31.01.2011

INTERNET Im Netz der Nähe

Gehörlose entdecken das Telefonieren, Großeltern sehen ihre weit entfernten Enkel aufwachsen, Psychologen therapieren über den Computer - Videogespräche verändern den Alltag.
Als er zu sprechen anfängt, verstummen die Gespräche an den Nachbartischen im Café. Denn was der junge Mann von Anfang zwanzig tut, grenzt an Zauberei: Er telefoniert, ohne den Mund zu öffnen.
Danny Canal lacht in das iPhone in seiner linken Hand, die Rechte gestikuliert und malt Formen in die Luft, ein Ballett der Gesten. Sein Gegenüber auf dem winzigen Bildschirm tut das Gleiche, ein pantomimischer Pas de deux.
Canal ist gehörlos und erlebt eine Offenbarung. Der Schiffbaustudent aus Hamburg unterhält sich mit seinen Freunden meist in Gebärdensprache. Mit dem Handy konnte er bislang wenig anfangen, außer wenn er SMS verschickte.
Dann stellte Apple sein iPhone 4 vor, und für Danny Canal begann eine neue Zeitrechnung. Denn das Handy hat eine Frontkamera über dem Bildschirm. Nun kann er von unterwegs videotelefonieren.
"Gebärdensprache ist meine Muttersprache, Deutsch ist meine erste Fremdsprache", malt er Wort für Wort in die Luft, "übrigens kann man sich mit Gebärden ungefähr doppelt so schnell unterhalten, als wenn man laut spricht!"
Gehörlose stellen in Deutschland nur eine Minderheit von 80 000 Menschen dar; nun aber könnten sie Vorreiter für die Masse werden. Videogespräche über Computer - und jetzt eben auch über Handys - erobern den Alltag: Aus dem Internet wird ein Netz der Nähe.
Allein der kostenlose Videodienst von Skype hat bereits über eine halbe Milliarde angemeldete Nutzer - vergleichbar mit dem sozialen Netzwerk Facebook.
Um die Kunden wetteifern die großen Konzerne wie Apple, Microsoft oder Google. Dazu kommen professionelle Videokonferenzsysteme von Firmen wie Tandberg oder Vidyo. Das Problem dabei: Die meisten Dienste sind untereinander bislang nicht kompatibel und auch nicht erreichbar - so als könnte ein Telekom-Kunde keine Vodafone-Nummer anrufen. Zudem versuchen Mobilfunkunternehmen, die Dienste zu sperren, um ihre Funknetze nicht zu überlasten und um sich die lästige Billigkonkurrenz vom Leibe zu halten.
"Bonjour Monsieur, wollen wir gleich mit dem Unterricht anfangen?", fragt Iyanatou Houma und setzt sich auf ihrem Sofa zurecht. Draußen ist es angenehm warm, 27 Grad Celsius im Schatten. Madame Houma unterrichtet von Dakar aus Schüler in aller Welt in Französisch. Der Unterricht läuft über Skype. Ein paar hundert Euro verdient sie so zusätzlich im Monat, viel Geld im Senegal.
"Ich betrachte mich als Sozialunternehmer", sagt Tobias Lorenz, der Iyanatou Houma ihren virtuellen Nebenjob vermittelt hat. Wie sie auch trägt er ein Headset, die globale Tracht der Videochat-Profis, und winkt aus seinem Büro im nieselkalten Hamburg in die Kamera. Lorenz ist 29 Jahre alt und frisch promovierter Philosoph: "Ich bin bekennender Globetrotter, und die Idee für die Internetsprachenschule hatte ich in Südamerika, ich dachte, diese Leute brauchen jeden Cent - und haben so viel zu geben." Rund 300 Unterrichtsstunden monatlich vermittelt seine Firma Glovico bereits zum Preis von je etwa sieben Euro, bis Ende des Jahres will er den Umsatz verzehnfachen. Nebenher stillt die Arbeit auch sein Fernweh - ohne dass er das Büro leibhaftig verlassen müsste.
Selbst nüchterne Zeitgenossen schwärmen von der Magie der Videobegegnungen: Großeltern spielen mit ihren weit entfernten Enkelkindern; Väter machen Hausaufgaben mit ihren bei der Mutter aufwachsenden Kindern; Paare in Fernbeziehungen treffen sich vor dem Schlafengehen, lesen sich gegenseitig vor oder schlafen ein mit dem Notebook neben sich auf dem Bett.
So wohnt jedem Bildanruf ein romantischer Zauber inne: kein Ort zu weit für eine Plauderei wie unter Nachbarn, kein Land zu fern für ein Lächeln. Und die Zukunft könnte noch phantastischer aussehen: An der ETH Zürich arbeiten Wissenschaftler schon an Videogesprächen in 3-D - dann wären virtuelle Begegnungen möglich wie auf dem Holodeck des Raumschiffs Enterprise.
Eine große Zukunft wurde Bildtelefonen schon vor über 70 Jahren vorausgesagt. Bereits 1936 stellte die Reichspost öffentliche "Sichtfernsprecher" auf, mit denen sich Nutzer zwischen Leipzig und Berlin zuwinken konnten - zum Preis von drei Reichsmark für drei Minuten. Seither folgten immer neue Versuche - und alle scheiterten. 1997 führte die Telekom mit dem T-View 100 ein Bildtelefon ein. Die Verbreitung blieb gering, was nicht zuletzt an den viel zu hohen Kosten lag.
Der Durchbruch kam aus einer gänzlich unerwarteten Ecke: Estland. Im Jahr 2003 beauftragten skandinavische Unternehmer drei estnische Software-Tüftler mit der Programmierung von Skype. Das Prinzip der Internettelefonate war genial: Jeder Teilnehmer leitet die Gespräche anderer über seinen Rechner weiter. Auf diese Weise sinken die Kosten gegen null. "Wenn die sowjetische Besatzungszeit in Estland etwas Gutes hatte, dann war es die Tatsache, dass wir lernen mussten, mit wenig auszukommen", sagt Sten Tamkivi, der Leiter der Urzelle von Skype.
Schnell ging die baltische Sparsoftware um die Welt; denn internationale Gespräche von Computer zu Computer waren plötzlich kostenlos. Nur für die Verbindung zu herkömmlichen Telefonen kassierte die Firma eine geringe Gebühr. Ende 2005 bot Skype die ersten Videotelefonate an. In diesem Jahr will die Firma an die Börse gehen.
Nach dem Privatbereich erobert Skype nun auch Unternehmen - die US-Firma Genworth zum Beispiel spart durch Videotelefonate rund eine Million Dollar pro Jahr allein an Reisekosten. Aber vor allem eröffnet Skype Privatleuten und Einzelunternehmen eine neue Welt.
"Hello my friend", sagt Veda Ravishangar. Der Guru sitzt halbnackt vor dem Notebook. Draußen ist es tropisch schwül, sein Gesicht ist mit heiligen Zeichen bemalt. Vom fernen Bangalore aus bietet der 37-Jährige per Skype Yogastunden an: "I will help for happy mind and balance mind and super mind." Wer könnte da nein sagen?
"Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist", lautete früher ein Kalauer, als noch das geschriebene Wort das Netz beherrschte, oft unter Pseudonym verfasst. Heute dagegen heißt das Motto von Facebook: "Echte Menschen treten miteinander in Verbindung". Hyperpersönlich wird dieser Ansatz auch genannt, wenn nicht Daten, sondern Personen zählen, nicht Texte, sondern Gesten.
Das neue Nähe-Netz umgarnt selbst hartgesottene Technikfeinde. "Die meisten Psychoanalytiker sind technophob", sagt Elise Snyder und lächelt von New York aus direkt in die Kamera. Anfänger dagegen starren meist auf den Bildschirm.
Snyder liebt Provokationen; 1965 erlangte sie eine gewisse Berühmtheit, als sie ihren eigenen Therapeuten heiratete: Victor Rosen, damals Präsident der Psy-
choanalytischen Gesellschaft der USA. Nun sorgt Snyder erneut für Aufregung.
"Ich bin ein Techie, ich habe ein sehr persönliches Verhältnis zu meinem Mac", sagt sie, eine elegante Dame mit langem weißem Haar. Sie ist 76 Jahre alt, wirkt aber durch ihre lebhafte Art 20 Jahre jünger. Mit Hilfe der Videotelefonie baut sie derzeit in China eine große Gefolgschaft auf: Über 40 Therapeuten hat sie aus der Ferne ausgebildet. Über Skype führt sie auch Analysen durch: "Man stellt die Webcam so an der Couch auf, dass man den Kopf des Patienten sieht. Das ist besser als nichts, und in China gibt es einfach zu wenig Psychoanalytiker."
In der derzeitigen Euphorie kommt es leicht zur Überschätzung der Technik. In den USA sorgt der Fall Baker vs. Baker für Aufregung. Einem Vater wurde vom Gericht nahegelegt, den Umgang mit seinen Kindern doch bitte per Skype zu pflegen, dreimal pro Woche für mindestens eine Stunde. Das Netz der Nähe könnte so zum Netz der Entfremdung werden.
"Ich habe sogar schon von Leuten gehört, die per Skype an einer Beerdigung teilgenommen haben", erzählt Henning Schulzrinne, ein Pionier der Internettelefonie, der schon 1992 übers Netz telefonierte und heute an der Columbia University in New York lehrt.
Der 49-Jährige wirkt gerade etwas müde, er ist auf Reisen, hinter ihm sieht man ein kahles Hotelzimmer. Der Internetpionier wünscht sich so etwas wie eine Skype-Etikette: "Gerade im Geschäftsleben kann die Aufforderung zum Videochat Gruppendruck auslösen", sagt er. Nach dem Motto: Wer sich dem Video entzieht, hat etwas zu verbergen. "Aber will ich wirklich sehen, wie unaufmerksam mein Gegenüber ist?", sagt Schulzrinne: "Manchmal lenkt Video nur ab."
Vielleicht wird es neben Gurus, Großeltern und Psychoanalytikern bald auch das via Skype geben: Benimmlehrer für Videogespräche.
(*) Die Hand zeigt das Zeichen für "Skype".
Von Schmundt, Hilmar

DER SPIEGEL 5/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 5/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

INTERNET:
Im Netz der Nähe