24.01.2011

ATOMBOMBENOperation Murmeltier

Auf einem Testgelände, auf dem die Sowjets einst Nuklearbomben zündeten, liegt Plutonium kaum geschützt herum. Könnte es in die Hände von Terroristen gelangen?
Weit erstreckt sich die Steppe bis zum Horizont, ein leeres Stück Erde am Ende der Welt. Nur wenige Hirten leben hier. Aber über diesem Niemandsland im Nordosten Kasachstans kreisen Drohnen. Die Späher gehören zu einer Geheimoperation des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten. Niemand soll wissen, was die unbemannten Flugkörper in der fernen Einöde bewachen.
Das Pentagon fürchtet: Nirgendwo sonst in den ehemaligen Sowjetrepubliken haben es Terroristen so leicht, an radioaktives Material zu kommen. Durch frühere Atombombentests ist der Boden an einigen Stellen so stark mit Plutonium verseucht, dass Diebe den Stoff für eine schmutzige Strahlenbombe einfach ausgraben könnten.
Semipalatinsk, ein Gebiet etwa so groß wie Sachsen, war früher das wichtigste Atomtestgelände der Sowjetunion. Am Morgen des 29. August 1949 wuchs hier der erste Atompilz gen Himmel. Die Bewohner der umliegenden Dörfer sahen geschockt dem Schauspiel zu. Niemand hatte sie gewarnt.
Während des Kalten Kriegs wurden hier 506 weitere Atomsprengsätze gezündet. Nach dem Stopp für oberirdische Atomwaffentests von 1963 ließen die Militärs die Sprengkörper in unterirdischen Tunneln und Schächten hochgehen.
So gilt Semipalatinsk als eines der am schlimmsten radioaktiv verseuchten Gebiete der Welt. Als die Sowjetunion zusammenbrach, gab es in Kasachstan zudem ein gewaltiges Bombenarsenal. Seither haben die USA mehr als 600 Millionen Dollar ausgegeben, um dort Plutonium und Uran zu sichern - unter dem Dach der "Cooperative Threat Reduction" (CTR), eines Programms, das überall in den ehemaligen Sowjetrepubliken Massenvernichtungswaffen sichern und letztlich beseitigen soll.
Nun enthüllen amerikanische Botschaftsdepeschen: Trotz aller Anstrengungen fürchten US-Militärs, dass Terroristen sich in Semipalatinsk radioaktives Material beschaffen könnten: "Von allen CTR-Projekten ist das Geheimprojekt, welches atomwaffenfähiges Material auf dem früheren sowjetischen Atomtestgelände Semipalatinsk sichern soll, das entscheidendste", warnt der damalige US-Botschafter in Kasachstan, Richard Hoagland. 100 Millionen Dollar zusätzlich haben die Amerikaner dafür bereitgestellt. Kasachische Polizisten und Soldaten sollen das verseuchte Gelände besser bewachen. Zudem haben die Amerikaner "Warnschilder, Absperrungen, automatische Bodensensoren, Drohnen, Patrouillenfahrzeuge und andere Ausrüstung" besorgt, heißt es in einer weiteren US-Depesche aus der kasachischen Hauptstadt Astana.
Ursprünglich wollte die kasachische Regierung das 18 500 Quadratkilometer große Gebiet wieder als Weide- und Ackerland nutzen. Messtrupps untersuchten die Strahlung im Polygon, wie die Sowjets das Gelände nannten.
"Der einzig verbleibende Grund zur Besorgnis sind die Hotspots innerhalb des Testgebiets", sagte der Leiter der Nato-Mission "Semirad", Nicholas Priest, 2005. "Zurzeit ist die Lage dieser Hotspots nicht genau verstanden, und das beunruhigt uns."
Im Rahmen der "Operation Murmeltier" fahnden Russen, Amerikaner und Kasachen gemeinsam nach den Orten mit hohen Plutoniumwerten. An einer Stelle lag das strahlende Gift so konzentriert vor, dass Arbeiter den Boden mit zwei Meter dickem Stahlbeton versiegelten. Lange konnte jeder über verdorrtes Gras bis zu den Stätten der Atomexplosionen gelangen. "Niemand kontrolliert den Zugang", warnte ein Team des US-Energieministeriums schon 2001. "Schäfer kommen mit ihren Herden hierher."
In Dörfern und Städten um das Testgebiet leiden die Menschen häufig an Krebs. Plutonium ist ein Alpha-Strahler; vor allem wenn es geschluckt oder eingeatmet wird, macht das Schwermetall krank. Bei ihren Messungen fanden Forscher sehr hohe Werte in Pferdeknochen, wo sich der Stoff angereichert hatte. Aus diesen Knochen kochen Hirten ihre Suppe.
Die höchsten Plutoniumkonzentrationen liegen jedoch wohl unter der Erde. Knapp 400 Atombomben explodierten in Schächten oder Tunneln, bis zu zwei Kilometer tief. Schon vor Jahren berichtete Larissa Ptizkaja, Direktorin des örtlichen Strahlenschutzinstituts: Schrottdiebe hätten die zubetonierten Atomtestkavernen mit selbstgebastelten Bomben aufgesprengt. Die Diebe verkaufen das verstrahlte Metall an Händler in China, um ihre Familien zu ernähren. Und natürlich könnten auch Terroristen so an radioaktives Material für schmutzige Bomben kommen.
Zwar geht aus einer Botschaftsdepesche von 2009 hervor, dass 181 Tunnel inzwischen "erfolgreich eliminiert" wurden. Aber womöglich gibt es noch mehr. Erwähnt werden Hinweise auf 20 weitere Tunnel, die gerade untersucht würden.
Für das US-Militär ist die genaue Überwachung der kasachischen Steppe nichts Neues: Schon in den fünfziger Jahren spionierten Air-Force-Piloten in U-2-Flugzeugen über Semipalatinsk das Atomprogramm der Sowjets aus.
Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 4/2011
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