21.02.2011

FITNESS Dicke Arme, sexy Po

Mit einem Discountermodell hat die Fitnesskette McFit den deutschen Markt erobert. Experten warnen vor dem Billiganbieter. Die Trainer sind schlecht ausgebildet, die Kunden arbeiten oft ohne Betreuung an den Geräten.
Am Montagabend ist Rushhour. Im McFit-Studio in Berlin-Neukölln hängt eine Mischung aus Schweiß und Parfum in der Luft. Die Atmosphäre erinnert an eine Großraumdisco, ein großes Sehen und Gesehenwerden, auf Fernsehschirmen laufen Musikvideos.
Die Rollen sind klar verteilt. Im Obergeschoss schwitzen Frauen und Mädchen an Steppern und auf Laufbändern. Im Untergeschoss wuchten die Jungs Freihanteln in die Luft.
Auf 2000 Quadratmetern stehen über 200 Trimmgeräte, es gibt aber nur zwei Trainer. Zeit für individuelle Betreuung bleibt da nicht. Den Gesundheitscheck übernimmt ein Computer am Eingang zum Studio. Wer einen Trainingsplan braucht, bekommt eine Broschüre mit sechs Übungen in die Hand gedrückt.
Ein Programm für Männer heißt "Dicke Arme", eines für Frauen "Sexy Po".
Im Trimm-Imperium von McFit konzentriert man sich auf das Wesentliche: "Einfach gut aussehen", so lautet der Slogan der größten deutschen Fitnessstudiokette. Die Models auf den gelb-blauen Werbebannern sind jung und hübsch. Die Zahl der Kunden, die bei McFit um die Idealfigur kämpfen, wächst und wächst.
Seit 14 Jahren ist das Unternehmen auf dem Markt, im März wird McFit das millionste Mitglied begrüßen - Europarekord. Nur in den USA gibt es Anbieter, die mehr Kunden haben.
McFit basiert auf dem Discounterprinzip: Der Monatsbeitrag ist mit 16,90 Euro einmalig günstig. Bei anderen Muskelbuden zahlen die Mitglieder bis zu 150 Euro. Die Studios haben rund um die Uhr geöffnet. Dafür kostet das Duschen beim Fitness-Aldi extra, 50 Cent für fünf Minuten. Wohlfühlschnickschnack wie Pools, Sauna oder Solarium gibt es nicht.
Rainer Schaller, 42, sitzt im Creative Office von McFit in Berlin Prenzlauer Berg, von hier aus steuert die Firma das Marketing. "Wir haben eine Weltrevolution geschafft", glaubt der McFit-Gründer. "Früher ging es immer nur um Wellness. Keiner kam auf die Idee, dass man für ambitioniertes Training gar keine Saftbar braucht."
Keiner, außer Schaller.
Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Edeka. Auf dem Dachboden seiner Eltern in Oberfranken richtete er sich nebenbei einen Kraftraum ein. Schaller kaufte ein paar gebrauchte Hanteln und lud seine Kumpel ein, die ihm 15 D-Mark pro Monat hinlegten. Irgendwann kam das Ordnungsamt und verlangte Gewerbesteuer. Das war der Startschuss.
1997 eröffnete Schaller das erste McFit-Studio in Würzburg. Heute gehören ihm 134 Fitnesszentren, in denen rund 800 Trainer arbeiten. Auch in Österreich und Spanien gibt es schon Filialen. Der geschätzte Jahresumsatz von McFit lag 2010 bei rund 154 Millionen Euro.
Schallers Vorbilder sind Konzerne wie H & M und Ikea. Auch McFit will "cool, stylisch und dabei günstig sein", sagt Schaller. Das Grundprinzip sei ganz einfach, "wir geben den Menschen das, was sie für gutes Aussehen brauchen, nämlich erstklassige Geräte", meint Schaller.
Der Fitnessmarkt in Deutschland wächst rasant. Laut dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte gab es 2005 5,1 Millionen Studiomitglieder, 2010 waren es schon über 6,3 Millionen. Es gibt hierzulande fast so viele Fitnesssportler wie Mitglieder in Fußballvereinen.
Billiganbieter wie Clever Fit und Easy Sports sind vor allem für Schüler und Studenten mit wenig Geld attraktiv. Sie haben zweistellige Zuwachsraten. Bei McFit waren es 15 Prozent im vergangenen Jahr.
Schaller versucht, aus seiner Firma eine Top-Marke zu machen, und betreibt dafür einen gewaltigen PR-Aufwand. McFit sponserte Shows von TV-Produzent Stefan Raab, im Sommer 2009 kickte ein McFit-Allstarteam gegen den FC Bayern München. Die Firma betreibt eine eigene Modelagentur, noch in diesem Jahr soll ein 15-köpfiges Redaktionsteam ein Magazin an die Kioske bringen. Seit 2006 ist Firmenboss Schaller auch Geschäftsführer der Berliner Firma Lopavent, die das Techno-Event Love Parade veranstaltete. Vier Jahre lang war die Massenparty ein wichtiges Marketinginstrument für McFit.
Dann kam es zur Katastrophe im vergangenen Sommer in Duisburg. 21 Menschen starben im Gedränge, über 500 wurden verletzt. Die Schuldfrage ist bis heute nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 16 Personen - allerdings nicht gegen Schaller.
Wegen des Unglücks hat der Ruf von McFit nicht gelitten. Erst im Januar verlängerten die Box-Weltmeister Vitali und Wladimir Klitschko, zwei auf makelloses Image bedachte Schwergewichtler, ihre Werbeverträge mit Schaller.
An der Theke des McFit-Studios im Hamburger Stadtteil Hamm steht ein Mann in grauer Jogginghose und schwarzer Lederjacke. Er hatte eben ein Probetraining, jetzt möchte er Mitglied werden. "Noch Fragen?", will Trainer Oliver wissen. "Habt ihr Trainer eigentlich eine Ausbildung?", fragt der Neukunde. Schon, sagt Coach Oliver. Wer bei McFit arbeite, müsse sich "ein bisschen mit Sport und Training" auskennen, "also ich war bei der Bundeswehr".
Es ist wie bei allen Discountern: Ein günstiger Preis entsteht dadurch, dass an anderer Stelle eingespart wird. Im Falle von McFit, sagen Kritiker, zum Beispiel bei der Kompetenz.
2009 prüfte die Stiftung Warentest acht Fitnessstudioketten. McFit schnitt bei der Trainingsbetreuung am schlechtesten ab und erhielt die Note "mangelhaft". Im "laufenden Studioalltag versagte McFit komplett", lautete das Urteil.
In deutschen Fitnessstudios müssen Trainer nicht lizenziert sein, es gibt für die Instrukteure keine allgemeingültigen Qualitätskriterien. Sportmediziner warnen schon lange vor den Gesundheitsgefahren durch falsches Training. "Beim Walken oder Joggen kann man sich die Technik relativ einfach beibringen", sagt Rüdiger Reer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention. "Bei Fitnessgeräten ist es komplexer. Sie müssen richtig eingestellt sein nach Körpergröße und Körperbreite, der Widerstand durch die Gewichte muss passen. Die koordinative Herausforderung ist groß, weil man an den Geräten keine Alltagsbewegungen macht."
Mit der falschen Technik seien "die Schäden vorprogrammiert", sagt Reer. Von Sehnen- über Bänderverletzungen bis zu Langzeitfolgen wie Arthrose.
In guten Fitnessstudios gehört eine professionelle Betreuung durch geschulte Trainer dazu. Bei McFit können sich selbst Neukunden ohne Einführung an allen Geräten austoben. Unfälle wie der eines 16-Jährigen in einem McFit-Studio in Wiesbaden sind kein Zufall. Der schmächtige Teenager brach wie ein Streichholz unter einer mit 250 Kilogramm beladenen Hantelstange zusammen. Er hatte Glück und blieb unverletzt.
Der Videofilm des Unfalls ist im Internet zu sehen. Ralf R. kennt ihn. Der 42-Jährige war von 2007 bis 2008 zwölf Monate Trainer bei McFit - in sechs verschiedenen Studios der Kette. R. hat eine B-Lizenz als Fitnesstrainer. Oft sei er allein für drei Etagen verantwortlich gewesen. "Individuelle Beratung geht da nicht." Hatte ein Kunde eine Fachfrage, wurde er an das Computerterminal geschickt. "Das war Massenabfertigung", sagt R.
"Was manche Kunden an den Geräten machen, grenzt an Körperverletzung", warnt R. Er sah Kunden, die Übungen derart falsch ausführten, dass er Angst um deren Gesundheit hatte: "Da haben sich manche selbst verkrüppelt."
Meist griff niemand ein. Die Kollegen von R. waren ehemalige Tierarzthelferinnen, Reifenhändler oder Studenten. Für die Trainerschulung mussten sie sich einen Film mit Verhaltensregeln ansehen und auswendig lernen, welche Muskelgruppen an welchen Geräten trainiert werden. Eine Prüfung gab es nicht. Als R. eine Stelle als Studioleiter angeboten wurde, lehnte er ab. Der Sparzwang ging ihm zu weit. "Um die Geräte zu putzen, haben wir Glasreiniger verwendet statt Desinfektionsmittel. Das war billiger", erzählt er.
McFit-Chef Rainer Schaller reagiert gelassen auf Kritik. Er sei froh um jede Anregung, "so werden wir nur besser, ich sehe das sportlich", sagt Schaller.
Er hat eine Vision. In "fünf bis zehn Jahren" will er McFit zum Weltmarktführer ausgebaut haben. Schaller reist rund um den Erdball und besucht Fitnesshallen in anderen Ländern, um ein Gefühl für die Konkurrenz im Ausland zu bekommen. Schaller ist überzeugt, dass sein Konzept in jedem Land, in jeder Stadt funktioniert. "Überall auf der Welt wollen Menschen attraktiv sein", sagt er.
Dann hebt er den Zeigefinger und meint: "In Pakistan und Nordindien allerdings steht das Überleben an erster Stelle. Dort brauchen die Menschen keine Fitnessstudios."
Von Eberle, Lukas

DER SPIEGEL 8/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 8/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FITNESS:
Dicke Arme, sexy Po