07.02.2011

TIEREMaus und Moral

Verwöhntes Familienmitglied, Jagdtrophäe oder Rohstoff für die Fleischindustrie? Ein junger Forschungszweig untersucht die widersprüchliche Beziehung des Menschen zum Tier.
Welche Kreatur hat das erbärmlichere Los: ein Kampfhahn oder ein Huhn im Massen-Mastbetrieb?
Der unterlegene Kampfhahn lässt sein Leben im Staub einer engen Arena - messerscharfe Sporen an den Füßen des gegnerischen Gockels durchlöchern seine Lunge, zerfetzen das Rückenmark, schlitzen den Leib auf.
Dem Broiler dagegen durchtrennt eine rotierende Klinge die Halsschlagader, während er kopfüber vom Fließband baumelt, betäubt durch einen Elektroschock. Nicht immer wirkt der Stromschlag, mitunter verfehlt das Messer die Arterie. Dann landet der Pechvogel lebendig im Brühtank.
Hahnenkämpfe sind in vielen Staaten der Welt verboten, sie gelten als Tierquälerei, barbarischer Zeitvertreib einer halbkriminellen Macho-Szene. Hähnchenmast ist ein Wirtschaftsfaktor - weltweit.
Doch während das Masthuhn sein wenige Wochen währendes Leben dicht gedrängt zwischen Hunderten Artgenossen im Ammoniakdunst einer feuchtwarmen Halle fristet - unter Schmerzen, weil seine Knochen das schnelle Wachstum nicht verkraften -, wird ein Kampfgockel erst mit zwei Jahren in den Ring geschickt.
"Bis dahin stolziert er über den Hof, kriegt bessere Nahrung als mancher Mensch und scheucht die Hennen umher", sagt der US-Psychologe Hal Herzog von der Western Carolina University: "Seine Chancen, dass er am Tag nach dem Kampf die Sonne aufgehen sieht, stehen 50:50. Die eines Masthuhns, nur einmal im Leben Tageslicht zu sehen, sind gleich null."
Sind die geächteten Hahnenkämpfe also in Wahrheit viel weniger verwerflich als der Genuss einer Portion Chicken McNuggets?
Wer sich wie Herzog mit dem merkwürdigen Verhältnis des Homo sapiens zu seinen Mitgeschöpfen befasst, gerät von einer moralischen Zwickmühle in die nächste. Wie kann es sein, dass Menschen den Familienmops im Designermantel zum Hunde-Yoga schleppen, um sich später bedenkenlos über das Schweineschnitzel auf dem Teller herzumachen?
Warum blickt mancher Katzenhalter mit unverhohlenem Stolz auf die Kadaver von Mäusen und Singvögeln auf der heimischen Fußmatte? Wieso kann ein Vertreter ein und derselben Gattung in der öffentlichen Wahrnehmung ebenso zum Superstar avancieren (Knut, der Knuddelbär) wie zum gefürchteten Störenfried (Bruno, der Problembär)? Weshalb schaffte es Herzog als junger Wissenschaftler, Würmer und Reptilien in heißes Wasser zu tauchen, um ihrer Haut bestimmte Substanzen zu entziehen, während ihn bei der Maus der Mut verließ?
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Tiere zum reinen Zeitvertreib hält - als Spielgefährten, Familienmitglied oder Prestigeobjekt, aber auch als eine Art hochspezialisierte Servicekraft: als Polizeipferd, Jagd-, Rettungs- oder Blindenhund. Und nur der Mensch züchtet Tiere allein zum Zweck, sie später zu verspeisen oder im Versuchslabor als Modelle für Krankheiten zu nutzen. "Unsere Spezies ist sehr gut darin, all diese Widersprüche zu ignorieren", sagt Psychologe Herzog, "genau deswegen begannen sie mich zu faszinieren."
Herzog ist Mitbegründer der Anthrozoologie, einer jungen Forschungsdisziplin, die den Mensch-Tier-Beziehungen auf den Grund gehen will. "Der Umgang mit Tieren erlaubt einen ungewöhnlichen Einblick in das Wesen des Menschen", glaubt er.
Die ersten Erkenntnisse der bunten Gemeinschaft aus Verhaltensforschern, Veterinären, Soziologen, Anthropologen, Psychologen und Historikern hat Herzog jetzt in einem hinreißenden Buch zusammengefasst, vermengt mit Anekdoten über seine Forschungsreisen zu Hundeausstellungen, in Tierheime oder zu den Kampfhahnzüchtern von Tennessee(*).
So testeten etwa französische Anthrozoologen den Flirtfaktor Hund: Rund 30 Prozent zufällig ausgewählter junger Frauen gaben einem völlig Fremden ihre Telefonnummer, wenn dieser ein niedliches Hündchen an der Leine mit sich führte. Ohne Tier war die Test-Anmache nur in 10 Prozent der Fälle erfolgreich.
Andere Wissenschaftler förderten Ernüchterndes für die Anhänger der sogenannten Delphintherapie zutage. Keine der Studien, die den Meeressäugern heilsame Wirkung zum Beispiel auf autistische Kinder bescheinigt, sei wissenschaftlich haltbar, so die Neurowissenschaftler
Lori Marino und Scott Lilienfeld von der Emory University in Atlanta.
Und sehen sich Hund und Herrchen tatsächlich ähnlich? Forschergruppen in den USA, Venezuela, Japan und Großbritannien wollten herausfinden, wie gut Versuchspersonen Fotos von Hunden jenen ihrer Besitzer zuordnen können. Ergebnis: In sämtlichen Experimenten lagen die Testpersonen häufiger richtig, als dies zufallsbedingt zu erwarten war.
In den USA, in Australien und Großbritannien gibt es bereits eine rege Szene von Anthrozoologen; an der veterinärmedizinischen Universität Wien startet in diesem Herbst ein Bachelor-Studiengang. Bei einer internationalen Konferenz 2010 in Stockholm stellten Wissenschaftler linguistische Vergleiche von Hauskatzennamen in den USA und Belgien oder eine Arbeit zur Erforschung des Mensch-Ziegen-Verhältnisses zur Diskussion.
Nun regt sich auch an einem deutschen Institut die Forscherneugier: Die "Group for Society and Animals Studies" (GSA) an der Universität Hamburg ergründet das Mensch-Tier-Verhältnis mit den Methoden der Soziologie. Die jungen Wissenschaftler um Hochschullehrerin Birgit Pfau-Effinger müssen die eigenen Erkenntnisse nicht fürchten: Die meisten haben dem Fleischkonsum längst abgeschworen, einige sind Veganer.
"In jedem dritten Haushalt in Deutschland leben Tiere", sagt Wissenschaftlerin Pfau-Effinger, "dennoch war das Verhältnis von Menschen zu Tieren mit seinen vielen Ambivalenzen in der neueren deutschen Soziologie nie ein Thema." An Fragen mangelte es daher nicht, als ihre Studenten zu ersten Feldstudien und Befragungen aufbrachen.
So verglichen die Hamburger Jungforscher Erziehungsratgeber für Kleinkindeltern und Hundehalter - und fanden verblüffend wenig Unterschiede. Die Werbung für Fleischprodukte, ergab ein anderes Projekt, zeigt fast niemals ein wahrhaftiges Tier. Zoobesucher wiederum, das offenbarten Reisen durch Deutschlands Tierparks, fühlen sich umso besser, je schöner und natürlicher die Gehege der Eisbären, Giraffen und Löwen wirken.
Mit der Grenze zwischen Mensch und Tier hat sich GSA-Wissenschaftlerin Sonja Buschka beschäftigt. "Meist werden die Unterschiede an Geist oder Vernunft festgemacht", erklärt sie.
Wie fragwürdig diese Grenze jedoch ist, versucht Psychologe Herzog zu zeigen, indem er ein verstörendes Dilemma ersinnt: Mit seinen Zwillingstöchtern schaute er eines Nachmittags Steven Spielbergs Alien-Klassiker "E. T.", an dessen Schluss der Außerirdische ins Raumschiff steigt und seinen Verbündeten, das Menschenkind Elliott, auf der Erde zurücklässt.
Was aber, fragt Herzog, wenn auf E. T.s Planeten eine tödliche Krankheit ausgebrochen wäre, deren Behandlung man an einer biologisch ähnlichen, aber weniger schlauen Spezies testen könnte - an einem Menschen? Hätte E. T. das Recht, Elliott in seine ferne Heimat zu entführen, gleichsam als Laborratte? "Die Frage ist, ob Lebewesen mit größerem Gehirn automatisch das Recht haben, Lebewesen mit weniger ausgebildeter geistiger Kapazität für Versuche zu benutzen."
Der Psychologe ist Fleischesser und Katzenhalter, er lebt in den Great Smoky Mountains, wo bei vielen seiner Nachbarn die Waschbärjagd ein beliebtes Hobby ist. Er hat keine Vision von einer besseren Gesellschaft ohne Massentierhaltung und Hahnenkämpfe - was ihn von den Hamburger Weltverbesserern unterscheidet: Sie skizzieren in ihrem Buch "Gesellschaft und Tiere" ein Utopia der Tierrechtsbewegung, wo das Töten aller Tiere per Gesetz verboten ist.
Pionier Herzog hat derweil eine weitere Forschungsbrache aufgetan: Gegenwärtig interviewt er Personen, die mit Haustieren zusammenleben, die sie nicht leiden können. Ihn interessiert, warum alljährlich Millionen Hunde und Katzen im Tierheim landen, weil sich offenbar keine innige Beziehung zwischen Mensch und Tier entwickelt hat.
"Es gibt massenweise Studien über Leute, die ihre Tiere lieben", sagt Herzog, "aber fast keine über solche, die das nicht tun."
(*) Hal Herzog: "Some we love, some we hate, some we eat - Why it's so hard to think straight about animals". HarperCollins, New York; 336 Seiten; 25,99 Dollar.
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 6/2011
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