07.02.2011

SKI ALPIN„Greifbare Gewalt“

Der Schweizer Rennläufer Didier Cuche, 36, über die Sturzserie im Weltcup und seine Favoritenrolle bei der Weltmeisterschaft in Garmisch-Partenkirchen
Cuche ist gelernter Metzger, er wurde 2009 Weltmeister im Super-G und gewann dreimal den Abfahrtsweltcup.
SPIEGEL: Herr Cuche, seit 17 Jahren sind Sie Rennläufer im Profi-Skizirkus, seit Ihrem Sieg vor gut zwei Wochen in Kitzbühel darüber hinaus der älteste Gewinner eines Weltcuprennens. Wie hält Ihr Körper die Belastung aus?
Cuche: Ganz ehrlich: Ich bin selten völlig schmerzfrei. Mein Rücken macht mir Probleme. Anfang Dezember hatte ich einen Hexenschuss. Ich muss viel Krafttraining machen, um die Probleme in den Griff zu kriegen.
SPIEGEL: Bei der WM in Garmisch-Partenkirchen gelten Sie als Favorit. Wie schafft man es, am Ende der Karriere auf dem Leistungshöhepunkt zu sein?
Cuche: Bei mir fließt heute alles zusammen: das Material, die Kraft, die Kondition, die Psyche. Ich arbeite seit einigen Jahren mit einem Sportpsychologen zusammen. In meiner Jugend war ich ungestüm. Meine Ansprüche waren zu hoch. Mir ging es wie einem Elektriker, der 220 Volt braucht, aber es kommen nur 110 Volt durchs Kabel. Heute bin ich gelassener. Ich freue mich auch über eine gute Platzierung, nicht nur über Siege.
SPIEGEL: Der Weltcup wurde in den vergangenen Wochen von einer Sturzserie überschattet. Ihr österreichischer Kollege Hans Grugger lag nach einem Unfall in Kitzbühel knapp zwei Wochen im künstlichen Koma. Das Rennwochenende in Chamonix endete gleich für vier Fahrer im Krankenhaus. Sie haben beide Abfahrten souverän gewonnen. Ist das die Coolness des Routiniers?
Cuche: Das alles lässt mich nicht kalt, es tut mir sogar richtig weh. Aber mir ist bewusst, dass in unserem Sport Unfälle passieren können. Ich setze eine Methode ein, um damit umzugehen. Das mag manchmal kühl wirken, aber es ist besser für mich.
SPIEGEL: Wie sieht diese Methode aus?
Cuche: Wenn es einen Sturz gibt und ich noch oben am Start stehe, werde ich von meiner Crew abgeschirmt. Damit ich nicht alles mitbekomme, was passiert ist. Ich konzentriere mich dann nur auf das, was ich leisten muss. In meinem Kopf denke ich nur an die schnellste Linie. Und ich sehe mich vor meinem inneren Auge immer im Ziel ankommen.
SPIEGEL: Sie betreiben Selbstschutz?
Cuche: Mit anderen Gedanken würde ich mich selbst in Gefahr bringen.
SPIEGEL: Die Verunglückten der vergangenen Wochen sind fast alle unter 30 Jahre alt. Warum erwischt es eher die jungen, unerfahrenen Läufer?
Cuche: Stürze haben auch viel mit Pech zu tun. Eine falsche Bewegung, schon verkantet der Ski im Schnee, und es ist vorbei. Aber es stimmt schon: Ein junger Fahrer muss sich an seine Limits erst noch herantasten und schießt vielleicht schon mal darüber hinaus. Ich habe das Gefühl, meine Grenzen zu kennen. Hinzu kommt die Routine. Nach all den Jahren kenne ich die Rennstrecken, die Abschnitte, in denen ich mit weniger Risiko fahren muss, die Passagen, wo ich meine Skier laufen lassen kann. Dieses Wechselspiel hat mit Gefühl zu tun, und das wird mit den Jahren immer besser.
SPIEGEL: Einige Ihrer Kollegen fordern, die Pisten müssten entschärft werden.
Cuche: Ich wüsste nicht, wo. Die Abfahrten in Kitzbühel und Chamonix waren gut präpariert, alle Sprünge machbar. Trotzdem kam es zu den schlimmen Unfällen.
SPIEGEL: Muss die Geschwindigkeit durch eine veränderte Streckenführung gedrosselt werden?
Cuche: Der Weltverband Fis arbeitet daran. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in der Abfahrt wurde in den vergangenen Jahren von 110 Kilometern pro Stunde auf unter 100 gedrückt. Aber wenn noch weiter abgebremst wird, verliert der Abfahrtssport seinen Charakter.
SPIEGEL: Vor drei Jahren verlor der Österreicher Matthias Lanzinger nach einem Sturz beim Rennen im norwegischen Kvitfjell einen Unterschenkel. Ist der Preis für das Spektakel nicht zu hoch?
Cuche: Niemand wünscht sich Stürze. Aber das Publikum muss den Nervenkitzel spüren, wenn wir durch gefährliche Passagen rauschen. Da wird die Gewalt des Berges greifbar.
SPIEGEL: Auf der WM-Strecke in Garmisch-Partenkirchen gibt es eine Passage mit 92 Prozent Gefälle, sie trägt den Namen "Freier Fall". Ist das noch Spektakel oder schon Wahnsinn?
Cuche: Auch dieser Streckenabschnitt ist mit der richtigen Vorbereitung gut zu bewältigen. Man braucht ein klares Risikomanagement. Ich gucke mir die Passage vorher gut an. Dann wäge ich ab, was möglich ist und was zu gefährlich. Im Rennen geht es dann zur Sache - frech und mit viel Mut.
SPIEGEL: Die Gefahr ist für Sie unwiderstehlich?
Cuche: Sie gibt mir einen Kick. Wenn ich keinen Adrenalinschub mehr spüren würde, hätte ich längst aufgehört.
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 6/2011
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