31.01.2011

LITERATUR

Der Homer der Hipster

Von Diez, Georg

Mehr als 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist die unredigierte Originalfassung von Jack Kerouacs legendärem Roman "On the Road" erschienen, die er auf einer knapp 40 Meter langen Papierrolle schrieb. Es ist dieselbe Geschichte, aber ein neues Buch. Von Georg Diez

Es ist die große amerikanische Oper. Brrrmm. Brrrmm. Brrroooooomm. Bbbbrrrrroooooooommm. Es ist der Sound der Straße.

"Nichts hinter mir, alles vor mir, wie das auf der Straße immer ist." Das ist die Stimme von Jack Kerouac, trunken vor Glück, berauscht vom Unglück, auf der Suche, auf der Flucht, high vom Sein. "Vor mir brannte die Vision vom goldenen Hollywood."

Nach Westen, nach Westen, nach vorn nur, atemlos.

Das ist die Geschichte von "On the Road", dem Roman, den Generationen von Beatniks, Hippies, Punks falsch verstanden haben. "On the Road" ist keine Abrechnung mit der Gesellschaft, kein Handbuch für Eskapisten und randständige Revolutionäre. Es ist Kerouacs Suche nach sich selbst.

Alles an dieser literarischen Großtat ist existentiell. Das Saufen, die Prärie, der ewig letzte Dollar, die mexikanischen Huren, die Levi's, der Cadillac, dieser große, vernarbte, prophetische Wagen, so nannte ihn Kerouac, mit dem sie durch Amerika schossen, Kerouac und die anderen Verlorenen, durch die Nacht, die niemals enden sollte.

Darum ging es in "On the Road": Bewegung, die reine Bewegung. Eine ewige spirituelle Reise.

Wort um Wort und Kilometer um Kilometer, Sätze wie Hagel auf der Windschutzscheibe, Bilder wie die Sonne über den Rocky Mountains: So zigzagte Jack Kerouac zwischen 1947 und 1950 quer durch Amerika, besessen von einem Teufel, den manche Leben nennen.

All das lässt sich jetzt wieder entdecken und erleben, in der Wort- und Glückslawine, die Ulrich Blumenbach vor uns ausschüttet, der fabelhafte Übersetzer der "Urfassung" von "On the Road", so nennt der Rowohlt Verlag das; in Amerika hieß es "The Original Scroll", was die Sache auch ganz praktisch trifft. Denn Jack Kerouac schrieb den Roman tatsächlich auf eine Rolle Papier, er hatte die einzelnen Blätter aneinandergeklebt, 37 Meter insgesamt, in einem dreiwöchigen Rausch im April 1951 in die Maschine gehackt, kling kling kling, das ewige Papier wie die heilige Straße vor sich, 125 000 Wörter schließlich, wie er stolz Neal Cassady verkündete, seinem Freund und Verführer.

"Ich habe das Buch auf KAFFEE geschrieben, erinnere dich an besagte Regel. Bennies, Gras, nichts, was ICH kenne, ist für einen echten mentalen Energieschub so gut wie Kaffee."

Keine Drogen also, kein Benzedrin, wie es die Legende wollte. Weil Legenden das sind, was sich sofort um diesen Roman bildete. Weil alles so unglaublich war, so krass, so radikal. Der hagere Übervater der Beat-Generation etwa, William Burroughs, wie er seine schmale schwarze Krawatte abnimmt, sich den Arm abbindet und einen Schuss setzt. Oder Allen Ginsberg, dieser "leiderfüllte, lyrische Schwindler", der Gras rauchte und sich an Gedanken berauschte und nächtelang mit Cassady diskutierte. Wenn sie nicht gerade Sex hatten, diese "Starkstromgeister".

All das sind Urszenen des kurzen amerikanischen Jahrhunderts, das 1945 begann und am 11. September 2001 endete. Dieses Buch ist der Schlüssel zu all dem, was folgte. Hier findet sich die DNA der Popkultur.

"On the Road", wie es jetzt vorliegt, wirft uns das sehr viel roher, ungeschützter hin als die bisherige, lektorierte Fassung, in der alle Namen geändert waren, Burroughs nicht Burroughs hieß und Ginsberg nicht Ginsberg und schwuler Sex auch nicht vorkam.

Es ist keine andere Geschichte, aber es ist ein anderes Buch. Die Charaktere sind genauso frei und verloren wie in der lektorierten Fassung, ihre Reisen sind genauso panisch und euphorisch.

Von New York aus ging es los. Kerouac hatte schon einmal geheiratet, er war 25, er wohnte bei seiner Mutter, schrieb ihr einen Zettel und machte sich auf, im Regen, allein. Fünf Reisen insgesamt. Fünfmal folgte er seinen "Visionen" und machte sich erst einmal auf den Weg nach Denver, mit Whiskey saufenden Farmjungs auf der Pritsche eines Lastwagens.

"Ich fühlte mich wie ein Pfeil, der über die ganze Strecke hinwegschießen konnte", schreibt Kerouac. Denver bedeutete Tanzen, Trinken, Mädchen, der Spaß all derer, die "aus dem Untergrund" aufstiegen, "die schäbigen Hipster von Amerika, eine neue, geschlagene Generation, der ich mich langsam anschloss".

Der Hipster also. Diese Schlüsselfigur der Popkultur, weil er den Untergrund mit dem Mainstream verband, weil er die Geheimnisse der Eingeweihten zum Geschmack der Massen machte. Manche sehen in ihm einen Verräter, manche nennen ihn einen Visionär. Jack Kerouac war der Ur-Hipster.

Es ist ein Wort, das eigentlich nur im amerikanischen Zusammenhang wirklich zu verstehen ist. Bekannt wurde der Begriff durch Norman Mailers Essay "The White Negro", der 1957 erschien, im selben Jahr wie "On the Road". Ursprünglich war der Hipster jemand, der so lebte wie ein Schwarzer, obwohl er weiß war. Mit anderen Worten, er hörte Jazz.

Das war der existentialistische Hipster der vierziger Jahre, der im Schatten des Zweiten Weltkriegs lebte, das war Jack Kerouac, als er Amerika durchstreifte. Der Hipster der fünfziger Jahre war anders, er lebte in der bunten Welt von Elvis Presley und Rock'n'Roll. Das ist die merkwürdige Geschichte von "On the Road", das ist das Missverständnis: Erlebt 1947, beschrieben 1951, gedruckt erst 1957.

In diesen zehn Jahren hatte Amerika die Welt erobert, mit jener Popkultur, deren Währung mehr noch als der Dollar die Jugend war. Kerouac wurde ein Vorbild, obwohl er nie Teil dieser Kultur war. Zu alt, zu geschlagen, seine Kunst zielte auf Erkenntnis, nicht auf Eroberung. Geblieben ist die Figur des Hipsters.

Bis heute. Um das Jahr 2000 herum wurde der Begriff in Amerika wieder richtig aktuell, er bezeichnete nun Wohlstandskinder, die mit dem Charme des "White Trash" kokettierten, mit Insignien der unteren Mittelschicht wie Feinrippunterhemd oder Pornoschnurrbart. Von heute aus wirken sie wie Todesengel des gesellschaftlichen Wandels, des Abstiegs jener Mittelschicht, die sie vorher nur ironisiert hatten.

Mittlerweile erscheinen Bücher, die das Ende des Hipsters beschreiben. Er steht am Anfang des amerikanischen Jahrhunderts, er steht auch am Ende. Es ist kein Zufall, dass die Verfilmung von "On the Road" durch Walter Salles mit Stars wie Sam Riley und Kristen Stewart, die erste Verfilmung überhaupt, im Lauf dieses Jahres ins Kino kommt. Kein Zufall, dass "On the Road" gerade jetzt neu erscheint, und erst recht nicht, dass das Buch heute ganz anders gelesen wird.

All das, was heute endet, begann in der "heiligen Nacht von Denver" 1947, von wo aus es Kerouac bis San Francisco trieb, immer saufend, bis New Orleans, wo er Burroughs traf, die Schrotflinte, die Pferderennen. Amerika wird hier zur psychischen Erfahrung, die Indianer, New Mexico, die "orangeroten Felsen", die "blauen Weiten". Und immer dabei, entweder als Gefährte oder als Gerücht, dieser verfluchte Neal Cassady, der die eigentliche Hauptfigur von "On the Road" ist.

Ständig ist Cassady in Bewegung, ständig ist er zwischen zwei Frauen, ein dionysischer Draufgänger. Im Grunde ist Kerouacs Roman ein 40 Meter langer Liebesbrief. An Amerika. An Neal Cassady, Bigamist, Beau, Beatnik.

Cassady war zehn, als seine Mutter starb, sein Vater war Alkoholiker. Er war 14, als er das erste Mal verhaftet wurde. Er stahl in seiner Jugend Hunderte Autos. Er war die Stimme, der Kerouac folgte, es war seine Sprache, die den Ton vorgab von "On the Road".

Er sah gut aus, er schrieb selbst, aber das war ihm im Grunde egal. Er war die Muse der Beat-Poeten. Ginsberg feierte seinen gutaussehenden Lover in dem Mammut-Gedicht "Howl", die Grateful Dead widmeten ihm später einen Song. Er heiratete ein 15-jähriges Mädchen mit Namen Louanne und ließ sich scheiden, er heiratete eine Frau und hatte mit ihr drei Kinder, er heiratete noch eine Frau, obwohl das ja verboten war. Er starb noch vor Jack Kerouac, allein am Strand in Mexiko, da war er kaum 42 Jahre alt.

Kerouac schließt seinen Brief mit dem Bild von Cassady, der allein in der New Yorker Nacht verschwindet, "in seinem mottenzerfressenen Mantel, den er extra für die Frosttemperaturen des Ostens mitgebracht hatte", so schreibt Kerouac, "ich sah noch, wie er um die Ecke der 7th Avenue bog, die Augen auf die Straße gerichtet und wieder unterwegs".

So offen, so traurig endet dieses Buch. Es ist eine sehr amerikanische Traurigkeit, die uns in diesem Roman begegnet, eine Traurigkeit, die im Getriebensein liegt. Kerouac macht sich auf, "wie ein wahrhaftiger Ishmael mit fünfzig Dollar in der Tasche" zum Pazifik, einer jener uramerikanischen Suchenden, die alle dem Bild folgen, das Herman Melville im 19. Jahrhundert entwarf. Melville schickte seinen Ishmael an den Rand der Welt und des Wahnsinns, seinen "Moby Dick" schrieb Kerouac für das 20. Jahrhundert neu.

Da ist der "Rauch von Des Moines über den grünen Maisfeldern", da sind die "Nachtkühe von Kansas in den geheimen Weiten", da ist der Mississippi, immer wieder der Strom, der Schlamm und die Baumstämme aus Montana, die den Fluss hinuntertreiben, "große odysseische Stämme unseres kontinentalen Traums".

Das Land war der Trip, war die Dröhnung. Das war der Schock, das war die Schönheit von "On the Road". Wie schmutzig, wie unten, wie "beat" sie waren, eine ganze Generation, die Herumtreiber und Heimatlosen. Jack Kerouac wurde der Homer der Hobos.

Es ist diese Wildheit, die einen jetzt wieder anfährt und umhaut, die direkte Sprache, die angeschwemmten Bilder, eine Unmittelbarkeit, die sich Kerouac hart erarbeitete. Notizbuch um Notizbuch kritzelte er voll, er beackerte Fassung um Fassung, bevor er 1951 die lange Papierrolle in die Schreibmaschine spannte und daraus in drei Wochen Rausch die "Urfassung" erstellte.

Diese "Urfassung" nun zeigt eindrucksvoller als die lektorierte Fassung, wie groß die Revolution war, die Kerouac im Schreiben und in der Kunst anstellte, wie schwer es war, sich von dem Panzer der Konventionen zu befreien.

Die Wildheit lag in der Geste, die Intensität im Tun, das verbindet Kerouac mit den anderen Bilderstürmern jener Zeit, mit dem Fotografen Robert Frank, dem Maler Jackson Pollock, dem Jazzmusiker John Coltrane. Sie zeigten Amerika am Höhepunkt, am Übergang, für sie alle galt, was Kerouac schrieb.

"Ich hatte halb Amerika durchquert, stand an der Wasserscheide zwischen dem Osten meiner Jugend und dem Westen meiner Zukunft, und vielleicht geschah es genau darum da und dann an jenem seltsamen roten Nachmittag."

Jack Kerouac war Buddhist, bevor er wieder in den Katholizismus seiner Kindheit zurückfiel. Er war ein gutaussehender Außenseiter, geboren als Jean Louis Lebris de Kerouac, Sohn frankokanadischer Eltern. Sein Vater war kürzlich gestorben. Mit diesem Tod beginnt Kerouac die Urfassung. In der lektorierten Fassung war noch von einem entfernten Verwandten die Rede. Durch diese Veränderung öffnet sich das Buch ganz neu.

"Ich hatte gerade eine schwere Krankheit hinter mir", schreibt Kerouac am Anfang der Urfassung, eine Krankheit, "von der ich gar nicht groß reden will, bloß dass sie mit dem Tod meines Vaters zu tun hatte und mit dem scheußlichen Gefühl, dass alles tot war."

"On the Road", das zeigt diese Änderung sehr gut, ist kein Buch, das zum Generationenkonflikt taugt. Es ist das Dokument einer moralischen Revolte, wie sie Albert Camus Anfang der vierziger Jahre in "Der Fremde" vorführt. Diese existentielle Wut durchdringt das ganze Buch, in dem Kerouac am Ende die "Lumperei des Alterns" beklagt, sich an den Vater erinnert und seinen Freund Neal Cassady beschwört, der für Kerouac wie ein Bruder war, der jenen Bruder ersetzte, den er mit vier Jahren verlor.

An Cassady denkt er, "wenn in Amerika die Sonne untergeht und ich am alten, brüchigen Flusskai sitze, in die weiten, weiten Himmel über New Jersey schaue und all das raue Land spüre, das sich in einer unermesslich riesigen Wölbung bis an die Westküste spannt, die Straße und all die Menschen spüre", so predigt er, ein Flüchtling in die ewige Nacht, der, so nennt er sich selbst einmal, "Sohn eines Geistlichen".

Wir "hatten uns aufgemacht zu einer wundersamen Reise durch das Amerika, das uns Whitman überlassen hatte", schrieb Kerouac später in einem Brief, "wir wollten Amerika FINDEN, wir wollten das Gute FINDEN, das dem Amerikaner gegeben ist". Er fand es in der "Reinheit der Straße".

"On the Road" wurde ein Bestseller. Kerouac erholte sich davon nie. Er hasste die Linken und die Liberalen. Er blieb ein konservativer Revolutionär. Ein gefallener Engel, wie alle Visionäre.

Die "Urfassung" bricht mitten im Satz ab, der Rest musste rekonstruiert werden, der letzte Meter der langen Reise wurde vom Hund eines Freundes mit einem präzisen Biss verschlungen. "On the Road" endet in dieser Fassung ganz angemessen: "Alle müssen ihnen die Bahn freimachen, und sie halten keine Sekunde …"

Kerouac starb 1969, mit 47 Jahren, er hatte sich zu Tode getrunken. Ein paar Monate vorher hatte ein Mann den Mond betreten. Aber was interessierte Kerouac der Mond.


DER SPIEGEL 5/2011
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