24.01.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH

Werdet militant

Von Leick, Romain

Der 93-jährige ehemalige französische Widerstandskämpfer und Autor Stéphane Hessel über seine Streitschrift "Empört euch!", die zum friedlichen Aufstand gegen die herrschenden Verhältnisse aufruft, und über seine Rolle als Held einer unzufriedenen Jugend

SPIEGEL: Monsieur Hessel, Ihre kleine Streitschrift "Empört euch!" hat in Frankreich und darüber hinaus ein gewaltiges Echo ausgelöst. Haben Sie damit eine Lunte der Revolution gelegt?

Hessel: Das war gewiss nicht meine Absicht, auch wenn mein Appell inzwischen tatsächlich brennt wie eine Pulverschnur. Bald eine Million verkaufter Exemplare, dazu Übersetzungen in der ganzen Welt! Dieser Erfolg hat mich völlig überrascht, es ist so etwas wie ein gesellschaftliches Massenphänomen geworden. Eigentlich misstraue ich der revolutionären Versuchung, die immer eine Gefahr darstellt. Aber zugleich bewundere ich den Kampfesmut der zeitgenössischen Nachfolger von Louis Auguste Blanqui und Michail Bakunin, jenen Anarchisten des 19. Jahrhunderts, die auf ihre Weise ein Fanal setzen wollten.

SPIEGEL: Sehen Sie sich in deren Nachfolge?

Hessel: Mein Buch ist keine große Sache, vielleicht die erste Stufe einer Rakete, ein Weckruf an das Bewusstsein. Die Broschüre ist ja eher zufällig entstanden.

SPIEGEL: Wie denn?

Hessel: Nach einem Gespräch mit meiner Verlegerin Sylvie Crossman, die sich ansonsten sehr für buddhistische Lehren und die Weisheiten der australischen Ureinwohner interessiert. Sie meinte, in meinem biblischen Alter und aufgrund meiner gelebten Erfahrung als französischer Widerstandskämpfer sowie als Mitarbeiter an der Uno-Erklärung der Menschenrechte hätte ich etwas zu sagen, was unsere heutige Gesellschaft angeht.

SPIEGEL: Ein Vermächtnis für die Jungen?

Hessel: Ich habe die allerletzte Etappe meines Lebens erreicht. Das Ende ist nicht mehr weit. Und so habe ich die Gelegenheit genutzt, an das Fundament meines politischen Engagements zu erinnern, die Jahre der Résistance im Zweiten Weltkrieg gegen die Kräfte der Barbarei.

SPIEGEL: Eine vergleichbare Bedrohung ist derzeit nirgends in Sicht. Ist das Pathos Ihres Aufrufs zum Widerstand da nicht völlig überzogen?

Hessel: Mag sein. Aber warum treffe ich dann offenkundig einen Nerv der Zeit? Eine Unruhe hat unsere Gesellschaften erfasst, ein Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann. Zu viele Probleme - von der Wirtschaftskrise über den Abbau des Sozialstaats bis zur ökologischen Zerstörung des Planeten - sind ungelöst. Deshalb kommt die Aufforderung, sich zu empören, offenbar in einem richtigen Moment der Geschichte.

SPIEGEL: Die Empörung ist normalerweise ein Vorrecht der Jungen, die nostalgische Erinnerung eines der Alten. Trifft bei Ihnen beides zusammen?

Hessel: Die Probleme heute sind natürlich nicht mehr die, vor denen wir am Ende des Kriegs 1944/45 standen. Aber die Werte, die uns antrieben, können noch immer die Grundlage für den Widerstand, die Empörung von heute bilden.

SPIEGEL: Welche Werte sind das?

Hessel: Die Prinzipien der Ethik lassen sich nicht neu erfinden. Im Kern bleiben sie unverrückbar: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde und der Menschenrechte. Wenn diese Werte unter die Räder kommen, etwa durch die Macht des Geldes, den hemmungslosen Konkurrenzkampf, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen, die Unterdrückung des Selbstbestimmungsrechts, die Macht des Stärkeren, dann müssen wir uns heute dagegen stemmen, so wie wir uns seinerzeit gegen die Kräfte der Zerstörung gestemmt haben.

SPIEGEL: Liegt das Geheimnis Ihres Erfolgs in Ihrem persönlichen Nimbus? Geben Sie der Bereitschaft zur Empörung das charismatische Gesicht?

Hessel: Es ist merkwürdig, wie gut ich als ganz alter Mann bei der Jugend ankomme. Vielleicht liegt es am Bedürfnis der Jugend, in heldenhaften Zeiten zu leben. Wenn ich vor ein Auditorium trete und sage: Wenn etwas euch empört, wie mich der Nazismus empörte, werdet militant, stark und engagiert - dann ist es unglaublich, welche Beifallsstürme ich damit auslöse. In dieser Welt gibt es viele Dinge, die unerträglich sind. Ich sage den jungen Leuten: Wenn ihr nur ein wenig sucht, werdet ihr solche Dinge finden.

SPIEGEL: Bei allem Respekt, aber ist das nicht zu leicht? Was unterscheidet berechtigte Empörung von blinder Wut?

Hessel: Da berühren sie zweifellos einen wichtigen Punkt. Der Aufschrei allein reicht nicht aus. Die Empörung darf nicht in sinnlosem Engagement stehenbleiben. Sie ist lediglich das emotionale Motiv zum Widerstand.

SPIEGEL: Die Franzosen empören sich schnell und gern. Sie streiken, demonstrieren, randalieren, beschwören die Macht der Straße - und dann fällt der Protest folgenlos in sich zusammen.

Hessel: Leider ist es oft so, ja. Die Empörung ist nur der erste Schritt. Ihr muss die Reflexion, die politische Problemanalyse, folgen und daraus die Anleitung zum Handeln, das Aufzeigen von Wegen aus der Gefahr.

SPIEGEL: Genau das tun Sie in Ihrer Schrift aber nicht. Sie verharren im emotionalen Appell. Spielen Sie da nicht mit dem Feuer? Empörung kann schnell, gerade weil sie sich moralisch drapiert, in Hass und Zerstörung umschlagen.

Hessel: Diese Gefahr besteht. Spinoza hat die Empörung deshalb als negative Leidenschaft bewertet. Ich setze immer wieder hinzu: Widerstand ist Schöpfung. Dem Unerträglichen muss etwas Neues, Positives entgegengestellt werden. Hoffnung ist die Triebkraft der Geschichte, sie ist das eigentliche Element der Zukunft, wie Sartre sagte. Es gibt jedoch Kompetentere als mich, mögliche Reformen und neue Strukturen aufzuzeigen. Ich wende mich vor allem gegen Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit, denn sie bedeuten die staatsbürgerliche Kapitulation.

SPIEGEL: Die Résistance hat den Nazis gewaltsamen Widerstand geleistet, sie konnte gar nicht anders. In Ihrem Manifest rufen Sie heute zum friedlichen Aufstand auf. Sie schreiben: "Wir müssen lernen, den Weg der Gewaltlosigkeit zu gehen." Birgt die Empörung nicht immer die Bereitschaft zur Gewalt, wenn sie nicht wirkungslos verpuffen will?

Hessel: Widerstand, auch der friedliche, ist nie gänzlich frei von Gewalt. Die britische Kolonialmacht musste Gandhis gewaltlosen Widerstand durchaus als politische Gewalt erleben. Jeder Widerstand ist im Kern moralische Gewalt - die Entschlossenheit des Sichentgegenstellens, die Weigerung zurückzuweichen. Das ist jedoch etwas ganz anderes als terroristische Gewalt, die immer ihre Wirkung verfehlt. Man kann die Terroristen, die Bomben legen und sich selbst mit in die Luft sprengen, vielleicht verstehen, aber nicht entschuldigen. Gewalt ist ein Ausdruck der Verzweiflung, nicht der Hoffnung. Eine gewalttätige Hoffnung kann es in der Politik nicht geben. Terroristische Gewalt vergiftet die Ziele, für die sie zu kämpfen vorgibt.

SPIEGEL: Unterdrücker und Besatzer nennen jede Gewalt terroristisch, die ihnen entgegengesetzt wird.

Hessel: Sie sind ja selbst in der Spirale der Gewalt gefangen. Dagegen brach die Berliner Mauer zusammen, ohne dass ein Schuss fiel. Der Aufstand des tunesischen Volkes verlief, zumindest am Anfang, weitgehend friedlich. Das stützt meine Überzeugung, dass Gewaltlosigkeit ein sicheres Mittel sein kann, der Gewalt ein Ende zu setzen und ein gewalttätiges Regime zu entwaffnen.

SPIEGEL: Sehen Sie in Tunesien das Beispiel für eine erfolgreiche Empörung?

Hessel: Es gibt natürlich keinen Zusammenhang zwischen den Ereignissen dort und meiner Schrift. Aber ist die Koinzidenz nicht merkwürdig? Der Regimewandel in Tunesien beruht auf der Empörung einer zukunftsbegierigen Jugend gegen die Schamlosigkeit einer alten, arroganten, verknöcherten Herrschaftselite. Vielleicht kann das ein Beispiel in der arabischen Welt setzen. Man hat mir gesagt, dass mein Büchlein auch in Algerien weit verbreitet wird.

SPIEGEL: Die Palästinenser dürften ebenfalls Gefallen daran finden. In Ihrer Broschüre widmen Sie deren Situation mehrere Seiten. Ihre Kritik der israelischen Politik trägt Ihnen heftige Anfeindungen der Vertretung der Juden in Frankreich ein. Sie bekunden sogar Sympathie für Aufrufe zum Boykott israelischer Produkte. Wie verträgt sich der palästinensische Kampf gegen die israelische Besetzung mit Ihrem moralischen Impuls der gewaltlosen Hoffnung? Oder halten Sie die Methoden der palästinensischen Résistance am Ende doch für legitim?

Hessel: Die Résistance ist legitim, Raketen auf israelische Städte sind es nicht. Die Lösung kann nur in Verhandlungen liegen. Aber hier gilt auch: Wer den Terrorismus der Palästinenser verdammt, und das tue ich, muss auch dessen Ursachen verstehen. Am Existenzrecht des Staates Israels, am Grundrecht seiner Bürger auf Frieden und Sicherheit, lasse ich dennoch keinen Zweifel aufkommen.

SPIEGEL: Inwieweit fühlen Sie sich selbst als Jude?

Hessel: Ich habe keine religiöse Erziehung genossen. Ich bin nicht gläubig. Ja, ich bekenne mich: Ich bin Atheist. Aber ich habe jüdische Wurzeln, über meinen Vater Franz Hessel. Ich bin der jüdischen Kultur und der jüdischen Geschichte verbunden, auch wenn mein Vater zum Protestantismus übergetreten war. Meine Mutter Helen Grund war eine fürchterliche Preußin, aber wie, oh, là, là! Dabei eine sehr selbstbewusste und durchaus freche Person.

SPIEGEL: Trifft es Sie, wenn Sie von Juden als eine Art Verräter angegriffen werden?

Hessel: Ja. Immer wenn ich auch nur einen Hauch von Antisemitismus verspüre, fühle ich mich als Jude und bekenne mich dazu. Meine große Bewunderung gilt den Juden, die über Jahrhunderte hinweg in der europäischen Diaspora die Kulturgeschichte bereichert haben: Geistesgrößen wie Spinoza, Marx, Freud, Einstein; Schriftsteller wie Tucholsky, Heine, Feuchtwanger.

SPIEGEL: Geister der Aufklärung.

Hessel: Ich misstraue jedem religiösen Eiferertum, insbesondere dem monotheistischen. Der Gott der monotheistischen Religionen ist ein eifersüchtiger Gott, der über seinen Alleinvertretungsanspruch wacht. Man kann heute nicht mit der Bibel in der Hand die Grenzen im Nahen Osten ziehen. Mein Vater hat mich

mit griechischer Mythologie gespickt, da geht es heiterer zu. Menschlicher, allzu menschlich.

SPIEGEL: Eine geplante Debatte über den israelisch-palästinensischen Konflikt an

der Pariser Elitehochschule École Normale Supérieure, an der Sie teilnehmen sollten, wurde vergangene Woche kurzfristig abgesagt. Sind Sie ein Opfer politischer Zensur geworden?

Hessel: Diese Schlussfolgerung drängt sich wohl auf. Ich sollte als Augenzeuge über die Folgen der militärischen Intervention der Israelis im Gaza-Streifen 2008 berichten. Ich war dort, ich habe es gesehen: Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind dort während der Operation "Cast Lead" geschehen. Im letzten Augenblick verfügte die Direktorin der Schule ein Verbot der Veranstaltung - auf wessen Druck auch immer, der Regierung oder des Rats der jüdischen Institutionen in Frankreich, der sich zum Ziel gesetzt hat, Israel zu verteidigen, was auch immer es tut.

SPIEGEL: Die Empörung blieb nicht aus. Das muss Sie doch freuen?

Hessel: Nun ja, die Rede- und Meinungsfreiheit in Frankreich ist nicht in Gefahr. Aber wenn die israelische Regierung Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht, und das wurde in einem Bericht des südafrikanischen Richters Richard Goldstone für die Uno festgestellt, gibt es dafür keine Entschuldigung - auch den Holocaust nicht. An der École Normale Supérieure habe ich selbst studiert, bei dem großen Philosophen Maurice Merleau-Ponty, der uns mit dem Denken von Husserl und Heidegger bekannt machte. Dass ich ausgerechnet an meiner alten Hochschule den Mund halten sollte, schmerzt natürlich. Aber für meine Verfolger, die mich ihrerseits als eine Art intellektuellen Terroristen anprangern wollen, ist die Sache nach hinten losgegangen. Eine akademische Institution, eine Forschungsstätte des Geistes, hat das Recht anzuhören, was sie will.

SPIEGEL: Sie sind ein Freigeist, ein engagierter Intellektueller. Fühlen Sie sich der Linken zugehörig?

Hessel: Ja. Ich bin Sozialist, bis heute zahlendes Mitglied der Partei. In letzter Zeit habe ich mich der ökologischen Bewegung angenähert, ich bin für ein rot-grünes Bündnis in Frankreich nach deutschem Vorbild. Ich glaube, dass Martine Aubry, die Vorsitzende der Sozialistischen Partei, die Tochter des großen Europäers Jacques Delors, die beste Kandidatin ist, Nicolas Sarkozy bei den Präsidentschaftswahlen 2012 abzulösen. Aber es wird nicht reichen, wenn Frankreich nach links rückt. Europa, die Europäische Union, muss sich aus den schrecklichen Klauen des Neoliberalismus und des Finanzkapitalismus lösen.

SPIEGEL: Ein frommer Wunsch.

Hessel: Sie halten mich für naiv, nicht wahr? Ein alter Mann, ein irgendwie liebenswerter Veteran mit seinen Träumen. Der blinde Seher Teiresias. In der Tat: Die Résistance und das Programm, das der Nationale Widerstandsrat 1944 erarbeitete, bekämpften die Macht des Geldes, die nie so groß, so anmaßend und so triumphalistisch war wie heute. Sie hat sich den Staat unterworfen. Ich sage nur: Empört euch!

SPIEGEL: Wie würden Sie Ihre derzeitige Gemütsverfassung beschreiben? Sind Sie ein Optimist oder ein Schwarzseher?

Hessel: Hin- und hergerissen. Walter Benjamin, ein Freund meines Vaters, ich habe ihn selbst noch vor seinem tragischen Selbstmord in den Pyrenäen 1940 kennengelernt, misstraute dem Fortschritt. Er sah dahinter immer einen moralischen Rückfall. Ich halte es lieber mit meinem Lieblingsdichter Hölderlin: Wenn das Schlechte kommt, ist auch das Gute nicht mehr weit.

SPIEGEL: Monsieur Hessel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(*) Mit dem Redakteur Romain Leick in Paris.

DER SPIEGEL 4/2011
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