07.02.2011

STRAFVOLLZUGGefangen in Freiheit

Keine Gitter, keine Mauern, kein Stacheldraht: Die Strafanstalt auf der norwegischen Insel Bastøy setzt auf Selbstkontrolle anstatt auf Gefängnisdisziplin. Für manchen Häftling ist das Leben dort zu hart, um es zu ertragen. Von Nicola Abé
Am anderen Ufer lockt die Freiheit. Wenn es dunkel wird, glitzern die Lichter jenseits des Meeres wie Strass. Kaum zwei Seemeilen sind es zum Festland, nur zehn Minuten auf einem taumelnden Schiff.
Der Junge weint nicht, die Tränen unter seinem Auge sind tätowiert. Er steht im Schnee, groß und breit, er weiß nicht, wohin er zuerst gehen soll. Wachleute haben ihn aus seiner Zelle geholt, auf die Fähre gebracht, auf diese Insel, ohne Handschellen. Sie haben ihn sich selbst überlassen inmitten roter und gelber Holzhäuser, ein Kirchturm überragt die Baumwipfel. Und das hier soll ein Gefängnis sein.
Er hat Gutscheine bekommen für 500 Kronen, damit er einkaufen kann im kleinen Supermarkt. Auf dem Weg dorthin begegnen ihm Männer. Die Männer grüßen. Raymond Olsen senkt den Blick. Siebenmal war er im Knast; im Knast grüßt man nicht. Raymond kauft Tabak und eine Telefonkarte, tritt in eines der roten Telefonhäuschen, ruft einen Freund an, einfach so.
"Ich bin jetzt auf Bastøy. Ich kann so viel telefonieren, wie ich will. Was macht ihr?"
"Wir saufen uns warm für die Party."
Raymond will fort. Er hat keine Lust auf den liberalsten Knast der Welt, auf dieses norwegische Eiland im Oslofjord, das so klein ist, dass man keine Stunde braucht, es zu umrunden.
Eine einzige Pistole gibt es auf Bastøy, sie steht im Büro des Direktors und ist eine Skulptur aus Bronze.
Arne Nilsen heißt der Direktor, ein schmaler Mann Anfang sechzig, seine Autorität braucht keine Uniform. Woher die Pistole kommt, weiß er nicht, die Pistole war schon immer da.
Der Direktor ist ein Händler, er handelt mit Freiheit. Der Direktor ist ein Visionär, er will, dass die Männer leben wie in einer Dorfgemeinschaft, dass sie Kartoffeln anbauen und ihren Müll kompostieren, dass Wachen und Häftlinge einander respektieren. Eine Kamera im Supermarkt will er nicht, keine Gitter und Mauern, keine verschlossenen Türen.
Sie haben Mörder, Räuber, Drogendealer, Betrüger, Schläger, kleine Diebe. "Wir picken uns nicht die einfachen Fälle heraus", sagt Nilsen. Manche verbüßen ihre gesamte Strafe auf der Insel. Mörder können sich erst bewerben, wenn sie zwei Drittel ihrer Zeit anderswo abgesessen haben. 115 Gefangene leben auf Bastøy, und wer bleiben will, muss arbeiten und sich in eine Wohngemeinschaft einfügen. Wer Alkohol trinkt oder prügelt, fliegt raus.
Die Fähre verkehrt regelmäßig, im Sommer könnte man durchs Meer schwimmen oder ein Boot organisieren, im Winter friert das Meer oft zu. Die Idee ist, dass die Gefangenen trotzdem bleiben. Dass sie noch da sind, wenn gezählt wird, viermal am Tag.
Im Speisesaal sitzt Jorgen Eilertsen, ehemals Drogendealer. "Der Fisch ist gut", sagt Jorgen und zerlegt ein Saiblingsfilet. Jorgen findet alles gut auf Bastøy, denn er weiß, einer wie er kriegt nicht mehr viele Chancen im Leben.
Einmal am Tag gibt es ein gemeinsames Essen, dann sitzen sie hier, der Typ mit dem iPod, der zwei Munch-Gemälde aus dem Museum stahl, den "Schrei" und die "Madonna", oder der Junge mit den Dreadlocks, der zwei Frauen vergewaltigt hat.
Jorgen überragt sie alle. Messer und Gabel sind Puppenbesteck in seinen Händen. Er kaut und starrt aus dem Fenster. Am Tisch sitzt er allein, er will es so, denn Verbrechen ist infektiös und seine Vergangenheit eine offene Wunde.
Wenn Jorgen früher zu Bett ging, legte er seine Waffe auf das Nachtkästchen. Die Gang war seine Familie, und für die Familie hätte er getötet. Er verkaufte Drogen, zog sich Koks rein, Speed, schluckte Pillen, ging feiern auf Technopartys, löste sich auf in Beats und im Lichtergewirr. Kunden, die nicht zahlten, verprügelte Jorgen, so schärft man seinen Ruf in der Szene. Jorgen ist jetzt 41. Mehr als ein Drittel seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht.
Jetzt hat Jorgen einen Traum. Der Traum ist rein wie ein Glas Milch. Er hat eine Freundin, sie kommt dreimal die Woche, zusammen mit den anderen Frauen. Ein gutes Mädchen, keine aus der Szene. Sie bringt Schokolade, trägt Stiefel bis übers Knie und das blonde Haar frisch gewaschen.
Vier Kinder wollen sie, da sind sie sich einig.
Sie treffen sich im Haus für Besucher, Raum Nummer 6. Alle Zimmer sind gleich, eines liegt neben dem anderen wie die Kammern in einer Wabe: ein paar Quadratmeter, eine Couch, eine Matratze mit Plastikbezug, daneben ein Kleenex-Spender. Dort lieben sie sich.
Raymond, der Junge mit den tätowierten Tränen, hat keine Freundin, die ihn besuchen wird. "Nicoletta" steht auf seinem Arm, aber das ist lange her. Jetzt ist er 28, ein Ladendieb, Schläger, Räuber. Er steht im Kuhstall, rundes Kindergesicht, roter Schneeanzug, wie ein Astronaut ohne Helm.
In der Kälte dampft der Mist, und die Luft riecht nach Heu. Die Tiere beruhigen ihn. Er füttert sie mit Kartoffeln, dass sie ganz nah kommen mit ihren feuchten Mäulern, dass sie ihn berühren.
An der Wand hängt ein Stück Schwemmholz. Jemand hat einen Fisch daraufgemalt, ein Segelboot, eine Möwe und geschrieben "Bastøy - Gangster's Paradise".
Das Paradies existiert seit 20 Jahren und hat einen Direktor, der die Statistik liebt, denn die Statistik gibt ihm recht. Weil nur 16 Prozent der Gefangenen rückfällig werden, in den ersten zwei Jahren nach Bastøy, weil es in Norwegen insgesamt 20 Prozent sind und in Deutschland, wo man die Rückfälligkeit innerhalb von drei Jahren misst, fast 50 Prozent. Weil es noch nie einen Mord gegeben hat auf der Insel und auch keinen Selbstmord. Und im letzten Winter war das Meer zugefroren, aber gegangen sind nur die Füchse.
Raymond, der Neue, soll arbeiten, 50 Kronen am Tag wird er dafür bekommen, ausbezahlt einmal im Monat. Das Geld für Lebensmittel soll er sich selbst einteilen, jeden Morgen soll er aufstehen, er soll kochen und waschen, er weiß nicht, wie er das schaffen soll.
Er wird sich ansehen, wie die anderen das machen, Jorgen zum Beispiel. Jorgen, der versagt hat auf Bastøy, als er vor 20 Jahren das erste Mal da war. Nach zwei Monaten musste er zur Kontrolle, "abpissen", jemand von den Wachen sah zu. Sie fanden Spuren von Drogen in seinem Urin. Am anderen Morgen brachten sie ihn zurück in einen Hochsicherheitsknast. Jorgen war das egal. "Ich wollte mich nicht auf die Leute hier einlassen", sagt er, "mein Grundgefühl war Hass."
Jorgen kniet auf dem Dach einer Holzhütte. Das ist seine Aufgabe hier, er baut Häuser. Er ist beschäftigt. Er denkt nicht mehr so oft an seine Geschichte, an jenes Pärchen zum Beispiel, das er verprügelt hat, bloß weil sie da waren, wo er war.
"Ich bin zu alt für den Scheiß", sagt er.
Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn man am Tag der Entlassung vor dem Knast-tor steht, gute Vorsätze im Kopf und eine Plastiktüte in der Hand, darin ein Rasierwasser und ein paar Klamotten.
Sehr gute Vorsätze hatte er beim letzten Mal, in der Haft hatte er irgendwann begriffen, dass es nichts bringt, nur dazusitzen und die Wachen zu hassen und die Pädophilen. Dass es nur zwei Möglichkeiten gibt in der Welt der Dealer. Entweder du stirbst, oder du bringst einen um. Er machte eine Therapie, versuchte zu verstehen, was ihn daran reizte, Regeln zu brechen. Er hatte es genossen, wenn sie ihn jagten.
Jorgen fand einen Job im Callcenter und hielt ihn nicht lange durch. Wie ein Fremdkörper fühlte er sich in diesem Büro. Bald lebte er von Sozialhilfe, das Geld war knapp, der Kick fehlte. Und dann waren da die alten Kumpels, die Partywelt. Und in den Clubs waren die Frauen, die ihn begehrten, gerade weil er ein böser Junge war. Die Clubs waren teuer. So fing Jorgen an, seinen Freunden doch hin und wieder einen Gefallen zu tun.
Als sie ihn erwischten, fuhr er ohne gültigen Führerschein und hatte ein Kilo Marihuana dabei.
"Ich bin nicht stolz", sagt Jorgen und hämmert weiter am Dach der Hütte. Er bewarb sich für Bastøy, und seit ein paar Monaten ist er da. Diesmal, meint er, sei er besser vorbereitet auf die Freiheit. Auf Bastøy hat Jorgen das Zimmern gelernt, wie man mit Holz umgeht und kleine Einfamilienhäuser baut. Er schläft jetzt besser als früher. Er hat schon einen Job, wenn er hier rauskommt, auf dem Bau.
Es ist früher Nachmittag, die Kühe sind versorgt, Raymond, der Neue, hat seine Arbeit getan. Jetzt will er, dass ihm jemand sagt, was er zu tun hat. Ihm fehlt seine Zelle, ihm fehlt das Warten auf irgendwas, auf eine Mahlzeit, einen Anruf, auf die Stunde im Hof.
Das Warten füllt den Tag, im echten Knast. Auf der Insel gefriert die Zeit.
In sein Zimmer will er nicht, da ist dieser Neue aus Polen. Er läuft durch das Dorf, vorbei an der Schule, an der Bibliothek und den Feldern bis hinunter zum Ufer, wo die kleine Fähre anlegt. Noch 90 Minuten bis zur Zählung.
Wenn die Freiheit vor dir liegt und du greifst nicht nach ihr, so denkt er, dann haben sie dich gebrochen.
Raymond schiebt den Ärmel seines Anoraks nach oben, entblößt die Enden einer Tätowierung, die sich dick und schwarz um seinen Arm schlingt. Mit 16 raubte er das Lager eines Elektromarktes aus, da ließ er sich stechen und dann jedes Mal wieder, wenn er etwas Böses getan hatte, zuletzt nach dem Raubüberfall auf einen Kiosk.
Nun wuchern schwarze Ranken bis zu seinem Hinterkopf. Raymond sieht auf das Meer und denkt an Flucht, an den Freund, der ein Boot besitzt.
Die Dunkelheit kommt früh und der Wind von allen Seiten. Krähen schrecken auf, fliegen in den Indigo-Himmel, ihr Krächzen sticht in den Ohren.
Auf dem Platz vor der Polizeiwache stehen 115 Gefangene. Schilder hängen dort, für jedes Haus eines. Dahinter sammeln sie sich in Reihen, lachen und schubsen sich.
Einer ist hier, mit dem machst du keine Scherze, den schaust du nicht schief an, da hältst du Abstand, so sagen sie es jedem Neuen. Thorstein Hanssen(*), 31, steht breitbeinig, verlagert sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er trägt graue Jogginghosen, auf seinen schmalen Hüften sitzt ein Gewichthebergürtel.
Ein Hochgewachsener in Uniform ruft die Gefangenen beim Namen.
"Jorgen? Muhammad? Peter?"
"Leider", antwortet einer.
Thorstein sagt: "Jeder weiß, wer ich bin."
Sie nannten ihn den Militär, er war einer ihrer Anführer, der beste Kämpfer von "Blood and Honour" in Norwegen. Auf Thorsteins Händen steht das Wort Skinhead, er will es entfernen lassen, wenn er hier rauskommt. Es sei schlecht gemacht. Den Schädel hat er kahlrasiert, nur vom Kinn steht das rote Haar.
Er hat einen schwarzen Jungen umgebracht. "Die Hautfarbe war nicht der Grund", sagt Thorstein, "wir wollten nur unser Eigentum verteidigen."
"Ich habe nicht zugestochen, nur der andere", sagt Thorstein. Der Junge habe noch geatmet, als sie gingen.
Sie hätten sich mit White-Power-Musik in Stimmung gebracht, schrieben die Zeitungen. Sie hätten ein Opfer gesucht und gefunden im Parkhaus eines Einkaufszentrums. Benjamin H., 15-jährig, Sohn eines Ghanaers, getötet durch die Messerstiche zweier verschiedener Klingen. Der Mord war geplant, feige und brutal, sagte das Gericht. 18 Jahre bekam Thorstein, damals war er 22.
Sein Zimmer ist aufgeräumt. Geblümte Laken, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Fenster mit bunten Vorhängen, wie bei den
anderen. Aber Familienfotos hängen hier nicht, und auf dem Nachtkästchen liegen keine Herrenmagazine. Nur Bücher. Thor-
stein studiert Geschichte und Philosophie an der Universität von Oslo. Seine Prüfungen macht er über das Internet.
Thorstein darf studieren auf Bastøy, aber er muss auch etwas für die Gemeinschaft tun. Jeden Tag fegt er die WG, wischt den Staub vom Boden und von den Regalen. Dann geht er zurück in sein Zimmer.
Er lese so viel wie möglich, vom Sturm auf die Bastille bis zum "Dritten Reich". Thorstein will immer noch kämpfen, gegen die Globalisierung, für die Trennung der Völker und Kulturen, für diese wirre Idee, die er einen "ganzheitlichen Faschismus" nennt. Er sagt, er wolle jetzt nur noch mit Worten kämpfen.
Wärme strömt aus dem Ofen und der Duft frischen Brotes. Thorstein hat gebacken. Vollkornmehl muss es sein, dazu Sonnenblumenkerne und Hefe. Er greift nach einem schweren Messer, schneidet zwei fingerdicke Scheiben herunter. "Ich mag keine Messer", sagt er.
Die anderen in der WG haben Eier gebraten und Lachs aus dem Supermarkt. Thorstein isst auf seinem Zimmer.
"Ich bin von einer Zelle in die andere gezogen", sagt er, 90 Prozent seiner Zeit verbringe er allein. Neun Jahre lang saß er im Hochsicherheitsgefängnis, ein Jahr davon in Isolation. Sein Blick verschwimmt, wenn er davon spricht. Eine Therapie macht er nicht. "Ich hatte eine glückliche Kindheit", sagt er und grinst.
Thorsteins Vater war ein erfolgreicher Spediteur, seine Mutter Sozialarbeiterin. Seine Eltern sind verheiratet, glücklich, sagt er. Noch immer lieben sie ihren Sohn, aber verstanden haben sie ihn noch nie.
Als Kind wollte Thorstein zum Militär, für sein Land in den Krieg ziehen, mit anderen verschmelzen zum Kollektiv. Mit 17 Jahren ging er zur Musterung, wollte Berufssoldat werden. Er sprach von seinen rechten Visionen, man stufte ihn als Sicherheitsrisiko ein.
Nun lebt er auf Bastøy, zusammen mit Menschen aus 20 verschiedenen Nationen, mit Pakistanern, Äthiopiern, Indern und Iranern. "Wir kommen klar", sagt Thorstein, "wir respektieren uns." Viermal hat er sich beworben für die Insel, er musste kämpfen, um hierher zu dürfen. "Für mich ist es gut, dass wir solche Gefängnisse haben", sagt er. Er profitiere davon, doch sein Weltbild habe sich nicht geändert. Eigentlich sei er für härtere Strafen, denn anders könne eine Gesellschaft nicht funktionieren.
Wenn Thorstein entlassen wird, in ein paar Jahren, möchte er Sozialforscher sein. Um seine Arbeit zu finanzieren, will er auf einer Bohrinsel anheuern. Immer ein paar Monate hier, ein paar Monate dort sein. Er glaubt an die Einzigartigkeit seiner Perspektive. Seine Gedanken müssen etwas wert sein. Noch immer hofft er, dass diese Gesellschaft ihn braucht.
Er muss stark sein, daran liegt ihm viel. Kein anderer auf Bastøy schafft die 140 Kilo im Fitnessraum. Thorstein liegt auf dem Rücken, stemmt mit beiden Armen eine Hantel. Einmal, zweimal, dreimal. Blut steigt in den Schädel, Luft bricht durch die Lippen. Viermal, fünfmal. Adern wölben sich auf der Stirn, der Kiefer zuckt.
Der Typ mit dem iPod, der Kunsträuber, greift nach der Stange, zusammen führen sie das Gewicht zurück in die Halterung. Sie sind die Berühmtesten hier auf Bastøy, sie verstehen sich gut. Freunde sind sie nicht.
Im Knast, sagen sie, hast du keine Freunde, nur Menschen, die dein Schicksal teilen.
Der Raum ist rot gestrichen, aus dem Radio plätschert Pop. Fast jeden Abend, nach der Zählung und vor der Nachtkontrolle in den Zimmern, kommt Thorstein hierher und trainiert. Er gönnt sich keine Pause, nur manchmal sieht er in den Spiegel, drückt seine Schultern nach hinten und die Brust nach vorn. Er trinkt nicht, raucht nicht, nimmt keine Drogen. Der Körper ist das Terrain, das er kontrollieren kann.
Dann ist es Nacht, und die Wachen sind nur noch zu fünft auf der Insel. Am anderen Ufer glitzern die Lichter der Stadt Horten. Die Leute sagen: Bastøy, das ist doch ein Ferienclub. Aber es klingt nicht, als würde sie das stören.
Der Direktor will keine Prognose abgeben über Jorgen, über Raymond, über Thorstein. Er sagt, sein Konzept funktioniere nicht für jeden. Manche seien seelisch zu krank. Manche seien zu fest entschlossen, dass sich nichts an ihrer Weltsicht ändern darf.
Wegsperren bringt nichts, weil man Menschen in einer liberalen Demokratie nicht für immer wegsperren kann, deshalb ist die Integration das Wichtigste und nicht die Strafe. Das ist seine Überzeugung.
Das ist langjährige Politik in Skandinavien, ein moderater Strafvollzug, der traditionell einhergeht mit einem starken Sozialstaat. Der Norden hat niedrigere Gefangenenraten und mildere Haftbedingungen als das übrige Europa. Es ist nicht wie in Deutschland, wo es zwar einen offenen Vollzug gibt, gegen Ende der Haftzeit, aber keinen Rechtsanspruch darauf. Es ist eine Chance, die nur 17 Prozent der Gefangenen bekommen.
In Norwegen sind rund ein Drittel der Gefängnisse offen wie Bastøy, in Zukunft sollen es noch mehr werden, so hat es das Parlament beschlossen. Die meisten Menschen halten das für eine gute Sache, vielleicht, meint der Direktor, muss man sagen: Noch halten sie es für eine gute Sache.
Bei der letzten Parlamentswahl holte die Fortschrittspartei knapp 23 Prozent der Stimmen, eine Partei, die sich für härtere Strafen einsetzt.
Den Direktor beunruhigt diese Entwicklung. "Es gibt keine einfachen Antworten", sagt er. Aber es gibt Fragen, die falsch gestellt sind. Ob es im Gefängnis schön sein darf, ist so eine Frage.
Der Direktor ist Psychologe, doch er seziert keine Vergangenheiten. Seine Mission ist die Zukunft.
Was bringt Strafe, wenn Rache nicht satt macht und Gefängnisse Täter züchten?
Der Direktor ist kein Idealist, er ist Pragmatiker. "Ich bin kein Gutmensch", sagt Arne Nilsen und fixiert sein Gegenüber aus blaugrauen Augen, "ich bin bloß ein Egoist, der seinem Leben einen Sinn geben will."
Er sieht Täter nicht als Opfer, aber als Bürger, die eines Tages in die Gesellschaft zurückkehren werden. "Auf Bastøy muss jeder lernen, mit seiner Freiheit umzugehen und sich eigene Grenzen zu setzen", sagt Nilsen, "das muss er draußen auch."
Sogar die Matrosen auf der kleinen Fähre sind Gefangene. Neunmal täglich legen sie am Festland an, und noch nie ist einer geflohen. Jedes Mal, wenn sie auf die Insel zurückkehren, begrüßt sie ein Schild: "Bastøy, Übungsplatz für Verantwortung" steht darauf.
Am anderen Morgen versteckt sich die Sonne noch hinter den Bäumen, doch die Fenster leuchten schon. Unter den Laternen tanzen Flocken, verwandeln Bastøy in die Welt unter einer Schneekugel, eine Spielzeugwelt.
Jorgen sitzt auf seinem Bett, an der Wand hängt ein Foto seiner Freundin, betörend schön im Bikini. Thorstein, nur ein paar Räume weiter, löffelt Haferflocken.
Der Wachmann ist da, Morgenrunde im Wohnzimmer. Eine Glühbirne muss ausgewechselt werden im Flur. Und die Wände sind ein wenig kahl. Die Gefangenen wollen jetzt Zweige aufhängen und Plakate besorgen.
Jorgen kommt aus einem der roten Telefonhäuschen, er stampft über den gefrorenen Boden, die Wolken sind dick wie Qualm. Er hat angerufen. Sie kommt nicht. Sie ist krank, zum ersten Mal in zwei Jahren. Er wird heute kein Thai-Huhn kochen, nicht rotwangig lächeln und kein buntgestreiftes Poloshirt tragen.
Jorgen sagt, die große Welt interessiere ihn nicht mehr. Wichtig sei nur noch die Familie.
Würde jemand die Familie bedrohen, er könne für nichts garantieren. Denn ein Mann muss seine Familie beschützen. Wenn sie nachts kommen, muss er vorbereitet sein. Jorgen denkt, er wird sich eine Waffe anschaffen müssen.
Eine Pferdekutsche rollt vom Ufer ins Dorf. Pappeln säumen den Weg, recken ihre klumpigen Äste ins Nebelgrau.
Wenn das Eis auf dem Wasser dick genug ist, wollen sie ein Loch hineinschlagen, Thorstein, Jorgen und die anderen. Thorstein wird darin schwimmen, zum ersten Mal seit neun Jahren. Sein weißhäutiger Körper wird in das Wasser gleiten, der Herzschlag schneller, die Atmung kürzer als sonst.
"Alles völlig surreal", sagt Thorstein und blinzelt mit hellen Wimpern.
Vor kurzem erst jährte sich sein Mord zum zehnten Mal. Da bildeten die Leute auf dem Festland wieder Lichterketten, demonstrierten gegen Rassismus, wie damals nach jenem blutigen Wintertag, der sich einbohrte wie ein Widerhaken in die Seele der Nation.
Einmal hatte Thorstein Freigang und fuhr in einem Bus. Er hatte sich gefragt, ob sie ihn bemerken würden, ob sie mit dem Finger auf ihn zeigen würden oder schnell wegsehen. "Niemand hat mich erkannt", sagt er. Und er ist sich nicht sicher. Aber vielleicht findet er es doch gut. "Ich werde nie wieder rückfällig", sagt er.
Wenn er hier rauskommt, will er endlich etwas erleben. In seinem Zimmer hängt eine Weltkarte, nach Athen will er reisen, nach Italien und an tausend andere Orte.
Wenn er hier rauskommt, will er nicht mehr in einer Großstadt leben. Weil die Menschen in der Großstadt keine Verbindung haben zueinander. Er möchte in einem Dorf wohnen, wie auf Bastøy.
Raymond sitzt auf einem Baumstumpf vor der Wache und lächelt. Er hat einen Antrag ausgefüllt, gestern Abend noch. Bald werden sie ihn holen. Sie werden ihn auf die kleine Fähre bringen und mit dem Wagen in das Gefängnis von Tønsberg fahren. Ein Zaun wird ihn begrüßen, darauf Stacheldraht. Das metallene Gittertor wird sich für ihn öffnen. Sie werden ihn in Trakt A bringen. 23 Stunden am Tag wird er in seiner Zelle verbringen, vor dem Fenster Gitterstäbe und Plexiglas.
Dort wird er frühstücken, zu Mittag und zu Abend essen. Er wird sich amerikanische Krimiserien ansehen, die er schon kennt.
Vielleicht wird er einen Brief an seine Mutter schreiben.
Eine Stunde am Tag wird er im Hof auf und ab gehen. In ein paar Wochen wird er drei Stunden täglich die Schule besuchen, in Trakt B.
Wenn er zur Toilette will, wird er klingeln müssen. Sie werden ihn dorthin begleiten und zurück in seine Zelle.
Die schwere Eisentür werden sie hinter ihm zuschließen. Raymond wird auf sein Bett fallen und erleichtert sein. Er wird sich frei fühlen.
Sie werden ihn bewachen. Er muss nicht selbst sein Wächter sein.
Drei Tage hat er durchgehalten im liberalsten Knast der Welt. ◆
Sie haben Räuber, Mörder,
(*) Name geändert.
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 6/2011
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Gefangen in Freiheit

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