21.02.2011

GLEICHSTELLUNGFlotte Feger am Riesenrüssler

Für die Berliner Stadtreiniger war klar, dass nur harte Kerle ihren Job machen können. Dann übernahm ausgerechnet eine Frau den Chefposten - und führte die Quote ein.
Wie schön war es, als die Putzkarren der Berliner Straßenreinigung noch aus schwerem Eisen bestanden. Da gab es wenigstens keine Diskussion darüber, wer die Dinger bedient: Männer natürlich.
Seit geraumer Zeit aber sind die Geräte aus Leichtmetall. Die Gehwege werden mit Aufsitzkehrmaschinen gefegt, Laub mit dröhnenden Bläsern zusammengepustet und Papierfitzelchen mit mechanischen Greifern geschnappt. Igitt war gestern - und vor allem: Es braucht eigentlich keine muskelbepackten Rambos mehr für die Straßenreinigung.
Neuerdings dürfen sich in der Hauptstadt auch Frauen die Finger schmutzig machen - seit Vera Gäde-Butzlaff, 56, Chefin der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) geworden ist.
Als die frühere Richterin und Staatssekretärin vor acht Jahren als Vorstand antrat, übernahm sie zunächst die Verantwortung für die Abfalllogistik und Abfallentsorgung, später auch für die Straßenreinigung. Und jeden Tag sah sie beim Gang über den Betriebshof Hunderte von Menschen in grellorangefarbenen Arbeitsanzügen zum Dienst ausrücken. Hunderte von Männern.
Normal war das nicht, fand zumindest Gäde-Butzlaff. Warum gab es hier keine Frauen?
Noch bevor sie bei der Stadtreinigung anfing, hatte sie selbst die Mechanismen der Männerwirtschaft zu spüren bekommen. Sie hatte von der Stellenausschreibung erfahren und sich bei den Headhuntern gemeldet. Ein Vorgespräch lief bestens. Doch dann hörte sie nichts mehr.
Eines Tages erfuhr sie zufällig beim Small Talk, dass den BSR nun drei männliche Anwärter präsentiert werden. Schade eigentlich, erzählte ihr Gesprächspartner, denn es habe wohl auch eine kompetente Bewerberin gegeben. Aber so einen Männerladen könne man ja unmöglich von einer Frau führen lassen.
Verstimmt griff Gäde-Butzlaff zum Telefon, informierte die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite bei den BSR - und wurde eilends nachnominiert. Sie erschien bestens präpariert und bekam den Job. Machte ihn sehr gut. Und wurde 2007 Vorstandsvorsitzende.
Sie hatte es geschafft. Ohne Quote. Nur zu gern hätte sie es dabei belassen.
"Ich hatte ganz andere Themen als die Frauenfrage." Doch bei jedem Interview wurde sie dazu gelöchert. "Ich musste mich erst aufraffen, das Thema ernst zu nehmen. Ich war lange gegen die Quote. Aber wenn man gezwungen wird, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, sieht man das schnell anders. Fakt ist: Seit zehn Jahren hat sich rein gar nichts verbessert."
Gäde-Butzlaff brachte die Frauenfrage in den Vorstand ein. Gemeinsam mit dem Gesamtpersonalratschef wagte sich die Firmenleitung an ihre erste Quote: Bei der nächsten Einstellungsrunde der Stadtreinigung sollten 50 Prozent Frauen engagiert werden. Das war im März 2010. Es ging nur um Teilzeitstellen, befristet auf ein Jahr, aber viele davon sollten später in feste Arbeitsverhältnisse umgewandelt werden. Ein Anfang.
"Da hat keiner hurra geschrien", sagt Gesamtpersonalratschef Sven-Olaf Günther. Auf allen Ebenen habe es Widerstände gegeben. "Obwohl ich für die Einstellung von Frauen bin, verstehe ich das", sagt er. "Seit Jahrzehnten ist das Männerarbeit. Die Kerle wollten ihre harte Arbeit nicht zum Weichei-Job degradieren lassen. Das nagt am Selbstwertgefühl."
Alle möglichen Gegenargumente wurden herangezogen: Die Arbeit sei zu schwer. Das lasse man mal besser die Frauen entscheiden, sagte Gäde-Butzlaff trocken. Die Umkleidekabinen seien unpassend. Die Frauen bekämen eigene, versprach die Firmenleitung. Es gebe schlicht keine Bewerberinnen. Wartet es ab, sagte der Vorstand.
Am 8. Mai 2010 erschien in der Berliner Boulevardzeitung "B. Z." der Aufruf "Flotter Feger sucht 60 Kolleginnen". Die Stadtreinigung lud zum Frauentag. Über 300 kamen. Genevieve Krüger, 25, hatte ihre Bewerbung gleich mitgebracht und wurde eingestellt wie 62 weitere Frauen.
Am Ende stellten sie über 50 Prozent der Einstellungsrunde. "Wenn es eine klare Ansage gibt, auch Frauen zu nehmen, dann finden sich auch genügend mit der entsprechenden Qualifikation", glaubt Gäde-Butzlaff. Dass eine sinnvolle Quotenregelung die Auswahl nach Qualifikation und Leistung in keiner Hierarchieebene ausschließen darf, ist für sie selbstverständlich.
"Die Kollegen haben uns sehr nett aufgenommen", erzählt Krüger, "kein Mobbing, kaum blöde Sprüche. Die ersten zwei Wochen haben sie getestet: Kann die anpacken? Danach war das Thema durch."
Auch Sabine Ebel, 29, zieht den neuen Job als Sauberfrau ihrem alten als Friseurin vor. Besonders weil sie in einem gemischten Team arbeiten kann. "Da gibt es deutlich weniger Zickenkrieg."
Früher taten ihr die Lendenwirbel weh vom langen Stehen im Salon, jetzt schmerzen abends eben die Halswirbel. "Dafür krieg ich jetzt richtig Muckis. Und schlafe wie ein Baby. Die Kollegen haben geglaubt, wir halten nicht durch." Aber nur eine Frau sprang ab.
"Ich bin sehr zufrieden", sagt Hofleiter Reinhard Lange. "Es gibt kaum Ausfälle. Und einen deutlich höflicheren Umgangston." Manche Männer machen auf Gentleman, andere entwickeln Beschützerinstinkte. Das Durchschnittsalter der Frauen liegt bei 30 Jahren und damit 18 Jahre unter dem der Stammbelegschaft.
"Am Anfang musste ich mich ständig dagegen wehren, dass mir ein überfürsorglicher Mann die Arbeit abnimmt, so nach dem Motto ,Kleine, lass mal'", sagt Ebel. Aber sie hat unbeirrt zum Riesenrüssler gegriffen und Laub gesaugt.
"Meine Skepsis hat sich in Verwunderung gewandelt", sagt Hofchef Lange. Ursprünglich war er gegen die Quote bei Neueinstellungen, aus Prinzip und auch aus Angst, nicht genügend Frauen zu finden. Aber es sei die richtige Entscheidung gewesen. Er macht eine Pause. "Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde." Zudem sei das Image seiner Truppe bei der Bevölkerung deutlich gestiegen.
Vera Gäde-Butzlaff weiß allerdings, dass ihr Quotenkampf erst begonnen hat. Schon bei der zweiten Einstellungswelle - es ging um 30 neue Jobs - wurde sie gefragt, ob man diesmal denn schon wieder Frauen nehmen müsse. Sicher, sagte sie. 50 Prozent. Wie im wirklichen Leben.
Auch Personalrat Günther traut dem Frieden nicht ganz. Bei der Müllabfuhr etwa sieht er keine Chancen für Frauen. Die könnten zwar die Laster lenken, aber da der Tarifvertrag vorsehe, dass auch die Fahrer Mülltonnen schleppen müssen, fielen Frauen hierfür aus. Von den 5238 Beschäftigten der BSR sind 4462 Männer und 776 Frauen - etwa 15 Prozent. Anders sieht es in den obersten drei Führungsebenen aus: Von 67 Leitungsfunktionen ist fast jede dritte weiblich besetzt.
Mittlerweile müssen Headhunter dokumentieren, welche Frauen von ihnen angesprochen wurden. Auch die Frauenvertreterinnen haben nun Kontrollbefugnisse: Sie werden bei Stellenausschreibungen, beim Auswahlverfahren, an Bewerbungsgesprächen beteiligt, erhalten gegebenenfalls Einsicht in Bewerbungsun- terlagen und Personalakten auch jener Personen, die nicht in die engere Auswahl kamen. So regelt es neuerdings das Berliner Landesgleichstellungsgesetz.
Die Juristin Gäde-Butzlaff ist sicher, dass nur wirksame Verpflichtungen Frauen zeitnah einen gleichberechtigten Zugang zur Arbeitswelt ermöglichen. "Die Wirtschaft orientiert sich bis heute am Bild des von allen häuslichen Pflichten freigestellten Mannes." Das sei wirksam nur per Quote aufzubrechen. "Am Anfang hatte ich Bedenken, dass es heißt, jetzt fängt die auch noch an mit dem Frauenquatsch." Aber dann habe sie durch die Beschäftigung mit dem Thema lernen müssen, dass man es ernst nehmen muss.
Von Michaela Schiessl

DER SPIEGEL 8/2011
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