14.02.2011

INNOVATIONENRentner auf der Rolle

Ob mit Hupe, LED-Leuchte oder gar Navi - Senioren motzen ihre einst verpönten Rollatoren auf. Das Geschäft mit getunten Gehhilfen boomt.
Ihr Entschluss fiel mit dem letzten Opern-Vorhang: Ines Lyß wollte den leichtesten Rollator der Welt. Mehr noch als vom Ballett war die 86-jährige Hamburgerin von dem grazilen Gehhilfen-Geschoss beeindruckt, mit dem in der Pause eine andere ältere Dame im Foyer ihre Runden gedreht hatte.
Vor vier Jahren wusste Lyß nicht einmal, was ein Rollator ist. Nach einer Operation wurde ihr die Hilfe verordnet. Doch das sperrige und graue Gerät war für sie eher geschmackloses Hindernis als Hilfe. Sie verbannte das Schwergewicht in den Keller.
Ähnliche ästhetische wie praktische Bedenken plagten viele deutsche Senioren, als der Rollator 1990 erstmals aus Schweden auf den hiesigen Seniorenmarkt rollte. Die Gehhilfe war verpönt und wurde entsprechend verspottet - nicht nur von jüngeren Generationen. Doch neuerdings boomt eine völlig neue Branche: die der Rollatoren-Tuner.
Rund zwei Dutzend Firmen teilen sich den wachsenden Markt. Und je weiter sich die Modelle von den schwerfälligen AOK-Alpträumen entfernen, umso erfolgreicher das Geschäft.
Die Industrie profitiert von einer zahlungskräftigen Zielgruppe, die bereit ist, Geld für ihre Mobilität auszugeben. Mindestens 250 Euro kosten Geriatrie-Flitzer der Premiumkategorie. Der Rollator auf Rezept reicht vielen nicht mehr.
Wenn vom Arzt verordnet, bekommen Patienten zwar für fünf Jahre einen gestellt, die Kassen zahlen aber lediglich Pauschalen zwischen 70 und rund 100 Euro. Die Differenz zu einem teureren Modell muss der Patient selbst zahlen - und macht das offenbar auch gern. Hersteller wie Bischoff & Bischoff verzeichnen pro Jahr zweistellige Zuwachsraten und locken mit immer neuen Extras.
Für jede Gelegenheit gibt es nun das passende Modell: Outdoor-Rollatoren zum Wandern, Golfen oder sogar für den gepflegten Jagdausflug. Für zu Hause setzen Rentner auf Holzwägelchen in Eiche rustikal - passend zur Schrankwand.
"Rollatoren kann man richtig aufmotzen", sagt Martina Koepp von der Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik (GGT). Am Freitag vergangener Woche hat sie in Iserlohn die neuesten Kreationen im Praxistest checken lassen. Das Modell "Troja" zum Beispiel. Hersteller wie Topro wenden sich an die GGT, um Verbesserungsvorschläge direkt von Verbrauchern einzuholen - auch wenn die Testprodukte schon mit jedem denkbaren Komfort aufwarten.
Neuerdings gibt es die Geräte auch mit boxhandschuhähnlichem Frostschutz für die Finger. "Ich nehme lieber einen anderen, das passt sonst nicht zu meinem Outfit", sagt Ruth Pfeiffer, die eine fuchsiafarbene Jacke zu ihrem ferrariroten Modell trägt.
Ideen für die Industrie haben die Probanden viele. "In diesem Winter wären Schneeketten praktisch gewesen", sagt Hans Kassube. Der 90-Jährige ist stolzer Besitzer eines Gehwagens und konnte feststellen: "Ein Rollator ist wie ein Hund, man kommt schnell mit anderen Leuten ins Gespräch." GGT-Testerin Bärbel Pollmann schlägt eine Klingel vor. Sie will nicht mehr "tatütata" rufen müssen, wenn sie zum Überholvorgang ansetzt.
Hupen, LED-Leuchten und Schirmhalter gehören fast schon zur Standardausrüstung. Zudem gibt es topmodische Modelle mit Designstrümpfen für die Rahmenrohre. Zurzeit werden altengerechte Navigationssysteme erprobt, die wachsende Mobilität soll schließlich nicht an schwindender Orientierung scheitern. Sogar Design-Awards wurden bereits an Rollatoren vergeben.
Dem demografischen Wandel sei Dank, das Geschäft wird weiter wachsen. Der Branchenberater Thomas Appel schätzt, dass es aktuell rund 1,2 Millionen Standardrollatoren in Deutschland gibt. Hält der Trend an, werden bald mehr Gehhilfen durch die Republik juckeln als Bobby-Cars.
Appel berät Hersteller und Händler und arbeitet seit zehn Jahren eng mit Verbrauchern zusammen. Mittlerweile dominiere der Rollator als Statussymbol die Rangordnung in manchen Altenheimen. Stolz protzen Senioren mit ihrer Einhandklappmechanik, neidisch beäugen Heimbewohner raffinierte Rückspiegel.
Der Bewusstseinswandel kam mit der Einführung von Leichtgewicht-Rollatoren. "Seit es schicke Rollatoren gibt, gehen Rentner gern auf die Rolle." In Appels Büro liegen Postkarten von Amrum bis Ägypten, auf denen steht: Endlich können wir wieder Urlaub machen.
Mit der Beliebtheit der Geräte nimmt auch der Bedarf an Nachhilfestunden zu: Physiotherapeuten bieten Handhabungsseminare an, Polizisten geben Schulungen für den richtigen Umgang mit Rollatoren im Straßenverkehr.
Und nicht nur Luxus-Gehwagen erobern den Markt. Auch Discounter haben die Nische entdeckt. Aldi Süd, Lidl und Schlecker haben Aktionen mit preiswerten Varianten für rund 80 Euro durchgeführt. Das Modell Alpha Advanced von der Firma Invacare, quasi der Rolls-Royce unter den Rollatoren, und selbst für Rheumatiker geeignet, kostet dagegen knapp unter tausend Euro.
"Mit den steigenden Preisen wird das Thema Sicherheit in Zukunft wichtig", sagt Appel. Die Alarmanlage scheint nur noch eine Frage der Zeit. Spezielle Schlösser gibt es schon. Immer häufiger werden Rollatoren geklaut, so dass sich auch die Hamburgerin Ines Lyß bereits überlegt, ob sie sich ein Schloss zulegen soll. In zwei Wochen wird ihr neuer Leichtgewicht-Luxus mit Ergobremse geliefert. "Der kann schnell weg sein", sagt Lyß. Sie ahnt: Auch Kriminelle haben Omas.
Von Ricarda Landgrebe

DER SPIEGEL 7/2011
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