21.02.2011

Bittere Herrlichkeit

Literaturkritik: Hernán Rivera Leteliers wundersame Cineasten-Geschichte „Die Filmerzählerin“
Der Selbstbeschreibung des Autors ist nicht zu widersprechen: "Man muss mein Gesicht nur anschauen, dann sieht man gleich, dass ich kein Intellektueller bin. Ich sehe eher wie ein abgehalfterter Boxer aus."
Vor mehr als zehn Jahren machte der W. Krüger Verlag einen ersten Versuch, den chilenischen Schriftsteller Hernán Rivera Letelier, 60, in Deutschland zu etablieren. Sein "Lobgesang auf eine Hure" ist längst vergriffen, jegliche Empfindsamkeit sowie die genaue Kenntnis der Verhältnisse - die man seinem Gesicht ebenfalls glaubt - haben nicht zum Erfolg geführt.
Dies sollte sich nun ändern. Denn der Insel Verlag bringt "Die Filmerzählerin" heraus, einen kurzen Roman, der alles hält, was Rivera Leteliers Porträt verspricht: Humor und Intensität des Gefühls, eine scharfe, reflektierte Wahrnehmung und Sinn für das Skurrile im Schönen wie im Schrecklichen.
María Margarita heißt die Heldin dieser Geschichte, das fünfte Kind einer mehrfach versehrten Familie in der Wüste Nordchiles. Der Vater ist nach einem Arbeitsunfall von der Hüfte abwärts gelähmt, die Mutter verschwand, und das Elend nahm ihren Platz ein.
Die Bergbaugesellschaft, für die der Vater jahrzehntelang schuftete, hat dem Häufchen Hilfloser das winzige Haus am Rande der Salpetersiedlung überlassen, Bargeld jedoch ist schwer zu beschaffen. Da führt ein weltgeschichtlich neues Talent zur Linderung der pekuniären Not: María Margarita, die Jüngste und das einzige weibliche Wesen der Familie, kann nämlich Filme nacherzählen; so gut, dass es dafür Trinkgelder gibt.
Entdeckt wurde diese Begabung beim innerfamiliären Wettbewerb. "Weil daheim das Geld zu Pferd unterwegs war und wir zu Fuß", es folglich, wenn über-
haupt, nur für eine Eintrittskarte reicht, schickt der Vater zu Beginn dieser Geschichte seine Kinder der Reihe nach ins Kino, um sie dann den Film erzählen zu lassen. "Wer ihn am besten erzählte, würde jedes Mal gehen dürfen, wenn ein guter Film lief. Die Übrigen würden sich damit begnügen, dass sie den Film nachher zu Hause erzählt bekamen."
Das Kind María Margarita, so stellt sich heraus, ist von homerischer Darstellungskraft. "Ich sagte nicht: 'Dann hat er sie auf den Mund geküsst', sondern kostete es ein bisschen aus: 'Da löschte er seine Zigarette, sah ihr tief in die Augen, legte seinen starken Arm um sie und drückte seine Lippen auf ihre.'" María Margarita (deren Initialen vom kinoversessenen Vater nach Marilyn Monroe gewählt worden waren) schlägt ihre Augen verführerisch auf wie die Namenspatronin aus Hollywood, sie moduliert ihre Stimme in jeder gewünschten Weise, sie gestikuliert und zelebriert Requisiten. Sie zieht den Colt wie John Wayne, brüllt wie der Löwe von Metro Goldwyn Mayer und beherrscht Gary Coopers "stahlharten Blick", sie spielt Charlie Chaplin besser als Chaplin selbst; tanzen und singen kann sie außerdem.
Und sie lernt ständig dazu, denn seinen Beruf nimmt das Mädchen ernst. Die neue Aufgabe macht aus einer bildungsfernen Zehnjährigen ein weltweises und ausgebufftes Unterhaltungsgenie. María Margarita bringt der Familie den Applaus wie das Kleingeld der Nachbarn ein, die sich bald im Wohnzimmer drängeln. Unter dem kleinen verrammelten Fenster, damit niemand, ohne zu zahlen, zuschauen kann.
In dieser tragikomischen Konstellation nimmt eine Geschichte ihren Ausgang, die so leicht und dicht gewoben ist wie das Seidentuch, mit dem die Mutter der Ich-Erzählerin sich später aufgeknüpft haben soll. In minimalistischer Anmut entsteht vor dem Auge der Leser das Dorf der Bergarbeiter, die das graue Los der Ausbeutung teilen und deren Phantasie nur durch das Kino geweckt und gefüttert wird.
Und mit ebenso sparsamen Zügen beschreibt Rivera Letelier eine Kindheit am Rande der Welt, beinahe leer bis auf die Pflicht und die Enge der Not und trotzdem von Euphorien durchzogen; eine bittere Herrlichkeit.
Als der Profit aus dem Salpetergeschäft abgeschöpft ist, der Vater tot und die Brüder verloren sind an Alkohol, Frauen und ihre kaputten Träume, bleibt María Margarita in der verlassenen Heimat zurück.
"Wahrscheinlich bin ich die einzige Frau, die allein in einem Geisterdorf lebt. Ich führe hier Leute herum." Der einzige Film, der hier noch zu erzählen ist, wurde niemals gedreht.
Rivera Letelier selbst wuchs in einem Bergbaudorf in der nordchilenischen Wüste auf, und seine Mutter starb, als er noch ein Kind war. Wie seine Heldin María Margarita lebte er früh allein, auf sich gestellt, und zog sich mit seinem Talent am eigenen Schopf aus dem Staub.
Die besten Texte der Dichter sind aus dem Brot der frühen Jahre geformt.
Hernán Rivera Letelier: "Die Filmerzählerin". Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Insel Verlag, Berlin; 108 Seiten; 14,90 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 8/2011
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