24.01.2011

KERNKRAFTStrahlende Fäkalien

Um eine Katastrophe zu verhindern, soll der Atommüll so schnell wie möglich raus aus der leckenden Grube Asse. Doch die Planung kommt kaum voran - weil Umweltminister Röttgen bremst.
Es sieht einfach aus. Ein Bagger rollt zu einem großen Haufen aus Salz und gelben Atommüllfässern. Die Schaufel greift hinein, kippt die Ladung auf ein Förderband. Die Fässer werden von kontaminiertem Salz gereinigt, gepresst und neu verpackt. Alles läuft automatisch und klinisch sauber. Menschen tauchen kaum auf in dem Video, das im Informationszentrum Asse über den Bildschirm flimmert.
In dem frisch sanierten Gebäude, direkt neben der alten Schachtanlage im niedersächsischen Remlingen, können sich Besucher einen Einblick in eines der kompliziertesten und teuersten Umweltprojekte der Republik verschaffen. 126 000 Fässer Atommüll sollen aus der alten Salzgrube geholt werden, in die seit Jahren Wasser eindringt. Auf mindestens 3,7 Milliarden Euro werden die Kosten für das beispiellose Projekt geschätzt, mit dem die Hinterlassenschaften der sechziger und siebziger Jahre an die Erdoberfläche geholt werden sollen.
Mit der Wirklichkeit unter Tage hat der Trickfilm wenig zu tun. Dort sind die Verhältnisse komplexer. Vorsichtig gesagt. Da ragt zum Beispiel in 511 Meter Tiefe eine dicke Eisenstange etwa zwei Meter weit aus der Grubenwand. Sie ist der Rest eines gescheiterten Bohrversuchs.
Bergleute wollten ein Loch in eine alte Abbaukammer treiben, um sie mit Beton zu füllen. Doch nach 40 Metern war Schluss. "Irgendetwas hat sich verkantet", sagt Jens Köhler, der technische Geschäftsführer des Bergwerks, und schaut nachdenklich unter seinem weißen Helm hervor. "Seither versuchen wir immer wieder, die Stange herauszubekommen. Aber es bewegt sich einfach nichts." Und das schon seit Oktober.
Mit dem verreckten Gestänge verhält es sich so wie mit den meisten Arbeiten in der Asse: Sie stecken ziemlich fest. 2008 hat der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) mit großem Tamtam die Verantwortung für die marode Atommüllkippe in seinem Wahlkreis übernommen.
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sollte sich in Zukunft um die Grube kümmern. Der frühere Betreiber, das Münchner Helmholtzzentrum, sei schlampig mit dem alten Bergwerk umgegangen, hieß es, zu viele Pannen und ein falsches Schließungskonzept. Höchste Zeit, die Profis ranzulassen, damit radioaktives Uran, Plutonium und Strontium nicht irgendwann das Grundwasser der Region verseuchen.
Ein Jahr später war Gabriel nicht mehr Umweltminister, und sein Nachfolger Norbert Röttgen hatte das Problem am Hals. Die Fachleute des BfS ließen drei Optionen prüfen: die Fässer da lassen, wo sie sind, und das Bergwerk fluten; den Müll innerhalb der Grube 450 Meter tiefer lagern; den Abfall nach oben holen und woanders lagern. Eine vierte Möglichkeit war ausdrücklich ausgeschlossen: nichts zu tun. Dafür ist die Situation in der Asse zu gefährlich. Verstärkt sich der Wassereinbruch, droht die Grube in wenigen Tagen abzusaufen.
Die Rückholung sei die "beste Lösung", verkündete Röttgen im vergangenen Jahr und legte sich damit auf Option drei fest. Nicht ohne ein Hintertürchen offenzulassen. Vor einer endgültigen Entscheidung müssten zunächst alle Fakten über den Zustand des Atommülls gesammelt werden.
Das dauert. Faktisch ist damit Option vier eingetreten: nichts passiert. Immer noch gibt es keinen Zeitplan und keine konkrete Planung für einen zweiten Schacht, um den Müll nach oben zu holen. Es gibt kein Verfahren zum Bau eines oberirdischen Atomlagers, in dem das Strahlengift aus der Tiefe zwischengelagert werden müsste. Dabei dürften allein die Genehmigung und der Bau der Anlage mindestens zehn Jahre dauern.
Im vergangenen Jahr sollte immerhin eine der 13 alten Einlagerungskammern von außen angebohrt werden, um ihren Zustand zu erforschen. Doch der Test musste immer wieder verschoben werden. "Die Sicherheit der Beschäftigten und Bewohner hat oberste Priorität", sagt BfS-Präsident Wolfram König, ein ausgewiesener Grüner. "Alle Risiken müssen schlüssig in der Genehmigung beantwortet werden."
In der Region um die Asse wächst die Unruhe. "Alles, was wir hören, ist nebulös", klagt Jörg Röhmann, der Landrat des Kreises Wolfenbüttel, "wir fragen uns langsam: Soll das Zeug überhaupt raus?" Udo Dettmann, Sprecher der Bürgerinitiativen vor Ort, verlangt: "Wir brauchen endlich einen klaren Zeit- und Maßnahmenplan." Röttgen müsse dafür sorgen, dass das Projekt vorankomme.
Das Anbohren der Kammern hätte bei frühzeitiger Planung schon im vergangenen Sommer passieren können, behauptet Michael Sailer, Geschäftsführer des Öko-Instituts und Vorsitzender der Entsorgungskommission. "Wir wundern uns, dass in der Asse so wenig passiert."
Auch in der Politik wächst der Ärger. Unter Röttgen habe der Druck, das Asse-Problem zu lösen, deutlich nachgelassen, kritisiert Sylvia Kotting-Uhl, die GrünenSprecherin für Atompolitik. SPD-Chef Gabriel forderte den Minister schon vor Wochen auf, die Sorge um die Asse ernster zu nehmen. Es könne der Eindruck entstehen, der Umweltminister wolle das Thema Rückholung verschleppen.
Doch Röttgen hat keine Eile. Die neuen Erkenntnisse über den Müll liegen wohl frühestens in drei Jahren vor. Für den CDU-Mann ist das eine gute Nachricht. Dann ist die Legislaturperiode vorbei. Er muss fürchten, dass die Zustimmung zur Atompolitik der schwarz-gelben Regierung weiter sinkt, wenn der strahlende Müll vor laufenden Kameras ans Tageslicht geholt wird.
Aussitzen ist für Röttgen daher das Gebot der Stunde. Das hat schon in Gorleben funktioniert. Dort haben Wissenschaftler jahrzehntelang mit enormem Aufwand erforscht, ob der Salzstock als Endlager in Frage kommt - ohne bis heute zu einem Ergebnis zu kommen. Das hat der Politik bislang eine unangenehme Entscheidung erspart.
Ausgerechnet sein sozialdemokratischer Vorgänger hat Röttgen die Chance eröffnet, die Angelegenheit zu verschleppen. Um überhaupt für das alte Bergwerk zuständig zu werden, ließ Gabriel es kurzerhand zu einer offiziellen Atomanlage deklarieren. Doch die Arbeiten unter Tage wurden nicht als Gefahrenabwehr deklariert. Das hätte die Genehmigungsverfahren entscheidend beschleunigt.
Eine schöne Vorlage für Röttgen. In der "derzeitigen Situation" solle es bei den für Atomanlagen "gesetzlich vorgesehenen Genehmigungsverfahren" bleiben, entschied er. Es sei "nicht sachgerecht, die Behörden zur Eile zu drängen", heißt es aus seinem Ministerium.
Auch das niedersächsische Umweltministerium, das die Testbohrungen genehmigen muss, setzt nun auf Verzögerung. Seit Wochen schon streiten die Beamten in Hannover mit dem BfS um die Erlaubnis. Viermal haben sich Dutzende Behördenvertreter getroffen - ohne Ergebnis. Zuletzt hätten die Ministerialen in Hannover eine komplette Inventarliste der Kammer verlangt, klagt man im BfS. Dabei wolle man doch gerade durch die Untersuchung klären, was dort vor Jahrzehnten versenkt wurde.
Vieles deutet darauf hin, dass die beiden schwarz-gelben Regierungen in Hannover und Berlin gemeinsam daran arbeiten, die Rückholung auf Dauer unmöglich zu machen. Jedenfalls machen die Beamten in Hannover kaum einen Hehl daraus, wie wenig sie von BfS-Chef König und seinem Plan halten. Sie waren für das Konzept des früheren Betreibers, der die Grube mit einer speziellen Lösung fluten wollte. Mitarbeiter des Helmholtzzentrums konnten sogar ohne Genehmigung radioaktive Lauge umpumpen.
Inzwischen ist die Aufsichtsbehörde umso strenger, mit erheblichen Auswirkungen. An den Eingängen der alten Schachtanlage wird nun kontrolliert, als würde man den Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses betreten. Vor kurzem wurde gar ein erfahrener Mitarbeiter gefeuert, weil er eine Tüte Salz aus dem Bergwerk mit nach Hause nehmen wollte.
Selbst das Abwasser der Klos auf der Asse muss nun auf verstrahlte Fäkalien untersucht werden, bevor es abgepumpt werden darf. Schrott und defekte Fahrzeuge, die seit Jahrzehnten in der alten Grube vor sich hingammeln und nun entsorgt werden sollen, warten seit Wochen auf eine "Freimessung". Dabei strahlt der Inhalt eines einzelnen Castor-Behälters, der durch die Lande rollt, 200-mal stärker als sämtliche Fässer in der Asse zusammen.
BfS-Chef König bringt das Hickhack in eine Zwickmühle. Noch genießt er das Vertrauen der Bürgerinitiativen vor Ort. Doch gleichzeitig will er loyal zu seinem Minister stehen. "Das Ziel aller muss die sichere Schließung der Asse sein", sagt er diplomatisch.
Dabei läuft es selbst bei der Stabilisierung der Grube nicht optimal, mit der Zeit für den Abtransport der Fässer gewonnen werden soll. Der frühere Betreiber hat zwar 80 alte Abbaukammern mit losem Salz verfüllt, um zu verhindern, dass sie einstürzen. Nun aber ist das Material zusammengesackt. König lässt deshalb die Spalten mit Salzbeton verfüllen.
Weil die Asse aber nur über einen einzigen Förderschacht verfügt und die Luftzufuhr unter Tage begrenzt ist, können nie mehr als 100 Bergleute gleichzeitig in der Grube arbeiten. Allein diese Arbeiten werden sich deshalb wohl noch weitere vier Jahre hinziehen. Vorausgesetzt, der Winter wird nicht so streng wie der letzte.
Im vergangenen März nämlich bekam die Asse wochenlang kein Salz für den Spezialbeton geliefert. In Deutschland war das Streugut knapp, die Straßenmeistereien hatten Vorrang. Und so herrschte ausgerechnet im Salzbergwerk akuter Mangel an Salz.
Von Fröhlingsdorf, Michael

DER SPIEGEL 4/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 4/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KERNKRAFT:
Strahlende Fäkalien