31.01.2011

ARENENWürstchenbude inklusive

Temporäre Stadien sind die Zukunft des Sportstättenbaus. Die Instant-Arenen sind kostengünstig und unterscheiden sich kaum von den Modellen aus Beton.
Seit zwei Wochen rollen die Sattelschlepper durch den Düsseldorfer Stadtteil Stockum. Insgesamt werden knapp 3000 Tonnen Material von den Lkw bewegt. Ziel des Großtransports ist das Trainingszentrum des Fußball-Zweitligisten Fortuna Düsseldorf.
Auf dem Gelände des Traditionsclubs entsteht ein spektakulärer Bau: Die Fortuna bekommt eine neue Heimat.
Normalerweise trägt der Verein Heimspiele in der Esprit Arena aus. Im Mai steigt dort jedoch der Eurovision Song Contest. Lena Meyer-Landrut wird für Deutschland singen, deshalb werden die Fußballer ausquartiert: in ein temporäres Stadion, das direkt neben der Heimspielstätte der Fortuna liegt.
In eineinhalb Monaten soll die Fertigbauarena bezugsfertig sein. 20 168 Plätze, alle überdacht. 2,8 Millionen Euro kostet das Provisorium, VIP-Logen mit Marmorboden und Würstchenbuden inklusive.
Drei Partien trägt die Fortuna in dem Instant-Stadion aus. Danach wird der Bau innerhalb von 30 Tagen wieder verschwunden sein.
Nie zuvor ist in Deutschland ein Fußballstadion dieser Dimension in solch einer Geschwindigkeit erbaut und nach so kurzer Zeit wieder auseinandergenommen worden. Es klingt wie architektonischer Irrwitz. Doch so sieht sie aus, die Zukunft des Sportstättenbaus.
Bei Skirennen in den Bergen, Sportevents am Strand und bei Olympischen Spielen - statt teure Bauruinen aus Beton zu produzieren, setzen Veranstalter mittlerweile lieber auf temporäre Anlagen, die nach dem Baukastenprinzip entstehen und nach der Nutzung teilweise oder komplett verschwinden.
"Die Nachhaltigkeit spielt eine immer größere Rolle", sagt Bernd Helmstadt, Chef der Geschäftseinheit Stadien der Eventbaufirma Nüssli, "man setzt heute nicht mehr alles fest in den Boden, ohne zu wissen, ob es in zwei Jahren noch gebraucht wird."
Das Unternehmen aus der Schweiz bietet temporäre Arenen mit bis zu 50 000 Plätzen an, samt Flutlichtanlage, Anzeigetafel und Dopingkontrollzimmer. In Vancouver errichtete die Firma voriges Jahr in drei Monaten das Empire Fields Stadium für 27 500 Zuschauer. Der Fußballclub Vancouver Whitecaps weicht auf das Stadion aus, während seine Heimspielarena saniert wird.
Wie flexibel die Eventbauer mit ihren Anlagen sind, zeigte sich während der WM 2006 in Deutschland. Vor dem Reichstag in Berlin wurde ein Stadion für Public Viewing aufgestellt, es fasste 10 000 Zuschauer und war eine Kleinversion des Berliner Olympiastadions.
Für den Unterbau der Tribünen werden Stahl-rohre verwendet, die Konstruktion gleicht einem anspruchsvolleren Gerüstbau. Ticketcenter, Umkleidekabinen, Restaurants und VIP-Logen entstehen aus fertigen Raumzellen, die wie Container einfach nur aufgestellt und eingerichtet werden müssen.
Insgesamt hat die Firma Nüssli Stadion-Module mit einer Gesamtkapazität für 200 000 Sitzplätze auf Lager. Sie können zusammengestellt werden für ein kleines Tennisstadion oder eben für eine Fußballarena von einem Ausmaß wie in Düsseldorf.
Vor allem Vereine, die des Öfteren die Spielklasse wechseln, interessieren sich für die Fertigbaustadien. Je nach Liga lässt sich das Fassungsvermögen kostengünstig erweitern oder verkleinern. Ein komplettes Stadion nach mitteleuropäischem Standard ist ab 250 Euro pro Platz zu haben. Die meisten Kunden mieten oder leasen, weil sie die Arena nur für ein paar Monate benötigen.
Ein Festtag für die flexiblen Stadionbauer war der 2. Dezember 2010. Da vergab die Fifa die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 nach Russland und 2022 nach Katar. "Wir haben hurra gerufen", sagt Karlheinz Haller, Verkaufsleiter bei der deutschen Tribünenbaufirma Lichtgitter.
Allein in Katar müssen neun neue Stadien entstehen, die meisten sollen nach dem Turnier wieder zurückgebaut werden. Haller spekuliert auf Großaufträge. Zumal auch die Wetterbedingungen am Persischen Golf für die temporäre Bauvariante mit einfachen Stahlgerüsten spricht. "Beton lässt sich bei Temperaturen über 35 Grad nur noch schwer verarbeiten", sagt Haller. Die Firma Nüssli arbeitet bereits an Plänen für modulare Stadien im Emirat.
In Deutschland erhofft sich die Branche vor allem von dem Modellbau in Düsseldorf eine Steigerung der Akzeptanz. "Bei uns sind die Leute noch grundsolide Betonbauten gewohnt, mobile Tribünen sind vielen Vereinen suspekt, es gibt da eine emotionale Barriere", sagt Ingo Partecke, Redakteur beim Branchenmagazin stadionwelt.de.
Auch die Stadt Düsseldorf hat einen Plan B in der Tasche. Falls der Bau des Instant-Stadions misslingt, würde die Fortuna in die Betonarena des nahegelegenen VfL Bochum einziehen.
Von Eberle, Lukas

DER SPIEGEL 5/2011
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