07.02.2011

TV-SENDERWer hat Angst vor al-Dschasira?

Im kleinen Emirat Katar sitzt der wichtigste Nachrichtensender der arabischen Welt. Al-Dschasira hat den Aufstand in Tunesien mit angefacht und erlebt in Ägypten rüde Repressalien. Das Programm ist eine Macht in der aufgewühlten Region - eine mit Sendungsbewusstsein.
Es ist 10 Uhr, 22 Minuten und 7 Sekunden in Doha im Emirat Katar, so verkündet es rot und digital die Studiouhr. In Kairo ist es eine Stunde früher. Die Moderatorin schaltet aus himmelblauer Studiolandschaft gerade dorthin. In der Nacht gab es in Kairo wieder Tote und Verletzte, als Regime-Befürworter Mubarak-Gegner brutal attackierten. Al-Dschasira zeigt noch einmal die Bilder der Straßenschlachten.
Aus Kairo ist telefonisch ein Professor zugeschaltet, er ist so außer sich, dass die Moderatorin in Doha mit ihren Fragen kaum seinen Redefluss stoppen kann. Beide reden sehr laut, dazu diese Bilder der Gewalt und die rot eingeblendeten Eilmeldungen am unteren Bildschirmrand, die wie aus einer anderen, im Chaos versinkenden Welt warnen: Es ist Krise in der arabischen Welt. Jeder, der in diesem Moment al-Dschasira schaut, begreift das sofort. Und sehr viele Menschen schauen al-Dschasira.
Kein anderer arabischer TV-Sender, keine Tageszeitung, keine Radiostation erreicht so viele der 360 Millionen Araberinnen und Araber, das arabische Programm kann in rund 50 Millionen Haushalten erreicht werden.
Der Sender ist mächtig in der arabischen Welt. Stärker als CNN und BBC, bestimmt er, welche Bilder wichtig sind für die Menschen in der Region - und welche Emotionen damit entfacht werden in Tunesien, Ägypten oder Saudi-Arabien.
Al-Dschasira ist nicht nur ein Nachrichtensender, sondern ein politischer Faktor - und einer mit Sendungsbewusstsein. Besonders an säkularen Regimen wie jenem von Mubarak arbeitet sich die Redaktion gern ab. Pan-arabisch ist al-Dschasira sowieso, es gibt im Haus aber auch starke pro-islamistische Strömungen.
Als der Sender vor gut zwei Wochen enthüllte, dass die PLO-Delegation in den Verhandlungen mit Israel zu sehr weitgehenden Zugeständnissen bereit gewesen sein soll, profitierte davon vor allem die radikal-islamische Hamas, die gegenüber Israel auf Konfrontation statt Kooperation setzt.
Al-Dschasira inszenierte daraus eine mehrtägige Anklage. Die PLO wirft dem Sender ohnehin vor, ein Kampagne gegen sie zu fahren und die Hamas propagandistisch zu unterstützen. So unparteiisch sich der Sender auch gibt - ganz ohne Schlagseite ist er sicher nicht.
In diesen Tagen scheint al-Dschasiras Stärke noch zu wachsen. Mittlerweile fragen sich offenbar auch Regierungen: Hat der Sender die Macht, Volksaufstände in der arabischen Welt auszulösen?
Das ägyptische Regime machte in der vergangenen Woche Jagd auf Journalisten. Es schien, als solle dafür gesorgt werden, dass die Welt nicht mehr zusieht, wenn zugeschlagen wird. Das traf auch deutsche Journalisten. Eine ZDF-Mitarbeiterin war 20 Stunden lang in Haft. Während des "heute-journals" wurde der live zugeschaltete Korrespondent von einem Laserpointer ins Visier genommen.
Es traf auch den Sender aus Katar. Am vergangenen Freitag wurde das Büro in Kairo verwüstet. Al-Dschasira macht dafür Mubarak-Anhänger verantwortlich. Doch die Repressalien hatte es schon am Montag davor gegeben, als gegen 13 Uhr vier Soldaten eines der Zimmer im 24. Stock des Hotels Ramses Hilton stürmten, von dem fast alle großen TV-Sender ihre Live-Berichterstattung steuerten. Das Hotel liegt ganz in der Nähe des Tahrir-Platzes, mit Blick auf das Zentrum des Aufstands. Mit umgehängten Kalasch-nikow-Gewehren bahnten sich die Soldaten sofort den Weg zum Balkon, warfen die Kameras der al-Dschasira-Leute um, begannen das Zimmer zu durchsuchen und Pässe und Mobiltelefone einzusammeln.
Einer der Uniformierten brüllte die Journalisten an: "Warum brechen Sie das Gesetz? Sie wissen doch, dass wir Ihr Büro hier geschlossen haben, dass Sie keine Lizenz mehr haben." Mit dem Bedienstetenaufzug wurden sechs Mitarbeiter nach unten verfrachtet, mit der Waffe im Anschlag drängten die Soldaten die Reporter zur Eile.
Höflich und doch lautstark machte ein Oberst der Armee den sechs Journalisten seine verfahrene Lage klar. "Ich weiß, Sie machen nur Ihren Job", blaffte er die Reporter an, "aber durch Ihren Job machen Sie meine Arbeit mehr als schwierig."
Die Journalisten konnten gehen, der Oberst beschlagnahmte ihre Ausrüstung.
Doch es ist fraglich, was das rüde Vorgehen des Regimes bringt. In Tunesien hatte die Regierung die Journalisten des Senders noch kurz vor ihrem eigenen Sturz rausgeworfen. Geholfen hat es nicht. Ein tunesischer Moderator des Senders arrangierte, dass Lotfi Hajji, ein alter Freund, im Verborgenen aus Tunesien berichtete. Hajji ist nicht nur Journalist, er bezeichnet sich auch als Menschenrechtsaktivist. Als der Aufstand begann, sandten Tunesier ihm selbstgedrehte Videos zu, die Fälle von Polizeigewalt dokumentierten. Al-Dschasira strahlte sie aus. Immer mehr Videos tauchten auf und wurden auch gezeigt. Die Revolte endete mit der dramatischen Flucht des Präsidenten. Wurde Tunesiens Herrscher Zine el-Abidine Ben Ali hier in Doha gestürzt? Droht dem ägyptischen Machthaber Husni Mubarak ein ähnliches Schicksal?
Der Newsroom, das Nervenzentrum des Senders, wo alle redaktionellen Entscheidungen getroffen werden, könnte keinen größeren Kontrast zur versendeten Nachrichtenfiebrigkeit bilden. Die Journalisten begrüßen einander leise, wenn sie zur Arbeit eintrudeln. Sie laufen langsam über den blassgrünen Teppich. Niemand hier rennt oder schreit.
Es ist 10 Uhr, 35 Minuten und 45 Sekunden, als Mustafa Souag sein Büro betritt. Der großgewachsene Mann trägt einen hellgrünen Anzug, sorgfältig hängt er sein Jackett an einen Kleiderständer. Souag ist der Nachrichtenchef von al-Dschasiras Mutterschiff, dem arabischen Vollprogramm. Das ist auch das Machtzentrum, das darüber entscheidet, was in der arabischen Welt wichtig ist. Das englischsprachige Programm von al-Dschasira ist dagegen entspannter, distanzierter, wirkt mehr wie CNN und BBC.
Souag schreibt mit einem Kugelschreiber mit Sender-Logo, auf seinem Schreibtisch steht eine Taschentuchpackung mit Sender-Logo. Souag lebt al-Dschasira. Und er macht sich erst einmal klein: Hat seine TV-Nachrichtenmaschine politische Macht? Kann sie Regime stürzen?
Die Frage amüsiert ihn. "Lotfi Hajji ist doch kein Supermann, der ganz Tunesien allein für uns covern konnte!" Aber wie viel Einfluss hatte der Sender auf die Revolte dort? Souag duckt sich weg: "Das sollen Wissenschaftler untersuchen. Wir sind keine Politiker. Wir wollen uns auch mit keiner Seite gemein machen, sondern sorgfältig berichten - und das genügt auch, glaube ich."
Der Nachrichtenmann ist gebürtiger Algerier, ein Intellektueller. Früher hat er Literaturwissenschaften an der Universität gelehrt, später arbeitete er für NBC und die britische BBC. Er weiß genau, an welchen Werten westliche Kritiker seinen Sender messen. Und er meint, dass al-Dschasira diesen Anspruch erfüllt: "Wir glauben an das Recht der Bürger auf Information, und wir führen unserem Publikum täglich vor Augen, was Meinungsfreiheit bedeutet", sagt er.
"Manchmal wird uns vorgeworfen, wir seien nicht ausgewogen. Aber wenn wir um Belege bitten, kommt wenig. Dabei zeigen wir ständig verschiedene Perspektiven und Standpunkte."
Seit al-Dschasira 1996 gegründet wurde, ist dem Sender alles vorgeworfen worden - und das Gegenteil. Er sei zu nachsichtig gegenüber Islamisten. Nein, er behandle sie unfair. Er lasse sich von arabischen Autokraten beeinflussen. Im Gegenteil, er respektiere sie nicht. Er zeige nur die Seite der arabischen Opfer. Ganz falsch, er rede viel zu viel mit Israelis. Er scheint der Sender zu sein, den keiner mag, aber alle schauen.
Nimmt al-Dschasira sein Motto - "Die eine Meinung und die andere" - wirklich ernst? Sicher ist, dass ganz anders als in den staatlichen Medien der arabischen Welt, in denen Zensur zur Tagesordnung gehört, die andere Meinung nicht unberücksichtigt bleibt. Ebenso gewiss ist aber, dass der Sender deutliche Schlagseiten hat.
Die Berichterstattung über die Revolution in Tunesien und über die laufende Revolte in Ägypten zum Beispiel ist eindeutig von Sympathie durchdrungen. Als am Donnerstag vergangener Woche Regime-Befürworter in Kairo Regime-Gegner angriffen, rauschte bei al-Dschasira zwischenzeitlich die Meldung übers Laufband, dass Demonstranten die Armee um "Schutz vor einem Massaker" baten.
Andererseits twitterte nahezu zeitgleich auch CNN-Korrespondent Ben Wedemann, auf dem Tahrir-Platz fänden gerade "staatlich sanktionierte Lynchungen" statt.
In Doha arbeiten Leute aus über 60 Nationen. "Wir haben Männer und Frauen, Rechte und Linke, Islamisten, Panarabisten und Nationalisten bei uns", sagt Souag. Er ist stolz auf diese Vielfalt. Vielleicht ist sie auch ein Schutz gegen zu viel Parteilichkeit des Senders.
Bei al-Dschasira legt das Management per Runderlass fest, welche Krise wie genannt wird - ob Aufstand, Intifada, Revolte oder Revolution. In Ägypten lautet die Sprachregelung aktuell: "Volksproteste". Natürlich werde das diskutiert, sagt der Nachrichtenchef, "aber dann trinken alle zusammen Kaffee". Er nennt das den "Geist von al-Dschasira". Ob der Sender für die ägyptische Revolte eine ähnliche Bedeutung haben wird wie in Tunesien, ist schwer zu sagen. Fest steht: Solange er den Protesten höchste Priorität einräumt, wird die arabische Welt insgesamt mitfiebern. Er zeigt Arabern, was Araber auf Arabisch sagen, ohne Übersetzung, ohne Filter, ungekürzt, ungeschminkt.
Die Menschen werfen sich den al-Dschasira-Kameras entgegen und weinen hemmungslos, schimpfen, schreien, rufen ihre arabischen Brüder und Schwestern um Hilfe an. "Dass wir Einfluss haben, ist kein Problem", sagt Mustafa Souag lässig. "Es bedeutet nur, dass wir eine besondere Verantwortung haben."
Von Matthias Gebauer und Yassin Musharbash

DER SPIEGEL 6/2011
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