27.04.1998

NACHRUFGregor von Rezzori

W ie ein Dichter sah er wahrlich nicht aus - dazu war er zu elegant. Aber er schrieb wie einer; und mußte dennoch lebenslang damit klarkommen, daß ihn die Literaturkritik vernachlässigte.
Schuld daran ist sein erster großer Erfolg, die Schnurrensammlung "Maghrebinische Geschichten" (1953), ein Sammelsurium köstlich-komischer Charakterstudien von Schlitzohren und Tagedieben aus seiner Heimat, "dem tiefsten Balkan". Von nun an pappte an ihm das Etikett des Entertainers. Große Romane, "Oedipus siegt vor Stalingrad" etwa oder "Der Tod meines Bruders Abel", konnten das Image vom leichtfüßigen Viel- und Alles-Schreiber nicht mehr aufheben.
So pendelte Gregor von Rezzori, wohl nicht wirklich ungern, zwischen den Genres, schrieb unbeirrt Ernstes und Langlebig-Heiteres, etwa den dreibändigen "Idiotenführer durch die Deutsche Gesellschaft".
Und auch die schützenswerte Banalität der gehobenen Waren-Welt fand in dem Lebenskünstler und Grandseigneur einen stilsicheren Anwalt. Wenn in einer Zeitschriften-Redaktion ein Textauftrag zum Thema vornehme Lebensführung zu verteilen war, bekam der Weltenbummler mit Wohnsitzen in der Toskana, auf Rhodos und in New York oft den Zuschlag.
Und so verglich Rezzori eben auch die Vor- und Nachteile der Kunstfertigkeit der Maßschneider von Wien und London miteinander. Er schrieb auch solche Stücke wie alles andere: kundig, unverschmockt und mit ironischer Grandezza. Ein Herr, auch am Schreibtisch. Wenn er über die Stränge schlug, dann tat er auch das mit Stil - ganz nach dem Motto wirklicher Freigeister: "Wenn man sich zu benehmen weiß, kann man sich benehmen, wie man will."
Gern berichtete der Autor im Gespräch über seine Verfehlungen - aber nicht, um sich zu brüsten, sondern um andere damit zu amüsieren. Biographie gerann dem hinreißenden Plauderer zur Anekdote.
So berichtete der dreimal verheiratete Frauenfreund über die erotischen Begleitumstände seiner Anfänge als Radio-Redakteur beim Nordwestdeutschen Rundfunk: Im Nachkriegs-Hamburg, seien "im Abstand von acht Tagen" und dazu noch "in derselben Klinik zwei Kinder von mir geboren".
Später geriet der Wohlerzogene dann mit Deutschlands Chef-Emanze Alice Schwarzer aneinander, als er ihr, ganz Kavalier der alten Schule, in einer Talkshow die Hand küßte. Sie habe ihm, berichtete der Bonvivant verstört, "beinahe die Zähne ausgeschlagen". Der Geschlechterkampf war für ihn da schon längst entschieden: "Frauen und Männer sind inkompatibel."
Gregor von Rezzori d'Arezzo stammte aus der notorischen "Schlawiner-Hochburg" (Rezzori) Czernowitz in der Bukowina, das heute zur Ukraine gehört. Und das provinzielle, verschlampt-disziplinierte k. u. k. Milieu hat ihn vermutlich mehr geprägt als alle späteren Reisen durch die Weltgeschichte oder der Familienstammbaum, der sich über Sizilien und Norditalien bis nach Wien verzweigte.
Im Alter ungebrochen produktiv, brachte Rezzori 1994 eine ironisch "Greisengemurmel" betitelte Autobiographie heraus und legte vergangenes Jahr mit "Mir auf der Spur" noch einmal nach.
Da hatte er sich allerdings schon angewöhnt, die unwirtlich werdende Welt mit "zärtlichem Zynismus" zu betrachten.
Rezzori starb, im Alter von 83 Jahren, am vergangenen Donnerstag auf seinem Landsitz bei Florenz.

DER SPIEGEL 18/1998
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