14.02.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH

Lern das auswendig!

Von Hacke, Detlef

Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, 23, über Lust und Last eines vollen Terminkalenders, die Vorteile junger Rennfahrer und die vielen Knöpfe am Lenkrad

SPIEGEL: Herr Vettel, kein anderer Formel-1-Rennfahrer hat in seinem Leben so früh alles erreicht wie Sie. Was nun?

Vettel: Na, ich hoffe, ich werde wieder Weltmeister.

SPIEGEL: Was bedeutet es Ihnen, der jüngste Champion der Geschichte zu sein?

Vettel: Das ist mir nicht so wichtig. Vielleicht einmal, wenn ich alt und grau bin. Die vorige Saison ist abgehakt, ich schaue nach vorn. Wie gut er sich auf das nächste Ziel konzentrieren kann, das unterscheidet einen guten von einem sehr guten Rennfahrer.

SPIEGEL: Klingt nüchtern. Was hat Ihnen der Titel persönlich gebracht?

Vettel: Zufriedenheit, das vor allem. Für mich war es das größte Ziel, eines Tages die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Das geschafft zu haben macht mich extrem stolz. In gewisser Weise auch sicherer.

SPIEGEL: Wenn Sie einen Unfall verursacht hatten, bekamen Sie meist vorgeworfen, zu unerfahren zu sein. Damit ist Schluss?

Vettel: Entscheidend ist nicht, wie die Medien oder sonst wer einen Vorfall sehen, sondern wie ich damit umgehe.

SPIEGEL: Ende August, beim Rennen im belgischen Spa, knallten Sie dem McLaren von Jenson Button in die Seite, weil Sie beim Bremsen ins Schleudern geraten waren. Da wirkten Sie wie ein ungestümer Junge, nicht wie der kommende Weltmeister.

Vettel: Es hatte in der Situation angefangen, leicht zu tröpfeln, es war etwas feucht, ich hatte auf einer Bodenwelle die Kontrolle über das Auto verloren und nahm leider den Jenson mit. Mein Fehler, dazu stehe ich, aber es war kein dramatischer Fehler. Woraus ich viel mehr lernen konnte, waren die Reaktionen darauf.

SPIEGEL: McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh und englische Zeitungen nannten Sie "crash kid".

Vettel: Der Vorfall wurde wie unter einem Mikroskop vergrößert. Den Medien zufolge hätte ich ab sofort alles anders machen müssen als bisher.

SPIEGEL: Haben Sie danach denn nichts anders gemacht? Die restliche Saison sind Sie erstaunlich souverän gefahren.

Vettel: Das Geheimnis lag darin, dass ich mir selbst treu geblieben bin. Aus meinem Fehler auf der Strecke konnte ich nicht viel lernen. Ich hatte nicht aus Panik heraus etwas Idiotisches versucht. Ich war ruhig, hatte überlegt gehandelt und wollte am Vordermann vorbei. Es ging halt in die Hose, das ist alles.

SPIEGEL: Nach Saisonschluss sind Sie um die halbe Welt gereist, hin zu Empfängen, Ehrungen, Talkshows, Sponsorenterminen, nach Salzburg, Berlin, Heppenheim, England, Hamburg. Zwischendurch sind Sie zu Testfahrten zurück nach Abu Dhabi geflogen. Konnten Sie nicht genug bekommen?

Vettel: Natürlich kam da eine Lawine auf mich zu, aber ich habe es gern gemacht. Es war positiver Stress. Wenn einem Tausende Leute zujubeln, verleiht einem das Kraft. Und ich hatte ja den Vergleich mit dem Vorjahr. 2009 war ich Zweiter in der Weltmeisterschaft geworden - zehnmal lieber das volle Programm!

SPIEGEL: Halten Sie es ohne die Formel 1 überhaupt aus?

Vettel: Natürlich war ich froh, endlich zu Hause bleiben zu können und nicht unterwegs zu sein. Ich habe keinen Urlaub im klassischen Sinn gemacht. Es ist ein Luxus für mich, im Winter eine oder zwei Wochen zu haben, in denen wirklich nichts drum herum passiert. Das ist immer die Zeit um Weihnachten und Silvester.

SPIEGEL: Und wann fingen Sie wieder an?

Vettel: Im Winter ist Zeit für die Fitness. Da kann ich trainieren, ohne dass immer etwas dazwischenkommt. Dann versuche ich, meine Form zu verbessern. Hat die Saison erst begonnen, geht es nur noch darum, das Level zu halten. Wenn das gelingt, bei den vielen Flügen, den Reisen in verschiedene Zeitzonen, dann ist schon viel erreicht. Im Januar war ich zwischendurch ein paarmal beim Team in England, um im Simulator zu testen und erste Sitzproben im Chassis zu machen.

SPIEGEL: Inzwischen probieren Sie Ihr neues Auto auf Teststrecken aus. Schon am 13. März beginnt in Bahrain die Saison, mit 20 Rennen, davon 11 in Übersee - es wird die längste Grand-Prix-Saison, die es je gab.

Vettel: Sie dehnt sich diesmal bis zum ersten Advent hin aus, ja. Ich wüsste kaum einen anderen Sport, in dem die Athleten so viel reisen. Mir fällt da nur Tennis ein, mit Turnieren in aller Welt.

SPIEGEL: Setzt Ihnen das zu?

Vettel: Ich habe gelernt, innerhalb kürzester Zeit abzuschalten, auch ein, zwei Stunden zwischendurch zu nutzen, um zu schlafen, Musik zu hören oder über andere Dinge als die Formel 1 zu reden. Ich muss mit meiner Energie haushalten. Unterm Strich geht es mir ums Ergebnis. Ich bin bereit, für meine Ziele alles zu tun. Wenn ich merke, dass mir irgendwas in die Quere kommt, wird es aussortiert.

SPIEGEL: Es fällt auf, dass immer jüngere Fahrer die Formel-1-Weltmeisterschaft gewinnen. 2005 war Fernando Alonso erst 24, Lewis Hamilton gewann 2008 mit nur 23 Jahren, er war damals wenige Monate älter als Sie am Tag Ihres WM-Siegs. Wie erklären Sie diesen Trend?

Vettel: Kinder haben inzwischen die Möglichkeit, schon im Alter von sechs, sieben Jahren im Kart zu sitzen. So können sie ihr Fahrgefühl entwickeln und Erfahrung sammeln - ich habe ja selbst davon profitiert. Zu den Zeiten, als Michael Schumacher begann, war es schwieriger, so früh anzufangen. Lange rutschte man irgendwie als Erwachsener in den Rennsport rein, entweder durch Zufall oder über gute Beziehungen. Der Motorsport ist viel professioneller geworden, wie andere Sportarten übrigens auch.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Vettel: Fußball. Kürzlich habe ich Bundestrainer Joachim Löw im Fernsehen gesehen, es ging im Prinzip um die gleiche Frage: Wieso spielen so viele junge Profis in der Bundesliga? Löw sagte, deren Qualität stimme. Früher haben die Jungs auf der Straße gekickt, und der eine oder andere hat es irgendwie weitergebracht. Heute werden sie in Vereinen viel intensiver und gezielter ausgebildet.

SPIEGEL: Ein Formel-1-Auto zu fahren ist eine komplizierte Sache geworden. Das Cockpit ist gespickt mit Knöpfen, Schaltern und Displays. Ist die Generation Playstation im Vorteil?

Vettel: Vielleicht hilft es, wenn man als Kind Game Boy gespielt hat. Aber entscheidend ist, mit dem Stress im Cockpit umzugehen. Angenommen, zwei Mann fahren gleich schnell. Der eine hat genug damit zu tun, auf die Rundenzeit zu kommen, der andere kann es sich dabei erlauben, in der Gegend herumzuschauen, den einen oder anderen Knopf zu drücken, um etwas zu verstellen, weil er meint, das Auto fahre sich dann besser.

SPIEGEL: Typ zwei wäre ein eher junger Pilot?

Vettel: Das Alter mag eine Rolle spielen, ebenso, wie schlau ein Fahrer ist. Entscheidend ist allerdings, wie viel Kapazität ich noch frei habe, während ich auf der Strecke bin. Worauf zu achten ich schaffe. Scheint die Sonne, ziehen Wolken auf? Der eine sieht den Regen vorher kommen, der andere bemerkt ihn erst, wenn ein Tropfen auf dem Visier zerplatzt - oh, was jetzt?

SPIEGEL: Fiel es Ihnen von Anfang an leicht, dies alles zu koordinieren?

Vettel: Wenn ich mich an meinen ersten Formel-1-Test erinnere, 2006, da war ich von den ganzen Knöpfen am Lenkrad überfordert. Zwei Wochen vorher hatte ich ein dickes Buch auf den Tisch gelegt bekommen, es hieß: Lern das auswendig! Beim Fahren dann habe ich mich zunächst auf das Minimum beschränkt: Wie fahre ich los? Wie schalte ich hoch und runter? Irgendwann wurde ich gelassener und bekam den Kopf frei genug, um bei Tempo 300 nebenher was zu verstellen.

SPIEGEL: Könnten Sie auswendig auf einem Blatt Papier aufzeichnen, wo welcher Knopf sitzt?

Vettel: Nein, hier am Tisch nicht. Dazu muss ich im Auto sitzen und den Motor hören, dann weiß ich automatisch, wo ich für welche Funktion drücken muss.

SPIEGEL: Was können Sie unterwegs auf der Piste alles verstellen?

Vettel: Na ja, allerhand. Bremsbalance, Benzingemisch, Motorelektronik …

SPIEGEL: … jetzt kommen sogar noch weitere Knöpfe dazu. Mit dem sogenannten Kers, einer Art Hybridantrieb, können Sie für ein paar Sekunden zusätzliche Leistung aktivieren. Außerdem können Sie den Heckflügel flacher stellen, um am Ende der Geraden schneller zu sein.

Vettel: Mit diesen beiden Systemen kommt eine Menge auf uns zu. Wir werden Zeit brauchen, um mit allen Bedienelementen klarzukommen.

SPIEGEL: Einige Ihrer Kollegen sind skeptisch. Rubens Barrichello, der 38-jährige Vorsitzende der Fahrergewerkschaft, warnt, der Pilot werde zu stark abgelenkt. Stimmen Sie ihm zu?

Vettel: Das muss sich erst noch zeigen. Im Moment, bei den Testfahrten vor dem Saisonauftakt, läuft für uns die Experimentierphase. Ob im Reglement in den verbleibenden vier Wochen alles so

bleibt wie jetzt beschlossen, da bin ich mir nicht sicher.

SPIEGEL: Barrichello scheint zu befürchten, dass die Unfälle zunehmen. Werden die Fahrer überfordert?

Vettel: Wenn das so wäre, würde keiner mehr fahren.

SPIEGEL: Die Frage ist, ob noch viele ins Ziel kommen werden.

Vettel: Wenn man zu sehr damit beschäftigt ist, aufs Lenkrad zu gucken, rauscht man anderen ins Heck, klar. Aber sobald ein kritischer Punkt erreicht wäre, würden wir uns zusammensetzen und beratschlagen. Es geht um unsere Sicherheit.

SPIEGEL: Kers und verstellbarer Heckflügel sollen für mehr Überholmanöver sorgen. Rechnen Sie damit, dass es so kommt?

Vettel: Ich denke schon. Aber das Risiko besteht, dass das Ganze künstlich wirkt.

SPIEGEL: Rennfahren bestand ursprünglich aus Gasgeben, Bremsen, Lenken. Hat sich die Formel 1 zu weit davon entfernt?

Vettel: Nach wie vor ist das die Basis. Aber dies allein macht das Rennfahren nicht aus, und das ist für manche Leute schwer zu begreifen. Es passiert ja viel, viel mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Früher hörten Fahrer sehr genau auf die Geräusche aus dem Motor. Heute brauchen wir das kaum noch, weil die Daten permanent vom Boxenstand aus überwacht werden. Die Herausforderungen sind anders geworden, aber eines hat sich wenig verändert: Du musst deine Kräfte einteilen. Mit Benzin und Reifen haushalten. Das erfordert Feingefühl.

SPIEGEL: Gibt es noch Runden, in denen Sie die Finger von allen Knöpfen lassen?

Vettel: Bislang vor allem im Qualifikationstraining, wenn es darauf ankommt, eine optimale Runde hinzulegen. Sonst kaum.

SPIEGEL: Ist die Formel 1 also zu kompliziert geworden?

Vettel: Ich sehe eine Gefahr vor allem darin, dass die kleine Raupe Nimmersatt vor dem Fernseher sitzt und sich immer mehr Unterhaltung wünscht. Deswegen geht die Formel 1 immer radikalere Wege. Es wird immer mehr investiert, damit die Show besser und besser wird. Ich frage mich, ob das notwendig ist. 2010 war sicher eines der spannendsten Jahre in 60 Jahren Formel 1. Es kommt aber vor, dass es ein langweiliges Rennen gibt. Mir scheint, als werde das kaum noch akzeptiert.

SPIEGEL: Wäre es sinnvoller, die Wagentechnik auszumisten, statt immer neue Spielereien einzubauen?

Vettel: Von heute auf morgen auf alles zu verzichten wäre ein Rückschritt. Die Technik hat die Autos auch sicherer gemacht - das zu opfern wäre fatal. Manches an Atmosphäre ist vielleicht verlorengegangen. Vieles ist abgeschottet, teilweise steril. Jeder Fahrer konzentriert sich auf sich und sein Team. Wenn man die alten Kollegen fragt, wie es früher gewesen sei, dann können die sich unser Leben gar nicht vorstellen.

SPIEGEL: Was erzählen die denn?

Vettel: Dass sie oft miteinander in die Kneipe gegangen sind, um ein Bier zu trinken. Wenn das heute zwei Fahrer machen, wäre es fast ein Skandal.

SPIEGEL: Herr Vettel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(*) Mit Redakteur Detlef Hacke in Valencia.

DER SPIEGEL 7/2011
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