14.02.2011

ENTERTAINER

Die Geiseln des Metzgers

Von Hüetlin, Thomas

Er ist der mächtigste Mann im deutschen Unterhaltungsfernsehen, er erfindet, produziert und moderiert ein halbes Dutzend Sendungen. Nun ist Stefan Raab dabei, die ARD in sein Imperium einzugliedern - seine Sängerin Lena hat allerdings Quotensorgen. Von Thomas Hüetlin

Thomas Schreiber sitzt im Übertragungswagen vor einer ehemaligen Kabelfabrik in Köln-Mülheim. Neun Männer warten vor den Monitoren auf die Live-Übertragung der ersten Sendung "Unser Song für Deutschland". Die meisten tragen Jeans, sie arbeiten für ProSieben. Schreiber trägt einen schwarzen Anzug, er arbeitet für die ARD. Schreiber schwitzt.

Er ist Unterhaltungskoordinator im Ersten und damit zuständig für den deutschen Beitrag beim Eurovision Song Contest. Es geht um viel Prestige.

Schreiber hatte diesen Job vor drei Jahren gerade übernommen, als eine Retortengruppe namens No Angels beim Eurovision Song Contest Letzte wurde und endgültig bewiesen schien, dass die ARD keine anständige Unterhaltung produzieren kann.

Schreibers Antwort darauf bestand aus vier Buchstaben: Raab. Er legte die Verantwortung in die Hände des erfolgreichsten Entertainers im Privatfernsehen. Es war nicht einfach, weil bei zehn Rundfunkanstalten, in einem Chaos von unterschiedlichen politischen Vorstellungen und Kulturen, nichts einfach ist. Aber Schreiber setzte sich durch, Raab erfand die Sängerin Lena Meyer-Landrut, und Deutschland gewann den Singewettbewerb, zum ersten Mal seit 27 Jahren.

Aber Oslo ist weit weg, hier im Ü-Wagen von ProSieben. Lena tritt wieder an, nun gegen sich selbst, in zwei Shows - übertragen von ProSieben - stellt sie zwölf Songs vor, die Zuschauer wählen die besten sechs aus, und die präsentiert die ARD am Freitag dieser Woche in einer Abend-Show. Am Schluss kürt das ARD-Publikum das deutsche Lied für den Eurovision Song Contest am 14. Mai in Düsseldorf.

Schreiber zieht sein Jackett aus. Später wird er über die ersten Momente im Ü-Wagen sagen: "Mein Kopf lag auf dem Richtblock. Es war nur die Frage, an welcher Stelle die Axt runterkommt."

Lena tritt auf die Bühne. Die Moderatoren fragen sie, ob die Titelverteidigung sie sehr beschäftige. "Bisschen", sagt sie. Dann schiebt sie das Wort "semi" hinterher. Vor einem Jahr fanden die Männer der ARD so etwas cool, heute murmeln sie, das Mädel sei überheblich geworden.

Schreiber beugt sich nach vorn. Er flüstert: "Vor einem Jahr hat Lena die Beschützerinstinkte eines ganzen Landes geweckt. Jetzt ist sie älter, erwachsener. Die Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Erlauben ihr die Zuschauer, erwachsen zu werden?"

Lena singt ihre ersten Lieder, und wenn sie singt, ist sie gut. Zwischen den Auftritten aber liegt sie in grauen Schaffellstiefeln auf einem roten Le-Corbusier-Sessel und kommentiert ihre Lieder. Und nicht nur manche Männer der ARD finden, sie wirke dabei wie ein verwöhntes Mädchen, dessen größte Anstrengung darin bestehe, aus einer teuren Boutique die Tüten in den Range Rover zu schleppen. Eher Paris Hilton als die Sängerin Kate Nash, deren schmutzigen englischen Straßenakzent Lena wie eine höhere Tochter importiert. Seht mal, chic, hab ich auf dem Flohmarkt in London-Camden gefunden.

Schreiber wischt sich die Stirn. Der Regisseur von ProSieben ruft: "Unfassbarer Glanz". Schreiber schweigt.

Die ProSieben-Männer an den Mischpulten kontrollieren ihre Handys. Glückwünsche werden gefunkt, Jubelbotschaften. Auf Schreibers Handy passiert nichts. Die Kollegen von der ARD bleiben stumm.

Schreiber zieht sein Jackett wieder an, er hat neuen Mut geschöpft. "Am Ende dieses Jahres", sagt er, "wird Stefan Raab Thomas Gottschalk als wichtigsten Unterhalter Deutschlands überholt haben."

Darüber wird auch das Grand-Prix-Finale am 14. Mai entscheiden, schon jetzt aber kann Raab die Kapitulation der ARD feiern. Zehn Unterhaltungschefs von WDR bis BR lassen sich von einem Metzgersohn, Wadde-hadde-dudde-da-Sänger und Wok-WM-Veranstalter vorführen, wie man Unterhaltungsfernsehen macht.

Raab moderiert, er entwirft neue Sendungen, er komponiert, er singt, er spielt sechs Instrumente und produziert mit Raab TV, einer Tochter der Entertainmentgruppe Brainpool, bei der er mit zwölfeinhalb Prozent beteiligt ist.

In den letzten Jahren hat Raab die große Samstagabend-Show neu erfunden. Seine Idee zu der Sendung "Schlag den Raab" hat er in mehr als ein Dutzend Länder verkauft, außerdem ist er Star und Produzent bei Shows wie der "Wok-WM", "TV total Turmspringen", "Eis-Fußball", "Stockcar-Rennen" oder "Autoball-Europameisterschaft".

Es gibt derzeit vier Männer, die das Unterhaltungsfernsehen in Deutschland prägen. Thomas Gottschalk als Charmeur, Günther Jauch als Oberstudienrat, Dieter Bohlen als Prolet und Stefan Raab als Rebell. Die Sendungen, die er macht, beruhen auf zwei Einfällen. Der erste ist: Es reicht, wenn das Fernsehen sich mit sich selbst beschäftigt. Der zweite ist: Es muss immer um das gehen, worum es schon im Wilden Westen ging. Mann gegen Mann, Mensch gegen Mensch.

Jede Sendung gerät bei Raab zum Showdown. Wer triumphiert über wen? Wer lacht über wen? Raab macht seit Jahren Gefangene. Wo immer er produziert, moderiert, inszeniert, nimmt er Geiseln. Die Frau, die sich im Maschendrahtzaun verhedderte, die Frau, die Lisa Loch heißt, Männer wie Heiner Bremer, Ralph Siegel und Dieter Bohlen, Sender wie Viva, ProSieben oder jetzt die ARD. Er sucht sich seine Opfer auf allen Kanälen der Republik, er findet Menschen und Tiere, die sich irgendwann irgendeiner Kamera ausgeliefert haben.

Im Gegensatz zu seinen Moderatoren-kollegen, die sich damit begnügen, knifflige Herausforderungen von Karteikarten abzulesen und vom Spielleiterhügel die Anstrengungen der Kandidaten zu kommentieren, liefert sich Raab als Teilnehmer dem Wettbewerb selbst aus - und muss oft genug einstecken, wie in jener Ausgabe der Sendung "Schlag den Raab", wo er in einer Art erweitertem modernem Zehnkampf gegen einen durchtrainierten Kandidaten antrat.

Bei einem Mountainbike-Rennen stürzte er, stieg benommen wieder aufs Rad, fiel abermals und weigerte sich, obwohl kaum noch ansprechbar, die Sendung abzubrechen. Raab kämpfte bis zum Schluss und verlor. Am nächsten Tag diagnostizierten die Ärzte Gehirnerschütterung, Jochbeinbruch, Kieferhöhlenwandbruch. "Mir fehlen fünf Minuten Erinnerung unmittelbar nach dem ersten Sturz", sagt Raab heute, "es hat zwar ordentlich gerumst, das Gefühl kannte ich vom Fußball früher, also dachte ich, wenn jetzt nicht noch als nächstes Spiel Boxen kommt, kein Grund aufzugeben."

Auf dem Bildschirm erscheint Stefan Raab als ein Superjedermann, der nicht besonders viel Sport treibt, der kein Konservatorium besucht oder ein Studium abgeschlossen hat und der es trotzdem wagt, gegen Stärkere und Klügere anzutreten, die halb so alt sind wie er.

Wenn man Raab ein paar Tage begleitet in seinem TV-Reich, versteht man, dass er nicht für das Fernsehen lebt, sondern im Fernsehen.

Man sieht, wie er bei "Schlag den Raab" in den Werbepausen Schoko-Riegel und Traubenzucker in sich hineinstopft und seinen Blutzuckerspiegel hochtreibt, weil er zurückliegt gegen einen Sportstudenten.

Man sieht ihn nach der Niederlage zerknirscht bei der After-Show-Party bis vier Uhr früh herumstehen und dafür plädieren, dass Wok-Fahren in Eiskanälen olympische Disziplin werden müsse bis spätestens 2022.

Man sieht ihn einen Tag später im Bü-ro vom Brainpool-Chef, wo ihm Lena jene paar Sekunden Singsang auf ihrem iPhone vorspielt, aus denen Raab in zwei Stunden den Song "What Happened to Me" komponierte.

Was macht Raab, wenn er nicht im Fernsehen lebt? Zur Entspannung, erzählt er, habe er in den letzten Wochen in seinem Tonstudio in der ehemaligen Metzgerei seiner Eltern das neue Lena-Album produziert. Allein, am Computer, von neun Uhr abends bis vier Uhr früh.

"Neun Unterhaltungsformate in fünf Jahren, ich finde, das ist eine ganz ordentliche Schlagzahl", sagt Raab.

Sein Büro vor der ehemaligen Kabelfabrik in Köln-Mülheim sieht aus wie das Spielzimmer eines großen Kindes. Auf dem Fußboden zwei kuhfellgroße Tennisschläger, auf dem Fensterbrett ein goldener Bowling-Schuh, in einem Rahmen steckt das Foto von Bata Illic, einem Schlagersänger aus Serbien.

Mit Liedern wie "Mit meiner Balalaika war ich der König auf Jamaika" hatte Illic in den siebziger Jahren die "ZDF Hitparade" beliefert. Die Karrierehöhepunkte danach waren das Dschungelcamp und ein Duett mit Eike Immel, Ex-Tormann bei Borussia Dortmund, später verurteilt, weil er sich von einem Rentner 15 000 Euro geliehen und nicht zurückgezahlt hatte.

Über 40 Jahre lang war Illic im Geschäft. Jetzt hängt sein Bild bei Raab über der Toilette. Wahrscheinlich, weil Raab daran erinnert werden möchte, wie er selbst nicht enden will.

Raab sitzt hinter seinem Schreibtisch, einem schlichten Möbel, wie es bei der Polizei verwendet wird oder im Arbeitsamt. Vor ihm liegen Briefings zu seiner Sendung "TV total", die am Abend aufgezeichnet werden soll.

Raab schiebt die Papiere über den Tisch wie Abfall. Er sagt, er halte es für schädlich, wenn er sich auf seine Gäste vorbereite. Dann nimmt er zwei Schlagzeugstöcke, die auf seinem Behördentisch liegen, und beginnt auf einen blauen Wildlederhocker einzutrommeln. Viervierteltakt. Es folgt etwas zum Schunkeln. Schließlich etwas aus dem Karneval.

Er habe eigentlich immer etwas für Schlagermusik übriggehabt, erzählt Raab, aber bei dem Sender, bei dem er anfing, dem jungen, damals schwer trendigen Viva, habe man Schlager für das Letzte gehalten.

Als Raab kundtat, dass er vorhabe, in der "ZDF Hitparade" aufzutreten, habe man ihn für verrückt erklärt. Mensch, du bist jetzt bei Viva, bei den Coolen, und du willst zur "ZDF Hitparade", zu den Piefigen, das wird dein Ruin, da wählen die Omas die Kandidaten noch mit Postkarten, so habe man ihn gewarnt. Aber Raab ging hin.

Beim ersten Auftritt zerschlug er zwei Gitarren, die er vorher für zehn Mark auf einem Flohmarkt gekauft hatte. Beim zweiten Auftritt kettete er den Moderator der "Hitparade", Uwe Hübner, mit Handschellen an sich, eine Aktion, bei der sich Hübner eine Rippe brach.

Raab gewann die "Hitparade" dreimal, am Ende sogar die "Jahres-Hitparade", was ihm als Preis die Goldene Stimmgabel eintrug, überreicht von Dieter Thomas Heck.

Raabs Dank für diese Sonderehrung bestand darin, während des üblichen Vollplaybacks die Lippen nicht zu bewegen. Es war die Vernichtung der damals verlogensten Show des deutschen Fernsehens.

Raab hat die Trommelstöcke weggelegt. Er grinst das Raab-Grinsen, das breit wie eine Planierraupe in seinem Gesicht steht. Er sagt: "Bei der Eurovision war es genauso."

Auch da habe es geheißen: "Ey, da willste doch nicht mitmachen, das ist der letzte Schrott." Seine Antwort war: "Wieso, wenn ich da mitmache, ist das kein Schrott mehr."

Raab steht jetzt hinter seinem Behördenschreibtisch. "Wir haben die Schwulenolympiade, wie viele Homosexuelle die Veranstaltung selber nennen, wieder aus der Lethargie geweckt", sagt er, seine Wangen glühen. "Ich bin beim Grand Prix im Prinzip als Trümmerfrau gestartet. Ich musste ja komplett zerstörtes Ödland wiederaufbauen."

Komplett zerstörtes Ödland. Raab hat das damals nicht so offen gesagt, aber er hat die Hierarchen der Sender seine grinsende Verachtung spüren lassen.

Die ARD ist der vielleicht größte deutsche Kompromiss. Raab verdankt seine Karriere der Tatsache, dass er Kompromisse verabscheut. So etwas kann eigentlich nicht gutgehen.

Aber nachdem Stefan Raab im letzten Jahr Lena Meyer-Landrut gefunden, gefördert, beschützt und in Oslo zum Sieg gelotst hatte, waren seine Gegner für ein paar Monate zum Schweigen gezwungen. Ein Land in Schwarz-Rot-Gold wegen eines Schlagerwettbewerbs, eine Einschaltquote, nur noch übertroffen von Spielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der Erfolg hatte Raab einen kurzen Waffenstillstand verschafft.

Noch in der Nacht von Oslo änderte Raab die Regeln erneut. Die anderen waren trunken vom Sieg, da überfiel er sie mit seiner nächsten Idee. Die Idee war, dass Lena ihren Titel im eigenen Land verteidigen sollte.

Die Konsequenz hieß: keine anderen Kandidaten, kein Wettkampf, nur Lena-Lieder. Die deutschen Zuschauer sollen allein darüber abstimmen, welches Lied die Siegerin von Oslo am 14. Mai in Düsseldorf beim Finale präsentiert.

Drei Sendungen mit insgesamt über sechs Stunden Sendezeit wurden dafür bereitgestellt. Lena gegen Lena, beurteilt von einer Jury, deren Vorsitzender Stefan Raab heißt, jener Raab, der auch die Musik von drei der zwölf Songs komponiert und die anderen neun in seinem Studio produziert hat. Lena gegen Lena, und Raab gewinnt immer, das war die Idee.

Aber nun ist es ungemütlich geworden für ihn, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Öde sei das, schreiben manche Zeitungen, Lena habe an Strahlkraft verloren, die Quoten der beiden Lena-Shows auf ProSieben waren weit unter den Erwartungen. Ein ehemaliger Chef aus der Produktionsgesellschaft Brainpool soll in einer SMS geschrieben haben, dies alles erinnere ihn an "nordkoreanisches Staatsfernsehen".

Bei der Generalprobe zum "Song für Deutschland" sitzt Raab in der fünften Reihe auf der Tribüne. Vorn singt Lena in einer schwarzen Bluse "Taken by a Stranger". Raabs Füße, die in weißen Adidas-Schuhen mit schwarzen Streifen stecken, wippen.

Wenn man ihn auf den Unmut über seinen neu entworfenen Songcontest anspricht, verzieht er das Gesicht nur kurz, um gleich wieder zu lächeln. Das Genörgel, sagt er, komme ihm vor wie die Klage von Leuten, denen man zu Hause die Möbel verrückt und die dann sagen: Oh Gott, so kann ich nie leben; eine Woche später, nach einer Eingewöhnungsphase, würden die flöten: komisch, dass ich je anders leben konnte.

Raabs Füße wippen weiter.

Vorn spielt die Big Band, deren Arrangements er mit einstudiert hat. Die Kameraleute filmen die Bilder, wie er es wünscht, Lena singt, wie er es ihr beigebracht hat.

Alles nach Plan, so scheint es, und plötzlich sagt Raab: "Kann auch sein, dass das mit der Titelverteidigung eine Scheißidee war. Aber dann ist die Idee sicher auch bald wieder vergessen. Wie das mit Scheißideen so ist. Ich glaube aber fest daran." Eine Scheißidee wäre für die ARD eine Katastrophe, aber muss ihn das interessieren?

Warum ist Raab so angstfrei und so größenwahnsinnig, dass er Misserfolg nicht fürchtet? Keiner kann das besser beantworten als Till Brönner. Der Trompeter, heute der größte Star des deutschen Jazz, ging mit Raab zur Schule, beide spielten zusammen in Bands.

Raab sei ein "24-hour man", sagt Brönner. Auf dem Jesuiteninternat, wo sich die meisten im englischen College-Stil kleideten, sei Raab aufgefallen mit Jeans, Cowboy-Stiefeln, langen Haaren. Raab sei immer in Bewegung gewesen, erfüllt von tiefer Neugier. "Nie zufrieden mit dem, was man im Sitzen erfahren kann."

Brönners Eltern waren Lehrer, er bekam seine erste Trompete mit neun, zur Erstkommunion. Raab musste sich sein erstes Schlagzeug selbst aus alten Wäschetrommeln bauen. Später besorgte er sich eine Gitarre. Die Griffe schaute er sich im Fernsehen ab. Mit Bass, Saxofon und Klavier hielt er es ähnlich.

"Er ist einer von denen, die nicht lockerlassen", sagt Brönner. "Wenn man ihn zur Vordertür hinauswirft, kommt er durch die Hintertür wieder rein."

Raab träumte von einem Leben als Musikproduzent, aber er hatte Zweifel, ob er damit überleben könnte. Er begann eine Lehre als Metzger. Die Gesellenprüfung bestand er mit der Note eins.

Nun hatte er die Wahl, Metzger oder Musiker. Er entschied sich für Musiker. Er komponierte Songs, die nachts im ZDF als Untermalung der Programmtafeln liefen, und Werbe-Jingles für jeden, der fragte: Burger King, Punica, ein Musterküchengeschäft.

Auf der Suche nach Auftraggebern fand er in einer Stadtzeitung ein Inserat mit dem Titel "Viva sucht Dich". Raab hatte keine Ahnung, was Viva bedeuten könnte, aber als er herausfand, dass es sich um einen Musiksender handelte, dachte er: "Die brauchen bestimmt Jingles."

Bei Viva bat man ihn zu einem Moderatoren-Casting, er sollte einen Text über die Berliner Band Die Ärzte vom Teleprompter ablesen. Raab kam dabei bis zu den Sätzen: "Drei junge Männer aus Berlin, die sich 'Die Ärzte' nennen. Sie haben nicht wirklich Medizin studiert ..." Dann war Schluss.

Raab sagte: "Leute, das wollt ihr nicht wirklich von mir, da hab ich echt keinen Bock. Wer schreibt denn so was überhaupt? Das kann nicht euer Ernst sein."

Das wäre bei der ARD das sichere Ende gewesen, aber die Leute bei Viva fanden Raab gut.

In der Holzklasse, auf dem Weg zur Fußballweltmeisterschaft in den USA, schrieb Raab das Lied "Böörti Vogts". Es war eine Persiflage auf den damaligen Bundestrainer Berti Vogts. Es fiel ihm leicht. "Das war schon im Ansatz der typische Stefan-Raab-Funk", sagt Brönner. "'Ein Bett im Kornfeld', Kölner Karneval und der Beat von Earth, Wind & Fire."

Raab galt als der hässliche Auswuchs des Privatfernsehens: dummdreist, schamlos, quotengeil.

Auf der Abschiedsparty der gerade frisch gescheiterten Talkshow-Moderatorin Ulla Kock am Brink sprach Raab den Produzenten Jörg Grabosch an. "Weißt du was", sagte Raab, "wir nehmen einfach das peinlichste Material von anderen Sendungen und machen uns darüber lustig." Grabosch schlug das Konzept dem damaligen ProSieben-Chef Georg Kofler vor. Koflers Antwort, sagt Grabosch, habe gelautet: "Raab, nur über meine Leiche."

Raab machte es trotzdem, und mit "TV total" wird seine Idee jetzt viermal pro Woche im zehnten Jahr verwirklicht. Die

Show ist der Müllschlucker des Fernsehens: Was peinlich ist im Fernsehen und an den Leuten, die im Fernsehen auftreten, wird dem Gelächter preisgegeben.

Im Anschluss an die zweite Lena-Show dürfen die Zuschauer auf ProSieben mit ansehen, wie Stefan Raab von dem Grand-Prix-Studio in sein "TV total"-Studio schlendert, dabei seine Band beleidigt, die Kulissen beschreibt und erklärt, dass in diesen Studios eigentlich alles produziert werde, was das deutsche Fernsehen zu bieten hat: "Wer wird Millionär?", "Dschungelcamp", die "Heute Show" und die "Sesamstraße" et cetera. Es soll ein Gag sein, aber es klingt für einen Moment fast wie die Wahrheit.

In "TV total" wird am selben Abend noch mal wiederholt, dass Lenas neue CD morgen im Handel zu kaufen sein wird. In den Werbepausen laufen Spots für diese CD sowie für ein Opel-Modell namens "Satellite", benannt nach dem Song von Oslo. Es geht tatsächlich so totalitär zu wie im nordkoreanischen Staatsfernsehen.

Zwölf Songs in fünf Stunden, ein weißer Opel Satellite mit Touchscreen-Navi, Hunderttausende von Anrufen zu einer Gebühr von mindestens je 50 Cent. Raab grinst sein Planierraupengrinsen.

Wenn Fernsehen, wie Hans Magnus Enzensberger behauptete, ein Nullmedium ist, das nichts anderes mitzuteilen hat, als von sich selbst zu berichten, dann ist Raab der Guru dieses Mediums und Lena seine Messdienerin.

Ein paar Wochen bevor die Lena-Festspiele begannen, saß Raab in seiner Garderobe und malte mit seiner gebrochenen Hand ein Diagramm auf ein Blatt Papier. Links unten waren die Zuschauer, die von der Werbeindustrie gemieden werden, die Alten und Ungebildeten, zusammengefasst als "DDR-Nostalgiker". Das waren einmal die, die seine Sendungen nicht guckten. Rechts oben waren die Jungen mit guter Bildung, zusammengefasst als "Moderne Performer" - das Raab-Publikum. Mittlerweile, so sagt eine Mitarbeiterin seiner Firma, gehe Raabs Popularität so weit, dass ihn sogar die Eltern der modernen Performer als Vorbild sehen würden. Seine Disziplin, sein Leistungswille, seine Risikobereitschaft, seine Durchsetzungsfähigkeit.

Mit Hans Joachim Kulenkampff lernten die Deutschen bei "Einer wird gewinnen" nach dem Krieg, dass man mit seinen Grenznachbarn spielen kann und Europa mehr ist als ein großes Gefechtsfeld. Mit Rudi Carrell in den siebziger Jahren durften sie am laufenden Band ihren Hunger nach Staubsaugern, Kaffeemaschinen, Werkzeugkästen und Heckenscheren stillen. Mit Frank Elstners "Wetten, dass ...?" begann das Hobby in der Freizeitgesellschaft so wichtig zu werden wie der Beruf, je skurriler, desto größer die Chance, dabei zu sein im Fernsehen. Mit Raab ist Fernsehen zum Selbstzweck geworden, ein Ort, an dem Fernsehen sich im Fernsehen spiegelt, verhöhnt, zerfleddert. Kulenkampff, Carrell und Elstner haben das Fernsehen ernst genommen, Raab hält Fernsehen für einen schlechten Witz. Er ist der Erste, der Fernsehen spielt wie ein großes Musikinstrument.

Wenn es schlecht laufe, sagt Raab, dann würden ihm im Jahr 2030 die Leute immer noch auf die Schulter klopfen und sagen: Der Eurovisions-Sieg 2010, das hast du super gemacht. Es gebe in der Unterhaltungsbranche "kaum Schlimmeres", sagt Raab.

Wenn er im Jahr 2020 mit dem Fernsehen aufhören würde, und im Jahr 2030 werde sich niemand mehr an ihn erinnern, "dann wäre es gut gelaufen". ◆


DER SPIEGEL 7/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 7/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ENTERTAINER:
Die Geiseln des Metzgers