14.02.2011

BÜCHERHi and Salam alaikum

Vier Monate lang wohnte eine Journalistin aus Oslo bei einem Buchhändler in Kabul. Sie schrieb einen Bestseller über das Innenleben der Familie, das sie als unerträglich rückständig empfand. Der Mann fühlt sich verraten. Nun entscheiden Gerichte im Streit zweier Kulturen. Von Katja Thimm
Es schreien die Lastesel auf der staubigen Kreuzung in Kabul, die Menschen drängeln, die Busse dröhnen, die Teppichhändler zetern, und auch der Geruch von verbratenem Hammelfett verzieht sich nicht. In der Nachbarschaft haben die Taliban gewütet, getötet. Hinter der dreckblinden Fensterscheibe aber, hinter dem roten Schriftzug "S hah M Book Co", verbirgt sich ein Ort des Trostes und der Hoffnung.
Bis unter die Decke stapeln sich Gedichtsammlungen, Wörterbücher, Kunstbände, Kochbücher und Romane; dicht gedrängt stehen die Schriften muslimischer Sufis neben denen amerikanischer Intellektueller. "Obamas Kriege" liegt zwischen "Operative Gynäkologie" und "Machen Sie mehr aus Ihrem Tag", zwischen einer Sammelausgabe des "Playboy" und Abhandlungen zu Frauenrechten im Islam. Und mittendrin im stillen Raum, in makellos weißem Gewand afghanischer Männer, sitzt ein Herr mit graugeflecktem Bart und neigt grüßend den Kopf hinter dem Kassentisch.
"Salam alaikum", sagt Shah Muhammad Rais, der dem Geschäft seinen Namen gab. Hi, entgegnen seine Kunden, hi and Salam alaikum. Amerikaner, Briten, Neuseeländer und Deutsche stöbern in den Regalen, Franzosen, Dänen, Kanadier. Stundenlang verweilen die Diplomaten, die Journalisten, die Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen an manchen Tagen. Noch immer haben die Truppen der Weltgemeinschaft Afghanistan keinen Frieden bringen können, noch immer verfügen zehn Millionen Afghanen über kaum einen Dollar am Tag, und mehr als elf Millionen können weder lesen noch schreiben. Zwischen diesen Regalen aber fühlt sich das Land ganz anders an. Es scheint der Geist zu triumphieren und die Toleranz über alle Kämpfe der Kulturen.
Shah Muhammad Rais ist 56, ein Mann, der Englisch spricht und Shakespeare liebt, seit fast 40 Jahren verkauft er Bücher jeder Herkunft, ganz gleich, ob gerade Kommunisten oder Islamisten seine Heimat beherrschten. Dreimal war er deswegen im Gefängnis, und trotzdem hielt er fest an seinem Glauben: Nur die Vielfalt der Schriften kann die Welt erklären. Jede Stimme muss gehört werden.
Er sagt, er liefere 80 Prozent aller im Land benötigten Bücher. Bis in entlegene Gegenden schickt er Grammatiken und Fibeln für die Schulen, und im Internet unterhält er eine Bestellrubrik. Jedes Buch verspricht er zu besorgen, so versteht er sein Geschäft.
Jedes.
Bis auf eines.
Das er hasst.
Das er am liebsten verbieten lassen würde, er, der Liebhaber freier Worte und freier Gedanken. "Dieses Buch steckt voller Lügen", sagt er. "Und alles andere darin hätte ebenfalls nie geschrieben werden dürfen." Beinahe jeder Satz beschädige seine Ehre und verleumde seine Kultur, sagt er. "Und ich bin ein Afghane. Ich kann mit alldem so nicht leben."
Es hat ein Drama ausgelöst, dieses Buch, es handelt von ihm und von seiner Familie. Und alles, was darüber zu berichten ist, erzählt von jenem Abgrund, der den Westen auch im zehnten Jahr nach dem Sturz der Taliban von Afghanistan trennt - voll Unglück, Unkenntnis und Missverständnissen.
Die Frau, die dieses Buch geschrieben hat, nimmt es nicht oft zur Hand. Es beschäftigt ihre Gedanken ohnehin beinahe jeden Tag. Sie hat es in ihrem vollgepackten Wohnzimmerregal in Oslo verstaut, neben den anderen, auf denen ihr Name steht. Von serbischen Zivilisten berichten ihre Bücher, von tschetschenischen Waisenkindern und den Bewohnern im bombardierten Bagdad.
Hochgewachsen und blond, kaum 41 Jahre alt, könnte Åsne Seierstad die Mode nordischer Designer präsentieren. Doch das Thema der norwegischen Reporterin sind die Verletzungen der Menschenrechte und der Menschenwürde in Kriegen und Krisengebieten. Åsne Seierstad hat von der tschetschenischen und der serbischen Front berichtet, sie war in China, im Irak und in Afghanistan. "Es ist mir ein Anliegen, dass niemand das Elend und das Unrecht in der Welt vergisst", sagt sie. "Auch deshalb ist mir meine Arbeit so wichtig."
Sie stillt, während sie spricht. Seit einiger Zeit bestimmt ein Alltag ihr Leben, in dem zwei kleine Kinder, Spielzeug, ein Mann, weiße Sprossenfenster und ein rotes Holzhaus den Beruf in den Hintergrund drängen. Das Haus ist groß und in Oslo ein Kleinod, aber Åsne Seierstad, ihre wollene Ringelstrumpfhose, der Fransenschal erinnern auch in dieser besten Wohngegend noch an eine gerechte Welt. Bald will sie wieder arbeiten, nach Kairo reisen, um über Kinder zu berichten, die auf Müllkippen leben. Schon lange bezahlt sie eine Schule in Afghanistan, in der 600 Mädchen lernen.
Sie kann es sich erlauben, freigiebig zu spenden. Sie hat viel Geld verdient mit diesem Buch, in manchen Jahren waren es Millionen Norwegische Kronen.
284 Seiten dick ist der Band im Wohnzimmerregal, der Umschlag zart lehmbraun wie die Ziegelbauten am Hindukusch, darauf der Titel in blauen und roten Buchstaben: "Der Buchhändler aus Kabul". Weltweit hat es ihr Preise eingebracht; in 41 Sprachen übersetzt, wurde es das bestverkaufte Sachbuch in Norwegen, 44 Wochen stand der Titel auf der Bestsellerliste der "New York Times".
Und dennoch bereitet es ihr Not und Existenzsorgen. Sie habe, wirft der Mann aus Kabul der Frau in Oslo vor, seine Biografie zu einem einzigen Gespinst aus Lügen und Kränkungen versponnen. Seither steht alles unter Verdacht, was Åsne Seierstad in ihrer Arbeit auszeichnet - ihre Professionalität, ihr Ethos, ihre Integrität. Sie hat überlegt, ob sie ihn reden lassen soll, einfach ignorieren, sie hat genug zu tun, die Kinder, das Haus, die Arbeit.
Doch Glaubwürdigkeit ist das größte Gut eines Reporters. Für jemanden, der gegen das Unrecht in der Welt streitet, ist sie eine Existenzbedingung. So geht es ihr wie dem Mann aus ihrem Buch. Sie kann mit alldem so nicht leben.
Ihrer beider Unglück begann heiter. Eiskalt und hoffnungsvoll waren die Tage in jenem Januar 2002. "Ich dachte, er sei total großartig", erinnert sie sich. "Ich mochte sie wie ein Mitglied der Familie", sagt er. "Sie schien zu jenen Ausländern zu gehören, die Afghanistan hätten retten können." Es war ihr erstes großes Missverständnis.
Wenige Wochen zuvor waren die Taliban gestürzt. Åsne Seierstad hatte über die Kämpfe aus dem Inneren des Landes berichtet. Als sie in Kabul eintraf, lagen Wochen bei den Kriegsherren der Nordallianz hinter ihr, Nächte in Erdhütten, Tage zwischen Panzern und Haubitzen. Sie kaufte sieben Bücher in dem friedlichen Laden an der Kreuzung. Dann kam sie immer wieder.
Shah Muhammad Rais fühlte sich beflügelt wie lange nicht. Nach 23 Jahren Bürgerkrieg schien sich der Schrecken in seiner Heimat endlich aufzulösen. Statt der Religionspolizei wachte auf den Straßen eine internationale Truppe von Soldaten, die sein Land unterstützen sollte. Von Schulen, auch für Mädchen, war die Rede, und für die Frauen manchmal gar von einem Leben ohne Burka. Er hoffte auf die Weltgemeinschaft, die Soldaten, Ärzte, Ingenieure, Journalisten. Oft lud er sie nach Hause ein. Bei Bohnen und Hammelfleisch ließen sich die Fremden am besten auf den Frieden in seinem Land einschwören, meinte er.
Bald saß auch Åsne Seierstad auf seinem Fußboden. Überrascht sah sie die Söhne und Schwestern, die Mutter, einen Bruder, Cousins und eine seiner beiden Ehefrauen inmitten der Korrespondenten von "Le Monde", BBC und CNN. Sie war begeistert. Bis zu diesem Moment hatte sie das islamische Land nur streng getrennt in Männerzirkel und Frauengrüppchen erlebt. Plötzlich schien vor ihr das wahre Leben zu liegen - jener Alltag, von dem in Europa kaum jemand etwas wusste. Man müsste ein Buch darüber schreiben, dachte sie.
"Darf ich?", fragte sie am nächsten Tag. "Willkommen", antwortete Shah Muhammad Rais. Und wieder verstanden sie sich falsch.
Sie fragte als Journalistin, geleitet von den Regeln ihres Berufs. Es zählen dazu ein freundliches Auftreten und Empathie, denn nur, wer viel erfährt, schreibt anschauliche Texte. Auch Anstand und Verantwortungsbewusstsein gehören zu diesen Regeln, zumindest ist es so gedacht. Gleichzeitig aber bestimmt Gier die Arbeit des Reporters. Es ist seine Aufgabe, Fehler, Unrecht und Machenschaften aufzudecken, überall sucht er nach Widersprüchen, nach den Brüchen in einer Biografie und den Missständen in einer Gesellschaft - und das Vertrauen, um das er freundlich wirbt, nutzt ihm bei seiner Arbeit. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, kennen die Spielregeln. Dem Buchhändler in Kabul aber waren sie fremd. Alle Journalisten, die er in jenen Wochen traf, hofierten ihn als kultivierten Helden seines Landes. Auch von Åsne Seierstad erwartete er nur das Beste.
Sie zog ein in das kriegsversehrte Haus, in dem der Platz bereits ohne sie knapp war, sie legte sich zum Schlafen auf den Boden, wenn alle sich zusammenrollten, sie begleitete die Frauen zum Markt und den Händler zu Geschäftsreisen bis nach Pakistan. Sie besuchte Hochzeiten, Trauerfeiern, Geburtstagsfeste, sie hüllte sich auch manchmal in eine Burka. Was sie sah, was sie fühlte und hörte, vermerkte sie in Notizbüchern. Alles, wonach sie fragte, übersetzten der Gastgeber, sein ältester Sohn und eine seiner Schwestern für sie ins Englische. Am Nachmittag, wenn der Strom floss, zwei Stunden lang, übertrug sie die Mitschriften in den Laptop.
Vier Monate lang blieb sie im Haus des Händlers. Mit jedem Tag zersetzte sich ihr Bild.
Bald litt sie mit den Frauen, die ihr nur im Hamam befreit erschienen. Immer stärker roch sie die beklemmenden ranzigen Küchendüfte, immer häufiger erfuhr sie von gräulichen Familiengeschichten. Wandelbar wie ein Chamäleon erschien ihr dieser Mann, der in seinem Laden die Toleranz verkörperte und zu Hause Kinder, zwei Ehefrauen und eine Vielzahl abhängiger Verwandter tyrannisierte. Statt seiner jungen Schwester den Schulbesuch zu ermöglichen, beutete er sie im Haushalt aus. Er nahm eine Siebzehnjährige zur Zweitfrau, weil die erste Gattin alt wurde. Wie ein Stein, in Todesangst gelähmt, wirkte das junge Mädchen bei der Brautwerbung, es wusste, dass es den Mann nicht wollte. Jedenfalls sah Åsne Seierstad all das nun so.
Und auch von entsetzlichen Verbrechen erfuhr sie während dieser Zeit. Eine Schwägerin der ersten Frau war von ihren Brüdern mit einem Kissen erstickt worden, weil sie ihrem Mann untreu gewesen war. Der älteste Sohn war Zeuge, als ein Bekannter in der Abseite eines Ladens eine Bettlerin vergewaltigte. Eine befreundete Nachbarin verlor nach einem Rendezvous auf einer Parkbank beinahe ihr Leben. "Sie liegt eingeschlossen in einem Hinterzimmer. Blutergüsse im Gesicht und geschwollene rote Striemen auf dem Rücken", schrieb Åsne Seierstad, als sie ihre Notizen schließlich zusammenfügte.
Das Buch wurde eine Anklage, eine Streitschrift gegen die Männerherrschaft im Islam. Es liest sich wie ein Roman, und der Buchhändler darin heißt Sultan Khan, doch es ist unverkennbar Shah Muhammad Rais. Noch nie habe sie so große Lust gehabt, auf jemanden einzuschlagen, schreibt die Journalistin im Vorwort. "Immer provozierte mich dasselbe: die Art, wie die Männer die Frauen behandelten."
Als das Buch im Herbst 2002 erschien, ein Jahr nach dem 11. September nur, bündelte es alle Ängste des Westens vor jenem schleierhaften Islam, der die Welt so düster zu bestimmen drohte. "Ich bin gespannt, was sie geschrieben hat", sagte Shah Muhammad Rais damals in einem Interview. Noch immer konnte er sich nicht vorstellen, sein Leben, das er für ehrbar hielt, könne irgendjemanden schockieren. Ein Jahr darauf hielt er die englische Ausgabe in der Hand. Mit einem Mal verstand er alles, auch die Blicke seiner Kunden, die ihn plötzlich trafen, neugierig, skeptisch, mitleidig.
Seither bestimmt ein Kampf sein Dasein. Immer wieder fliegt er nach Norwegen, um Åsne Seierstad zu stellen. Alles in seinem Leben hat sich verändert: Seine Frauen, seine Töchter und zwei Söhne haben die Heimatstadt verlassen, in der jeder die Familie kennt. Die zweite blieb, als sie ihn bei einer Reise begleitete, mit den kleinen Kindern in Norwegen. Die erste zog mit den älteren zu Verwandten nach Kanada. Nur die beiden erwachsenen Söhne wohnen noch in Kabul. Shah Muhammad Rais ist nichts geblieben, als um Genugtuung zu streiten.
Am Besprechungstisch der Osloer Kanzlei verschränkt sein norwegischer Anwalt die Arme. "Dies ist ein Präzedenzfall", sagt er. "Wir brauchen in unserer global vernetzten Welt eine neue, internationale Rechtsprechung zum Schutz der Persönlichkeit. Und im Fall Rais stehen wir gerade mal am Anfang."
Im vergangenen Sommer, acht Jahre nach Erscheinen des Buchs, ist am Amtsgericht Oslo ein erstes Urteil gefällt worden: Åsne Seierstad und der verantwortliche Buchverlag müssen 31 000 Euro an die zweite Ehefrau zahlen. "Seierstad hatte Vorurteile über Afghanistan, und die hat sie der Familie einfach übergestülpt", sagt der Anwalt mit unbewegter Miene. "Sie hat vieles erfunden, um ihr Buch besser zu machen. Ihre Notizen belegen nahezu nichts."
Per Danielsen ist bekannt für ausgefeilte Verleumdungsklagen und scharfe Methoden. Doch das Verbot, das sich sein Mandant erhofft, wird auch er nicht erwirken können. Die Freiheit der Rede reicht weit in Norwegen, ein Gericht wird allenfalls solche Passagen des Buchs verurteilen, die eine intime Privatsphäre verletzen oder nachweislich falsch sind.
Jeden einzelnen Satz hat Per Danielsen auf diese Gerichtstauglichkeit überprüft, er hat über 30 Schilderungen als diffamierend und über 20 als unwahr deklariert. Dass sein Mandant die zweite, junge Gattin mit Schafen, Schmuck und einer Kuh erkauft habe, sei zum Beispiel eine demütigende Lüge, sagt der Anwalt. Er versucht alles in diesem prestigeträchtigen Fall; er wollte, im Namen der Gleichbehandlung, afghanische Gesetze in Oslo anwenden lassen, er probierte es mit einer Klage, in der die zweite Frau für sich und für sechs weitere Familienmitglieder auftreten sollte. Entschieden wurde dann doch nach norwegischem Recht - und vorerst allein über die Beschwerde der zweiten Frau. Weil Suraia Rais in Norwegen wohnt, war dieses Verfahren unkompliziert zu eröffnen.
Dreimal, das ist nun amtlich, hat Åsne Seierstad die Persönlichkeitsrechte von Suraia Rais verletzt. Sie hat zu Unrecht geschrieben, dass die junge Frau ihren Mann bei der Brautwerbung innerlich abgelehnt habe. Es ist außerdem falsch, dass sie vor allem sein Geld und seinen Status geschätzt und gefürchtet habe, keinen Sohn zu gebären. "Ein Probelauf war das", sagt Per Danielsen, "mehr nicht. Wir werden weiter klagen. Herr Rais und fünf andere Familienmitglieder sind bereit."
Kaum eine Viertelstunde Fußweg entfernt, in einem Bürohaus gleich am Oslofjord gelegen, wirkt Cato Schiotz, als könne er es immer noch nicht glauben. "Ich hatte fest damit gerechnet, den Prozess zu gewinnen", sagt der Anwalt von Åsne Seierstad und gießt Kaffee in die Besuchertasse. "Wir haben sofort Berufung eingelegt."
Cato Schiotz vertritt die großen Verlage in seinem Land, er streitet seit 20 Jahren erfolgreich wie kein anderer für die Meinungsfreiheit von Journalisten. Sollte es notwendig werden, will er dieses Mal bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen. "Wenn das Urteil bestehen bleibt, gerät die Pressefreiheit in Gefahr", sagt er. "Åsne Seierstad lügt nicht und verletzt auch keine Persönlichkeitsrechte. Sie hat sich gängiger journalistischer Methoden bedient, und ihre Aufzeichnungen sind seriös." Nach seiner Lesart ist ihr Buch ein Werk der Aufklärung. In Afghanistan unterstützen Menschen aus aller Welt den Wiederaufbau unter Lebensgefahr, argumentiert er. Also brauche die Öffentlichkeit jede Information über dieses Land, die Bevölkerung und ihre Lebensweise.
"So ganz verstehe ich das Verhalten von Herrn Rais nicht", sagt dieser Anwalt. "Obwohl, nun ja: Eine Frau aus Europa beschreibt einen afghanischen Mann als gefallenen Helden und verdient viel Geld damit. Womöglich fühlt sich Herr Rais wie Goliath - besiegt von einem Schwachen, dem er die Stärke nicht zutraute. Da prallen dann in vieler Hinsicht Kulturen aufeinander."
Wenige Tage vor dem islamischen Opferfest packt Shah Muhammad Rais im November in Kabul die Koffer. Er reist, so oft es geht, um seine Frauen und Kinder zu sehen.
Drei Wochen Norwegen erlaubt das Visum dieses Mal. Es ist eng, wenn der Vater zu Besuch kommt, Suraia Rais und die drei Kinder teilen sich in einem Heim für Ausländer und Asylsuchende nur ein Zimmer. "Landlord Hotel" steht an dem Backsteinbau, der sich in einer kleinen Stadt nahe Oslo zwischen Müllcontainern und zwei Großmärkten für Heimwerkerbedarf erstreckt. Gegenüber dem geblümten Sofa hängt ein Fotokalender. Der Vater erzählt viel von den afghanischen Reitern auf diesen Bildern, von ihrem Stolz, von ihrer Ehre.
"Das Leben meiner Familie war in Kabul nicht mehr sicher", sagt Shah Muhammad Rais. "Da wollen jetzt so viele Menschen Rache an uns nehmen." Er trägt ein schwarzes Boss-Hemd und einen Kapuzenpullover an diesem Tag, der Laptop steht vor ihm auf dem Sofatisch.
Mancher in Norwegen, der ihn so westlich erlebt, glaubt nicht an seinen Kampf um Ehre. Dieser Afghane wolle doch nur einen gewaltigen Anteil vom gewaltigen Geschäft mit dem Buch seines Lebens, mutmaßen Schreiber von Blogs und Leserbriefen, und der Eifer des Buchhändlers, der einmal schon gleich nach der Landung am Flughafen eine Pressekonferenz abhielt, nährt die Gerüchte. Doch Shah Muhammad Rais denkt allenfalls in zweiter Linie an Geld.
Er kommt aus einem Land, in dem es das Prinzip der Stammesgesellschaft seit Jahrhunderten verlangt, das eigene Leben den Regeln des großen Clans unterzuordnen. "Meine Familie ist halb paschtunisch und halb tadschikisch", sagt er. "Und keine Seite war jemals fanatisch religiös." Doch wie viele Menschen seiner Heimat ist auch Shah Muhammad Rais geprägt von den Vorschriften des Paschtunwali.
Ein Mann, so heißt es in diesem Rechts- und Ehrenkodex, muss die Ehre seiner Familie bewahren. Gelingt ihm das nicht, verliert er alles Ansehen und alle Autorität.
So wie Shah Muhammad Rais beinahe beides verlor. Er müsse die verletzte Ehre der Familie sühnen, hat ihm die weitverzweigte Verwandtschaft gedroht, denn seit einiger Zeit existiert auch in der afghanischen Amtssprache Dari eine Version des weltberühmten Buchs. Er fand Briefe schrecklichen Inhalts vor seiner Tür, sagt er, sie kündigten schlimme Strafen an, "im Namen Allahs!". Es wundert sich mancher, dass er die Worte der Journalistin nicht längst eigenhändig vergolten hat. Doch das würde dem Charakter des liberalen Muslims, als den er sich ansieht, widersprechen und Åsne Seierstads Geschichte nur untermauern. So streitet er mit den Mitteln ihrer Kultur, mit Recht, Gesetz und Interviews. So öffentlich wie seine Schmach soll auch ihre Strafe sein. Es ist eine Herausforderung, vor die der afghanische Mann den europäischen Rechtsstaat stellt. Denn Shah Muhammad Rais missfallen nicht nur jene Passagen, die er als Lügen bekämpft, sondern auch solche, die er nicht bestreitet. Sie schildern den Ehrenmord an der Schwägerin und die Vergewaltigung der Bettlerin - Verbrechen, die in Europa niemand verteidigen kann.
"Ich billige diese Dinge auch nicht", sagt der Mann auf dem geblümten Sofa im Landlord Hotel. "Aber bei uns spricht man unter keinen Umständen über so etwas."
Nach seinem Verständnis vom richtigen Leben hat die Norwegerin ein unbedingtes Tabu gebrochen. Sie hat die Streitigkeiten und die Sexualität einer Familie preisgegeben. "Und", sagt er, es ist vielleicht sein schlimmster Vorwurf, "sie hat meine Gastfreundschaft missbraucht." Gastfreundschaft zählt zu den wichtigsten Prinzipien des Paschtunwali: Für Shah Muhammad Rais ist es unvorstellbar, jemanden abzuweisen - doch umgekehrt darf ein Gast dem Gastgeber unter keinen Umständen schaden. Aber wie soll ein norwegischer Richter darüber urteilen?
Shah Muhammad R ais zieht ein Buch aus seiner Aktentasche, ein Märchen, er hat es selbst verfasst. Es liest sich wie eine Anleitung für Europäer zum besseren Verständnis seiner Kränkungen. "Es war einmal ein Buchhändler in Kabul" erzählt von einem tugendhaften Buchhändler, der auf einem Perserteppich durch das Fabelreich der norwegischen Trolle fliegt und Gerechtigkeit sucht. Am Ende weinen die Trolle voll Mitleid, und auch ihre Königin.
"Wenn du kein Dieb bist, brauchst du dich vor dem König nicht zu ängstigen", sagt er und überreicht das Buch. Er redet viel in Gleichnissen und Bildern. Wer in einer europäischen Erzähltradition aufgewachsen ist, muss oft nachfragen und begreift doch nicht immer, was er wirklich meint. "Manchmal empfinde ich tiefes Mitgefühl für Åsne Seierstad", erklärt er nun das Sprichwort. "Sie ist der Dieb. Sie muss damit leben, unrecht gehandelt zu haben. Ich will nicht richten." Aber anschließend sagt er auch, dass sie weitere Strafen verdient, "auf jeden Fall, natürlich".
Die Kinder kommen aus der Schule und dem Kindergarten. Sohn, Tochter, Sohn, er streicht ihnen über den Kopf, dann klettern sie auf das Hochbett, auf dem nachts die ganze Familie schläft. Sie legen ein Puzzle auf der Matratze, lachen, wetteifern, ihr Norwegisch ist längst ohne Akzent. Frau Rais serviert den Tee. Auch sie hat ihren Schultag beendet. Seit ein paar Monaten lernt sie die Sprache des Gastlandes und zum ersten Mal in ihrem Leben Lesen und Schreiben. Wenn die Mutter mit den Kindern neue Sätze ausprobiert, versteht Shah Muhammad Rais, Vater, Ehemann, Familienoberhaupt, kein Wort.
Für Momente verliert der belesene Mann aus Kabul seinen höflichen Ton. "Åsne Seierstad ist schuld daran, dass wir so hier leben", zürnt er und weist mit der Hand in den Raum.
Von diesem Vorwurf allerdings hat das erste Urteil die Journalistin entlastet. "In Anbetracht der allgemeinen Lage in Afghanistan lassen sich leicht auch andere Gründe für die Flucht aus dem Land vorstellen", heißt es darin. Doch alles andere wiegt schwer auf Åsne Seierstad.
Sie hat lange darüber nachgedacht, ob sie dieses Buch noch einmal veröffentlichen würde. "Ich denke, ja", sagt sie. "Obwohl ich mich oft frage, wann das alles endlich vorüber ist."
Immer wieder hat sie sich um eine Einigung bemüht. Sie schlug vor, 500 000 Kronen für eine Shah-Muhammad-Rais-Stiftung zur Förderung afghanischer Kultur bereitzustellen. Der Buchhändler lehnte ab. Sie bat ihren Vater, von Mann zu Mann mit ihm zu sprechen. Der Buchhändler sagte zu. Ihre Mutter kochte Fjordlachs mit Broccoli, er aß und plauderte vergnügt, und anschließend erzählte er überall, Familie Seierstad habe ihm Geld geboten, damit er endlich schweige.
"Das aber haben wir nie getan", sagt die Journalistin. "Es hätte wie ein Schuldeingeständnis gewirkt." Und schuldig fühlt sie sich nicht. "Menschenrechte sind universell. In Afghanistan wird gegen sie verstoßen. Hätte ich das hinnehmen sollen - bloß, um einer anderen Kultur Respekt zu zollen? Das wäre purer Relativismus."
Åsne Seierstad ist dazu erzogen worden, für Überzeugungen einzutreten. Als Kind schon redete sie mit ihrem Vater über die Not der Entwicklungsländer, und ihre Mutter nahm sie mit zu den Protestmärschen für Frauenrechte. Gleichberechtigung ist in Norwegen verankert wie wohl in keinem anderen Land, und Angelegenheiten von Bürgern werden so öffentlich behandelt, dass jeder jede Menge wissen darf: Gehälter, Steuersummen, Vermögen - alles ist für alle einsehbar. Janteloven, das kulturelle Regelwerk ihrer Heimat, handelt von Gleichheit. Und es wirkt auch in der Ferne. Kaum ein anderes Volk zahlt, ein Beispiel, gemessen am Bruttoinlandsprodukt so viel Entwicklungshilfe. Das Unrecht in der Welt zu lindern ist norwegisches Prinzip.
Nach ihrem Verständnis vom richtigen Leben hat Åsne Seierstad in Kabul keine groben Fehler begangen. Im Gegenteil, sie sagt, sie habe für jene sprechen wollen, die sie für die Opfer der afghanischen Gesellschaft hält - für die Frauen. "Vielleicht war es ein Versäumnis, dass ich Shah Muhammad Rais nicht damals schon heftiger kritisiert habe", sagt sie. "Aber ist das die Aufgabe von Journalisten?" Vielleicht hätte sie die ganze Familie immer wieder daran erinnern müssen, dass sie auch dann recherchiert, wenn sie mit ihnen isst oder den Hamam besucht. Vielleicht hätte sie ihnen ihren Beruf besser erklären müssen. Vielleicht hätte sie das Buch doch niemals schreiben dürfen.
Sie kam nicht auf die Idee. Jemand, der BBC und CNN zum Abendessen einlud, musste doch die Spielregeln kennen.
Sie hat sich, davon ist sie überzeugt, mehr als korrekt verhalten: Sie teilte den Alltag der Familie nicht als Gast, sondern als Reporterin. Erzählte ihr jemand etwas ausdrücklich im Vertrauen, notierte sie es nicht. Vieles habe sie weit harmloser beschrieben, als es geschah, sagt sie, und über manches Kriminelle schweige sie bis heute. Da niemand sie bat, das Buch vor dem Erscheinen sehen zu dürfen, schickte sie es niemandem. Am Ende anonymisierte sie viele Namen aus eigenem Antrieb, weil sie der Familie Einträge in die Internet-Suchmaschinen ersparen wollte.
"Und alles, alles, was ich geschrieben habe, ist wahr", beteuert Åsne Seierstad.
Wie wahr aber ist Wahrheit, wenn sich zwei willensstarke Menschen aus zwei Kulturen begegnen, und das auch noch in einer Fremdsprache? Die Journalistin hat sich in jener Grauzone bewegt, die jeder kennt, der Menschen beobachtet und Schlüsse daraus zieht: Was nun ist wirklich? Das, was ich sehe, oder wie ich es beurteile? Was einer für wahr hält, gilt außer für ihn selbst nur noch für jene, die seinen Blick auf die Welt in allen Einzelheiten teilen - und die das, was sie dann sehen, genauso bezeichnen wie er.
"Natürlich" nennt der Mann aus Kabul sein Leben zu dritt. Auch seine Schwiegerväter waren mit zwei Frauen zugleich verheiratet. Die Frau aus Oslo aber sagt "Leid" zu solch einem Verhältnis. "Die erste fühlt sich wie eine Geschiedene - nur ohne deren Rechte." Vielleicht ist es das größte Missverständnis der Reporterin, dass sie einmal annahm, ein Mensch, der Shakespeare liebt, müsse die Welt ähnlich wahrnehmen wie sie.
Der Westen versteht nicht, was wichtig ist in Afghanistan", sagt Shah Muhammad Rais. Der eigenen Geschichte zum Trotz glaubt er noch immer an die Kraft der Bücher. Er hat einen alten Bus mit Regalen ausgestattet, zweimal schon ist er mit diesem Buchmobil bis in abgeschiedene Provinzen gereist. "Wichtig ist, dass alle Menschen in meinem Land so bald wie möglich lesen können." Es klingt, als spreche er ein Gebot. "Nur wer liest, kann sich informieren und gefährliche Propaganda durchschauen."
Åsne Seierstad hat Afghanistan seit jenem hoffnungsvollen Winter vor neun Jahren nicht mehr betreten. Die Frauen, deren Hilfsprojekte sie dort unterstützt, haben sie gewarnt. Für eine wie sie sei selbst ein Kurzbesuch viel zu gefährlich. Manchmal hat sie nun schon gedacht, dass sich seine und ihre Welt vielleicht doch nicht zusammenfügen lassen. Aber glauben mag sie es nicht.
"Dass er so zupackend ist, das schätze ich wirklich noch immer sehr", sagt die Europäerin, die für die Menschenrechte streitet, und holt tief Luft. "Afghanistan braucht Leute wie ihn." ◆
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 7/2011
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