24.01.2011

KRIEGSVERBRECHEN

Die letzte Instanz

Von Follath, Erich

Efraim Zuroff ist von Beruf Nazi-Jäger. In einem Wettlauf gegen die Zeit versucht er, Kriegsverbrecher zu überführen. Ganz oben auf seiner Liste: Sándor Képíró, beim Massaker von Novi Sad 1942 vor Ort. Der Mann ist enttarnt - und wird nun selbst zum Ankläger. Von Erich Follath

Der Nazi-Jäger Nummer eins gegen die Nummer eins auf seiner Liste der mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, contra Sándor Képíró, ehemaliger ungarischer Gendarmeriehauptmann. Budapest, Zentralgericht, Strafverfahren mit dem Aktenzeichen 22b/25768: Es ist ein sehr ungewöhnlicher Fall mit zwei sehr ungleichen Kontrahenten, der zur Entscheidung ansteht.

Das Gebäude im gutbürgerlichen V. Distrikt hat etwas Trostloses: Staub auf Möbeln, Modergeruch in überheizten Räumen, ein alptraumhaftes Labyrinth endloser Gänge. Mehr als ein Hauch von Kafka und seiner Alptraumwelt.

Der Richter räuspert sich: Es geht um das Massaker von Novi Sad am 23. Januar 1942, bei dem bis zu 1100 Männer, Frauen und Kinder umgebracht wurden, hauptsächlich Juden. Aufgereiht, erschossen, in der Donau versenkt. War der damalige Polizeioffizier Képíró Haupttäter oder "nur" als Handlanger an der Auswahl der Opfer beteiligt? Muss man, kann man, darf man ihn einen "War Criminal" nennen, wie Zuroff das getan hat - und lässt sich das Ausmaß von Schuld nach all diesen Jahren noch zweifelsfrei ermitteln?

Viele solcher Konfrontationen gibt es nicht mehr, bei denen Zeugnis aus dieser Zeit abgelegt wird. Ein Wettlauf gegen die Zeit. "Operation Last Chance" heißt die Aktion des Wiesenthal-Zentrums, die Hitlers letzte in Freiheit lebende Schergen aufspüren und auch deren Verbündete strafrechtlich belangen soll. Aber den Fall in Budapest macht etwas anderes besonders, ja einmalig: Efraim Zuroff, 62, der Nazi-Jäger, ist der Angeklagte. Sándor Képíró, 96, der am Massaker Beteiligte, ist der Kläger.

Nicht die Schuld des Ungarn wird verhandelt, dem bei einer Anklage wegen Beihilfe zum tausendfachen Mord eine lebenslange Strafe drohen könnte; ein solches Verfahren hat die Budapester Staatsanwaltschaft trotz beachtlicher Beweislage lange nicht angestrengt. Sondern die Schuld des Israeli, der sich wegen übler Nachrede und Rufmord verantworten muss. Ihm drohen bei einer Verurteilung zwei Jahre Gefängnis. Wer das verstehen will, muss an die Schauplätze des Falls fahren, versuchen, die Ereignisse aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Aus dem Blickwinkel des Jägers, des Opfers, des mutmaßlichen Täters.

JERUSALEM, nicht weit vom Hotel King Solomon in der jüdischen Neustadt, ein eher bescheidenes Eckhaus. Hier sitzt die Organisation, die bei der Suche nach NS-Verbrechern nicht klein beigibt. Das hat sicher entscheidend mit dem Chef zu tun, der nun schon fast ein Vierteljahrhundert das Zentrum leitet. "Ich werde nicht aufhören, bis allen Opfern des Holocaust Gerechtigkeit widerfahren ist, bis alle Nazis abgeurteilt sind - bloß kein falsches Mitleid, weil die jetzt Greise sind", sagt er gleich bei der Begrüßung an der Tür.

Zuroffs Händedruck ist bärentatzig, massiv wölbt sich der große Körper, der sich aber überraschend elegant und schnell bewegt. Ein Grizzly, grimmig, immer auf der Hut, immer auf der Jagd.

Vier seiner Verwandten haben die Nazis umgebracht, die Familie des Großonkels 1944 in Litauen. Nur vier, sagt er fast entschuldigend, sein Vorbild Simon Wiesenthal verlor 89 Verwandte durch die Shoah. Der schillernde und manchmal die Wahrheit zurechtbiegende Organisationsgründer hat unter anderen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann aufgespürt. Zuroff wirkt wie ein Gegenentwurf zu Wiesenthal: nach dem Krieg geboren und in New York aufgewachsen, geradlinig bis zur Schmerzgrenze, ein Rechthaber und Feind aller Grautöne.

Sein Reich hat vier Zimmer, bis zur Decke vollgestopft mit akribisch beschrifteten Leitzordnern. Selbst in der Küche ist noch eine Wand für Akten hergerichtet; dazwischen Plakate und Bilder zur "Endlösung" an der Wand, als wolle Zuroff ständig und überall erinnert werden. Einziges nichtnazistisches Element im Büro ist ein kleiner Basketballkorb. "Ich wollte als Jugendlicher nicht der letzte Nazi-Jäger werden, sondern der erste orthodoxe Jude in der Profi-Liga NBA."

Sein Großvater war Rabbi, sein Vater war Rabbi, die Mutter unterrichtete an einer religiösen Schule in Brooklyn. Die Erwartungen an Efraim sind klar: Er soll einmal eine jüdische Gemeinde führen. Er rebelliert, in Maßen. Als Student zieht es ihn nach Israel, er promoviert an der Hebräischen Universität in "Holocaust Studies". Aber Zuroff ist kein Bücherwurm wie die meisten seiner Historiker-kollegen. Sich mit der Vergangenheit beschäftigen heißt für ihn vor allem, ein neues Auschwitz zu verhindern.

Ein Drittel seiner Zeit verbringt er mit Detektivarbeit, ein Drittel mit Aktenarbeit, ein Drittel mit politischer Lobby-arbeit. Erfolge und Frust halten "sich so in etwa die Waage". Als Triumph empfindet er 1999 den Prozess gegen den in Argentinien aufgegriffenen und nach Kroatien ausgelieferten Ex-Ustascha-Kommandanten Dinko Sakić. Aber viele Staaten verschleppen Anfragen oder weigern sich, eine Strafverfolgung einzuleiten, trotz präziser Angaben des Wiesenthal-Zentrums. Erna Wallisch, die teuflische KZ-Aufseherin von Majdanek, wurde von Zuroff aufgespürt, "entzog sich aber erfolgreich der Gerechtigkeit" - sie starb kurz vor Prozessbeginn.

2002 rief er die "Operation Letzte Chance" ins Leben, verband sie mit großen Anzeigenkampagnen und setzte für Informanten eine Belohnung aus. "Kopfgeld" nannten das manche, der deutsche Zentralrat der Juden zeigte sich indigniert. Zuroff weiß, dass sein auch von ihm selbst inflationär gebrauchter Titel "Nazi-Jäger" ziemlich reißerisch klingt, ein bisschen nach Indiana Jones. Und doch vergibt der Publicity-Bewusste weiterhin "Schulnoten" an Staaten: Wer kooperiert, wird mit einem öffentlichen "sehr gut" belohnt, am anderen Ende der Skala droht "mangelhaft". Jahrelang erhielt Deutschland miese Beurteilungen, zum ersten Mal bekam Berlin jetzt die Bestnote. Österreich nennt Zuroff "ein Paradies für NS-Verbrecher". Aber das Hauptsorgenkind ist heute Ungarn: "Bei der letzten Wahl hat die rechtsradikale Jobbik-Partei fast 17 Prozent bekommen, der Antisemitismus wächst erschreckend. Die Justiz - hanebüchen."

Und ein weiterer, wesentlicher Faktor für Budapests Abstrafung ist natürlich der Fall Képíró. Sein Fall Képíró.

Im Februar 2005 hat sich ein Mann aus Schottland bei Zuroff gemeldet. Er komme gerade von einer Party, ein alter Mann habe sich da gerühmt, Deportationen nach Auschwitz organisiert zu haben. Zuroff schickt einen als Journalisten getarnten Mitarbeiter vorbei. Der stellt schnell fest, dass der Mann ein Schwätzer ist. An der Küchenwand sieht der Rechercheur allerdings ein interessantes Foto, einen Mann in Uniform. Er nimmt es mit. Und die Experten des Wiesenthal-Zentrums identifizieren Képíró.

Als klar wird, dass der Gesuchte unter seinem richtigen Namen in Budapest lebt, gibt Zuroff im September 2006 eine Pressekonferenz - in der ungarischen Hauptstadt. Da genieße ein Kriegsverbrecher sein Leben, ruft er, ganz alttestamentarischer Ankläger; ein Mann, der nachweislich 1944 sogar als "Beteiligter" verurteilt wurde. Und Zuroff verkündet, er stelle der Staatsanwaltschaft sein Dossier zur Verfügung. "Übernehmen Sie endlich!" Nichts passiert. Zuroff hebt Képíró auf die Nummer eins seiner Most-Wanted-Liste, und immer wieder nennt er ihn "Kriegsverbrecher".

Aber ist der Ungar nicht in Wahrheit nur ein kleiner bis mittlerer Fisch, ein Handlanger? Ist Zuroff besessen von seinem Jagdfieber - verliert er jedes Maß?

Er zurrt die handgestrickte Kippa zurecht. Es ist wieder einer dieser Abende geworden, an denen er spät nach Hause kommt, zu seiner Familie, vier Kinder hat er, acht Enkel, Nummer neun ist unterwegs. Sie leben in der Siedlung Efrat nahe Betlehem, nach internationalem Recht auf besetztem Gebiet, nach seiner Vorstellung im biblischen Land, das den Juden zusteht. Zuroff zählt zu den Gemäßigten unter den Orthodoxen, das palästinensische Leid lässt ihn nicht kalt, obwohl es seiner Meinung nach an arabischen Friedenspartnern fehlt.

Képíró treibt ihn um, mehrfach war der Nazi-Jäger in Novi Sad. Die Urkunde, mit der er zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde, steht immer in Sichtweite. Der serbische Präsident Boris Tadić hat Zuroff wegen seiner Verdienste um die Erinnerung an Kriegsverbrechen sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Dass Képíró kein Eichmann ist, spielt für Zuroff keine Rolle: "Er darf nicht davonkommen. Moralisch ist er ein Monster." Und zu seiner Aufgabe im Wiesenthal-Zentrum sagt er: "Ich kenne keine schlaflosen Nächte. Für meine Zielpersonen habe ich nur Verachtung übrig - besonders für Képíró."

NOVI SAD, auf Sumpf gebaut, vom "Platz des Friedens" beherrscht, von der Petrowaradin-Festung überwacht, hat das Problem vieler zweitrangiger Orte Mittel-Osteuropas: Pittoresk präsentiert sich die mittelalterliche Innenstadt mit ihren Puppenstubenhäusern, aber sie ist nichts wirklich Besonderes. Hinterland zwischen Belgrad und Budapest.

Die einstige Judengasse, ruhig und menschenverlassen, als wäre sie nur noch von den Gespenstern der Erinnerung bewohnt, führt an ihrem Ende zu der von maurischen Kuppeln gekrönten Synagoge. Sie dient heute - mangels Juden und wegen ihrer guten Akustik - vorwiegend als Konzertsaal. "Stadt der Leichtigkeit: Novi Sad, Metropole der Zukunft", heißt der Werbeslogan der Touristikbehörde. Die Vergangenheit wird beiseitegeschoben wie eine lästige, entfernte Verwandte, deren Besuch man unter allen Umständen vermeidet. Das einzige Monument, das an das Massaker von 1942 erinnert - Mutter, Vater, Kinder in Stein gemeißelt -, steht zwei Kilometer flussaufwärts vom damaligen Tatort entfernt. Dort, wo man es bequem vergessen kann.

Novi Sad damals. Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit vor dem Zweiten Weltkrieg, vor dem Massaker; Erinnerungen der in Novi Sad geborenen Lydia Brenners, in den Zeiten des Horrors 10 Jahre alt, heute 78:

Schulpausen mit Sonnenblumenkernen. Grantige Marktfrauen, die aber schon mal eine Aprikose herausrückten, wenn das Taschengeld nicht reichte. Eishändler vor handgeschobenen Wagen, schneckenhausförmig, Extrafach für Waffeln. Heiße Sommer am Donaustrand, kälteklirrende Weihnachten mit duftenden Zimtsternen. Das klobige Radio, das die Familie als eine der reichsten auswies. Die Synagoge, zu der die Eltern an Feiertagen gemeinsam mit den Kindern gingen, während die Freundinnen in die katholische Kirche, in die Gotteshäuser der Protestanten, Orthodoxen, Adventisten abbogen - religiös war, wer wollte, wo er wollte, wie intensiv er wollte.

Was Lydia, auf den vergilbten Fotos von damals das Mädchen mit dem unbeschwertesten Lachen, als Idyll empfunden hat, war wohl nie ein völlig unproblematisches Nebeneinander der Völker und Konfessionen. Aber dass die Menschen von Novi Sad friedlich miteinander ausgekommen sind, ist bei Historikern unstrittig. Serben, Ungarn, deutschsprachige Schwaben und Juden teilten sich im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts die verschlafene Provinzhauptstadt.

Im April 1941 greifen Hitler-Deutschland, Italien und Ungarn ohne vorherige Kriegserklärung Jugoslawien an. Der Vielvölkerstaat wird aufgestückelt. Ungarn erhält den Norden, einschließlich Novi Sad.

Und in der Stadt zieht der Terror ein. Unterschieden wird nun nicht mehr in faule oder fleißige Lehrer, brave oder untreue Ehemänner, elegante Tänzerinnen und solche mit zwei linken Füßen, Leichtlebige und Schwermütige - die Menschen sehen sich aufs "Völkische" reduziert. Ihr Schicksal: frei oder vogelfrei. Novi Sad, das hinterwäldlerische, gemütliche Novi Sad wird zur "Schule der Gottlosigkeit", wie es Aleksandar Tišma, literarischer Chronist der Stadt, formuliert hat.

Partisanen leisten in der Gegend Widerstand, Vorwand für die ungarischen Besatzer zur Kollektivbestrafung. Die "Razzia" tobt mehrere Tage in Novi Sad und den umliegenden Ortschaften. Den Haushalt der jüdischen Familie Brenners erreicht das Grauen dann am 22. Januar 1942 abends, mit dem Besuch von vier Gendarmen. Lautes Klopfen an der Tür. "Sie alle werden morgen früh abgeholt, nehmen Sie nur das Notwendigste mit." Das deutsche Fräulein, das Lydia und ihre Schwester im Haushalt betreut, fragt, ob sie auch mitkommen müsse.

Sie sind doch keine Jüdin? Die Blonde schüttelt den Kopf. "Nein, dann nicht."

Die alte Dame streicht beim Rückblick auf damals die weißen Haare zurück; es fällt ihr nicht leicht zu erzählen. Brüchig, ganz leise wird ihre Stimme. Wie die Jahresringe eines Baums legen sich die Falten um ihre Augen.

Minus 25 Grad sind es in den frühen Morgenstunden des 23. Januar. Ein langer Marsch bitter frierender Menschen, angetrieben von herrischen Aufpassern. Die Mutter hat die ältere Tochter an der Hand. Der Vater fällt auf dem Weg zur Sammelstelle hin, Lydia hilft ihm auf. Da dreht einer der Gendarmen durch, schlägt die Zehnjährige mit dem Gewehrkolben nieder. Mühsam rafft sie sich auf.

Sie kommen am Kulturhaus an, werden getrennt nach Geschlechtern. Dann nach vorn gescheucht, Richtung Donau. Vom Fluss hören sie Schüsse, viele Schüsse. Lydias Tante gerät in Panik, packt ihr Kind, schert aus - und wird von einem Gendarmen weggezerrt. Es ist das letzte Mal, dass Lydia die beiden sieht.

Am Strand müssen sich die Menschen aufstellen. Erst sind es einige Dutzend Reihen, dann werden es immer weniger. Und die Schüsse kommen näher. Bald wären sie dran gewesen, aber irgendein Befehl muss die Soldaten, die systematisch wie Maschinen töten, abgehalten haben. Dort, wo im Sommer immer die Badenden gelacht und gespielt haben. So viel sieht die kleine Lydia noch: dass sie mit Kanonen auf den zugefrorenen Fluss schießen, damit die Löcher groß genug sind, die Leichen aufzunehmen. Dann fällt sie in Ohnmacht.

Vater, Mutter, Schwester haben es geschafft. Sie schlagen sich bis Budapest durch. Überleben im Ghetto, irgendwie. Kehren vier Jahre später nach Novi Sad zurück. Keiner spricht über die Schreckenstage von damals, aber viele, so viele Freundinnen fehlen für immer. Die 16-Jährige, zum ersten Mal verliebt, bedauert dann sehr, als der Vater 1948 mitteilt, man werde nach Israel umziehen. Aber bald heiratet sie, bekommt zwei Kinder. Zieht in eine kleine Wohnung bei Tel Aviv. Führt eine glückliche Ehe, pflegt den an Alzheimer erkrankten Mann.

Und immer noch kann und will sie nicht den Tätern verzeihen, möchte sie von einem ordentlichen Gericht verurteilt sehen, "nur das wäre ein Abschluss".

Sie hat Zeugnis abgelegt vor Kameras in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem. Und zermartert sich bis heute das Gehirn. Ja, sie erinnert sich an die Rufe nahe der Donau, mit denen der Organisator des Massakers herbeigeholt wurde, immer wieder "Schani, Schani", und dieses "Schani" ist eine Kurzform von Sándor. Ja, der jetzt von Zuroff gefundene Ex-Gendarm Képíró heißt Sándor mit Vornamen. Und ja, der Mann in Uniform auf dem Schwarzweißbild, das man ihr zeigt, ähnelt dem, der sie mit dem Gewehrkolben schlug - aber genügt das, Ähnlichkeit?

Sie hätte ihn identifizieren und damit womöglich das Verfahren gegen Képíró voranbringen können. Aber so ein Mensch ist sie nicht, sie kann nicht lügen, nicht in dieser Überlebensfrage. Sie begibt sich nicht auf die Stufe der von Gott Verlassenen, das ist ihr Schwur.

Sie weiß genau, was Képíró vorgeworfen wird. Sie hat das Ermittlungsergebnis der jugoslawischen Behörden übersetzt; die beschuldigten den Flüchtigen 1947, Beihilfe zu den Morden geleistet zu haben, und nannten ihn einen "Kriegsverbrecher". Da es lange Jahre kein Auslieferungsabkommen zwischen den beiden Staaten gab, konnte sich Ungarn taub stellen. Noch so ein Papier, das in Aktenschränken verstaubt.

Nichts in der kleinen Wohnung erinnert an ihr früheres Leben. Sie hat alles in fröhlichen Farben gehalten, Blumenmuster. Sie sieht fern, vorwiegend Unterhaltungssendungen. Sie merkt, wie ihre Kräfte schwinden. Bald wird sie den Haushalt nicht mehr allein hinkriegen. Die Tochter ist in die Nähe gezogen, hilft aus, auch an diesem Tag.

Lydia Brenners steht auf, geht ins Schlafzimmer, kommt mit einem Bündel Umschläge und Fotos zurück, um das sorgfältig eine Schleife gebunden ist. Sie bläst den Staub weg, sorgfältig, als fürchte sie, die Papiere könnten bei einem stärkeren Windhauch zerfallen wie Papyrus, das Archäologen in alten Gräbern finden. Es handelt sich um Briefe vom Großvater, um Kinderbilder aus Novi Sad. Das Familienalbum.

Aber Mutter, das hast du mir nie gezeigt, sagt die Tochter, zitternd vor Aufregung und Schmerz.

Ich konnte bis heute nicht, sagt Lydia Brenners, und beide haben Tränen in den Augen und vergessen ihren Gast, als sie zu blättern beginnen.

Du warst in den letzten Jahren mehrmals zurück in Novi Sad, sagt die Tochter, da will ich jetzt auch mal hin.

Lass es, sagt die Mutter. Und sie erzählt, wie diese Stadt sich um "Normalisierung" bemüht - und immer wieder scheitert. Noch im Kosovo-Krieg zerstörte 1999 die Nato die drei Donaubrücken. "Es bringt nichts, Dinge begreifen zu wollen, die man nicht begreifen kann", sagt Lydia Brenners, hält schützend die Hand ihrer Tochter.

Auf den Mauern der Gedenkstätte von Novi Sad steht ein Satz geschrieben, den die alte Dame sich eingeprägt hat: "Die Macht eines steinernen Monuments wiegt schwer - doch unendlich schwerer wiegt die Macht der Erinnerung."

DAS BUDAPESTER HAUS, in dem Sándor Képíró wohnt, liegt direkt gegenüber einer Synagoge, in der sich an jedem Sabbat Dutzende Gläubige mit ihren Yarmulkes durchs Tor mit dem siebenarmigen Leuchter schieben.

Die Juden; der Fluss; die Minora. Manches in seiner Umgebung müsste Képíró an die ungeheuerlichen Ereignisse von damals erinnern - wenn er sich denn erinnern wollte. Er könnte zum Thema Antisemitismus Aktuelles in den Zeitungen lesen, Nachrichten aus den letzten Monaten in Budapest: Rechtsradikale haben das Holocaust-Museum geschändet, indem sie nachts blutige Schweinsfüße auf das Gelände warfen; "Judapest" stand an Häuserwänden; schon 2008 forderte die heutige Jobbik-Europa-Abgeordnete Krisztina Morvai die ortsansässigen "liberal-bolschewistischen Zionisten" auf, sich zu überlegen, "wohin sie fliehen und wo sie sich verstecken wollen".

Képíró will in Ruhe gelassen werden in seiner kleinen, mit Bildern und Büchern vollgestopften Wohnung im ersten Stock, wo er gern Paprikahuhn in Sahne kocht, denn er ist ein Gourmet, und wo kein Kreuz an den Wänden hängt, obwohl er sich doch einen überzeugten Christen nennt. Der Verurteilte, der zum Ankläger geworden ist, hat sich in seinen Erinnerungen vergraben. Er teilt sie nur mehr mit seiner jungen Betreuerin, einer Jurastudentin. Und natürlich mit seinem Anwalt Zsolt Zétényi, einem bekannten Rechtsaußen, den die Jobbik kürzlich als ihren Kandidaten fürs Verfassungsgericht vorschlug; da wollten allerdings nicht einmal die Erzkonservativen von der Regierungspartei mitmachen.

Dreimal zeigt sich Képíró auch am Telefon abweisend. Schließlich sagt er dem SPIEGEL: "Ich bereue nichts." Pause. Und dann weiter, mit einer für einen 96-Jährigen erstaunlich festen Stimme: "Es war meine Pflicht, an der Razzia teilzunehmen. Ich habe niemanden getötet. Ich habe in Novi Sad nicht einmal mein Gewehr gebraucht."

In Akten und früheren Fernsehaufzeichnungen finden sich weitere Aussagen des einstigen Gendarmerie-Hauptmanns. Dokumente seines Lebens: Als junger Mann, Mitte 20 und schon mit abgeschlossenem Jurastudium, zieht es Sándor Képíró zur Polizei. "Ich liebte meine Tätigkeit bei der Gendarmerie, war stolz darauf." Anfang Januar 1942 wird der Offizier ins besetzte Novi Sad geschickt, das früher Teil des Großreichs der Magyaren war; seinem Rang nach übernimmt er eine der dort stationierten Einheiten. Der Job bekommt während der Razzia im Januar 1942 neue Prioritäten. Er soll an führender Stelle bei Aktionen gegen die Zivilbevölkerung teilnehmen. Wie genau die aussehen, bleibt zunächst wohl unklar, der Einsatzbefehl lautet aber, bei der geringsten Zuwiderhandlung müsse sofort von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden.

Képíró will nach einer schriftlichen Anweisung gefragt haben. Die gab es nicht, auch nicht am 23. Januar, als er mit seinen Leuten loszog, um die in Listen aufgeführten Männer, Frauen und Kinder zusammenzutreiben. Das Militär zeigte sich - so rekonstruierten Historiker - mit dem Verlauf der Razzia unzufrieden. Képíró "erfüllte den Befehl", die Genannten an den Bestimmungsort zu bringen.

"Einer Familie, die nicht auf der Liste stand, habe ich am Kino Rex das Leben gerettet", gibt er zu Protokoll. Eine verräterische Formulierung, denn an anderen Stellen betont Képíró immer wieder, er habe nicht gewusst, was mit den Zusammengetriebenen passieren sollte. Dass dem Hauptmann dabei die tausendfachen Schüsse an der Donau, kaum einen Kilometer vom Sammellager, gänzlich entgangen sein sollten - kaum denkbar.

"Wenn es ein Blutbad gab, bin ich dafür so wenig verantwortlich wie für eines in Vietnam", sagt Képíró. "Ich - ein Kriegsverbrecher? Das muss man mir erst mal beweisen." Und noch im Jahr 2009 versteigt er sich zu der Aussage: "Jeder hat bisher noch einen Preis bezahlt, der gegen mich etwas unternommen hat."

Im Jahr 1944 ist er in Szeged wegen seiner Teilnahme am Novi-Sad-Massaker allerdings zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Képíró floh über Österreich nach Argentinien, wo er heiratete und jahrzehntelang ungestört lebte. Bis ihn das Heimweh packte. 1996 fragte er bei Ungarns Behörden an, ob etwas gegen ihn vorliege. Man ließ ihn einreisen, obwohl Kriegsverbrechen nicht verjähren.

Der Pensionär zog in das unauffällige Haus, wo er den Mitbewohnern als Organisator des Jahresfestes angenehm auffiel. Bis heute halten die Nachbarn zu dem "netten alten Herrn". 2009, zwei Jahre nach dem "Outing" durch das Wiesenthal-Zentrum, lud die Staatsanwaltschaft Képíró vor, ein Haftbefehl folgte nicht. Zur Entscheidung steht demnächst Képírós eigene Klageschrift. Sein Anwalt sagt, die Kräfte des bisher so fitten 96-Jährigen schwänden rapide.

Kommt jetzt die Mitleidsnummer, nach all dieser aggressiven Vorwärtsverteidigung? Zétényi wehrt ab. Nein, so sei es nicht. Képíró habe sich erst vor wenigen Wochen nachts wegen Angstzuständen aus seinem Fenster gestürzt, allerdings nur den Flur hinaus, Gott sei Dank dort, wo es keinen Meter abwärts gehe, und er habe sich auch nichts gebrochen. Offensichtlich sei er beeinflusst durch Nebenwirkungen der starken Medikamente, die er neuerdings einnehmen müsse.

Oder sind es doch andere "Nebenwirkungen", Angstzustände, aus der Erinnerung heraus geboren, die den bisher so Selbstgerechten quälen?

Efraim Zuroff, der jüdische Nazi-Jäger, hat sich jetzt von Jerusalem aus auf Reisen begeben. Zuerst nach Novi Sad, wo er mit einer Handvoll Massaker-Überlebenden einen Kranz niedergelegt hat; dann weiter nach Budapest, wo er als Angeklagter vorgeladen ist.

Im Oktober hatte er bei einer kurzen Vorverhandlung schon einmal ein Zusammentreffen mit Képíró - "er musterte mich kühl, ich starrte zurück und gab ihm natürlich nicht die Hand". Diesmal, bei dem Prozess Mitte Dezember, lässt sich der Kläger, der nicht "Kriegsverbrecher" genannt werden will, in letzter Minute verleugnen. Der Richter bricht daraufhin das Verfahren ab. Wegen eines Formfehlers. "Ich sehe mich in Abwesenheit des Klägers außerstande …" Képíró legt sofort Beschwerde ein - und der wird am Mittwoch vergangener Woche tatsächlich stattgegeben.

Nun geht der Fall in die nächste juristische Runde, das Verfahren ist wieder eröffnet. Der Nazi-Jäger wird den Ex-Gendarmen weiter als "War Criminal" titulieren und dafür Gefängnis riskieren. Der Mann, der am Tag des Massakers die Todgeweihten zusammengetrieben hat, wird das weiter als "Rufmord" bezeichnen, auf Unterlassung und Bestrafung klagen. Womit Sándor Képíró selbst zu rechnen hat, bleibt unklar.

Es gibt Anzeichen dafür, dass die Staatsanwaltschaft ihrerseits jetzt doch ein Verfahren gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher einleiten wird. Der Verdacht, die ungarische Justiz spekuliere auf die bequeme, auf die "biologische" Lösung, besteht freilich weiter. Und so steht es unentschieden zwischen dem Nazi-Jäger und dem Mann von der Spitze der Most-Wanted-Liste.

Schuld, Mitschuld, Unschuld an einem kalten, blutigen Tag in Novi Sad: Nach 69 Jahren ist das wieder einmal vertagt. Warten auf die letzte Instanz.


DER SPIEGEL 4/2011
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