14.02.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEKopfschuss

Warum zwei Löcher in einem Bild 270 000 Dollar wert sind
Der Mann in dem blauen Hemd sitzt in einer der hinteren Reihen, er sitzt im "Woods Room", dem etwas kleineren der beiden Auktionssäle bei Christie's in New York, der Saal ist voll, etwa 300 Leute.
Der Mann im blauen Hemd hält immer wieder eine Kelle in die Luft, die man ihm an der Garderobe ausgehändigt hat, mit der Zahl 440 darauf, seiner Bieternummer. Und obwohl die Gebote schon bei über 60 000 Dollar liegen und obwohl der Preis sich im Sekundentakt in 2000-Dollar-Schritten nach oben schraubt, 64 000, 66 000 sind es inzwischen, lässt sich der Mann nicht abhängen, es hat ihn gepackt, er hatte über dieses Bild in der Zeitung gelesen; er muss es haben.
Der Mann heißt Amed Khan. Seine Familie stammt aus Kaschmir, er selbst ist in den USA geboren, 39 Jahre alt, dunkler Teint, leiser Auftritt. Mit moderner Kunst konnte er nie etwas anfangen. Er hat ein paar Antiquitäten zu Hause, mehr nicht. Khan ist Investmentbanker, ein Geldmensch, Zahlen, Geldanlagen sind seine Welt. Er hatte sich auch ein Limit gesetzt, bevor er zur Auktion gegangen war, bei 80 000 wollte er aussteigen. Aber die sind jetzt schon erreicht, und Khan bietet weiter, 86 000, 88 000, es ist wie ein Rausch.
Das Bild, um das es geht, trägt die Aufrufnummer 37, Titel "Mao: one plate", Künstler ist Andy Warhol, Siebdruck, 914 mal 914 Millimeter, so steht es im Katalog. Doch eigentlich will Amed Khan, Kind von Einwanderern, viel mehr als ein Bild, er will eine Story, ein Stück amerikanische Geschichte kaufen.
Als Andy Warhol im Jahr 1972 Mao Zedong porträtierte, waren beide auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: der klatschverliebte Pop-Guru aus Manhattan, der all die Filmstars kannte; und der rote Kaiser, vergöttert, schweigsam, grausam. Mao hatte seine "Proletarische Kulturrevolution" ausgerufen, eine Terrorkampagne, bei der Millionen Menschen ihr Leben ließen, Abermillionen denunziert, gedemütigt, gefoltert wurden. Aus diesem Mann machte Warhol einen Posterboy des ideologischen Terrors.
Man kann getrost davon ausgehen, dass Andy Warhol sich keine Sekunde lang für Maos Grausamkeiten interessierte. Der Chinese war für ihn ein Star, und ein Star war eine Marke, wie die Cola-Flasche, wie Campbell's Dosensuppe. Warhol färbte Mao blaugrün ein, damit war Mao ein Stück Pop-Art, amerikanisiert, einer mehr in Andys Promi-Zoo. 2000 Maos ließ Warhol drucken. Und ein Exemplar landete im Besitz des Schauspielers Dennis Hopper, der mit Warhol befreundet war.
Hopper hatte zuvor einen Sensationserfolg gefeiert, mit "Easy Rider", aber mit dem nächsten Film ein Fiasko erlebt. In Hollywood stand er auf der schwarzen Liste, er galt als einer, der nervt und mit seinen Launen Geld kostet. Hopper bekam nur noch kleine Rollen und machte sich daran, alles an Drogen zu konsumieren, was ihm in die Hände fiel. Wenn er mal in einem Film auftauchte, mit Vorliebe spielte er Paranoiker und Sadisten, dann war er erschreckend gut. Privat baute er ein paar Kunstsammlungen auf, nach jeder Scheidung eine neue, auf den Trümmern der alten.
An seinem Mao-Bild muss ihn aber irgendwann irgendetwas gestört haben. Eines Nachts griff sich Hopper eine Knarre und verpasste dem Mann an der Wand zwei Kugeln - vielleicht, weil er das rätselhafte Siegerlächeln Maos nicht ausstehen konnte, vielleicht war es auch einfach ein Attentat auf den großen Bösen, verübt von einem, der das Böse immer nur darstellen durfte.
Genau genommen hatte Hopper das Bild kaputtgemacht. Aber viel wertvoller als ein unversehrter Siebdruck ist ein Siebdruck mit einer Story, vor allem in einem Kunstmarkt, der von Hypes und Sensationen lebt. Niemand begriff das besser als Warhol.
Warhol besuchte damals seinen Freund Hopper, inspizierte die Einschüsse, beschriftete sie ("bullet hole" und "warning shot") und brachte Hopper dazu, das gemeinschaftliche Werk gemeinsam zu signieren. Damit sei das Bild ein Unikat und im Preis gestiegen, soll Warhol erklärt haben, jetzt war es kein Bild mit Löchern mehr, sondern zwei bedeutsame Löcher mit einem Bild drum herum. Fast vier Jahrzehnte hindurch blieb Mao, lädiert, signiert, lächelnd, in Hoppers Haus. Bis zu dessen Tod.
Und bis zu jenem Vormittag im Woods Room bei Christie's, als Amed Khan die Aufrufnummer 37 für 302 500 Dollar ersteigert hatte, für das Zehnfache des von Christie's geschätzten Verkaufspreises. Er hat jetzt ein dekoratives Bild, das sich in seinem Esszimmer oder Wohnzimmer gut machen dürfte, vor allem aber hat er eine großartige Geschichte an der Wand hängen.
Das Ganze, Khan inklusive, ist eine amerikanische Geschichte, am Ende gibt es ein Happy End und einen Preis. Der Aufpreis für zwei Löcher beträgt 270 000 Dollar, 135 000 pro Loch. Warhol wäre zufrieden, Hopper würde irre grinsen, Mao geheimnisvoll lächeln.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 7/2011
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