24.01.2011

ERZIEHUNG„Zwang funktioniert“

Die amerikanische Juraprofessorin Amy Chua über das Drillen ihrer Töchter, den strengen chinesischen Erziehungsstil und das Verbrennen von Kuscheltieren als Lernanreiz
SPIEGEL: Frau Chua, Ihre Töchter Sophia und Louisa durften nie bei Freunden übernachten, nie Freunde mit nach Hause bringen und sich nie ihre Hobbys selbst aussuchen. Werden Sie von Ihren Kindern gehasst?
Chua: Ich hoffe nicht! Mir war es wichtig, dass Sophia und Lulu fließend Mandarin und Englisch lernen und dass sie nur Einsen nach Hause bringen. Sophia konnte mit 18 Monaten das Alphabet. Während andere Kinder lernten, von eins bis zehn zu zählen, habe ich ihr die Grundrechenarten und Dezimalzahlen beigebracht. Als sie drei war, las sie Sartre. Natürlich wollte ich, dass meine Kinder Hobbys haben - aber nicht so etwas wie Handarbeit, die zu nichts führt, sondern etwas Sinnvolles und Schwieriges, mit Potential für Tiefe und Virtuosität.
SPIEGEL: Sie verlangten, dass Sophia Klavier lernt und "Lulu" Geige. Klassische Musik sei "das Gegenteil von Niedergang, Trägheit und Verwöhntheit", schreiben Sie in Ihrem soeben erschienenen Erziehungstagebuch. Ist das Ihre Kritik an der Kuschelpädagogik westlicher Eltern?
Chua: Ich habe nicht die Absicht, andere Leute zu belehren. Allerdings glaube ich durchaus, dass westliche Eltern die Dinge manchmal zu leicht nehmen. Sie können einem Sechsjährigen nicht sagen:"Geh heute mal deinen Leidenschaften nach; ich möchte nur, dass du glücklich bist." Das ist zu romantisch. Natürlich hofft jede Mutter, dass das Kind dann die Flöte in die Hand nimmt oder Gedichte schreibt. Aber ich glaube, es wird sich einfach vor den Fernseher setzen oder Computerspiele spielen.
SPIEGEL: "Oh mein Gott, du wirst schlechter und schlechter", haben Sie Sophia einmal beim Klavierüben gesagt, "wenn das beim nächsten Mal nicht perfekt ist, nehme ich dir sämtliche Stofftiere weg und verbrenne sie." Für solche Methoden, Kinder auf Linie zu bringen, werden Sie derzeit in den USA angefeindet.
Chua: Rückblickend mag das Coaching etwas extrem gewesen sein. Andererseits war es effektiv. Mit neun gewann Sophia ihren ersten Klavierwettbewerb.
SPIEGEL: Später spielte sie sogar einmal in der Carnegie Hall in New York ...
Chua: Und sie liebte es! Nichts macht Spaß, wenn man nicht gut darin ist. Und dafür muss man hart arbeiten. Doch Kinder wollen von sich selbst aus niemals arbeiten. Darum ist es entscheidend, sich über ihre Vorlieben hinwegzusetzen. Das erfordert Strenge, denn das Kind wird sich widersetzen.
SPIEGEL: Erläutern Sie doch einmal die Rezepte chinesischer Elternschaft.
Chua: Liebe und Zuhören, immer jedoch gepaart mit hohen Erwartungen. Chinesische Eltern drillen ihre Kinder jeden Tag. Wenn das Kind keine perfekten Noten nach Hause bringt, hat es einfach nicht hart genug gearbeitet. Westliche Eltern werden ihr Kind für eine Eins minus loben. Die chinesische Mutter jedoch wird nach Luft schnappen und fragen, was falschgelaufen ist.
SPIEGEL: Warum kann sie sich nicht einfach über eine gute Note freuen?
Chua: Weil es beim chinesischen Erziehungsstil darum geht, das Beste aus seinem Kind herauszuholen. Es geht darum, an sein Kind zu glauben, und zwar mehr als jeder andere. Hartnäckiges Üben ist ausschlaggebend für Spitzenleistungen. Der Effekt sturer Wiederholung wird in der westlichen Welt weit unterschätzt. Westliche Eltern geben zu früh auf.
SPIEGEL: In einer Szene Ihres Buchs weigert sich Lulu, ein Klavierstück zu üben. Sie drohen Lulu daraufhin, ihr Puppenhaus der Heilsarmee zu spenden und ihre Geburtstagsparty für mehrere Jahre ausfallen zu lassen. Schließlich üben Sie mit ihr bis spät in die Nacht und lassen sie dabei nicht einmal auf die Toilette gehen. Das klingt fast nach Folter.
Chua: Ja, ich weiß. Es ist lustig, wie die Leute das überhöhen. Sie sagen: "Oh mein Gott, das ist wie Guantanamo Bay!" In Wahrheit ist diese Episode ein gutes Beispiel dafür, dass Zwang funktioniert. Denn nach all dem Kämpfen fing Lulu plötzlich an, das Stück fehlerfrei zu spielen. Dann strahlte sie und sagte: "Mama, guck, es ist ganz einfach."
SPIEGEL: Sie kommen aus einer traditionellen chinesischen Einwandererfamilie und wurden offenbar ähnlich erzogen. Einmal hat Ihr Vater sie sogar als "Müll" beschimpft.
Chua: Mein Vater hat mich ein einziges Mal so genannt. Und ich weiß genau, warum. Meine Mutter hatte etwas zu mir gesagt, und ich antwortete "Halt dein Maul. Ich hasse dich!" Da griff mein Vater ein. Was er wirklich meinte, war: "Schande über dich, dass du so mit deiner Mutter sprichst." Und er hatte recht. Mit meiner Tochter Sophia habe ich Ähnliches erlebt. Ich nannte sie nur ein einziges Mal "Müll" - weil sie mich beleidigt hatte.
SPIEGEL: Sie sagen, das Buch sei eigentlich eine Liebesgeschichte. Wie können Sie von Liebe sprechen, wenn Sie Ihre Kinder den ganzen Tag maßregeln und drillen?
Chua: Ich bin mir sicher, dass meine Kinder zu jeder Zeit wussten, dass ich sie liebe. Die Botschaft an die Kinder darf natürlich nicht lauten: "Wenn du keine Eins nach Hause bringst, liebe ich dich nicht mehr." Die Botschaft muss lauten: "Du kannst eine Eins bekommen, weil du ein starkes, schlaues Kind bist." Wenn ein Kind in der Mathematik oder beim Klavierspielen richtig gut ist, bekommt es Anerkennung. Daraus entsteht Befriedigung - und schließlich Glück.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, dass Glück nur von schulischen Leistungen abhängt?
Chua: Ich halte nichts davon, dem Kind immer wieder zu sagen "Du bist perfekt, mach dir keine Sorgen", ohne dass es wirklich etwas leistet. Irgendwann nämlich müssen Kinder in der richtigen Welt klarkommen. Und wenn sie dann nichts können, werden sie wohl kaum den Job bekommen, den sie haben wollen. Ein gesundes Selbstwertgefühl ist der Schlüssel zum Glück. Und das erreicht man nur durch Herausforderungen und Leistung.
SPIEGEL: Zu hohe Erwartungen können aber auch große psychische Schäden anrichten. Die Selbstmordrate bei asiatisch-amerikanischen jungen Frauen ist überdurchschnittlich hoch.
Chua: Wenn das stimmt, ist das natürlich tragisch. Aber mir erscheint das doch sehr anekdotisch. Ich werde von allen Seiten mit solchen Statistiken bombardiert, und ich würde wirklich gern handfeste Daten sehen. Ich glaube nicht, dass westliche Kinder glücklicher sind als asiatische. Gut möglich, dass sogar das Gegenteil der Fall ist. Allerdings ist es natürlich furchtbar, Kinder so unter Druck zu setzen, dass sie die Last nicht mehr tragen können.
SPIEGEL: Haben Sie selbst auf Ihre Kinder zu viel Druck ausgeübt? Ihre Tochter probte den Aufstand, als sie 13 war ...
Chua: ... ja, dieses Temperament und diese Scharfzüngigkeit hat sie von mir geerbt (lacht).
SPIEGEL: Sie saßen in einem Restaurant in Moskau und wurden wütend, weil Lulu den Kaviar nicht probieren wollte.
Chua: Sie schrie: "Ich hasse dich; du bist eine schreckliche Mutter; ich hasse mein Leben; ich hasse die Geige." Und es fühlte sich plötzlich so an, als würde alles auseinanderfallen. Ich fragte mich: "Habe ich alles falsch gemacht? Werde ich meine Tochter verlieren?" Ich stand auf und rannte davon. Ich heulte Rotz und Wasser. Schließlich kehrte ich zurück und sagte: "Lulu, du hast gewonnen; es ist vorbei; wir geben die Geige auf."
SPIEGEL: Lulu begann dann mit Tennis.
Chua: Ja. Das war schmerzhaft. Wer erst mit 13 anfängt, wird keine großartige Tennisspielerin mehr. Aber ich wusste, dass es das Richtige für sie war. Toll finde ich, dass ihr Trainer von ihrer Arbeitsethik schwärmt. "Sie gibt nie auf", sagt er. Sie kämpft. Sie drillt sich selbst.
SPIEGEL: Viele westliche Bildungsforscher gehen davon aus, dass Drill die Kreativität tötet. Als wichtiger gilt es, spielerisch die Phantasie der Kinder zu fördern.
Chua: Auch ich lege viel Wert auf Kreativität. Doch statt meine Kinder mit Holz spielen zu lassen, setze ich sie lieber den unterschiedlichsten Kulturen und Ideen aus. Wir reisen viel. Wir gehen in Museen.
SPIEGEL: In den USA hat Ihr Buch wütende Proteste ausgelöst. Sie werden als Monstermutter beschimpft.
Chua: Ja. Ich wusste natürlich, dass mein Buch provozieren würde. Aber was jetzt passiert, ist surreal. Die Leute realisieren nicht, dass das Buch die Reise einer Mutter beschreibt. Am Ende stelle ich komplett in Frage, wie ich meine Kinder anfangs erzogen habe. Ich vermute, dass die Sache auch eine geopolitische Dimension hat. Shanghai hat ja gerade überragend in der Pisa-Studie abgeschnitten. Die Dominanz der Chinesen macht vielen Menschen im Westen Angst.
SPIEGEL: Sie sagen, Sie seien mittlerweile viel westlicher geworden. Dürfen Ihre Töchter inzwischen bei Freunden übernachten?
Chua: Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Zufällig ist genau heute Lulus 15. Geburtstag. Und wissen Sie was? Am Samstag haben sieben ihrer Freundinnen bei uns übernachtet.

Mit einem Erziehungstagebuch
hat Amy Chua, Tochter chinesischer Einwanderer, in den USA eine hitzige, emotional geführte Debatte über Kindererziehung ausgelöst. In dieser Woche erscheint es auf Deutsch ("Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte". Nagel & Kimche Verlag). In dem (durchaus selbstironischen) Bestseller beschreibt die 48-jährige Professorin der Yale-Universität, wie sie ihre Töchter Louisa ("Lulu") und Sophia mit chinesischer Strenge und Disziplin zu schulischen und musikalischen Höchstleistungen trieb - und dabei ein Kind fast für sich verlor. Chua lebt mit ihrem Mann, dem Amerikaner Jed Rubenfeld, und ihren inzwischen 15- und 18-jährigen Töchtern in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut.$
Von Bethge, Philip

DER SPIEGEL 4/2011
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