamim versteht Polizeiarbeit als Handwerk. Ideologen widern ihn an. Auch arabische Ideologen, Marxisten, Islamisten, was auch immer. "Wenn ich Palästinenser wäre - ich hätte weder für Fatah noch für Hamas was übrig", sagt er.

Über nichts redet Tamim so gern wie über Israel. Das Land, das die Araber 1967 so vernichtend schlug, da war er 16 Jahre alt, ist eine Referenzgröße für ihn. "Die Juden", sagt er, "sind uns Arabern religiös, sprachlich, in jeder Hinsicht so viel näher als den Europäern, den Amerikanern."

Er verstehe sogar, sagt er, dass die Juden sich wehren müssten. Millionen von ihnen sind in Europa ermordet worden. "Nasser hat gesagt, er will sie ins Meer treiben. Okay, da hatten sie ein Recht zu kämpfen. Aber heute? Wir wollen keinen Krieg."

Auch keinen Stellvertreterkrieg. Schon gar nicht vor seiner Bürotür.

Dienstagnachmittag, 19. Januar 2010

Von Damaskus kommend, landet Mabhuh mit Emirates-Flug EK 912 in Dubai. Bei der Einreisekontrolle legt er einen palästinensischen Pass vor, auf den Namen Mahmud Abd al-Rauf Mohammed Hassan, Beruf "Händler". Zumindest das ist korrekt.

Ein Mossad-Team hat Mabhuh am Terminal erwartet und benachrichtigt die anderen. Dann folgen sie ihm bis zum Hotel. Das Bustan, nach Selbsteinschätzung "eines der führenden Hotels der Welt", ist vor allem bei Transit-Passagieren beliebt, die nach einer späten Landung eine Bleibe suchen.

Rund um die Uhr ziehen Reisende ihre Rollkoffer über den spiegelnden Marmor der Lobby, die Geräusche verschwinden im Plätschern der Brunnen oder verlieren sich in weichen Teppichböden. Die Zimmer im zweiten Stock gehen von einem kaum meterbreiten Gang mit nur einem Zugang ab, leicht zu sichern und als Tatort ideal.

In der Lobby warten seit 14.12 Uhr zwei Agenten, mit Frotteetuch über den Schultern und mit Tennisschlägern getarnt.

Generalleutnant Tamim wird später erklären, das sei ihr krassester Fehler gewesen. Kein echter Tennisspieler trägt seinen Schläger ohne Hülle mit sich herum.

Die Kameras im Hotel Bustan Rotana wurden von Mohammed Haroun installiert, einem palästinensischen Geschäftsmann mit deutschem Pass. "Lustigerweise glaubten die Verdächtigen, sie könnten sich unter einer Mütze verstecken", sagt der Chef von Security Advice Services. "Aber ich weiß, wo und in welchem Winkel man die Kameras montiert."

Die Bilder der Kameras zeigen, wie sich Mabhuh umsieht, als er am Check-in steht. Auch als er den Fahrstuhl im zweiten Stock verlässt, schaut er über die Schulter. Er weiß, dass er die Zielperson eines der wohl besten Geheimdienste überhaupt ist. Die beiden Freizeitsportler, die im Fahrstuhl mit ihm nach oben fahren, scheinen ihn nicht sonderlich zu beunruhigen.

Er tritt aus dem Lift, ein unauffälliger, rundlicher Mann mit Schnauzbart, ein Mann, der noch fünf Stunden zu leben hat.

Die beiden Tennisspieler merken sich Mabhuhs Zimmernummer, die 230, ein Nichtraucherzimmer, und schicken sie per SMS an Peter Elvinger. Ebenso wie die Nummer des Hotelzimmers gegenüber, die 237. Und genau dieses Zimmer reserviert sich Elvinger per Anruf im Bustan. Dann bucht er seinen Rückflug, über Doha nach Zürich.

Eine der Kameras vor dem Hotel zeichnet das Spiegelbild eines weißen Lieferwagens mit getönten Scheiben auf. Einige der Agenten laufen zu dem Fahrzeug, drehen dann jedoch abrupt um. Offenbar haben sie es für den Wagen eines Komplizen gehalten.

Das wird die Ermittler auf die Spur eines 62-jährigen Briten mit dem Namen Christopher Lockwood bringen. Lockwood hatte 1994 um eine Änderung seines damaligen Namens Yehuda Lustig gebeten, so ergab eine Recherche des "Wall Street Journal". Inzwischen stehe fest, dass auch dieser Name falsch war, geborgt von einem im Jom-Kippur-Krieg 1973 umgekommenen jungen Soldaten.

Um 16.23 Uhr verlässt Mabhuh das Bustan-Hotel. Ein Mossad-Agent hat zufällig den gleichen Weg.

Bei all ihrer späteren Zeigefreude hat sich die Polizei in Dubai bis heute darüber bedeckt gehalten, was Mabhuh in den vier Stunden bis zu seiner Rückkehr ins Hotel gemacht hat. Unwahrscheinlich, dass er so lange brauchte, um die richtigen Schuhe zu finden. "Soviel ich weiß", sagte Tamim damals, "hatte er ein Ticket nach China und dann weiter in den Sudan - oder umgekehrt. Er mag hier einen Zwischenstopp gemacht haben, um sich zu entspannen."

Es mag zur Entspannung eines Mannes wie Mabhuh beitragen, sich um die Aufrüstung eines der explosivsten Flecken der Erde zu kümmern, des Gaza-Streifens. Israelischen Quellen zufolge aber traf sich Mabhuh mit einem Bankier, der ihm bei mehreren internationalen Waffengeschäften behilflich war, sowie mit seinem gewohnten Kontaktmann von den iranischen Revolutionswächtern, der eigens eingeflogen war, um mit Mabhuh zwei große Schiffslieferungen mit Waffen für die Hamas im nächsten Monat abzusprechen. Es ist verständlich, dass der Polizeichef von Dubai darüber nicht gern spricht. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich zwar zur strikten Einhaltung der Iran-Sanktionen verpflichtet, doch mit der Umsetzung hapert es. Der Iran ist nah, und die iranische Community in Dubai ist stark.

Dienstagabend, 19. Januar 2010

Um 18.34 Uhr betritt die eigentliche Killer-Mannschaft das Hotel. Es sind zwei Zweierteams, alles breitschultrige Männer mit Baseballkappen, Rucksack und Einkaufstaschen. Die beiden Erkundungsteams, die bereits im Bustan sind, werden abgezogen, um keinen Verdacht zu erregen, und durch zwei andere ersetzt. Eines der Teams ist als angelsächsisches Urlauberpärchen mit Sonnenhut verkleidet.

Um 20 Uhr postieren sich die sechs Agenten auf dem Hotelflur. Ein Spezialist manipuliert das elektronische Schloss an der Zimmertür von 230. Jetzt passt auch die Schlüsselkarte vom Zimmer gegenüber.

Gail Folliard und Kevin Daveron sollen den Hotelflur sichern. Beide haben sich vorher, in unterschiedlichen Hotels der Umgebung, umgezogen und verkleidet. Beide tragen Perücken, Kevin Daveron einen Schnauzer und die Uniform der Hotelangestellten des Bustan. Als die Agenten gerade mit dem Türschloss beschäftigt sind, kommt ein Mann in den Flur, der sein Zimmer nicht finden kann. Hilfsbereit kann Daveron ihn vom Flur weglotsen.

Um 20.24 Uhr kommt Mabhuh durch die Drehtür zurück ins Hotel. Er trägt eine Plastiktüte mit seinen neuen Schuhen in der Hand und fährt mit dem Aufzug in den zweiten Stock. Der Mann in Hoteluniform mit dem Schnauzer fällt ihm nicht auf, ebenso wenig die toupierte Dunkelhaarige, die seit einer halben Stunde über den braungemusterten Hotelteppich tigert.

Mabhuh geht auf sein Zimmer. Er wird kaum etwas von den vier Killern mitbekommen haben, die ihn hinter der Tür erwarten. Als Anzeichen für einen Kampf werden später unter der Matratze nur einige gebrochene Teile des Lattenrosts gefunden.

In der Vorbereitung der Operation war ein möglichst natürlich aussehender Tod beschlossen worden. Alles andere hätte zu einem massiven Polizeieinsatz geführt, der Flughafen wäre geschlossen worden und eine sichere Rückkehr des Kommandos damit unmöglich gewesen.

Der Ermittlungsbericht spricht von einer Injektion Succinylcholin, einer Droge, die innerhalb einer Minute zur Muskellähmung führt. Mabhuh sei dann, so die Ermittler, mit einem Bettkissen erstickt worden.

Tatsächlich ist bis heute ungeklärt, wie der Hamas-Offizier zu Tode kam. Succinylcholin lässt sich leicht im Körper eines Toten nachweisen. Auch ist die Injektionsstelle zu sehen. Und ein gewaltsames Ersticken hinterlässt, wie jeder "Tatort"-Kenner weiß, deutliche Spuren im Gesicht, Pressstellen, zerplatzte Äderchen in der Pupille, zersprungene Lippen.

Es ist kaum vorstellbar, dass ein Hightech-Geheimdienst wie der Mossad zu derartig schlichten Methoden greift. Nicht bei einem Einsatz im Feindesland.

Schon um 20.46 Uhr stehen die ersten beiden Täter vor dem Lift nach unten. Auf den Aufnahmen der Videokameras ist die adrenalingetränkte Anspannung der Männer zu erkennen. Sie pendeln wie Boxer von einem Fuß auf den anderen. Einer der beiden trägt noch einen Gummihandschuh, ungewöhnlich für einen Hotelgast.

In Zweiergruppen zieht das Kommando aus dem Bustan ab und lässt sich von Taxis zum Flughafen fahren. Gail Folliard geht untergehakt mit einem anderen Agenten, in der Linken eine Plastiktüte.

Kevin Daveron sichert den Rückzug. Er verlässt Zimmer 237 als Letzter, telefonierend und seinen Rollkoffer hinter sich herziehend.

Wenig später sitzen Daveron und Folliard bereits im Flugzeug nach Paris, zwei andere in einer Maschine nach Südafrika. "Plasma Screen" liegt noch unentdeckt in Zimmer 230.

Auch bis jetzt noch ist alles nach Plan verlaufen. Es wird fast eine Woche dauern, bis Generalleutnant Tamim vom Tod des führenden Hamas-Waffenhändlers erfährt, umgebracht quasi in Sichtweite des Polizeihauptquartiers.

24. oder 25. Januar 2010

Die Hamas-Führung in Damaskus merkt, dass etwas nicht stimmt, als Mabhuh sich nicht meldet. Einer von Mabhuhs Leuten wird ins Leichenschauhaus von Dubai geschickt. Dann ruft die Hamas von Damaskus aus im Polizeihauptquartier an. Ja, sie hätten einen ihrer wichtigsten Männer mit falschem Pass nach Dubai reisen lassen und ihn, den Superpolizisten, davon vorher nicht in Kenntnis gesetzt, und jetzt sei etwas ganz, ganz schiefgelaufen.

Der darauffolgende Wutanfall des Generalleutnant Tamim wird von Ohrenzeugen so wiedergegeben: "Packt euch und eure Bankkonten und eure Waffen und eure falschen Scheißpässe ein und verschwindet aus meinem Land."

Tamim hat ein Problem. Er, ausgestattet mit dem besten Überwachungssystem der arabischen Welt, hatte keine Ahnung, dass hier, unter seinen Augen, eine israelische Kommandoaktion erfolgreich über die Bühne ging. Er war blind gewesen.

Das erklärt seinen Wutanfall. Und das erklärt auch den Aufwand, zu dem Tamim jetzt seine Leute antreibt. Die Tat konnte er nicht verhindern. Aber jetzt will er seine Revanche: die Aufklärung. Und er wird dafür sorgen, dass die Aufklärung zu einem Triumph wird für ihn, den Superbullen von Dubai.

Tamim lässt eine Liste aller Personen erstellen, die kurz vor der Tat einreisten und kurz danach das Land verließen. Die Namen werden verglichen mit Personen, die im Februar, März, Juni und November 2009 nach Dubai gereist waren, als auch Mabhuh sich dort aufhielt.

Diese Liste wiederum wird mit den Melderegistern der Hotels abgeglichen, dann mit den Videos von weit über tausend Überwachungskameras. Tamim lässt die Systeme von Hotels, Malls, vom Flughafen auswerten. So hat er schon bald ein Bild zu jedem Namen und kann sie mit den Videos des Bustan vergleichen.

Der Rest des Kommandos fliegt auf, nachdem Tamims Leute hinter die Payoneer-Zahlungen und die auffälligen Anrufe bei den Nummern in Österreich gekommen waren.

Das alles dauert erheblich länger als die "24 Stunden", von denen Tamim in seiner ersten Pressekonferenz sprechen wird. Aber immerhin. Er wird die Mossad-Operation präsentieren können wie einen Hollywood-Film.

Auch zwei Palästinenser werden in Jordanien festgenommen und nach Dubai ausgeliefert. Anwar Schaibar und Ahmed Hassanain hätten beim Buchen von Hotels und Mietwagen geholfen. Beide sollen der Fatah-Bewegung nahestehen. Inzwischen vermuten die Ermittler, der Verdacht sei von der Hamas gestreut worden, um die politischen Gegner in den Fall zu verwickeln.

Tamim hatte zunächst nicht glauben wollen, dass der Mossad bei ihm vor der Haustür aktiv wird: "Wir haben bis zum letzten Augenblick gedacht, dass eine andere Palästinensergruppe ihn getötet hat", sagt er. "Wir dachten nie an den Mossad. Erst als wir alle Gesichter, alle Verkleidungen auf den Kameras beisammenhatten, war uns klar, dass es nicht die Palästinenser waren. Sie konnten es nicht sein."

Freitag, 29. Januar 2010

Mahmud Mabhuh wird in Damaskus beerdigt, in dem von Palästinensern bewohnten Stadtviertel Jarmuk.

Generalleutnant Tamim hat die meisten Teile seines Puzzles beisammen. Er informiert seinen Vorgesetzten, den Emir. Gleichzeitig spricht er mit dem Nachrichtensender al-Dschasira. Er sagt, er könne nicht ausschließen, dass der Mossad in den Mord verwickelt sei. Auch Reuters meldet den Mord, aber die Nachricht erregt keine Aufmerksamkeit. Nur wenige bemerken, welches Potential in der Geschichte steckt.

Sonntagabend, 30. Januar 2010

Der US-Botschafter Richard Olson befragt auf einem Empfang den Sprecher von Außenminister Abdullah Bin Sajid über den Mordfall im Bustan. Der macht ein paar Telefonate und erklärt, die Angelegenheit sei offenbar Chefsache.

Die beiden Männer, welche die Vereinigten Arabischen Emirate de facto regieren, Kronprinz Mohammed Bin Sajid von Abu Dhabi, und Mohammed Bin Raschid, der Herrscher von Dubai, überlegen, wie man in der Sache vorgehen solle: entweder gar nichts sagen - oder "mehr oder weniger alles mitteilen, was die Ermittlungen ergeben haben".

Die beiden Scheichs entscheiden sich für Letzteres.

Montag, 15. Februar 2010

Generalleutnant Tamim nimmt seine Revanche. Der Polizeichef hält ein DIN-A4-Blatt mit den rot unterlegten Fotos und Namen von elf Mordverdächtigen vor die Presse. Doch das ist nicht alles. Man muss einen Triumph auch in Szene setzen können. Das Timing ist wichtig.

Tamim präsentiert der internationalen Presse den Film zur Tat.

Er hat den spektakulären Juwelierraub in der Wafi Mall 2007 aufgeklärt, er hat 2008 den ägyptischen Baulöwen und Mubarak-Freund Hischam Talat Mustafa des Mordes an einer libanesischen Sängerin überführt, er hat 2009 den Mord am tschetschenischen Warlord Sulim Jamadajew aufgeklärt. Aber sein Film über das Mossad-Attentat an Mahmud al-Mabhuh ist der Höhepunkt seiner Karriere. Dahi Chalfan Tamim hat die Israelis vorgeführt.

Aufmerksam verfolgt Tamim in den folgenden Tagen die Wirkung seines Auftritts. Er wird ausschließlich gelobt, ja gefeiert, in den Emiraten, im Irak, in Iran, im Westen. Und am Ende auch in Israel. Tamim erinnert sich nicht mehr genau an den Namen der israelischen Journalistin, die ihn per E-Mail befragt, aber er weiß, dass er sofort geantwortet hat. "Jung", sagt er, "und sehr professionell ist sie gewesen. Die ganze israelische Presse. Sie haben mich sehr fair behandelt." Tamim ist glücklich.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Der Generalleutnant schickt ein Dokument an die Zentralbank und an das Außenministerium in Abu Dhabi. Der Staatsminister möge es bitte an die US-Botschaft weiterreichen:

"An seine Exzellenz Sultan al-Suwaidi, Gouverneur der Zentralbank. Betreff: Kreditkarten Mc 5115-2600-1600-6190, Mc 5115-2600-1600-5317, Mc 5301-3800-3201-7106. Generaldirektorat der Staatssicherheit grüßt und bittet Exzellenz, das Referat für Geldwäsche und verdächtige Angelegenheiten anzuweisen, dringend Details der obengenannten Kreditkarten zu ermitteln, zusätzlich zu den Überweisungs-, Konto- und Zahlungsdaten dieser Karten. Denn die Benutzer dieser Karten sind am Mord an Mahmud Mabhuh beteiligt. Die Karten wurden von der META BANK im Staate Iowa, USA, ausgestellt. Vielen Dank für Ihre Kooperation."

Noch am selben Tag übergibt Staatsminister Mohammed Anwar Gargasch den Brief aus Dubai an den Justiz-Attaché der US-Botschaft in Abu Dhabi. Botschafter Olson, der das Schreiben nach Washington weiterleitet, ersucht um "prompte Erledigung". Das Thema sei am Tag zuvor auch beim Treffen des Außenministers mit Hillary Clinton angesprochen worden. Amerika weiß, wer diese Kreditkarten benutzt hat.

Es muss nur in Tel Aviv nachfragen.

Am 4. Juni 2010, fast genau ein Jahr nachdem der Mossad einen deutschen Reisepass ausgestellt bekam, reist Alexander Varin nach Warschau. Er kommt aus Tel Aviv und will in Warschau umsteigen, sein Ziel ist die litauische Hauptstadt Vilnius. Er zeigt bei den polnischen Grenzern seinen Pass vor, der ihn als Uri Brodsky ausweist. Der Name ist zur Fahndung ausgeschrieben, veranlasst von der deutschen Bundesanwaltschaft. Varin alias Brodsky wird festgenommen.

In mühseliger Kleinarbeit haben die Ermittler vom BKA die Flugrouten von Varin rekonstruiert: Österreich, Litauen, Lettland, Türkei, Tschechien sind nur einige der Stationen der vergangenen Monate. Varin ist ein großer, wuchtiger Mann, der sich eine Kapuze über den Kopf zieht, als er in den Warschauer Gerichtssaal geführt wird. Er scheint eine Art Logistiker des Mossad in Europa zu sein, ausgestattet mit mehreren Identitäten. Der Mossad hat nicht gewusst, dass der Name Brodsky seit jenem Hotelaufenthalt in Köln ein Jahr zuvor verbrannt ist. Noch eine Panne.

Um seine Auslieferung, die die deutsche Justiz fordert, entwickelt sich ein zähes Ringen. Die Israelis setzen die polnische Regierung massiv unter Druck, sie wollen eine Auslieferung verhindern. Die Polen finden schließlich eine salomonische Lösung: Brodsky alias Varin wird nach Deutschland ausgeliefert, aber darf nur wegen des Passvergehens angeklagt werden.

Am 12. August 2010 wird der Israeli ausgeliefert, die Botschaft hat zwei der besten und teuersten deutschen Anwälte ausgewählt. Sie deponieren eine Kaution von 100 000 Euro, und als Varin am 13. August aus der Haft entlassen wird, verlässt er Deutschland noch am selben Tag gen Tel Aviv. Ende vergangenen Jahres stellt ein Gericht in Köln das Verfahren gegen eine Geldbuße von 60 000 Euro ein. Es ist eine Lösung, mit der alle Seiten leben können - wenn da nicht noch der deutsche Haftbefehl gegen Varin wäre, wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit. Würden Alexander Varin oder Uri Brodsky morgen in die Bundesrepublik einreisen, würden sie an der Grenze eingesperrt. Das ist der deutsche Flurschaden dieses Attentats.

Der Mossad ist durch die Operation in Dubai erheblich unter Druck geraten (auch wenn es bis heute keine offizielle Bestätigung der Israelis gibt, etwas mit der Sache zu tun gehabt zu haben). Der Chef der Caesarea-Sondereinheit bot seinen Rücktritt an, durfte aber im Amt bleiben. Nicht so der Chef des Mossad, Meïr Dagan. Hatte er vor der Operation noch auf eine Verlängerung seiner Amtszeit gehofft, nominierte Premierminister Benjamin Netanjahu nach dem Fehlschlag einen Nachfolger. Am 6. Januar 2011 verlässt Dagan sein Büro.

Auf einer seiner Pressekonferenzen forderte Generalleutnant Tamim den Rücktritt von Premierminister Netanjahu und versicherte, er werde die Täter verfolgen - "bis zum Ende der Zeit". Und genau so lange wird er wohl auch brauchen.

Bei den meisten Israelis gilt der Anschlag auf Mabhuh trotzdem als Erfolg. "Es fällt schwer, die Dubai-Operation einen Fehlschlag zu nennen", sagt Avi Issacharoff, Arabien-Experte der israelischen Tageszeitung "Haaretz". Zwar habe Israels Ansehen international Schaden erlitten, aber: "Das operationelle Ziel wurde erreicht, die Hamas hat gemerkt, dass sie verwundbar ist, die Attentäter sind heil nach Hause zurückgekommen." Man wird eben noch sorgfältiger vorgehen müssen.

Beim nächsten Mal.


DER SPIEGEL 3/2011
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