13.04.1998

NAZISIllegal bis in den Tod

Ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg fahndet die Justiz noch immer nach Altnazis im Untergrund. Bis zu 80 000 sollen nach dem Ende des NS-Regimes untergetaucht sein. Weniger als tausend dürften noch leben.
Fünfzig Jahre konnte Hans Schwerte seine wahre Identität geheimhalten. Doch dann, im April 1995, enttarnten niederländische TV-Journalisten den früheren Professor, Rektor und Ehrensenator der Technischen Hochschule Aachen: Bis zum 8. Mai 1945 diente Schwerte in der SS des Heinrich Himmler als Hauptsturmführer, sein wahrer Name: Hans Ernst Schneider.
Schwerte alias Schneider war ein Illegaler - abgetaucht in Deutschland wie viele unmittelbar nach dem verlorenen Krieg oder in den Jahren danach. Aus Angst vor Strafe. Aus Sorge vor sozialem Abstieg. Aus Scham vielleicht, einem verbrecherischen Regime gedient zu haben.
Manche gingen den Weg in den Untergrund ganz allein. Sie paßten sich an und blieben unentdeckt - bis über den Tod hinaus. Andere wiederum umgab ein Netzwerk von Unterstützern, "stumme Helfer", wie sie damals genannt wurden. Einer dritten Gruppe verhalfen vor allem römische Prälaten zur Flucht - oftmals war das Ziel Argentinien (siehe Seite 55).
Bis heute ist unklar, wie viele Menschen nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes hofften, so der eigenen Vergangenheit zu entkommen. Amtliche Zahlen hat es nie gegeben, nur Spekulationen. Die höchste Schätzung liegt bei 80 000.
Genauso unklar ist, wie viele Altnazis noch im Untergrund leben. "Unter 1000", vermutet Oberstaatsanwalt Willi Dreßen, Chef der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen" in Ludwigsburg.
Der bislang letzte NS-Täter wurde im Februar 1996 enttarnt: der frühere Gestapo-Chef von Braunschweig Hermann Meyer, der mehrerer Morde verdächtig ist. Ihn hatten, wegen eines Erbschaftsstreits, Verwandte seiner Lebensgefährtin verzinkt. Meyer starb, bevor ihm der Prozeß gemacht werden konnte.
Der Start ins neue Leben begann im Frühjahr 1945, schon vor der Kapitulation, mit einer riesigen Vernichtungsaktion. Vor allem die SS verbrannte oder verschredderte tonnenweise Akten. "Auf dem Arbeitsprogramm", so der Historiker Gerhard Paul, "standen nun Spurenbeseitigung und der Erwerb einer neuen Identität."
Papiere, mit deren Hilfe sich ein anderes Leben gründen ließ, wurden entweder heiß gefaked oder stammten, Vorsorge für den Tag X, aus Fälscherwerkstätten im Berliner Reichssicherheitshauptamt und in Konzentrationslagern.
Die besten Chancen davonzukommen hatten jene, die sich in den Wirren der Nachkriegszeit einer tausendfach geprobten List bedienten: Sie nahmen die Personalien eines gefallenen Kameraden an und heirateten die eigene Frau noch einmal. Damit war auch sie eine Illegale. Aber der Identitätswechsel brachte, weil Rente und Versicherungsansprüche gesichert waren, ein Stück Unabhängigkeit.
1949, vier Jahre nach Kriegsende, wagte die junge Republik eine erste Amnestie für untergetauchte Nazis, um "auch im Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit" den "höchst unerwünschten Zustand der Illegalität zu beseitigen", wie die Bundesregierung notierte.
Paragraph 10 des Straffreiheitsgesetzes sicherte all jenen Straflosigkeit zu, die ihren "Personenstand" aus politischen Gründen verschleiert hatten. Das Ergebnis war verblüffend mager: Bis zum Stichtag, dem 31. März 1950, offenbarten sich nach Rechnung des Historikers Norbert Frei nur 241 Männer und Frauen*. Ein halbes Jahrzehnt später versuchte Bonn es wieder. Diesmal ging die Großzügigkeit noch weiter. Doch auch diese "mit ganz anderen quantitativen Erwartungen ins Werk gesetzte Illegalen-Amnestie" (Frei) brachte nur Krümelzahlen: Bis Ende des Jahres 1954 registrierte die Statistik gerade mal 954 Fälle.
Die allermeisten blieben in Deckung. So wurde 1957 ein Bruno Albrecht schwer krank ins Darmstädter Alice-Hospital
* Norbert Frei:"Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit". Verlag Beck, München; 464 Seiten; 78 Mark. eingeliefert. Erst als er gestorben war, kam seine wahre Identität heraus: Fritz Katzmann, als General der Waffen-SS einer der höchsten Chargen der Himmler-Organisation - er soll für den Tod von 400 000 galizischen Juden verantwortlich gewesen sein.
Der Mediziner Fritz Sawade, der als Neurologe fürs Land Schleswig-Holstein gutachtete, wurde zwei Jahre später enttarnt: Eigentlich hieß er Werner Heyde, war SS-Standartenführer und in die Massenmorde an Kranken und Behinderten verstrickt. Schokoladen-Produzent Wilhelm Lohmann - in Wahrheit SS-Obergruppenführer Wilhelm Koppe, einst Chefaufseher im Vernichtungslager Kulmhof - ging der Polizei 1961 ins Netz, doch auf die Anklagebank mußte er nie, dank fortschreitender geistiger Zerrüttung.
Harry Haffner stand als Nachfolger des Blutrichters Roland Freisler wenige Wochen dem Volksgerichtshof vor. Nach dem Krieg richtete er eine Knopffabrikation ein und nannte sich Heinrich Hartmann. 1953 stellte er sich. Auch Haffner blieb straffrei. Mehrere Verfahren gegen ihn verliefen im Sande.
Andere blieben trotz zahlreicher Spuren für die Justiz gänzlich unerreichbar. Anton Burger etwa. Der frühere SS-Hauptsturmführer im Mörderreferat Eichmanns und zeitweilige Kommandant des KZ Theresienstadt liegt unter dem Namen Wilhelm Bauer auf dem Essener Parkfriedhof, Feld 25, begraben. Burger hatte bis 1947 in Österreich gelebt. Er wurde festgenommen, floh aus einem Lager, kam erneut in Haft und brach wieder aus. "Seine Spur", so ein Fahnder, "verliert sich 1956 in München."
Der Mann war ein Weltmeister der Tarnung. Er nannte sich Steiner, Dolezel und Egidy, Fasching, Katzerowsky, Kralik, Riedel, Schützenauer und Weisz. Als Wilhelm Bauer tauchte er in der Bundesrepublik unter und spätestens Anfang der sechziger Jahre in Essen wieder auf. Mindestens fünf Personen wußten von seiner verbrecherischen NS-Vergangenheit.
Daß Wilhelm Bauer eigentlich Anton Burger war, konnte endgültig erst im März 1994 festgestellt werden, dank präziser Hinweise des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal und hartnäckiger Recherchen zweier Beamter des bayerischen Landeskriminalamtes. Zu diesem Zeitpunkt war Burger schon über zwei Jahre tot.
Burgers SS-Kollege Erich Gust, 2. Lagerführer im KZ Buchenwald, stand unter ständiger Beobachtung durch Spezialisten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Als Erich Giese betrieb er im niedersächsischen Melle das Promi-Lokal "Heimathof", als Gust soll er im August 1944 an der Ermordung des Kommunistenführers Ernst Thälmann beteiligt gewesen sein.
Die Stasi wußte spätestens seit 1968 vom Illegalen Giese - und schwieg. Ihre Offiziere unternahmen nicht nur Dienstreisen "zur lückenlosen Identifizierung von Gust", sondern checkten ihn auch im Urlaub auf Mallorca ab.
In Westdeutschland stand Gusts Kollege Wolfgang Otto wegen des Thälmann-Mordes in den achtziger Jahren zweimal vor Gericht. Mielkes Staatsschützer überlegten, ob sie auch Giese hochgehen lassen sollten, um die Bundesrepublik in ein schlechtes Licht zu rücken. Immer wieder wurde die "Verwendbarkeit des Materials" geprüft - und der Vorgang schließlich doch abgelegt. Gust/Giese starb am 18. Februar 1992, wenige Tage nachdem die Staatsanwaltschaft Osnabrück auf der Basis des Stasi-Materials gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hatte.
Oftmals haben sich die Illegalen Namen gesucht, deren Anfangsbuchstaben mit den eigenen übereinstimmten. Den Trick benutzte auch SS-Hauptsturmführer Schneider, der im Mai 1945 zu Hans Schwerte mutierte. Vorher arbeitete Schneider in Himmlers Spezialbehörde "Ahnenerbe", einem der "gefährlichsten Instrumente nationalsozialistischer Kulturpolitik" (so der Historiker Michael H. Kater). Nachher brillierte Schwerte als Germanist, stand den 68ern bei, wurde als erster Philologe TH-Rektor, trug Bundesverdienstkreuz und andere Auszeichnungen - eine Ikone des deutschen Gelehrtentums.
Nun, 88jährig, verbringt er seinen Lebensabend in Bayern. Freunde haben sich von ihm abgewandt, der Professor und der Ehrensenator sind ihm genom-men. Geblieben ist ihm nur eins: sein Doktortitel.
Einstimmig war der Antrag, ihn abzuerkennen, vom zuständigen Promotionsausschuß der Universität Erlangen-Nürnberg verworfen worden. Der geschönte Lebenslauf und die Täuschung mit falschem Namen, so eine der Begründungen, seien doch "längst verjährt".
* Nach seiner Festnahme im November 1959.
* Norbert Frei:"Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit". Verlag Beck, München; 464 Seiten; 78 Mark. * Nach seiner Festnahme im November 1959.

DER SPIEGEL 16/1998
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