24.01.2011

INTERNETDas chinesische Paket

Die Entstehungsgeschichte von WikiLeaks zeigt: Die ersten geheimen Daten und Dokumente, mit denen die Enthüllungsplattform 2006 startete, stammten aus einem Hackerangriff. Von Marcel Rosenbach und Holger Stark
Wir planen, einen neuen Stern am Firmament der Menschheit zu platzieren." Das sagt Julian Assange, er sagt es im Dezember 2006, kurz vor Weihnachten, er trägt dick auf, wie so häufig. WikiLeaks ist bereit, Assange ist bereit, und es scheint, als sei auch die Zeit bereit.
Noch agiert Assange aus der Deckung. Im Oktober 2006 schickt er eine Mail an John Young, den Szene-Veteranen, der die Web-Seite "cryptome.org" betreibt, die ein ähnliches Ziel wie WikiLeaks hat: die Veröffentlichung von vertraulichen Dokumenten. Young kenne ihn "unter einem anderen Namen aus den Cypherpunk-Tagen", schreibt Assange. Er arbeite an einem Projekt, dessen Namen er noch nicht verraten wolle. "Es ist ein Projekt zum massenhaften Veröffentlichen geleakter Dokumente, das jemanden mit Rückgrat braucht, der die Domain registriert", erläutert Assange. "Wir erwarten, dass die Domain unter den üblichen politischen und rechtlichen Druck gerät." Er fragt Young direkt: "Wirst du diese Person sein?"
Assange hat sich für das Anschreiben die anonyme E-Mail-Adresse "anon1984 @fastmail.to" eingerichtet. Wie vieles bei ihm hat auch diese E-Mail-Adresse eine zweite Bedeutung: "1984" ist das Jahr, in dem George Orwells Buch über den allmächtigen Überwachungsstaat spielt. Young sagt zu und registriert am 4. Oktober 2006 die Adressen "wikileaks.org", "wikileaks.cn" und "wikileaks.info".
Assange hat eine kleine Gruppe um sich geschart, einen ersten Kern von WikiLeaks. Nach außen behauptet er, WikiLeaks bestehe aus "22 Leuten, die direkt in das Projekt eingebunden sind". Tatsächlich besteht der harte Kern eher aus "fünf Freunden" und diversen Unterstützern. Dazu gehört eine alte Bekannte, die wie er aus Melbourne stammt und mit der er in verschiedenen sozialen Gruppen aktiv war. Der Polit-Aktivist Daniel Mathews aus Australien ist dabei, und schon damals gibt es jemanden aus Berlin, der Starthilfe leistet. Sogar seinen ebenfalls computerversierten Sohn fragt Assange, ob er sich einbringen wolle. Doch der Teenager lehnt ab, da er sich nicht vorstellen konnte, dass aus der Sache etwas würde, wie er später in einem Interview sagt.
Die Freunde träumen von einer "weltweiten Bewegung" von Informanten, die die Mächtigen bloßstellen werden, es scheint ihnen die effektivste Möglichkeit zu sein, politischen Einfluss zu erlangen. Bei dem linken Kollektiv riseup.net in Seattle richten sie eine interne Mailing-Liste ein. Es ist darauf spezialisiert, sicheren Mail-Verkehr für Aktivisten anzubieten. Die Angst vor Überwachung ist von Anfang an allgegenwärtig. In jeder Rundmail wird darauf hingewiesen, man möge bitte den Namen "WikiLeaks" nicht ausschreiben, sondern nur das Kürzel WL verwenden - damit soll verhindert werden, dass die amerikanischen Überwachungsbehörden die Post automatisiert mitlesen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass WikiLeaks bereits in das Visier der Behörden geraten ist, aber eine Prise Verschwörungstheorie ist von Anfang an Teil des Projekts.
In jenem Winter Ende 2006 formt sich der Charakter der Gruppe, der sich bis heute kaum verändert hat. WikiLeaks ist keine Organisation im herkömmlichen Sinn, mit festen Orten und Strukturen, sondern eher ein Netz von Einzelpersonen rund um die Welt, deren Aktivitäten am Computer stattfinden und die sich über Mails und Chat-Räume absprechen. Persönliche Treffen sind nicht vorgesehen und eher selten. Das erleichtert es Assange, intern wie extern den Eindruck zu vermitteln, dass die Organisation größer ist. Unter anderem operiert er dafür mit verschiedenen Pseudonymen.
Assange sagt heute, die zweite wichtige Figur neben ihm sei Daniel Mathews gewesen. Tatsächlich bringt Mathews etwas mit, das Assange nicht hat: Er ist klar im klassischen politischen Spektrum verankert, er ist ein überzeugter Linker.
Wie Assange stammt Mathews aus Melbourne, aber er ist kein Programmierer, sondern Mathematiker, der mehrmals für Australien an der Mathematik-Olympiade teilnahm und heute Assistenzprofessor am Boston College ist. Die beiden kennen sich aus der Universität, von MUMS: der Mathematischen und Statistischen Gesellschaft der Universität Melbourne. Mathews ist Präsident, Assange Vize.
Mathews steht nicht für den Nerd-Flügel, sondern für den gesellschaftspolitischen Ansatz bei WikiLeaks, der sich mit Menschenrechten beschäftigt. 2006, in der Gründungsphase von WikiLeaks, studiert er an der Universität in Stanford, in den USA, wo er 2009 seinen Abschluss machen wird.
Als Student ist er politisch aktiv. Er brandmarkt das Gefängnislager in Guantanamo als einen "Hafen für Menschenrechtsverletzungen" und ruft seine Kommilitonen in Stanford bei einer Demonstration auf dem Campus öffentlich dazu auf, sich gegen den Irak-Krieg zu engagieren: "Ich bitte euch, nicht passiv zu sein, sondern etwas zu tun - und damit ist nicht gemeint, die Demokraten zu wählen. Arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation mit oder lest die Dokumente auf WikiLeaks!"
Mathews träumt von einer besseren Welt, er liest sozialistische und anarchistische Literatur, Michail Bakunin, Noam Chomsky, Daniel Guerin, und als am 21. April 2006 der damalige US-Präsident George W. Bush nach Stanford kommen will, beteiligt sich Mathews an einer Sitzblockade. Die Knüppel der Polizei gehen auf die Studenten nieder, auch Mathews wird getroffen, aber am Ende gelingt es ihnen, den Auftritt von Bush zu verhindern. Mathews empfindet das als großen Erfolg, und als er gefragt wird, ob er sich bei WikiLeaks beteiligen möchte, sagt er zu.
Während Mathews in Stanford gegen George W. Bush demonstriert, kämpft Assange in Melbourne gegen die indirekte Unterstützung von Kriegen. Es ist eine der Schlachten, die er nicht gewinnen kann.
Die mathematische Fakultät der Universität von Melbourne, an der Assange studiert, hat einen Vertrag mit der US-Armee geschlossen. Es geht um ein Studienprojekt zur mathematischen Erforschung der Verhaltensweisen von Sand. Das Pentagon finanziert verschiedene Studien dazu, offenbar mit dem Ziel, die Performance von Fahrzeugen wie Truppentransportern und Bulldozern zu verbessern, die zum Beispiel auch im West- jordanland gegen Palästinenser eingesetzt werden. Assange nennt das "die Optimierung einer Killer-Maschine", für die er seine Forschungsergebnisse nicht zur Verfügung stellen möchte.
Der Konflikt geht so weit, dass er sich exmatrikuliert. "Wir brauchen nicht mehr Wissenschaft, schon gar nicht, um Bull- dozer effektiver für den Kriegseinsatz zu machen", sagt er. "Wir müssen die Wissenschaft nur besser anwenden. Der Welt fehlt nicht das theoretische Wissen, sondern das Wissen darüber, wie das politische Geschäft in der Praxis funktioniert." Es ist das Ende seiner akademischen Karriere, und wieder einmal ist die Politik der USA ein Teil dieser Entscheidung.
Anfang September 2006 trifft Assange auf dem Melbourner Schriftsteller-Festival einen Mann, für den er große Sympa- thien hegt: Andrew Wilkie, einen ehemaligen Mitarbeiter des australischen Geheimdienstes. Wilkie ist für die Kriegsgegner in Australien ein Held, weil er im März 2003, zu Beginn des Irak-Kriegs, in einem aufsehenerregenden Schritt mit Dokumenten an die Öffentlichkeit getreten ist und die angeblichen Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak als falsch entlarvt hat.
Er ist ein klassischer Whistleblower, ein Hinweisgeber aus moralischen Motiven, und er hat mit seiner Tat, über die er auch ein Buch geschrieben hat, Assange inspiriert, WikiLeaks aufzubauen: "Ich glaube, wir brauchen ein Projekt, um Whistleblower zu schützen", sagt Assange nach der Wilkie-Affäre zu Freunden. Bei dem Schriftsteller-Festival spricht Assange Wilkie an und erklärt ihm seine Vision, aber Wilkie bleibt reserviert.
Bald kursieren auch erste Entwürfe für ein Logo der Organisation. Auf einer stilisierten Mauer aus Backsteinen erheben sich drei düstere, schemenhafte Gestalten. Von unten wird die Mauer von einem Maulwurf durchbrochen, der wie ein See- hund aussieht, eine Sonnenbrille trägt und lächelt. Intern heißt der Maulwurf "Mr. Mole", und er soll für den Aufklärer stehen, der die Verschwörung dunkler Mächte durchkreuzt. Eine Polin, die in Australien Physik studiert, hat das Logo entworfen. Eine deutsche Unterstützerin protestiert: Der Entwurf wirke wie die Berliner Mauer, das könne man nicht machen.
Zumindest grafisch befindet sich WikiLeaks noch auf dem Niveau einer Schülerzeitung. Als Alternative hat die Polin ein einigermaßen professionelles Logo entworfen: die Sanduhr mit einer dunklen Seite der Macht, aus der Informationen tropfen. Dieses Bild steht bis heute für WikiLeaks.
Im Knüpfen von Kontakten ist Assange unübertroffen. Er spricht nicht nur Andrew Wilkie an, sondern schreibt seitenlange Mails, in denen er für seine Idee wirbt, unter anderem an die Stiftung des Milliardärs George Soros, an Steven Aftergood von der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler und an John Gilmore, einen Veteranen der digitalen Bürgerrechtsbewegung in den USA, der die Organisation "Electronic Frontier Foundation" (EFF) mitgegründet hat und zur Cypherpunk-Bewegung zählt.
Auch Daniel Ellsberg erhält Ende 2006 Post von Julian Assange. Zusammen mit "Deep Throat" Mark Felt, der den Watergate-Skandal ins Rollen brachte, ist Ellsberg der bekannteste und einflussreichste Whistleblower der Vereinigten Staaten. Mit Hilfe seiner Kinder hat Ellsberg Anfang der siebziger Jahre rund 7000 strenggeheime Seiten mit Analysen zum Vietnam-Krieg kopiert und verschiedenen US-Zeitungen zugeleitet. Diese sogenannten Pentagon-Papiere läuteten das Ende der Präsidentschaft von Richard Nixon ein. Kaum jemand wäre so geeignet, das junge, aufstrebende Projekt mit seinem Namen zu adeln wie Ellsberg.
Wie sehr Assange Ellsberg verehrt, wird aus einer anderen Passage seines Anschreibens deutlich. "Sie haben mehr als jeder andere, den wir kennen, über das Veröffentlichen geheimer Papiere nachgedacht", schreibt Assange. "Deshalb hätten wir Sie gern in unserem Beratergremium." Außerdem wolle WikiLeaks einen Preis ausschreiben, den "Ellsberg-Preis für mutiges Handeln" für die zwei wichtigsten veröffentlichten Dokumente des Jahres. Ellsberg ist beeindruckt von der Idee und Assanges Energie. "Euer Konzept sieht wunderbar aus, und ich wünsche euch viel Erfolg damit", antwortet er. "Ich fühle mich geehrt, von euch angesprochen zu werden."
Dem Beratergremium tritt er trotzdem nicht bei, aber Ellsberg ist WikiLeaks bis heute freundschaftlich verbunden. John Gilmore und Steven Aftergood bleiben dagegen von Anfang an auf Distanz. Gilmore bietet immerhin intern Unterstützung durch EFF an, WikiLeaks könne "jede Art von Hilfe gebrauchen". Aftergood ist deutlich kritischer. Er begründet seine Absage damit, er könne die unbearbeitete Veröffentlichung von Dokumenten, wie sie WikiLeaks plane, nicht gutheißen.
In dem Schreiben an Ellsberg spricht Assange einen Punkt an, der zu den dunklen Flecken der WikiLeaks-Geschichte gehört. "Wir haben bis heute über eine Million Dokumente aus 13 Ländern erhalten, ohne bislang ein einziges publiziert zu haben!" Assange nutzt diese Zahl, um für sein Projekt zu werben. Sie ist eine Währung für den Erfolg von WikiLeaks, ein Zeugnis der Relevanz. Wer mehr als eine Million Dokumente erhalten hat, das ist die Logik dahinter, der muss erfolgreich, etabliert und wichtig sein. Er will Ellsberg beeindrucken, deshalb hat Assange die Zahl erwähnt.
Der Brief belegt, dass die Dokumente nicht wie suggeriert Einsendungen empörter Informanten sein können, die sich mit den Zuständen in ihrer Regierung oder ihrem Unternehmen nicht abfinden mögen. Der Großteil der Dokumente, auf die sich der Mythos um WikiLeaks bis heute stützt, existierte schon, bevor die Web-Seite auch nur einen Tag online war. Aber woher stammen sie dann?
Assange weigert sich heute, diese Frage zu beantworten, aber ehemalige und noch aktive WikiLeaks-Mitarbeiter ken- nen eine Erklärung. Demnach stammen die Unterlagen aus einem Fischzug von WikiLeaks-Unterstützern, die in den Tie- fen des Internets Hunderttausende Dateien kopiert hatten - Daten, die pikanterweise kurz zuvor von chinesischen Hackern gestohlen worden waren.
Dafür hatten die Chinesen das Tor-Netzwerk genutzt, das dafür gedacht ist, eigene Spuren im Internet zu verschleiern, indem eine Anfrage über eine große Zahl an Servern geleitet wird. Die Abkürzung Tor steht für "The Onion Router", weil das Netzwerk wie eine Zwiebel aufgebaut ist: Jeder der Tor-Server kennt nur die Identität seines direkten Nachbarn, der Datenaustausch zwischen den Rechnern findet verschlüsselt statt. Einer der Betreiber eines Tor-Rechners beobachtet, was die Chinesen tun.
Am Ende der ersten Januarwoche 2007 meldet sich einer der WikiLeaks-Leute voller Euphorie: "Wir haben sie am Arsch", schreibt er. "Hacker überwachen den chinesischen und andere Geheimdienste, und während die ihre Ziele attackieren, wenn sie Daten absaugen, tun wir das auch." Es gebe einen unerschöpflichen Vorrat an Material, "fast 100 000 Dokumente/Mails pro Tag. Wir sind dabei, die Welt zu knacken, und lassen das in etwas Neues einfließen". Das abgesaugte Material betreffe die Niederlande, die amerikanische Forschungseinrichtung Freedom House, die Situation in Afghanistan bis zum Jahr 2005. Über die indische Regierung gebe es "fast alles", dazu ein halbes Dutzend ausländische Ministerien und Konsulate, Material von politischen Parteien, der Weltbank, Teilen der Vereinten Nationen, der chinesischen Falun-Dafa-Bewegung und sogar der russischen Mafia, die sich auf den Diebstahl von Kontodaten spezialisiert habe.
WikiLeaks-Mitarbeiter, die damals mit dem Material gearbeitet haben, sagen, dass unter den Dokumenten fast die gesamte Kommunikation des pakistanischen Außenministeriums sei. Die Sammlung, die intern das "chinesische Paket" genannt wird, sei "überwältigend", schwärmt einer der WikiLeaks-Leute. Es ist ein unfassbares Datenpaket, das scheinbar herrenlos durch den Cyberspace geistert. "Wir kennen nicht einmal ein Zehntel dessen, was wir haben, oder auch nur, wem das Material gehört. Wir haben bei einem Terabyte mit dem Speichern aufgehört."
Diebe haben die Daten gestohlen und sind nun selbst zum Opfer eines Diebstahls geworden. Hacker aus dem Umfeld von WikiLeaks haben staatliche Hacker überwacht, deren Spur sich zumindest bis in die Nähe von Peking und in die Region um Guangzhou zurückverfolgen lässt, wo die chinesische Regierung semioffiziell hacken lässt. Es ist eine ebenso dreiste wie erfolgreiche Operation, die zeigt, was im Zeitalter des Internets alles möglich ist.
Der Erfolg von WikiLeaks ist demnach auch ein Ergebnis erfolgreicher Hackeraktivitäten. Angesichts der Biografie von Assange, aber auch anderer WikiLeaks-Leute, ist das nicht wirklich überraschend. Aber es lässt die Geschichte des Projekts in einem anderen Licht erscheinen. Von den Dokumenten, die WikiLeaks publiziert hat und deren sich Assange rühmt, stammt nur ein Teil von klassischen Whistleblowern.
Das Geheimnis wird intern gehütet. Mitarbeiter, die später dazustoßen oder nicht zur Kerngruppe um Assange gehören, erfahren nichts. Die Fäden laufen bei Assange zusammen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen wäre es für WikiLeaks schädlich, wenn die Episode bekannt würde. Zum anderen haben die Hacker, die das Material abgesaugt haben, darum gebeten, damit sehr zurückhaltend umzugehen. Der Fischzug soll nicht zum Politikum werden. Deshalb wird Assange nur eine Handvoll Dokumente aus dem "chinesischen Paket" verwenden. Der Rest ist bis heute unter Verschluss.
Als die Zeitschrift "New Yorker" erstmals im Juni 2010 über diese Gerüchte berichtet, bricht bei WikiLeaks intern ein Sturm der Entrüstung los. Die Operation gefährde die Zukunft des Tor-Netzwerks, kritisieren vor allem deutsche Aktivisten, die dem Projekt freundschaftlich verbunden sind. Denn Tor ist das einzige Projekt, das einigermaßen sicheres Surfen im Internet erlaubt, sein Wegfall würde eine große Lücke reißen. Dazu kommt, dass Jacob Appelbaum, einer der WikiLeaks- Helfer, hauptberuflich für Tor arbeitet. Appelbaum reiste jahrelang um die halbe Welt, um das Netzwerk bekannt zu machen, selbst in Ländern wie Iran. Nun soll seine gesamte Arbeit wegen einer Hackerstory aus den Gründertagen von WikiLeaks auf dem Spiel stehen? Viele der Aktivisten ärgert das, und sie beschweren sich.
Eines der Dokumente, das WikiLeaks neben dem "chinesischen Paket" erhält, stammt aus Somalia, und Assange entscheidet, dass daraus ihr erster Auftritt entstehen soll. Das Dokument, so heißt es in den internen Mails, sei Mitte Oktober 2006 von Mitarbeitern der somalischen an die chinesische Regierung übergeben und dann an WikiLeaks weitergereicht worden. Angeblich gibt es zwei Quellen dafür. Es soll ein internes Papier somalischer Islamisten sein, verfasst von Scheich Hassan Dahir Aweys, einem der Führer der radikalen "Islamic Courts Union" (ICU). In dem Schreiben ist von einer "Islamischen Republik Somalia" die Rede. Geht es um einen Staatsstreich der Islamisten, die nun das ganze Land übernehmen wollen?
Weihnachten naht, aber das kleine WikiLeaks-Team arbeitet über die Feiertage durch. Die Web-Seite soll möglichst bald online gehen, die Welt endlich Notiz von der Idee nehmen.
Innerhalb von WikiLeaks gibt es zwei Fraktionen. Die einen sind begeistert von der Aussicht auf den ersten "Scoop" der noch unbekannten Web-Seite und plädieren für eine möglichst baldige Veröffentlichung. Die anderen sind skeptisch: Wiki- Leaks könne es sich nicht leisten, seine Arbeit mit einem Dokument zu beginnen, das womöglich gefälscht sei. Vor allem John Young von Cryptome ist skeptisch.
Desinformation und die Fälschung solcher Dokumente sei das "tägliche Brot der Geheimdienste", argumentiert Young. Die Papiere würden dann gezielt lanciert. Je größer die Reputation eines zu diskreditierenden Ziels, desto höher die Wahr- scheinlichkeit einer Fälschung. Gleich die erste Veröffentlichung stellt WikiLeaks vor große Probleme.
Es sind strukturelle Probleme, die im Laufe der Jahre immer wieder auftauchen. Wie will eine kleine Organisation, die vor allem aus technisch versierten Polit- und Netzaktivisten besteht, Inhalte aus der ganzen Welt veri- oder falsifizieren? WikiLeaks beschäftigt keine klassische Redaktion, die mit den Mitteln des traditionellen Journalismus Hinweisen nachgeht, bis daraus eine Geschichte wird. Andererseits ist die Verantwortung der Seite groß. Und eine Reihe von gefälschten Dokumenten würde nicht nur die Glaubwürdigkeit der Web-Seite diskreditieren, sondern auch die davon betroffenen Organisationen oder Leute in Gefahr bringen.
Assange und Daniel Mathews googeln, was der Prozessor hergibt, lesen sich ein in die schwer zu durchdringende Geschichte von Punt- und Somaliland, recherchieren den Einfluss der äthiopischen Regierung und die Ambitionen der ICU, ihren Einfluss über Mogadischu hinaus auszudehnen. Sie überprüfen die Dateiinformationen. Danach ist das Dokument von einem "Capitain Weli", "Islamische Republik Somalia", verfasst worden, mit Microsoft Word, Version 8. Einige der Aspekte des Papiers seien " nicht überprüfbar", eiern die WikiLeaks-Leute rum: "Es gibt gute Argumente in beide Richtungen."
Daniel Mathews schreibt diese erste Analyse in der Geschichte von WikiLeaks, und er ist heillos überfordert. In den letzten Tagen des Jahres 2006 erscheint das Dokument trotz aller Bedenken auf wikileaks.org, mit einem einordnenden Begleittext, der deutlich macht, dass WikiLeaks nicht abschließend klären konnte, ob das Schreiben echt ist.
Silvester 2006/2007 wird ein kurzes Fest für Assange und Co. Es gibt jetzt eine Web-Seite und die erste Veröffentlichung, aber noch keine Möglichkeit, Dokumente einzusenden.
WikiLeaks hat ein temporäres Hauptquartier in dieser Zeit: ein altes, baufälliges Wohnhaus gegenüber der Universität von Melbourne, im Stadtteil Carlton, das aussieht wie eine Villa aus einem Pippi-Langstrumpf-Film. Früher war in dem zweigeschossigen Haus eine Arztklinik untergebracht, Studenten hatten das Obergeschoss in den neunziger Jahren ausgebaut und daraus eine Art Wohnheim gemacht. Entsprechend improvisiert ist die Einrichtung.
In dem Haus wohnen über Wochen acht, zeitweilig zehn Leute, Programmierer, Übersetzer, Web-Designer. Assange nennt sich Projektmanager und leitet die Arbeiten, er hat Diagramme gezeichnet und eine Architektur der WikiLeaks-Web-Seite an die Wand gehängt. Zur Gruppe gehören ein Südafrikaner, ein Freiwilliger aus Deutschland, eine alte Freundin von Assange aus Melbourne und Daniel Mathews, der allerdings bei seinen Eltern wohnt und nur zum Arbeiten vorbeischaut. Sie haben extra mehrere Betten und ein Sofa in das Haus geschafft, das das Flair einer Jugendherberge am Vorabend eines großen Kongresses verströmt.
Unterstützung erhält die Gruppe von einem Mann, der eine Legende in der Computerwelt ist: Ben Laurie. Der Brite hat die Software Apache mit entwickelt, die auf den meisten Internetservern eingesetzt wird, sitzt in diversen Aufsichtsräten und hat die Weiterführung der Verschlüsselungssoftware PGP unterstützt. Assange und er kennen sich schon lange, und Laurie ist gern bereit zu helfen, als Assange ihn fragt. Er gibt Ratschläge, wie WikiLeaks am effektivsten arbeiten kann, hilft bei der Programmierung der Software und sagt zu, als Assange ihn bittet, offiziell Mitglied des WikiLeaks-Boards zu werden.
Auch wenn Assange die architektonischen Arbeiten fieberhaft vorantreibt, ist die Web-Seite Ende 2006 nur teilweise fertig. Intern wird abgewogen: die Aufmerksamkeit und Sympathie der Öffentlichkeit gegen mögliche Repressionen der Sicherheitsbehörden und selbstgemachten Erwartungsdruck. In der Stellungnahme, die WikiLeaks schließlich im Januar 2007 veröffentlichen wird, heißt es, das Projekt sei von "chinesischen Dissidenten, Mathematikern und jungen Technologiebegeisterten aus Start-ups" gegründet worden.
Im Berater-Board säßen neben Ben Laurie auch tibetische Dissidenten wie Tashi Namgyal, die chinesischen Menschenrechtsaktivisten Wang Dan und Xiao Qiang, der brasilianische Rechtsanwalt Chico Whitaker, der Thailänder CJ Hinke oder der australische Filmemacher Phillip Adams. Das klingt imposant, aber viel passiert nicht. Adams sagt, er sei nie zu einem Treffen eingeladen oder um Rat gebeten worden, stehe aber zur Verfügung. Xiao Qiang behauptet, er sei zwar per Mail angefragt worden, habe aber nie zugestimmt. CJ Hinke gibt an, es habe gelegentlich informelle Sitzungen des Beratergremiums gegeben, und er habe WikiLeaks nach Kräften unterstützt. Mit dieser Pressemeldung malt WikiLeaks auch ein Bild von sich, das nicht der Wirklichkeit entspricht: Im Kern ist es ein Projekt von digitalen Politaktivisten aus westlichen Demokratien.
Einem der Reporter, der sich für WikiLeaks interessiert, antwortet Assange im Januar 2007 per Mail auf seine Fragen - und macht dabei einen folgenreichen Fehler. Er schreibt, dass die Gruppe "mit weniger als 50 000 Dollar pro Jahr" überleben könne, "aber unser Ziel ist es, bis Juli 5 Millionen Dollar Spenden einzusammeln". Das ist eine große Zahl, und als sie zirkuliert, kommt es zum Eklat.
Das lasse WikiLeaks aussehen "wie der Abschaum von der Wall Street", antwortet John Young. Er möchte WikiLeaks in kleinen Schritten entwickeln und warnt vor Größenwahn. Als er merkt, dass er sich damit nicht durchsetzen kann, steigt er aus. Für ihn sei die Ankündigung der Millionenkollekte "der Wendepunkt" gewesen. Young wird von einem Freund zum Feind. WikiLeaks sei nur "ein Schwindel", der eine "Desinformationskampagne gegen aufrechte Dissidenten" fahre, greift er seinen ehemaligen Mitstreiter an.
Der Rückzug trifft WikiLeaks, aber de facto hat Young neben seinem Namen nur Ratschläge gegeben. Für die praktische Arbeit ist sein Ausstieg nicht entscheidend. Und Assange richtet seinen Blick ohnehin in die Zukunft, er hat eine neue Idee. Er registriert sich beim bevorstehenden Weltsozialforum in Nairobi, Kenia, "um WikiLeaks zu präsentieren". Per Rundmail fragt er: "Hat irgendjemand Lust mitzukommen?"
Dieser Text ist ein leicht gekürzter Kapitelauszug aus dem SPIEGEL-Buch "Staatsfeind WikiLeaks", das an diesem Montag bei DVA erscheint (336 Seiten; 14,99 Euro).
Von Marcel Rosenbach und Holger Stark

DER SPIEGEL 4/2011
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